16.05.2015

Währungen„Bargeld ist ein Anachronismus“

Peter Bofinger, 60, lehrt Volkswirtschaft in Würzburg und ist Mitglied des Sachverständigenrats, der sogenannten Fünf Weisen.
SPIEGEL: Herr Professor Bofinger, die dänische Regierung überlegt, das Bargeld abzuschaffen, ein Vorschlag, den auch Ihr amerikanischer Kollege Kenneth Rogoff schon einmal vorgebracht hat. Eine gute Idee?
Bofinger: Bei den heutigen technischen Möglichkeiten sind Münzen und Geldscheine tatsächlich ein Anachronismus. Sie erschweren den Zahlungsverkehr ungemein. Denken Sie nur daran, wie viel Zeit verloren geht, wenn Leute vor Ihnen an der Ladenkasse nach Kleingeld suchen und die Kassiererin nach Wechselgeld. Aber zusätzliche Zeit ist nicht der größte Gewinn bei der Abschaffung des Bargelds.
SPIEGEL: Sondern?
Bofinger: Sie trocknen die Märkte für Schwarzarbeit und Drogen aus. Fast ein Drittel des Euro-Bargeldumlaufs besteht aus 500-Euro-Noten. Fürs Einkaufen braucht die niemand, damit wickeln lichtscheue Gestalten ihre Geschäfte ab.
SPIEGEL: Schwarzarbeiter und Kriminelle könnten auf andere Währungen, etwa den Dollar, umsteigen.
Bofinger: Das stimmt, aber jede größere Menge an fremden Währungen wäre dann ein Hinweis für Polizei und Finanzämter, noch einmal genauer hinzuschauen. Auf jeden Fall wäre es besser, wenn der Euroraum und die Vereinigten Staaten, Großbritannien und die Schweiz gleichzeitig auf das Bargeld verzichten würden.
SPIEGEL: Sollte das passieren, müsste der Staat auf Gewinne aus der Münzproduktion verzichten.
Bofinger: Doch dafür haben es die Notenbanken einfacher, ihre Geldpolitik durchzusetzen. Derzeit können sie die Zinsen kaum nennenswert unter null Prozent drücken, da die Anleger sonst Bargeld horten. Gibt es kein Bargeld mehr, entfällt die Nullzinsgrenze.
SPIEGEL: Sollte sich die Bundesregierung ebenfalls für die Abschaffung des Bargelds starkmachen?
Bofinger: Das wäre jedenfalls ein gutes Thema für die Agenda des G-7-Gipfels in Elmau.
Von Rei

DER SPIEGEL 21/2015
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