16.05.2015

USAEine Frage der Ehre

Der Enthüllungsjournalist Seymour Hersh behauptet, die US-Regierung verschleiere die wahren Hintergründe von Bin Ladens Tod. Seine Recherchen klingen sensationell, sind aber umstritten.
Seymour Hersh sitzt in seinem Büro in Washington und spricht über den Tod von Osama Bin Laden, als das Telefon auf dem Schreibtisch klingelt. Am anderen Ende der Leitung ist ein Reporter der "Washington Post". Hersh erklärt ihm, das Weiße Haus habe gerade die offizielle Version der Ereignisse abgeändert, da klingelt auch das Handy. Ein Radiosender will ein Interview, aber Hersh hat keine Zeit. "Im Siegesrausch nach Bin Ladens Tod haben viele übersehen, dass es ein paar entscheidende Lücken in der offiziellen Darstellung gibt", sagt er.
Wieder läutet das Telefon, es ist jemand von "El Mundo" aus Spanien. "Ich liebe Ihre Zeitung", ruft Hersh in den Hörer. "Sie hat mir einmal einen gut dotierten Preis verliehen!" Er sieht jetzt sehr zufrieden aus. Seymour Hersh bewegt die Welt. Wieder einmal.
Die Wände sind gepflastert mit Auszeichnungen. Urkunden liegen neben Papierstapeln verstreut auf dem Teppich. Hersh, 78, ist eine Ikone des investigativen Journalismus, er hat das Massaker von My Lai und die Folter im US-Gefängnis in Abu Ghuraib enthüllt. Neben den Watergate-Enthüllern Bob Woodward und Carl Bernstein galt er als berühmtester Rechercheur der Welt - aber spätestens seit dieser Woche auch als der umstrittenste.
Vergangene Woche publizierte Hersh in der "London Review of Books" eine lange Geschichte über die Tötung Osama Bin Ladens im pakistanischen Abbottabad am 2. Mai 2011. Die Geschichte liest sich wie ein Thriller, und wenn sie stimmen sollte, wäre sie ein gewaltiger Skandal. Doch in der Öffentlichkeit überwiegen die Zweifel - an der vermeintlichen Enthüllung, am Reporter und an seinen Informanten. "Wäre nicht die Autorenzeile von Hersh", schrieb die "New York Times" mit Verweis auf die Quellenlage, "diese Story wäre sogleich zurückgewiesen worden und hätte kaum Aufmerksamkeit bekommen."
Seit Jahren verfolgt Hersh hartnäckig eine These, die auch der britische "Telegraph" schon 2011 als Gerücht veröffentlichte. Sie geht so: Das Weiße Haus habe die Öffentlichkeit belogen und verschleiere bis heute, was wirklich geschehen sei. Denn anders als bisher behauptet, habe Bin Laden in der Garnisonsstadt Abbottabad mit Wissen der pakistanischen Behörden gewohnt. Der Geheimdienst ISI habe ihn dort spätestens seit 2006 in einer Art Hausarrest festgehalten, als Faustpfand gegen al-Qaida. Dafür habe Pakistan große Geldsummen aus Saudi-Arabien erhalten.
Erst durch einen ehemaligen pakistanischen Geheimdienstmann hätten die Amerikaner davon erfahren und schließlich, nach massivem Druck auf die Regierung in Islamabad und mit deren Wissen, jene Kommandoaktion durchgeführt, bei der Bin Laden erschossen wurde. Der Qaida-Chef, so Hersh, sei gezielt getötet worden, ohne Gegenwehr. Und er sei danach nicht im Meer bestattet worden, sondern Teile seiner schwer versehrten Leiche seien aus einem Hubschrauber geworfen worden.
Seit Jahren wird immer wieder diskutiert, ob es wirklich sein konnte, dass sich Bin Laden direkt vor der Nase des Militärgeheimdienstes ISI versteckte, oder ob dieser nicht vom Aufenthaltsort des flüchtigen Terroristen wusste, ihn womöglich sogar unter Arrest hielt. Doch Hershs Version geht weit darüber hinaus, sie zieht die entscheidenden Details der bisherigen Darstellung in Zweifel.
Sollte Hersh recht haben, wäre die Empörung der pakistanischen Regierung nach der Tötung Bin Ladens als Schauspiel demaskiert. Die Enthüllung hätte das Potenzial, den Ruf von Präsident Barack Obama zu beschädigen. Die Operation gegen Bin Laden zählt zu den großen Erfolgen von Obamas erster Amtszeit. In Filmen wie "Zero Dark Thirty" hat Hollywood die Operation "Neptune's Spear" aufgearbeitet, wie die US-Armee die Aktion taufte. Der dramatische Vergeltungsschlag der Elitesoldaten sollte die Wunden nach den Anschlägen vom 11. September 2001 heilen. All dies stünde infrage, wenn die Recherche stimmt.
Wenn.
Hersh lacht, ein kurzes, scharfes Bellen. Er kennt die Kritik, sie prasselt seit Tagen von allen Seiten auf ihn ein, es ist nicht ganz klar, mit wem er sich mehr angelegt hat: mit der US-Regierung oder mit dem Medienbetrieb. Die Verachtung, die ihm von beiden Seiten entgegenschlägt, hält sich in etwa die Waage.
Die Story sei "haltlos", ließ das Weiße Haus verbreiten. "In der Geschichte gibt es zu viele Ungenauigkeiten und unfundierte Anschuldigungen, um sie eine nach der anderen zu widerlegen." Der ehemalige CIA-Vize Michael Morell sagt, "alles daran" sei falsch. Das Magazin "New Yorker", für das Hersh arbeitet, lehnte die Publikation 2011 in einer frühen Fassung ab.
Hersh fährt sich durch das graue Haar. Er hat sich hinter Bergen von Papier auf seinem Schreibtisch verschanzt, Hunderten gelben Notizblöcken mit handschriftlichen Aufzeichnungen. An der Bin-Laden-Geschichte hat er jahrelang gearbeitet, zwischendrin sei er so frustriert gewesen, sagt er, dass er die Recherche einige Monate lang habe ruhen lassen.
Er hat jetzt überlegt, ob er sich in die Debatte auf Twitter einmischen soll, seine Geschichte gehört zu den weltweit meistdiskutierten, aber seine drei Kinder haben ihm abgeraten. Zu viele Beschimpfungen.
"Dass das Weiße Haus mich totschweigen und diskreditieren möchte, ist Teil des Spiels", sagt der Rechercheur. "Das macht mir nichts aus."
So sei es schon 1969 gewesen, als er als junger Journalist das Massaker von My Lai in Vietnam enthüllte und von der Regierung angegriffen wurde. Für die Recherche wurde er mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Sein zweiter Scoop von Weltrang war der Folterskandal von Abu Ghuraib 2004, bei dem er - etwa zeitgleich mit dem Fernsehmagazin "60 Minutes" - detailliert enthüllte, wie US-Soldaten systematisch irakische Gefangene gequält hatten.
Für Hersh, der aus einer jüdischen Einwandererfamilie mit polnischen und litauischen Wurzeln stammt und in Chicago geboren wurde, sind Worte Skalpelle. Das Pressekorps im Weißen Haus sei nicht unabhängig, sondern "frisst der Regierung aus der Hand", in der Hoffnung, eine Geschichte lanciert zu bekommen, sagt er.
Allein gegen die Mafia in Washington, das ist die Rolle, in der er sich selbst sieht. Hinzu kommt eine Portion Renitenz, die ihn auszeichnet und ihn immer wieder mit seinen Chefredakteuren in Konflikt gebracht hat. Doch die Frage, die viele Journalisten nun stellen, ist, ob Hersh sich seit einiger Zeit in Geschichten verrennt, für die er zu wenige Belege hat. Und ob er deshalb die eigentliche Geschichte ist.
Mit dem "New Yorker", für den Hersh seit 1993 regelmäßig schreibt, zerstritt er sich Ende 2013 über eine Geschichte zum Giftgaseinsatz im syrischen Bürgerkrieg. Anders als die US-Regierung und internationale Beobachter machte Hersh dafür nicht das Assad-Regime, sondern Islamisten mit Unterstützung der türkischen Regierung verantwortlich. Der "New Yorker" und die "Washington Post" weigerten sich damals, die Story zu veröffentlichen, mit Verweis auf die Quellenlage. Auch sie erschien in der "London Review of Books".
Seither hat sein Ruf in Washington gelitten. Hersh erklärt das mit inhaltlichen Differenzen. "Ich habe in so ziemlich jeder Frage eine andere Position als die meisten amerikanischen Kollegen", sagt er, etwa bei Konflikten wie in Syrien, in der Ukraine oder Russland. Daraus entstünden Recherchen, die politisch umstritten seien.
Anders als etwa bei Abu Ghuraib fehlen bei der Story über Bin Laden allerdings eindeutige Beweise. Hersh zeichnet das Bild einer großen Verschwörung, die die Rolle des ISI verschleiern und die Identität des pakistanischen Informanten schützen sollte, der der CIA die Wahrheit über Bin Laden verkauft hatte - angeblich für 20 Millionen Dollar. Hersh behauptet zudem, dass in Abbottabad keine internen Dokumente Bin Ladens gefunden worden seien, entsprechende Unterlagen seien Fälschungen.
Aber warum sollten die US-Elitesoldaten, wie von Hersh behauptet, Bin Laden mit Gewehren in Fetzen schießen und Teile seiner Leiche über dem Hindukusch abwerfen? Wie hätte eine so weitreichende Verschwörung geheim bleiben können, trotz Hunderten Mitwissern? Und warum sollte die US-Regierung gefälschte klandestine Bin-Laden-Papiere erstellen - zumal einige davon nicht nur veröffentlicht, sondern auch vom FBI als Beweismittel vor Gericht eingebracht wurden?
Die Kritik an Hershs Geschichte betrifft allerdings nicht nur ihre Plausibilität, sondern auch die Quellen, auf die er sich stützt: Die eine ist ein ehemaliger pakistanischer ISI-Chef, der seit 23 Jahren nicht mehr im Amt ist. Die andere ist ein anonymer pensionierter US-Geheimdienstler, der laut Hersh "Kenntnisse" über die Vorbereitung der Operation und Bin Ladens Aufenthaltsort habe. Sie sind seine Kronzeugen - doch beide waren nicht direkt an den Geschehnissen beteiligt.
Die Ablehnung, die Hersh nun entgegenschlägt, ist fast einhellig. Allerdings präsentierte eine Reporterin der "New York Times" Hinweise darauf, dass zumindest ein Aspekt seiner Recherchen stimmen könnte: dass es ein Überläufer des pakistanischen Geheimdienstes gewesen sein könnte, der die CIA auf die Spur Bin Ladens führte. Die pakistanische Zeitung "The News" nannte diese Woche sogar den Namen eines ehemaligen hochrangigen Offiziers als mutmaßlichen Informanten. Das belegt allerdings nicht Hershs These für eine umfangreiche Verschwörung.
Hersh weiß, dass er mit hohem Einsatz spielt, er hat seine Glaubwürdigkeit mit der Recherche über Bin Ladens Tod verbunden. Die Story kann darüber entscheiden, wie er in die Geschichte eingeht, sie wird Teil seines Vermächtnisses sein.
Vermächtnis?
Seymour Hersh schüttelt energisch den Kopf. Er arbeitet jetzt an einem Buch über den ehemaligen Vizepräsidenten Dick Cheney und die Exzesse im Krieg gegen den Terror.
Er will noch lange nicht aufhören.
Von Holger Stark

DER SPIEGEL 21/2015
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