16.05.2015

Uruguay Das Haus der Unfreien

Sechs frühere Gefangene aus Guantanamo leben seit einem halben Jahr in einer Wohngemeinschaft in Montevideo. Vom Gelingen dieses Experiments könnte die geplante Schließung des Lagers abhängen. Bislang überwiegen die Probleme. Von Marian Blasberg
Gestützt auf Krücken tritt Jihad Diyab aus dem Eingang seines neuen Hauses in der Calle Maldonado in Montevideo, Uruguay, 12 000 Kilometer von seiner Heimat Syrien entfernt.
Er wolle draußen reden, hatte Jihad gesagt. Seine Mitbewohner, eine Gruppe Araber, die wie er vor Kurzem aus Guantanamo entlassen wurden und jetzt in der Fremde die ersten Schritte in die Freiheit proben, müssten ja nicht alles mitbekommen. Jihad hinkt den Bürgersteig herunter, ehe er sich an der nächsten Ecke vor einem Kiosk auf einen Plastikstuhl fallen lässt. Er lehnt die Krücken gegen den Tisch und beugt sich vor.
"Und", fragt er, "wie sieht es aus?"
Bei einem ersten Treffen vor einigen Tagen hatte Jihad ein paar Bedingungen gestellt, unter denen er bereit sei, darüber zu reden, wie es ihm geht, nach zwölf Jahren in der Hölle. Er brauche einen Rollstuhl, hatte er gesagt, nach Möglichkeit einen elektrischen. Dazu einen Laptop, eine Kamera, ein iPhone 6, weil er eine Kampagne plane, um die Häftlinge zu befreien, die noch immer in diesem dunklen Loch auf Kuba hocken. Außerdem habe er Verwandte, die auf der Flucht seien vor dem Krieg in Syrien. Jihad sagte, er würde reden, wenn Deutschland dafür sorge, dass sie in der Berliner Charité behandelt würden.
Jihads Augen funkeln misstrauisch. Die Jahre in der Haft haben die Züge seines Gesichts hart werden lassen. Sein T-Shirt flattert um die dünne Brust. Jihad ist erst 43, aber sein Bart und seine Locken schimmern grau. Die Krücken braucht er, weil er an manchen Tagen die rechte Seite seines Körpers nicht mehr spürt, was, wie er glaubt, an Würmern liegen könnte, die sich durch seinen Magen fressen, oder an den Schlägen, die er regelmäßig einsteckte, bevor man ihm mit Gewalt einen Schlauch in die Nase bohrte, durch den das Essen floss, das er verweigerte.
Acht Jahre war er immer wieder im Hungerstreik in Guantanamo, weil ihm Amerika nicht sagte, was gegen ihn vorlag. Es hieß, Jihad habe einer Qaida-Zelle in Afghanistan angehört, aber angeklagt wurde er nie. 2009 wurde er offiziell für unschuldig erklärt, danach verweigerte er sich, weil er das jahrelange Warten auf die Freiheit nicht ertrug.
"Ich habe nachgedacht", sagt Jihad. "Vergiss, was ich gesagt habe. Besorg mir stattdessen einen Termin bei Dilma, der Präsidentin von Brasilien. Ich will sie bitten, ein paar von meinem Brüdern aufzunehmen."
Jihad, hatten die anderen Freigelassenen gewarnt, sei der Komplizierteste von ihnen. Ein Eigenbrötler, der in den Nächten, die er wach auf seinem Bett liegt, seltsame Ideen ausbrüte. Was geht ihm durch den Kopf? Stellt er Regeln auf, weil die Regeln in den letzten Jahren immer andere diktiert haben? Geht es um Kontrolle, um Würde, oder steckt dahinter ein Gefühl, dass die Welt ihm etwas schuldig sei?
Es ist Ende März, in Montevideo fallen die ersten Blätter von den Bäumen. Fast vier Monate sind sie jetzt hier, Jihad, der Sonderling, Ali, der darauf wartet, dass sie ihm sein rechtes Auge operieren, auf dem er nach zahllosen Elektroschocks nichts mehr sieht. Mohammed, der Physik studieren wollte, aber sich heute kaum zwei Zahlen merken kann. Ahmed, Abdul und Omar, der Jüngste in der Gruppe, der auf dem Flug nach Uruguay in seinen orangefarbenen Overall pinkelte, weil ihn die Wachen nicht auf die Toilette ließen. Bis zur Landung trugen sie über dem Kopf blickdichte Kapuzen. Es war der 7. Dezember, als man ihnen kurz nach Mitternacht am Flughafen von Montevideo ein Papier aushändigte, auf dem stand, dass "keinerlei Informationen vorliegen, dass sie in terroristische Aktivitäten gegen die USA verwickelt waren".
Ein Zweizeiler, unterschrieben von einem Mann namens Cliff Sloan, der damals als Sondergesandter der US-Regierung nach Ländern fahndete, in die er Guantanamo-Häftlinge ausfliegen lassen konnte. Kein Wort des Bedauerns. Keine Entschuldigung.
Und ausgerechnet Uruguay.
Uruguay ist ein kleines Land mit drei Millionen Einwohnern, das auf der Weltkarte am linken unteren Rand liegt, eingeklemmt zwischen Argentinien und Brasilien. Wenn man mit dem Finger den Atlantik überquert, Afrika und das Mittelmeer, begreift man, dass zwischen der alten und der neuen Heimat der ehemaligen Gefangenen Welten liegen.
In Uruguay gibt es keine einzige Moschee. In Montevideo leben kaum hundert Muslime, und viele von ihnen fragten sich vor der Ankunft ihrer Glaubensbrüder, was diese wohl im Sinn hatten, als sie kurz nach der Jahrtausendwende im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan den Amerikanern in die Hände fielen. Tourismus? Felsen gucken in Tora Bora? Die große Mehrheit der Bevölkerung war ebenfalls skeptisch. Uruguay hat kaum Erfahrung mit der Aufnahme von Flüchtlingen. Es hat nicht einmal ein Programm zur Resozialisierung seiner eigenen Strafgefangenen.
Warum, fragten Politiker der Opposition, sollen ausgerechnet wir Barack Obamas Probleme lösen? Was haben wir damit zu tun, dass er die Schließung des Gefängnisses zur "nationalen Priorität" erklärte?
Viele rieben sich die Augen, dass sich ausgerechnet ihr damaliger Präsident dieses Ortes annahm, der wie kaum ein anderer zum Symbol für die Verirrungen Amerikas geworden ist. José Mujica, ein früherer linker Guerillero, ist eigentlich dafür bekannt, über das "Imperium im Norden" herzuziehen. Mujica lebt auf einem Bauernhof außerhalb der Stadt, er fährt einen alten blauen Käfer. Was hat er sich dabei gedacht, als er sich in den letzten Wochen seiner Amtszeit bereit erklärte, die Araber ins Land zu holen, als erster Präsident Südamerikas? Und warum mussten es sechs sein, wenn selbst ein Land wie Schweden nur einen aufnimmt?
Dies sind also, kurz gesagt, die Koordinaten, die den Beginn der neuen Freiheit markieren: eine Wohngemeinschaft irgendwo am Rand der Welt, zu der jeder Mitbewohner sein eigenes Trauma beisteuert. Draußen eine relativ geschlossene Wand der Ablehnung. Dazu ein 79-jähriger Kauz, der zwar ihre Ankunft gegen alle Widerstände durchgeboxt hat, aber seit Anfang März nicht mehr im Amt ist.
Wie kann das gut gehen? Und was bedeutet das für die Zukunft von Guantanamo?

Der Unruhestifter: Jihad

Nach vier Tagen, die sie in einem Krankenhaus verbracht hatte, bezog die Gruppe das Haus in der Calle Maldonado, einen zweistöckigen, etwas heruntergekommenen Gründerzeitbau. Eigentümer ist der Gewerkschaftsverband PIT-CNT, den Mujica mit der Betreuung der Neuankömmlinge beauftragt hatte. Die Gewerkschaftsleute stellten einen neuen Kühlschrank in die Küche und einen Computer ins Foyer. Als sie am Tag der Ankunft Schinken-Käse-Baguettes auftischten, wunderten sie sich, dass die Araber nichts anrührten. "Schweinefleisch!", sagt Fernando Gambera, der als Direktor für Internationale Beziehungen sonst den Kontakt zu anderen Gewerkschaften in Südamerika hält. "Da hatten wir nicht dran gedacht."
In den ersten Tagen belagerten Journalisten den Bürgersteig vor dem Haus, wie Tierfilmer, die in der Serengeti einer unbekannten Spezies auf der Spur sind. Sie hielten fest, wie Mohammed winkend an sein Fenster trat, und sie dokumentierten, wie Jihad zum Kiosk an der Ecke hinkte. Journalisten waren auch dabei, als sie zum ersten Mal ans Meer fuhren, wo Ali mit einem Stock die Worte "Viva Libertad" in den Sand schrieb: Es lebe die Freiheit. Mit ihren frisch gestutzten Bärten und Sonnenbrillen sahen sie aus wie Touristen.
Es waren Tage, in denen sich alle Seiten Mühe gaben. Nachbarn gingen durch die offene Tür ins Haus, um Tee und Minzpflanzen zu bringen. Omar wandte sich mit einem Brief an die Bevölkerung, in dem er Präsident Mujica seine tiefe Dankbarkeit aussprach, und in der Gewerkschaft drückten sie ein Auge zu, als die erste Telefonrechnung ins Haus flatterte, auf der allein die Ferngespräche mit mehr als 3000 Euro zu Buche schlugen. Als einer aus der Gruppe einmal zitternd aus dem Hof zurückkam, weil ihn an den Mülltonnen der Hund einer Nachbarin anbellte, kam der Gewerkschafter Gambera auf die Idee, den Männern die Hilfe eines Psychologen anzubieten. Sie lehnten ab. Der Erste, der die Grenzen seiner neuen Freiheit testete, war Jihad. Anfang Februar nahm er die Fähre nach Buenos Aires, wo er sich auf die Suche nach Verwandten seiner argentinischen Mutter machen wollte. Der Ausweis, den Uruguay ihm ausgestellt hat, erlaubt es ihm, sich in den Mitgliedsländern der Wirtschaftsgemeinschaft Mercosur frei zu bewegen, aber die Zollbeamten im Hafen von Buenos Aires rieten ihm, besser wieder umzukehren.
"Es kommt mir vor, als käme ich von einem Knast in den nächsten", sagt Jihad an einem Morgen, an dem er eigentlich wieder über seine Bedingungen für ein Interview sprechen wollte. Er sitzt in einem Café und wirkt niedergeschlagen. Sein Blick verliert sich in einem Teller Humus, den er minutenlang nicht anrührt. Seine Eltern, murmelt er, hätten in Damaskus ein Restaurant geführt, mit hundert Tischen, die im Schatten mächtiger Bäume standen. Als kleiner Junge habe er die Nachmittage dort verbracht.
Ein Lächeln huscht über sein Gesicht.
"Mujica", sagt er, "hat versprochen, unsere Familien nach Uruguay zu holen. Er sprach von einem eigenen Haus, in dem wir leben könnten, aber nichts passiert. Stattdessen kappen sie das Telefon mit der Begründung, Skype sei billiger. Warum lassen sie sich die Rechnung nicht von den USA erstatten?"
Gleich nach ihrer Ankunft hatte Jihad bei den Behörden einen Antrag auf Familienzusammenführung ausgefüllt. Es ist ein Recht, das ihm als anerkanntem Flüchtling zusteht. Er sagt, er habe einen Sohn verloren, als Assads Kampfjets Bomben auf sein Viertel warfen. Seine anderen drei Kinder seien lange genug als Halbwaisen aufgewachsen.
"Es reicht jetzt", sagt Jihad.
Wie war es, nach so langer Zeit die Stimme seiner Frau am Telefon zu hören?
Von einem Augenblick zum nächsten verfinstert sich der Ausdruck auf seinem Gesicht. "Wie sieht es aus mit dem Termin bei Dilma? Oder kennst du vielleicht einen Regisseur, der Interesse daran hat, meine Geschichte zu verfilmen?"
Es ist schwierig mit Jihad. Er wirkt wie ein Mann, der tausend Pläne gleichzeitig verfolgt, aber nicht weiß, wo er beginnen soll. Manchmal ist er rastlos, als wollte er die ganzen zwölf Jahre in ein paar Wochen aufholen, und dann hat er Tage, an denen er sein Zimmer nicht verlässt.
Wenn man in der dunklen Sofaecke ihres Hauses sitzt, kann man ihn hören, vertieft in sein Gebet, das länger dauert als bei den anderen. 2000 Bücher, sagt Jihad, habe er in Guantanamo verschlungen.
Als er in der "Washington Post" kürzlich ankündigte, vor der amerikanischen Botschaft in Hungerstreik zu treten, wenn seine Familie nicht bald kommen dürfe, war der Aufschrei so groß, dass ihn Uruguays Außenminister sprechen wollte.

Der Vermittler: Cliff Sloan

Auch in den USA hat man die Sache aufmerksam verfolgt. Sollte Jihad seine Drohung wahr machen, könnte dies bedeuten, dass es noch komplizierter wird, Guantanamo zu schließen.
Cliff Sloan, ein smarter Anwalt in seinen Fünfzigern, hat als Sonderbeauftragter der US-Regierung in den letzten Jahren dafür gekämpft, dass Barack Obama nicht als großer Wortbrecher in die Geschichte eingeht. Ein paar Tage nachdem er seine Unterschrift unter Jihads Entlassungsurkunde gesetzt hatte, trat er zurück. Es hieß, die Dinge gingen ihm nicht schnell genug voran.
Sloan sitzt an einem Konferenztisch seiner Kanzlei in der Nähe des Weißen Hauses. Er trägt einen Nadelstreifenanzug und eine runde Brille, seine Worte wählt er mit Bedacht. "Immer wieder", sagt er, "habe ich bei meinen Gesprächen rund um die Welt gehört, dass das Ende von Guantanamo der größte Sieg im Kampf gegen den Terror sei."
Als Sloan im Juli 2013 sein Amt antrat, saßen 166 Gefangene in Guantanamo in Haft. Heute, fast zwei Jahre später, sind es noch immer 122. Um Guantanamo zu schließen, müsste man die Zahl auf unter 60 drücken. Dann würden die Kosten für jeden Gefangenen auf über sechs Millionen Dollar im Jahr steigen, das Lager wäre dann nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich kaum mehr zu rechtfertigen.
"Es ist vertrackt", sagt Sloan.
2009, kurz nach seinem Amtsantritt, hatte Obama eine Kommission gegründet, die die Fälle aller damaligen Häftlinge noch einmal gründlich überprüfte. Im Zuge dieser Revision wurde eine große Mehrheit der Gefangenen "cleared for release", zur Entlassung freigegeben. Es war die technische Umschreibung dafür, dass man sich leider geirrt hatte. Dass heute, gut sechs Jahre später, immer noch so viele Gefangene in Guantanamo sitzen, liegt daran, dass Amerika nicht weiß, wohin mit ihnen.
Das Problem, sagt Sloan, sei, dass die meisten der verbliebenen Häftlinge aus Ländern kommen, in die Amerika nicht abschiebt. Im Jemen, woher die größte Gruppe stammt, gewinnt al-Qaida an Einfluss. Auch in das Bürgerkriegsland Syrien kann man niemanden zurückschicken. Schon deshalb, weil Amerika sie dort aus dem Blick verliert.
"Das Gefängnis selbst", sagt Sloan, "ist nun zum Sicherheitsrisiko geworden." Es ist nicht auszuschließen, dass ein Gefangener plane, sich an Amerika zu rächen.
Was es also braucht, sind vertrauenswürdige Drittländer, die noch nicht "ausverhandelt" sind. Sloan sagt: "Ich habe selten einen beeindruckenderen Mann getroffen als Präsident Mujica."
Er hatte sich ihn ausgeguckt.
Sloan wusste, dass Mujica in den Siebzigerjahren selbst im Gefängnis gesessen hatte, weil er als Mitglied einer Guerillagruppe in Anschläge gegen die Militärdiktatur verwickelt war. Später, als Präsident, hatte er gegen den Widerstand der Kirche ein Abtreibungsgesetz erlassen und den Konsum von Marihuana legalisiert. Mujica, so schien es, war undogmatisch und standfest genug, um nicht beim ersten Gegenwind umzufallen. Er sollte der Mann sein, der den Gefangenen von Guantanamo die Tür nach Südamerika öffnet.
Sloans Plan schien aufzugehen. Im Dezember, kurz nachdem die Gruppe ihre WG in Montevideo bezogen hatte, deuteten Chile, Brasilien und Kolumbien an, über die Aufnahme von Häftlingen zu beraten. "Uruguay", sagt Sloan, "muss jetzt funktionieren." Es darf keine Störgeräusche geben. Sollte Jihad tatsächlich im Protest vor die Botschaft ziehen, könnte dies die Tür wieder verschließen.

Der Stille: Omar

"Jihad merkt nicht, dass er uns mit reinzieht in seine Aktionen", sagt Omar. "Die Leute schmeißen uns in einen Topf, sie denken: Wir sind so wie er, undankbar und aufrührerisch. Wir haben schon versucht, mit ihm zu reden, aber es hat nichts gebracht. Ich weiß nicht, was Jihad denkt. Auch in Guantanamo, wenn wir unsere Runden durch den Hof drehten, haben wir nur selten ein Wort gewechselt."
Abd al-Hadi Omar Faraj ist ein leiser 34-Jähriger, dem es irgendwie gelungen ist, sein Lächeln zu retten. Er trägt eine schmale, leicht getönte Brille, seine kurzen Haare stecken unter einer Baseballkappe. Anders als Jihad stellt Omar keine Bedingungen. Im Gegenteil, er freut sich, wenn man ihm Gesellschaft leistet.
Omar liegt auf dem Bett eines Hotelzimmers, in das er vor einigen Tagen umgezogen ist. Er sagt, dass er die Nähe nicht mehr aushielt, das Leid, das unausgesprochen über dem Haus in der Calle Maldonado liege, und er wolle endlich ein eigenes Bad. Das Metro, ein Hotel der einfachsten Kategorie, für dessen Kosten die Gewerkschaft aufkommt, liegt nur ein paar Blocks von der WG entfernt. Anfangs hat Mohammed auch mal hier gelebt, aber lange hielt er das Alleinsein nicht aus. Auf einem Tisch in Omars Zimmer steht ein Bild, das die Tochter einer Nachbarin für ihn gemalt hat. Daneben liegt ein Spanisch-Wörterbuch, in das Omar jetzt immer öfter einen Blick wirft, auch wenn in seinem Kopf noch kein Platz für eine fremde Grammatik ist. Omar weiß, spätestens in zwei Jahren, wenn die Regierung ihre monatlichen Zahlungen von 600 Dollar einstellt, muss er unabhängig sein.
Omar richtet sich auf.
"Weißt du", fragt er, "wo sie hier Leute suchen, die wissen, wie man ein Lamm schächtet?"
In dem Brief, mit dem sich Omar nach der Ankunft an die Öffentlichkeit gewandt hatte, schrieb er, dass er nach der sechsten Klasse die Schule abgebrochen habe. In den Jahren, bevor er Syrien verließ, arbeitete er bei einem Metzger, wo er lernte, wie man ein Lamm "halal" schlachtet. Er hoffte, dass sich jemand melden würde, doch es scheint, als wären seine Kenntnisse in Uruguay nicht gefragt. "Vielleicht", sagt er, "sollte ich Auto fahren lernen. Ich könnte Taxifahrer werden."
Omar schlägt vor, ein bisschen rauszugehen, am Meer entlangzulaufen, das er in Guantanamo an manchen Tagen riechen konnte. Jogger sind an der Promenade unterwegs, Fahrradfahrer. Paare sitzen Händchen haltend an der Mole. Manchmal, wenn Omar eine hübsche Frau entdeckt, dreht er sich schüchtern nach ihr um.
"Ich verstehe nicht, warum sie uns das Telefon gekappt haben", sagt er. "Warum geben sie uns nicht ein Guthaben, zehn Stunden im Monat oder so?"
Seit 51 Tagen, sagt er, habe er von seinen Eltern nichts gehört. In der Stadt, in der sie leben, hat der Krieg die Leitungen zerstört. Niemand dort hat Skype. Die einzige Verbindung, die Omar besitzt, ist die Handynummer seines Vaters.
"Er wusste nicht, dass ich noch lebe", sagt Omar.
Wie war es, die Stimme seines Vaters nach so langer Zeit zu hören?
Omar blickt aufs Meer. Er schluckt.
"Als er sich meldete", sagt er, "da klang er wie ein fremder alter Mann. Ich sagte: Hey, hier ist dein Sohn, und dann war erst mal Stille. Ich hörte, wie er weinte. Nach einer Weile fragte er, wie es mir gehe, und ich sagte: gut. Er bohrte zum Glück nicht weiter nach." Seine jüngste Schwester, sagt er, die damals noch nicht zur Schule ging, habe mittlerweile selbst ein Kind.
Omar war 19, als er die syrische Stadt Hama im Frühjahr 2001 verließ, um sich dem Militärdienst zu entziehen. Gleichzeitig hoffte er, im Ausland etwas Geld zu verdienen, um davon später eine Familie zu gründen. Omar ging nach Teheran, wo er bei einem Schlachter unterkam, doch als Sunnit, sagt er, sei er von den Iranern angefeindet worden. Er zog weiter, nach Kabul, der Fehler seines Lebens. Während Omar in einem Lebensmittelladen Orangenkisten stapelte, steuerten Terroristen der Qaida zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Center.
Die Welt war plötzlich eine andere.
Amerikanische Militärflugzeuge tauchten über Kabul auf. Soldaten der afghanischen Nordallianz rückten in die Stadt ein und machten Jagd auf Araber, die nur aus einem Grund in diesem Land sein konnten: Sie mussten mit den Anschlägen etwas zu tun haben. Binnen Wochen, sagt Omar, habe Kabul sich in einen Ort verwandelt, an dem er nicht mehr sicher war.
Er nahm ein Taxi Richtung Pakistan, nicht ahnend, dass Amerika inzwischen Kopfgelder für Männer wie ihn zahlte. Er wurde an der Grenze festgenommen, und sechs Monate später, am 8. Juni 2002, flog man ihn nach Guantanamo, wo die Ermittler seine Angaben als "typischen, fingierten Qaida-Plot" einstuften. Er war jetzt eine Bedrohung für die Sicherheit der USA.
Er wisse nicht mehr, sagt Omar, wie oft man ihn gefragt habe, was seine Verbindung zu Bin Laden sei; wie häufig er bete; ob das Hostel, in dem er in Kabul lebte, eine Terrorzelle war.
Vielleicht ist es kein Wunder, dass sich ihre Geschichten auf gewisse Weise ähneln. Jihad ist früher Lkw gefahren, ehe ihn ein afghanischer Geschäftsmann davon überzeugte, in Kabul Honig zu verkaufen. Mohammed, der in eine kinderreiche palästinensische Familie geboren wurde, hatte sich der sunnitischen Missionsbewegung Tabligh-i-Jamaat angeschlossen, die ihm in Afghanistan ein Auskommen als Lehrer versprach. Sie alle hatten lange und verschlungene Wege hinter sich, die sie zur falschen Zeit an den falschen Ort führten.
Wenn man Omar fragt, wann er daran geglaubt habe, dass es Präsident Mujica wirklich ernst mit ihrer Aufnahme meint, lacht er spöttisch auf. "Als ich hier aus dem Flugzeug ausgestiegen bin", sagt er. "In Guantanamo hatten sie eine Methode: Manchmal kamen sie mit Zivilklamotten in unsere Zellen. Sie sagten uns: ,Du kommst jetzt frei.' Dann brachten sie uns raus zum Flugplatz, aber wir drehten jedes Mal nur ein paar Runden um die Insel."

Der Präsident: Mujica

Es scheint, als gehe jeder anders mit der neuen Freiheit um. Während Jihads Gedanken meist um das Vergangene kreisen, versucht sich Omar eine Zukunft auszumalen, die noch nicht richtig beginnen will. Vielleicht kommt es ihnen deshalb manchmal vor, als wäre Uruguay ein Knast mit besseren Bedingungen: ein Zeitloch, in dem die Gegenwart kaum existiert. Aber vielleicht ist alles auch noch etwas früh.
Im Februar hatte die Gewerkschaft Abdul und Mohammed auf ein Fabrikgelände außerhalb der Stadt gefahren. Es gab zwei freie Stellen dort, in der Werkzeugausgabe und in der Kantine, leichte Tätigkeiten, aber noch während sie sich umsahen, sagten die beiden ab. Ein paar Tage später parkte José Mujica seinen Käfer in der Calle Maldonado. Er kam allein, nur in Begleitung eines Dolmetschers. Mujica ließ sich in die Sofaecke fallen. Er brummte, dass er nicht als Präsident gekommen sei, sondern als väterlicher Freund, der selbst im Knast gesessen habe.
Fast 15 Jahre hat Mujica in Haft verbracht, die meisten davon in totaler Isolation. "Ich weiß also, wovon ich rede", sagte er. Dann setzte er an zu einem langen Monolog.
Mujica sprach über die Einwanderer, die mit der Kraft ihrer Hände das Land urbar gemacht haben, einfache, zähe Menschen, die - wie sein Vater - eine lange Reise auf sich genommen hätten, um in einer fremden Welt ihr Glück zu suchen. Auch er selbst, sagte Mujica, habe durch die Arbeit auf dem Feld wieder zurück ins Leben gefunden. Es war ein Anschiss, dessen Botschaft klar war: Stellt euch nicht so an.
Tags darauf lästerte Mujica im Radio, dass die Männer aus Guantanamo die zarten Hände von Intellektuellen aus der Mittelschicht hätten.
Es ist ein Samstagmorgen, als Mujica auf einem Plastikstuhl vor seinem Schuppen sitzt. Die Sonne scheint ihm ins Gesicht. Er trägt einen verdreckten Trainingsanzug, trinkt eine Tasse Tee und macht insgesamt den Eindruck eines Mannes, der lieber den Vögeln zuhört als dem Geplapper eines Staatsempfangs.
Nach einer Weile steht Mujica auf und verschwindet ohne Gruß auf seinem Grundstück. Minuten später taucht er wieder auf, am Steuer seines Traktors. Er knattert in den Schuppen, wo er den Pflug abnimmt, dann parkt er den Traktor draußen neben einem Feld. Es ist ein Stück, das Mujica regelmäßig aufführt, wenn Journalisten ihn besuchen.
Dann gibt er das Zeichen, ihm zu folgen.
Mujica taucht auf einer Wiese unter Wäscheleinen durch, ehe er auf einer Bank vor seinem Haus Platz nimmt, auf der kürzlich der ehemalige spanische König saß, der sehen wollte, wie Mujica lebt. Mujica verzieht sein knautschiges Gesicht zu einem zahnlosen Lächeln.
"Ehrlich", sagt er, "ich weiß nicht, worüber sich die Araber beklagen: Wir zahlen ihnen 600 Dollar im Monat. Jeder sechste Uruguayer lebt von diesem Geld - und die meisten davon arbeiten."
Mujica nimmt seine Baseballkappe ab.
"Einer aus der Gruppe fragte mich, ob ich zwei Monate nach der Haft schon in der Lage war zu arbeiten", sagt er. "Nach zwei Stunden war ich schon so weit."
Mujica sagt, er verstehe, dass man die Dinge nur schwer vergleichen könne. Anders als sie hatte er damals seine Sprache, seine Frau, die Politik. Vor allem aber, sagt er, habe er in der Haft gelernt, dass die Erwartungen, die wir an die Freiheit stellen, überzogen sind. Alles, was Mujica brauchte, war ein Stück Land, auf dem er Gemüse anbauen konnte. Noch heute verzieht er sich in den Momenten, in denen die Menschen ihm zu viel werden, auf den Bock des Traktors.
War es ein Fehler, die Araber ins Land zu holen?
"Keinesfalls. Es lag ja nichts gegen sie vor. Sie waren Geiseln eines Regimes, wie wir damals. Als ich Obama vor einem Jahr traf, da spürte ich, dass seine Absicht, Guantanamo zu schließen, ehrlich ist."
Im Januar 2014 waren die Amerikaner erstmals offiziell an ihn herangetreten. Joe Biden rief ihn an, Obamas Stellvertreter. Wenig später besuchte ihn Cliff Sloan, der die Bedingung vortrug, dass die ausgeflogenen Häftlinge ihre neue Heimat für zwei Jahre nicht verlassen dürften. Mujica sagt, er habe abgelehnt. Stattdessen handelte er aus, dass die USA ihren Markt für uruguayische Zitrusfrüchte öffneten. Außerdem wollte er das Einverständnis des kubanischen Präsidenten Raúl Castro, eines alten Compañero aus Guerillatagen.
Zehn Tage nachdem Mujica die Araber am Flughafen in Empfang genommen hatte, endete die Eiszeit zwischen Washington und Havanna. Kuba ließ einen Amerikaner frei, Obama drei kubanische Agenten, die seit Jahren in den USA in Haft saßen. Mujica sagt, er habe dies im Mai 2014 in Washington als Bedingung vorgetragen.
Die Freilassung der Gefangenen verzögerte sich dann noch mal um sieben Monate, weil zunächst der US-Kongress die Auslieferung absegnen musste. Dann begann in Uruguay der Wahlkampf um Mujicas Nachfolge. Tabaré Vázquez, der für Mujicas Partei antrat, bat darum, seine Kampagne nicht durch die Araber zu belasten.
Nur ein knapper Monat, sagt der Gewerkschafter Gambera, sei ihnen geblieben, um sich auf die Ankunft vorzubereiten. Es sei typisch für Mujica, der lieber in großen Linien denke, als sich um Details wie Psychologen oder Dolmetscher zu kümmern.
Im April 2015 kündigt Präsident Vázquez an, bei Obama finanzielle Hilfen einfordern zu wollen. Aus Chile heißt es jetzt, dass kein Interesse mehr daran bestehe, Häftlinge aufzunehmen. Der Plan von Cliff Sloan droht zu scheitern. Vielleicht war es naiv zu glauben, dass man Menschen wie Omar oder Jihad in einem Land wie Uruguay geräuschlos entsorgen könne.

Der Enttäuschte: Mohammed

An einem dieser Abende sitzt Jihad wie ein Gespenst vor dem Computer im Foyer. Er klickt sich durch Fotos aus einem syrischen Gefängnis. Sie zeigen Leichen, an denen noch Blut klebt, Wärter, die grinsend vor der Kamera posieren. Es sind Bilder, die an ein anderes Symbol erinnern. "Wie Abu Ghraib", sagt Jihad, der glaubt, dass eines der Folteropfer der Mann seiner Tochter ist.
Er wirkt abwesend. Seit Tagen hat er keine Schlafmittel genommen. Arztbesuche lehnt er mittlerweile ab, und auch den Antrag auf Familienzusammenführung hat Jihad zurückgezogen. Er verweigert sich wieder, wie in Guantanamo, wo die Verweigerung des Essens der einzige Weg war, gegen die Zustände zu protestieren. Es scheint, als wäre er noch nicht bereit für die Begegnung mit der Wirklichkeit.
Ali trägt an diesem Tag ein dickes Pflaster auf dem rechten Auge, ein kubanischer Arzt hat ihn operiert.
Omar, der seit ein paar Tagen wieder in dem Haus lebt, weil die Gewerkschaft das Hotel nicht mehr bezahlt, erzählt, dass er noch nie in seinem Leben eine Frau geküsst habe. Die Sehnsucht frisst ihn manchmal auf. Er glaubt, dass eine Frau ihm helfen würde, das Geschehene zu vergessen. "Aber wo soll ich sie suchen? Wer braucht einen wie mich?"
Mohammed findet man in seinem Zimmer, wo er wie meistens mit dem Laptop auf dem Schoß auf seinem Bett sitzt. Er ist nicht gut zu sprechen auf Besuch aus Deutschland.
Im Jahr 2010, als Deutschland mit den USA die Aufnahme von drei Häftlingen
verhandelte, war Mohammed einer der Kandidaten. Die deutschen Regierungsvertreter baten ihn so häufig zum Gespräch, dass Mohammed glaubte, sie meinten es ernst. Mithilfe eines Wörterbuchs, das ihm sein Anwalt schenkte, paukte er schon Vokabeln. "Tisch" und "Stuhl", sagt er. "Hab ich bis heute nicht vergessen."
Irgendwann in diesen Wochen, in denen Mohammed darauf wartete, dass es endlich losgeht, riss der Kontakt zu Deutschland ab. Erst später erfuhr er, dass der damalige Innenminister Thomas de Maizière entschieden hatte, die Zahl der Häftlinge von drei auf zwei zu reduzieren; damit es nicht so aussehen würde, als ließe er sich von den Amerikanern über den Tisch ziehen. "Diese Enttäuschung", sagt Mohammed, "war schlimmer als alles andere."
Jetzt sitzt er hier am Rand der Welt und chattet hin und wieder mit einem ehemaligen Zellennachbarn, der heute irgendwo am Rhein lebt. "Es geht ihm gut", sagt Mohammed. "Er hat ein gutes Einkommen, seine Familie lebt bei ihm im Haus." Manchmal fragt er sich, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn er selbst in dieses Haus am Rhein gezogen wäre.
Freiheit ist kein Wert an sich, nicht nach diesen zwölf Jahren, nicht nur für Mohammed. Ein halbes Jahr nachdem die Gruppe in ihrer neuen Heimat angekommen ist, ist die Euphorie verflogen. Zu viele Erwartungen sind an der Wirklichkeit zerschellt. Die Enttäuschung schlägt in Wut um.
Am Abend des 24. April tritt ein, wovor sich Amerika gefürchtet hat. Jihad macht seine Drohung wahr. Gemeinsam mit den anderen zieht er von dem Haus in der Calle Maldonado zur amerikanischen Botschaft, die aussieht wie eine Festung. Vor der hohen Mauer davor rollen sie ihre Gebetsteppiche aus. Jihad diktiert den Journalisten in den Block, dass gute Absichten nicht reichten. Sie hätten Rechte, sagt er, sie wollten einen Termin beim Botschafter. Man richtet ihnen aus, dass sie ihr Gesuch über die offiziellen Kanäle stellen sollten.
Seither kampieren sie dort und verhandeln, nicht mit den Amerikanern, sondern mit der neuen uruguayischen Regierung und mit dem Flüchtlingshochkommissariat der Uno. Es geht um mehr Geld, um Hilfe für die Angehörigen. Es geht um den Preis für zwölf verlorene Jahre.
* Am 1. Mai beim Gebet während eines Protests.
Von Blasberg, Marian

DER SPIEGEL 21/2015
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Uruguay:
Das Haus der Unfreien