16.05.2015

GeschichteColumbo der Pigmente

Ein Brite ist ein weltweit gefragter Farbhistoriker - in den Anstrichen von Wänden liest er den Lebenslauf alter Häuser und ihrer Bewohner.
Das Gerüst schwankte bedenklich im eisigen Wind. Immer wieder wurden seine Fingerkuppen taub, während Patrick Baty, ausgerüstet mit Hammer und Meißel, Dutzende kleine Splitter aus der Ummantelung der Londoner Tower Bridge hackte.
Doch ausgerechnet als keine Gefahr mehr für Leib und Leben bestand, bekam der Forscher es plötzlich mit der Angst zu tun. Vor über 2000 geladenen Gästen in der Royal Festival Hall schritt er, im Auftrag der Londoner Stadtverwaltung, zur Auflösung eines historischen Rätsels. Mithilfe einer mikroskopischen Analyse der entnommenen Proben hatte er herausgefunden, dass die berühmte Klappbrücke bei ihrer Eröffnung 1894 mit einer Mischung aus Preußischblau und dem damals noch gebräuchlichen giftigen Bleiweiß angepinselt war.
Der Farbforscher fühlte sich allerdings unwohl mit einer solchen Festlegung: "Nicht auszudenken, wenn mich ein jählings aufgetauchter Brief oder eine bisher unbekannte Fotografie aus dieser Zeit widerlegen würde", sagt Baty.
Dass der Brite bei der Präsentation seiner Forschungsergebnisse auch heute noch Nerven zeigt, erscheint ungewöhnlich. In den Vereinigten Staaten gilt er, in Anspielung an den legendären TV-Inspektor, längst als "Columbo der Farben". Und in seiner Heimat Großbritannien wird der weltweit bedeutendste Farbhistoriker inzwischen regelmäßig hinzugezogen, wenn historische Räume und Gebäude wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt werden sollen - etwa im Fall jenes Hauses, das der Komponist Georg Friedrich Händel über 30 Jahre lang zur Miete bewohnt hatte.
Seine wahre Kunst beweist Patrick Baty stets dann, wenn er in scheinbar belanglosen Bröseln aus Mauerwerk oder Gestein liest wie in einem Geschichtsbuch. Im Büro eines konservativen britischen Parlamentsabgeordneten etwa meißelte er ein vielsagendes Stück Putz aus der Wand. Selbst das ungeübte Auge erkennt grob jene Farbschichten, die verschiedene Maler im Laufe eines Jahrhunderts übereinander aufgetragen haben. Doch Baty sieht weit mehr.
Im Fall des Abgeordnetenbüros entdeckte der Forscher winzige schwarze Flecken auf einem der Farbstreifen. Die an Kaulquappen erinnernden Punkte deutete er als Rauchspuren auf der Farbe. Es stellte sich heraus: 1969 hatten Anarchisten eine Bombe durch das Vorderfenster des Abgeordnetenbüros geschleudert. "Ein paar Schichten tiefer stieß ich erneut auf Rauchspuren. Ich fand heraus, dass die deutsche Luftwaffe das Haus im Zweiten Weltkrieg bombardiert hatte", erzählt Baty.
Seine Obsession für Pigmente begann im Malerladen seines Vaters im Londoner Stadtteil Chelsea. Der Sohn wollte dort eigentlich nur aushelfen, fühlte sich aber rasch durch die Wünsche der Kundschaft herausgefordert. "Einmal kam jemand in den Laden und verlangte nach der Farbe, mit der die Verbotene Stadt in Peking angestrichen ist. Ein alberner Wunsch, denn dort gibt es ja nicht nur eine. Es war wie ein Test - und ich weiß bei Tests gern die richtige Antwort", sagt Baty.
Im Laufe der Zeit lernte er immer besser, winzige Informationsschnipsel wie ein Puzzle zusammenzusetzen. Im Haus des Opernvirtuosen Händel entdeckte Baty erst nach langwieriger Suche brauchbare Hinweise. Lediglich an drei Stellen in dem mehrstöckigen Gebäude in der Nähe des Hydeparks stieß der Farbdetektiv auf Spuren, die Rückschlüsse auf Händels barocke Wohnstube zuließen. Die überraschende Enthüllung: Der Maestro mit der markanten Lockenperücke pflegte eine offenbar zeittypische Sparsamkeit beim Anstrich.
"Er besaß ein wunderbares Bett und wertvolle Textilien, ließ aber nur billige Farbe auftragen", sagt Baty. So war Händel umgeben von grauen Wänden. Die einfache Farbe blieb wie Zementstaub an seinem Rock hängen, wenn er die Wand berührte.
Mit der Qualität heutiger Produkte könnten es die Farben von einst nicht aufnehmen. Auf dem Putz verteilte sich die Farbe von damals nur unregelmäßig. Baty: "Der Anstrich in diesen Wohnungen war nie perfekt. Es sah nicht aus wie in einem Hochglanzmagazin."
In seiner Werkstatt hat der Farbtüftler etliche der alten Rezepturen zu Studienzwecken angerührt. Als besonders heikel erwies sich das bei Adligen beliebte Schweinfurter Grün, mit dem der sechste Duke von Devonshire sein Sommerhaus in Brighton regelmäßig alle zwei Jahre streichen ließ. Baty wusste um die Farbintensität dieses Grüns. Doch ahnte er auch, wie giftig es war?
"Um den Produktionsprozess zu verstehen, musste ich alle Originalzutaten verwenden", sagt Baty. Am eigenen Leib erlebte er dabei, wie gefährlich Schweinfurter Grün ist: Der Farbexperte zog sich eine Arsenvergiftung zu, die ihn mehrere Tage außer Gefecht setzte.
Wäre er auch in der Lage, jene Farbe herzustellen, in der die Londoner vor mehr als hundert Jahren ihre Tower Bridge zum ersten Mal sahen?
"Natürlich, das wäre kein Problem", sagt Baty. "Aber mir würde nicht im Traum einfallen, diesen Auftrag anzunehmen - wir sprechen hier von mehreren Tausend Litern. Dafür reicht mein Labor nun wirklich nicht aus."
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 21/2015
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