16.05.2015

Claudia Voigt Mein Leben als FrauDas große Jammern

Ich habe gestern 47 Minuten mit meinem Sohn verbracht, und das ist noch großzügig gerechnet: 12 Minuten beim Frühstück, 5 Minuten vor dem Zubettgehen. In der halben Stunde, die ich zwischen Büro und Abendverabredung zu Hause war, haben wir etwa 15 Minuten lang miteinander gesprochen. Mein Sohn ist 14 Jahre alt. Die ideale Mutter stellt er sich derzeit als eine Art Grundversorgerin vor. Wenn die Kinder erst im Teenageralter sind, spricht einiges dafür, ihnen auch mal aus dem Weg zu gehen.
Seit vielen Jahren verfolge ich die Debatte, ob sich Kinder und Berufstätigkeit miteinander vereinbaren lassen. Mein persönliches Fazit lautet: an einigen Tagen ja, an anderen nicht so gut. Natürlich ist das eine grobe Vereinfachung des Problems. Ich weiß. Noch heute bekomme ich Schweißausbrüche, wenn ich höre, dass die Kitas wegen Streiks geschlossen bleiben. Solche Tage zählen für berufstätige Eltern eindeutig zu den holperigen Phasen. Wundersamerweise finden sich auch dann Lösungen. In den "Tagesthemen" wurde eine Mutter dazu interviewt, wie sie die nächste Zeit bewältigen werde. Sie berichtete, dass ihr Sohn einen Tag bei der Nachbarin verbringen würde, tags drauf wolle sie ihn zur Arbeit mitnehmen, dann bleibe sie einen Tag zu Hause. Der Sohn lächelte dazu voller Vorfreude: Für ihn versprach der Kita-Streik abwechslungsreich zu werden.
In den vergangenen Monaten sind verschiedene Bücher erschienen, in denen ausführlich beklagt wird, warum Familie und Beruf nicht miteinander zu vereinbaren seien: "Geht alles gar nicht", lautet ein Titel, "Die Alles ist möglich-Lüge" oder "Vater, Mutter, Staat - Wie Politik und Wirtschaft die Familie zerstören".
Könnte es sein, dass sich das große Jammern gerade gut verkauft? Dass deshalb Hunderte Seiten damit vollgeschrieben werden, wie sich Männer und Frauen aufreiben zwischen den Anforderungen des Jobs und ihrer Sehnsucht nach mehr Zeit mit ihren Kindern? Besonders ärgerlich am großen Jammern finde ich, dass die Eltern sich und ihre Ansprüche so wichtig nehmen.
Es ist oft anstrengend, ja, Gelassenheit und Improvisationstalent können nicht schaden. Vor allem aber bleibt es ein Privileg, eine Familie und einen Beruf zu haben. Bis vor wenigen Jahrzehnten waren wir alle, Frauen und Männer, auf die tristen Rollenbilder der Hausfrau und des Geldverdieners festgelegt. Ich erinnere mich gut an Mütter in den Siebzigerjahren, die nicht berufstätig waren und trübsinnig wurden, als ihre Kinder aus dem Haus gingen. Ich erinnere mich an Väter, die kaum da waren.
Diese stereotype Rollenverteilung ist Vergangenheit. Zum Glück. Mehr als 90 Prozent aller berufstätigen Eltern sagen, sie seien zufrieden mit ihrem Familienleben, das ergab eine Sinus-Studie im vergangenen Jahr. Das große öffentliche Jammern beschädigt eine Gleichberechtigung, die noch immer nicht selbstverständlich ist.
An dieser Stelle schreiben Claudia Voigt und Elke Schmitter im Wechsel.

DER SPIEGEL 21/2015
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