14.05.1990

Letzte WorteDummes Zeug

Nicht „mehr Licht“ - einen Nachttopf verlangte der sterbende Goethe. Eine neue Studie räumt mit den Legenden um berühmte „letzte Worte“ auf.
Sekunden bevor ihnen der Sensenmann das Mundwerk legt, laufen die Großen der Welt noch einmal so richtig zur Hochform auf. Der Jahrhundertphilosoph läßt eine tiefschürfende Reflexion vom Stapel, der gläubige Christ einen oberfrommen Spruch, der Politiker ein patriotisches Kraftwort, der berüchtigte Freigeist ein spöttisches Apercu.
Quicklebendig geistern die letzten Bekundungen berühmter Toter durch die Kulturgeschichte. So jene von Diderot, dem klugen französischen Aufklärer: "Der erste Schritt zur Philosophie ist die Ungläubigkeit." Sterbend klagt der britische Erzkolonialist Cecil Rhodes: "So wenig getan, so viel zu tun."
Aus seiner Pariser Matratzengruft gibt Heinrich Heine, das lyrische Lästermaul, den Pfaffen noch einmal Zunder: "Gott wird mir verzeihen - das ist sein Geschäft." Gleich mehrere vor dem Tode stehende Freidenker, so besagt die Überlieferung, verfallen auf einen Schlußgag, der aus einem Woody-Allen-Film stammen könnte. Angefleht, wenigstens jetzt dem Teufel zu entsagen, geistreicheln sie: "Dies ist nicht der Moment, sich Feinde zu machen."
Oder: Egon Friedell, der jüdisch geborene Autor und Kulturphilosoph, bleibt ganz der gelassene höfliche Wiener, als Nazi-Truppen 1938, nach dem "Anschluß", in seine Heimatstadt einmarschieren. "Vorsicht, bitte!" ruft er nach unten, bevor er aus dem Fenster springt.
Solch prämortale Kaltschnäuzigkeit wird nur noch übertroffen von den Helden aus dem alten Island. Als ein Krieger aus der Grettir-Saga einem Speerstoß zum Opfer fällt, röchelt er noch schnell einen launigen Kommentar: "Die breiten Spieße, sie werden Mode."
Ins Reich der Sage gehören auch die meisten der angeblich authentischen Schlußworte, wie der Literatur-Detektiv Karl S. Guthke, 57, herausgefunden hat.
Der Harvard-Professor, der vor drei Jahren Licht in das Dunkel um den geheimnisumwitterten linken Abenteuerschriftsteller B. Traven gebracht hatte ("Biographie eines Rätsels"), nimmt nun "letzte Worte" unter die Lupe*.
Dabei bleibt, auf den ersten Blick, wenig übrig. Allein fünf unterschiedliche Zeugnisse sind vom amerikanischen Mystery-Ahnen Edgar Allan Poe überliefert - so eine Bitte ums Seelenheil, ein geschliffener lyrischer Monolog, aber auch des Dichters bekanntestes Düsterwort: "Nevermore!" Guthke gutachtet: Alles unglaubwürdig. Poes Arzt, ein gewisser John J. Moran, schlachtete in Broschüren und auf Vortragsreisen den Tod seines Patienten weidlich aus. Er frisierte dabei seine Reminiszenzen immer so, wie es ihm gerade opportun erschien.
Oscar Wildes berühmter Schlußsatz "Ich sterbe, wie ich gelebt habe - über meine Verhältnisse" (der Dandy-Schriftsteller verschied verarmt) ist so allenfalls in den * Karl S. Guthke: "Letzte Worte. Variationen über ein Thema der Kulturgeschichte des Westens". Verlag C. H. Beck, München; 228 Seiten; 34 Mark. Wochen vor seinem Tod gefallen. Über seine letzten Stunden sagt ein verläßlicher Ohrenzeugenbericht: Wilde "redet die ganze Zeit dummes Zeug, bald englisch, bald französisch".
Zu den bekanntesten Aussprüchen zählen natürlich die von Altmeister Goethe. Hat er nun "mehr Licht!" verlangt, als seine letzte Stunde nahte? Um die Auslegung dieser Worte tobt seit je ein Meinungsstreit. Eine philosophische Mahnung des Aufklärers? Oder nur der Befehl an den Diener, die Fensterläden zu öffnen? Oder (auch das wird laut Guthke ernsthaft vertreten) der Beginn eines Frankfurter Gebabbels - etwa: "Mer liecht hier so unbequem"?
Über mehrere Seiten breitet Guthke penibel die Ergebnisse seiner Beweisaufnahme aus. Die lichtvolle Überlieferung geht danach auf einen Bericht des Weimarer Beamten und Goethe-Verehrers Coudray zurück. Der hatte freilich in der ersten Fassung seiner Aufzeichnungen eine Frage des Dichters, gerichtet an seinen Diener, notiert: "Du hast mir doch keinen Zucker in den Wein getan?" Warum änderte Coudray seinen Bericht? Weil so etwas zu banal für Goethes Ende gewesen wäre?
Für glaubhaft hält der Literaturforscher Notizen des Goetheschen Lakaien Friedrich Krause. Demzufolge starb der Alte gar nicht im Familienkreis, sondern in Anwesenheit allein des Dieners. Krause beteuert, daß sein Herr ihm keine Anweisung zum Öffnen der Fensterläden zwecks "mehr Licht" gegeben habe. Das Genie hatte ganz andere Bedürfnisse: " . . . er verlangte den Botschanper, und den nahm er noch selbst und hielt denselben so fest an sich, bis er verschied." Botschanper ist die Verballhornung des Wortes "pot de chambre" - ein Nachttopf.
Guthke resümiert, "daß letzte Worte um so weniger eine Chance haben, authentisch zu sein, je mehr sie sprichwörtlich geworden sind oder je witziger, zitierbarer, ,typischer' sie sind". Und: "Solches Mythenbilden (salopp: solche Kolportage) fängt also am Totenbett an. Infolgedessen sind letzte Worte . . . eine literarische Spezies, nicht eine Klasse historischer Dokumente in der Art von Testamenten oder Todesurkunden."
Offen bleibt, ob Zweifel an der Echtheit die Popularität der vielzitierten Äußerungen wirklich brechen können. Letzte Worte sind immer umweht vom kühlen Hauch des Grabes; sie erregen Schauder als vermeintliche Zeugnisse einer äußersten Grenzerfahrung, der zwischen Sein und Nichtsein. Vor allem aber sind sie nicht zurückzunehmen.
So dachten offenbar auch schon die mittelalterlichen Kirchenlehrer. In Traktaten, artes moriendi (Sterbelehren) genannt, regelten sie genau, wie ein Christenmensch das Zeitliche zu segnen hatte. "Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist", lautete der vorgeschriebene Schlußsatz, an den sich unter anderen Christoph Kolumbus und Martin Luther hielten.
Himmel und Hölle kämpften, das entsprach der zeitgenössischen Vorstellung, am Totenlager um die Seele des Sünders. Sogar dessen letztes Sterbenswörtchen konnte ihm noch die Pforte zum Paradies aufschließen.
Als die ersten von der Aufklärung angekränkelten Abendländler es wagten, ohne fromme Sprüche zu verbleichen, brach ein regelrechter Kulturkampf aus. Christliche Fundis sammelten, respektive erfanden Berichte über verzweifelte ungläubige (oder gerade noch bekehrte) Todeskandidaten; Casanova, Rousseau und Francis Bacon beispielsweise haben angeblich noch um die Gnade Gottes gefleht. Die Gegenseite erstellte Ehrenlisten freier Geister wie Hobbes, Spinoza, Descartes und Locke, die auch im letzten Stündlein nicht zu Kreuze gekrochen waren.
Gewöhnlich setzten sich nur solche Worte nach dem Tode durch, die das zu Ende gehende Leben als konsequent abgerundet erscheinen lassen. Solche Bekundungen sind letztlich eine Art Lebenshilfe - oder vorgezogene Sterbehilfe. Sie lassen auch dem gemeinen Menschen die Hoffnung, daß er einmal auf die gleiche Weise selbstgewiß und locker in die Grube fährt.
Freilich scheinen immer weniger Zeitgenossen zu glauben, daß ihnen das gelingt. Die Mehrheit, so schätzt Guthke, ersehne sich heute einen plötzlichen Exitus, und heftig bedauert der Forscher den "Triumph jenes nichtssagenden . . . entpersönlichten morphinisierten Todes, der mit der modernen Medizin zur Routine geworden ist und uns normalerweise um das letzte Wort bringt".
Einzig Conrad Hilton, gestorben 1979, lieferte von den Promis der Neuzeit eine echte Pointe ab. Der amerikanische Hotelkönig hinterließ als letzte Botschaft: "Der Duschvorhang gehört ins Innere der Wanne!" f

DER SPIEGEL 20/1990
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