30.10.1989

Krenz macht keinen Lenz

Dem neuen DDR-Staats- und Parteichef läuft das Volk davon - weniger über die Grenzen, jetzt auf die Straße. Allüberall stehen DDR-Bürger auf und fordern demokratische Rechte; die Staatsführung läßt Leine: Ein Amnestie- und ein Reisegesetz sollen den Druck mildern. Aber echte Reformen wurden bisher nicht versprochen.

Am Abend seiner Wahl zum Staatsoberhaupt widerfuhr dem ersten Mann der DDR eine Huldigung ganz neuer Art.

Mehrere tausend meist junge Leute zogen am letzten Dienstag vom Alexanderplatz zur Residenz des Staatsratsvorsitzenden am Marx-Engels-Platz und skandierten in lautstarken Sprechchören: "Egon Krenz, wir sind die Konkurrenz."

Früher gab es zu solchen Anlässen Fackelzüge der Freien Deutschen Jugend (FDJ) und einstudierte Jubelrufe. Diesmal trugen die Menschen Kerzen und Transparente wie dieses: "Egon, deine Wahl nicht zählt, weil dich nicht das Volk gewählt."

Und: "Alle Macht dem Volke und nicht dem Egon Krenz."

Das Volk der Deutschen Demokratischen Republik probt die vom Nachfolger Erich Honeckers eine Woche zuvor ausgerufene "Wende" - auf seine Art.

Hunderttausende gingen letzte Woche auf die Straßen und Plätze der Ost-Republik, um ihrem aufgestauten Frust gegen den Muff des realen Sozialismus Luft zu machen und der Staatspartei SED einzuheizen. Massendemonstrationen, bis gestern beliebtestes Instrument der Herrschenden, um ihrer Politik applaudieren zu lassen, haben sich über Nacht gegen sie gewandt.

Zehntausende in Dresden, Halle, Zwickau, Neubrandenburg oder Jena, 40 000 in der Industriestadt Plauen, mehr als 200 000 in Leipzig.

Auch in der Metropole Berlin wächst der Drang der Massen auf die Straße. Mehrere tausend bildeten am vorletzten Samstag eine Menschenkette am Palast der Republik, dem Sitz der Volkskammer. Zwei Abende später zogen über 5000 mit dem Ruf "Demokratie - jetzt oder nie" vom Prenzlauer Berg in die Innenstadt. Und die Wahl von Krenz am Dienstag brachte bereits 12 000 auf die Beine.

Wie sich das Volk verändert, können die ostdeutschen Regenten am besten aus den Berichten der Leipziger Staatssicherheit lesen: Dort formiert sich seit nunmehr vier Wochen Montag für Montag nach einem Friedensgottesdienst die Menge zum Umzug um die Innenstadt - spontan und unorganisiert, friedlich und mit einer Begeisterung, von der die SED-Leute bei den verordneten Aufmärschen früherer Jahre nur träumen konnten.

15 000 waren es am Montag vor dem 40. Jubelfest der DDR-Gründung am 7. Oktober, am Montag danach schon 50 000. Zwei Tage vor der Kür von Krenz zum SED-Generalsekretär füllten 150 000 den Leipziger Ring, eine Woche darauf waren es Unzählige, jedenfalls weit über 200 000, die über die Hauptstraßen der Messestadt zogen.

Mit der Zahl veränderte sich die Zusammensetzung des Demonstrationszuges. Längst sind die Jungen und die Langhaarigen, die Opponenten aus der kirchlichen Öko- und Friedensszene zur Minderheit in der Masse geschrumpft, weisen Kleidung und Gesichter die große Mehrheit als Querschnitt durch das Ost-Volk aus: Arbeiter und Studenten, Dozenten der Karl-Marx-Universität neben Rentnern, Lehrlingen und Hausfrauen zeigen Entschlossenheit, Mut und Bekennerfreude. Die Angst vor Repressalien, Kennzeichen der 40jährigen DDR-Historie voller Repression, ist dahin, Bürger bekennen sich gegen ihre Obrigkeit - wie noch nie in der deutschen Geschichte.

Ganze Familien, die Eltern vorneweg, die halbwüchsigen Kinder hintendrein, reihen sich in den Zug, wenn der vielstimmige Ruf ertönt: "Schließt euch an, schließt euch an" - mit Gesichtern, in denen immer noch ein bißchen Staunen über den eigenen Mut steht.

Härter wurden von Woche zu Woche die Parolen. Beim Marsch der 50 000 am 9. Oktober fiel kein Wort gegen die SED und ihre verhaßte Knüppelgarde von der Stasi. "Demokratie unbekrenzt" und "Sozialismus krenzenlos" stand am Montag letzter Woche auf Transparenten und Plakaten; und direkte Aufforderungen an Partei- und Staatschef Egon Krenz, an seinen (Noch-)Chef-Ideologen Kurt Hager oder an den Dresdner SED-Chef Hans Modrow: "Egon sei klug, 40 Jahre sind genug" und "Ihr Demagogen habt uns zu lange belogen, geh Hager!" An der Fußgängerbrücke am Tröndlinring nahe beim Hauptbahnhof forderte ein Spruchband lapidar: "Modrow statt Krenz".

Aber auch dies: Menschen jeden Alters pappten brennende Kerzen auf Simse und Mauervorsprünge, auf Fensterbänke und Treppenstufen des Gebäudes. Eine lockere Menschenkette, darunter auch Kinder, schirmte den Eingang der lokalen Stasi-Zentrale gegen die Demonstranten ab - ebenso schlichtes wie ergreifendes Symbol unbedingter Gewaltlosigkeit.

Wie lange der Damm noch hält, hängt vor allem von Egon Krenz ab.

Daß der neue Mann an der Spitze auf Schonfrist nicht rechnen kann, mußte er auch bei seiner Wahl zum Staatsratsvorsitzenden durch die Volkskammer am vergangenen Dienstag morgen erfahren. 26 Abgeordnete stimmten gegen ihn, 26 enthielten sich - ein undenkbarer Vorgang im bislang straffen SED-Staat, in dem verordnete Einstimmigkeit bis gestern zum eisernen Regelwerk gehörte; auch bei den Privilegienträgern, der Nomenklatura, schwindet die Angst.

Die meisten Opponenten gegen die Krenz-Wahl kamen aus den Reihen der Liberal-Demokraten und der Bauernpartei, aber sogar ein paar SED-Abgeordnete und einige aus der FDJ-Fraktion votierten mit Nein. Volkskammerpräsident Horst Sindermann geriet ob der ungewohnten Situation beim Zählen der Abweichler ins Schleudern und mußte den Parlamentsstenografen um Hilfe bitten.

Die Genossen draußen im Land sprangen ihrem neuen Generalsekretär mit einer, offenbar von der Parteizentrale verordneten, "Dialog-Offensive" bei.

Als sich am vorletzten Samstag in Ost-Berlin Tausende zu einer Menschenkette formierten, eilte der dortige SED-Bezirkschef Günter Schabowski an die Dialog-Front und debattierte mit aufgeregten Passanten über Reise- und Gedankenfreiheit - vor laufender Kamera des DDR-Fernsehens und entgegen sonstiger Kleidergewohnheit mit proletarisch offenem Hemd. Tage später traf er sich mit zwei Mitbegründern des oppositionellen "Neuen Forums", dem Biologen Jens Reich und dem Physiker Sebastian Pflugbeil, zum "sachlichen Gespräch".

In Leipzig ließen die Stadtregenten am Montag nachmittag jede Viertelstunde über Lautsprecher auf allen öffentlichen Plätzen verkünden, just zur Demo-Zeit gebe es an mehr als 30 Orten allüberall in der Stadt - in Hörsälen und Jugendklubs, in Rathäusern und Gemeinderäumen - "vielfältige Möglichkeiten zum abendlichen Meinungsstreit" (Neues Deutschland).

Im Bezirk Dresden lud SED-Bezirkschef Modrow am vergangenen Donnerstag das Volk zu einer wahren Dialog-Orgie in mehr als 400 Säle und auf einer Festwiese der Stadt ein - die alte Tonnen-Ideologie des Walter Ulbricht ist in der Stunde der einheitssozialistischen Not wieder da; Dialog in Übererfüllung des Plansolls. Und sie kamen zuhauf: "Hunderttausende", so selbst die sonst so schüchterne DDR-Agentur ADN, begannen in Hallen und auf Plätzen den Dialog. Daß er spät - zu spät? - beginnt, zeigte das Pfeifkonzert der Zehntausende auf der Wiese, in dem Modrows Worte untergingen.

Parallel dazu brach letzte Woche über die verwirrten Ostdeutschen eine Sturzflut von Informationen herein. Rundfunk und Zeitungen bringen plötzlich echte Nachrichten statt inhaltsloser Informationsformeln, die noch vor zwei * Nach der Krenz-Wahl zum Staatsratsvorsitzenden in der Volkskammer am 24. Oktober. Wochen stinklangweilige "Aktuelle Kamera", Ost-Pendant zu "Tagesschau" und "heute", avanciert zur täglichen Topsendung.

Bisheriger Höhepunkt: Zu bester Sendezeit konnten die verblüfften Ost-Fernseher am letzten Mittwoch abend in DDR II den ehemaligen Spionagechef Markus Wolf - in der Einblendung firmierte er verschämt als "Schriftsteller" - in friedfertiger Debatte mit dem jahrelang verfemten Literaten Stefan Heym, dem regimekritischen Schriftsteller Christoph Hein und der Mitbegründerin des oppositionellen "Neuen Forums", der Malerin Bärbel Bohley, erleben (siehe Seite 28).

Markus Wolf wünschte via Fernsehen, die führenden Politiker möchten sich künftig stets "mit dem Gesicht zum Volk" wenden und nicht erst, wenn sie mit dem Rücken an der Wand stehen.

Genau da steht derzeit der Genosse Egon Krenz. Der SED-Chef läuft mit seiner Kampagne der Offenheit ein großes Risiko: Die weitgehende Freigabe der straff zensierten Medien könnte schon bald außer Kontrolle geraten. Eine Liberalisierung der Medienpolitik mündet fast zwangsläufig in die Forderung nach Meinungsvielfalt und politischem Pluralismus. Der aber wäre das Ende der SED-Herrschaft über Deutsch-Ost.

So sehen es, nur anderthalb Wochen nach dem Aufstieg von Krenz an die Spitze, auch zahlreiche Funktionäre seiner Partei. Sie haben den Honecker-Nachfolger akzeptiert, weil sie in dem ZK-Sekretär für Sicherheit den besten Garanten der SED-Herrschaft sahen. Nun aber fürchten sie, der neue Mann verspiele leichtfertig die SED-Macht.

Im SED-Apparat verstärkte sich in der vergangenen Woche der Widerstand gegen den neuen Kurs. "Krenz", so ein Insider, befinde sich in "der kritischen Phase".

Gestützt wird der Generalsekretär nicht nur von Teilen des Sicherheitsapparats, sondern auch von zahlreichen führenden Wirtschaftsmanagern der SED, denen der starre Kurs des Günter Mittag seit langem ein Greuel war. Mittag, so ihr Argument, habe mit seiner sozialistischen Kommandowirtschaft in der DDR-Industrie jede Kreativität erstickt und die Misere der ostdeutschen Ökonomie verschuldet.

Die Apparatschiks in der SED, die ihm vorwerfen, er riskiere allzu flink 40 Jahre Einheitssozialismus (und ihre Privilegien), haben aber noch Einfluß genug, den neuen Mann ins Stolpern zu bringen. Womöglich durch eine gezielte Eskalation bei den Kundgebungen im Land: Ein erneuter Einsatz von Polizeiknüppeln und Stasi-Schlägern gegen friedliche Demonstranten - etwa in Leipzig oder Ost-Berlin - könnte Egon Krenz über Nacht hinwegfegen; letzte Woche kamen zuweilen schon solche Ängste auf.

Bester Verbündeter der Hardliner ist das Volk. Der frühere FDJ-Chef Egon Krenz, jahrelang Herr über Stasi und Volkspolizei, sieht sich einer fast unüberwindbaren Kluft von Mißtrauen gegenüber, die ihn von den ostdeutschen Bürgern trennt.

Krenz hat die Wahlkommission geleitet, die den Betrug bei den Kommunalwahlen vom 7. Mai legalisiert. Er hat am lautesten von allen in der SED-Spitze das Massaker der chinesischen KP-Führung auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking gerechtfertigt. "China - Kommunalwahlen - Krenz" stand auf einem Transparent bei der letzten Leipziger Demo.

Der neue Staats- und Parteichef steht Millionen von DDR-Bürgern für altes Denken und Bevormundung, für geballte Staatsmacht und handgreifliche Unterdrückung. Das schaffen zehn Tage neuer Freundlichkeit nicht vom Tisch. "Ein Krenz macht noch keinen Lenz" lautete ein anderes Plakat in Leipzig.

SED-Bezirksleiter Schabowski brachte die Misere seiner Partei gegenüber einem Demonstranten und vor einem Kamerateam seines Staatsfernsehens auf den Punkt. "Wir werden damit leben müssen eine Zeitlang", so der SED-Mann, "daß alles, was wir machen, jetzt als eine Falle verstanden wird, obwohl es keine ist."

Das Volk hält sich an eine abgewandelte Volksweisheit: Wer stetig log, dem glaubt man nicht, auch wenn er jetzt die Wahrheit spricht.

Die Dialog-Attacke der SED brachte bislang nicht einen Bürger von der Straße. Im Gegenteil: Die Zahl der Demonstranten und der Aufmärsche steigt, trotz aller Beteuerungen zu Gesprächsbereitschaft und Offenheit. Nach wie vor gilt, trotz mancher freundlichen Gesten, die offizielle Erklärung, "Neues Forum" oder Sozialdemokraten-Ost hätten in diesem Staat nichts verloren, seien womöglich staatsfeindlicher Natur (siehe Interview Seite 24). Gewerkschafter verlassen in Massen den Staatsverein FDGB.

Weil mehr als hundert Arbeiter des Geräte- und Reglerwerkes "Wilhelm Pieck" in Teltow bei Berlin ihren Austritt aus dem FDGB erklärten und Reisefreiheit, Mitbestimmung und freie Wahlen forderten, griff die Gewerkschaft zu altbewährten Mitteln: Staatstreue Funktionäre stritten wahrheitswidrig in Zeitungsinterviews die Gründung einer "Reform"-Gewerkschaft ab, protestierenden Betriebsangehörigen wurde mit Strafe gedroht, der führende Kopf der FDGB-Abweichler, Ralf Börger, wurde kurzerhand nach Bulgarien auf Dienstreise geschickt (siehe Interview Seite 22). In mehreren Kombinaten und Großbetrieben in Ost-Berlin, Leipzig und Dresden überlegen zur Zeit etliche Arbeiter, ob sie sich vom Staatsverband FDGB abspalten sollen.

Das Mißtrauen gegen den FDGB-Altvorderen Harry Tisch sitzt tief. "Der FDGB ist ein toter Haufen", sagt ein Berliner Schlosser, "jahrzehntelang war er nicht mehr als ein Anhängsel der Partei. Wer im Betrieb was ändern wollte, der lief entweder zum Betriebsdirektor oder zum Parteisekretär."

Die Arbeiter in vielen Unternehmen der Deutschen Demokratischen Republik wollen innerbetriebliche Demokratie jetzt. Und sie proben sie schon. In den Betrieben der Bezirke Leipzig und Dresden sind die Schwarzen Bretter, an denen bisher die SED-Betriebsgruppe und die Betriebsgewerkschaftsleitung ihre Mitteilungen anhefteten, zu Treffpunkten geworden, politische Resolutionen werden ausgehängt mit der Frage: Wer stimmt zu?

In einigen Betrieben unterzeichneten bis zu 70 Prozent der Belegschaften innerhalb weniger Stunden; in einem Dresdner Ingenieurbüro wurde der Gründungsaufruf des "Neuen Forums" ans Brett geheftet. In vielen Unternehmen werden Ausschnitte aus Zeitungen, die an den Kiosken häufig ausverkauft sind, ans Schwarze Brett gepinnt. In einem Leipziger Textilwerk wurde der Spruch ausgehängt: "Kein Ego(n)ismus!" Er blieb bis heute hängen - auf Weisung des SED-Sekretärs. Demokratie pur? Oder bloß Alibi, Spielmaterial fürs Volk, damit es der SED nicht an die Macht geht?

Verstärkt wird das abgrundtiefe Mißtrauen gegen die einheitssozialistische Wende durch die allzu glatte Wendigkeit ihrer Macher. Dieselben Redakteure, die noch zum 40. Jubeltag ihrer Republik Oppositionelle und Regimekritiker als Rowdys und Asoziale verhöhnten, schreiben und reden auf einmal mit flinker Feder und noch flinkerer Zunge von Dialog, von berechtigten Bürgerprotesten und davon, daß jeder gebraucht werde im Staate DDR. Am Karl-Marx-Platz in Leipzig hatten junge Leute am vergangenen Montag ein Plakat auf die Straße gelegt und mit brennenden Kerzen beschwert, auf dem zu lesen stand: "Gestern noch Bremser, heute schon Lokführer der Umgestaltung? Leipziger - seid wachsam!"

Selbst Karl-Eduard von Schnitzler, seit 29 Jahren oberste Dreckschleuder des DDR-Fernsehens gegen kritische Bürger daheim und gegen den kapitalistischen Westen en gros und en detail, geniert sich nicht, öffentlich als Reformator gelten zu wollen. Millionen Ost-Bürgern, für die der aufgeblasene SED-Adelige die Symbolfigur für realsozialistischen Journalismus a la nationalsozialistischem Stürmer ist, verschlug es die Sprache.

"Schnitzler in den Tagebau", sangen am vergangenen Montag beim Leipziger Umzug Zehntausende nach der Melodie "Ja, mir san mit'm Radl da". "Schnitzler in die Muppet-Show", höhnten Tausende einen Abend später vor der Volkskammer.

Doch bislang ist in Ost-Berlin nach der Opferung der drei Politbürokraten Erich Honecker, Günter Mittag und Joachim Herrmann noch kein Kopf gerollt, noch verkünden vor allem jene die Wende, denen ohnehin keiner glaubt. Egon Krenz warb zwar für seine eigene Glaubwürdigkeit mit starken Worten.

Es sei doch klar, so der Generalsekretär einen Tag nach seiner Wahl zu Besuchern, die Entlassung des ZK-Sekretärs für Agitation, Herrmann, "bedeute Glasnost", die des Wirtschaftslenkers Mittag "Perestroika". Aber in der politischen Sache hatte sich Egon Krenz bis zum Ende letzter Woche noch nirgendwo über "Dialog" und "Volksaussprache" hinaus auf irgend etwas festgelegt, was seine Partei für spätere Zeiten bindet; immerhin verkündete er letzten Freitag eine Amnestie für alle Republikflüchtigen und die Wiederöffnung der Grenze zur CSSR.

Um Glaubwürdigkeit zu gewinnen, muß Krenz bis weit in den Staats- und Parteiapparat hinein Verantwortliche auswechseln - in erster Linie im Sicherheitsapparat, für den er selbst bisher verantwortlich war.

Daß Krenz wirklich gewillt ist, dort aufzuräumen, war letzte Woche nicht zu erkennen: Die Verantwortlichen für die Ausschreitungen von Stasi und Volkspolizei bei den landesweiten Demonstrationen im Umfeld des Nationalfeiertags am 7. Oktober waren allesamt in Amt und Würden - vom Innenminister Friedrich Dickel über den Berliner Polizeipräsidenten Friedhelm Rausch bis zum Minister für Staatssicherheit Erich Mielke. In Haft saßen dagegen eine unbekannte Zahl von jungen Bereitschaftspolizisten, die sich geweigert hatten, befehlsgemäß auf gewaltlose Demonstranten einzuprügeln.

Krenz ließ es in seiner Antrittsrede vor der Volkskammer mit der laschen Formel bewenden, "daß es bei einigen Demonstrationen zu Härten kam, ist zu bedauern. Wer ungerecht oder unwürdig behandelt worden ist, kann jeden Rechtsschutz und alle Rechtsmittel in Anspruch nehmen. Die verantwortlichen Staatsorgane werden Anzeigen gewissenhaft prüfen und - wo Beweise vorliegen - schuldhaftes Verhalten ahnden".

Daran sind Zweifel erlaubt. Denn noch immer lügen sich die Verantwortlichen an ihrer Verantwortung vorbei. Der Vorsitzende des Volkskammerausschusses für Nationale Verteidigung, Wolfgang Herger, im Hauptberuf Leiter der Abteilung Sicherheit im ZK-Apparat der SED und mithin einer der Verantwortlichen für Stasi und Vopo, stellte am letzten Dienstag die abenteuerliche These auf, bei der Demo in Ost-Berlin am 7. Oktober, bei der Stasi und Vopo besonders brutal gegen Kinder und Halbwüchsige zu Werke gingen, hätten die Demonstranten einen "massenhaften gewaltsamen Grenzdurchbruch" geplant.

Verprügelt wurden die Demo-Teilnehmer nicht am Brandenburger Tor, sondern weitab der Mauer im Kiez am Prenzlauer Berg. Aber auch Polizeipräsident Rausch behauptete, eine durchaus friedliche Demo am letzten Dienstag habe aufs Brandenburger Tor, mithin auf die Mauer, gezielt - ein Trauma für die SED-Sicherheitsfraktion?

Noch bezeichnender ist, daß die Angehörigen des MfS bislang in den Stellungnahmen der Verantwortlichen mit keinem Wort erwähnt werden. Mielkes in Räuberzivil verkleidete Stasi-Schläger waren es, die als erste, noch vor den uniformierten Volkspolizisten, Gewalt in die Kundgebung am 7. Oktober in der DDR-Metropole trugen, als sie sich vom Rand aus wahllos auf Demonstranten stürzten, sie zusammenschlugen und dann wegschleiften - ein bewährtes Ritual aus dem Stasi-Lehrbuch, mit dem die Anorakträger seit eh und je Menschenansammlungen einschüchtern.

Personalentscheidungen hat Krenz bis zum 8. November aufgeschoben. Dann soll das Zentralkomitee der SED zu seiner 10. Plenartagung zusammenkommen und über den weiteren Weg zum bekrenzten Sozialismus beschließen, aus dem wahrscheinlich die Greise des Politbüros entfernt werden.

Ob der Generalsekretär tatsächlich gegen seinen Mentor Erich Mielke, 81, vorgeht, scheint zweifelhaft; Mielke war es ja, der die "Wende" von Honecker zu Krenz inszenierte, weil er um den Bestand des Staates fürchtete. Wer sonst auf der Strecke bleibt, wer neu wohin aufrückt, war Ende letzter Woche nach Angaben von Insidern noch weitgehend offen.

Die Auswechslung im Politbüro will Krenz in dieser Woche in Moskau mit Michail Gorbatschow abklären. "Dann", so ein Politbüromitglied, "wird man weitersehen." Den Einwand, die SED sei doch eine souveräne Partei, konterte der Genosse: Man werde sich doch wohl mit Freunden beraten dürfen.

Schon vorher sicher scheint der Wiederaufstieg eines Mannes: Die Weißwäsche des Generaloberst a. D. Markus Wolf ist abgeschlossen. Der "Schriftsteller" könnte in anderthalb Wochen den angeschlagenen Innenminister Dickel ablösen. Daß er sich bereit hält, hat er, ebenfalls übers Fernsehen, der Ost-Nation bereits verkündet. "In diesen schweren Zeiten", so der Ex-Agentenführer und Chef des 1974 enttarnten Kanzlerspions Günter Guillaume vorletzten Freitag, müsse jedermann Verantwortung übernehmen. Nach SED-Gerüchten soll der Dresdner SED-Chef Hans Modrow, Hoffnungsträger der Reformwilligen, als Bedingung für seinen Einzug ins Politbüro einen wichtigen Posten für Wolf gefordert haben.

Dringlicher noch als unbelastete Gesichter braucht der ostdeutsche Staats- und Parteichef ein paar Sacherfolge, um die Vertrauenslücke wenigstens um Zentimeter zu verringern. Dafür aber, daraus machte Krenz letzte Woche beim ersten Besuch eines westdeutschen Politikers nach dem Wechsel kein Hehl, braucht er Unterstützung aus Bonn.

Noch vor Jahresende, versicherte Krenz dem FDP-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Mischnick, werde jeder DDR-Bürger in alle Welt reisen können - zumindest im Prinzip. Denn bis dahin sei das neue Reisegesetz verabschiedet, das die Reisefreiheit für alle garantieren soll.

In der Praxis aber fehlt es der DDR an den Devisen, um diese Reisen bezahlen zu können, vor allem die in die benachbarte West-Republik. Die DDR, so der Staatsratsvorsitzende zu seinem Gast, könne derzeit ihren Grenzgängern nicht mehr als jene 15 Mark Zehrgeld mitgeben, die jetzt gezahlt werden. Daran soll auch das neue Reisegesetz nichts ändern. Der von den Experten im Staats- und Parteiapparat erarbeitete Entwurf sieht zwar vor, daß jeder DDR-Bürger im Jahr 30 Tage in den Westen fahren darf, aber nach wie vor nur 15 Mark mitbekommt.

Krenz und den Seinen ist klar, daß diese Regelung die Ost-Bürger arg enttäuschen wird, da sie nach wie vor das Zwei-Klassen-System in der Ost-Gesellschaft aufrechthält - die Klasse der Westgeld-Besitzer mit dem guten Onkel in der Bundesrepublik und die der Habenichtse.

Doch die Kasse, so ein kompetentes Politbüromitglied, gebe einfach nicht mehr her. Die Partei werde dem Volk genau offenlegen, wofür sie die knappen Devisen verwende, und mit der Bevölkerung darüber diskutieren, was sie lieber wolle: Reisen, aber eine auf lange Zeit miserable Versorgung mit Konsumgütern, oder verstärkte Investitionen in der DDR-Industrie, die mittelfristig auch die Konsumlage verbessern und irgendwann die Reisemöglichkeiten. Eine andere Wahl habe die DDR nicht; sie will offenbar keine stärkere Kooperation mit Kapitalisten, keine Öffnung zu marktwirtschaftlichen Kriterien, wie sie in Bonner Planspielen gedacht werden (siehe Seite 30). Sie will, wie Ministerpräsident Willi Stoph im Fernsehen verkündete, die Versorgung mit Konsumgütern verbessern - er sagte nicht, wie.

Als Mischnick anregte, wenn die DDR sich als Reise- und Touristikland für Bürger der Bundesrepublik öffne, werde das neue Devisen bringen, die man an die West-Reisenden weitergeben könne, hielt Krenz dagegen: Das sei auch nicht so einfach, die DDR müsse die knappen Feriendomizile zuerst an ihre eigenen Bürger vergeben, "wir können unseren Leuten nichts wegnehmen". Mischnick: Das sehe er ein, dann müsse eben zusätzlich etwas gebaut werden; ob mit Bonner Hilfe, ließ er offen.

Höflich bedankte sich Krenz für die Glückwunsch-Telegramme der Herren Weizsäcker und Kohl und attestierte dem Gast "Sachlichkeit". Mischnick habe zwar seinen Standpunkt nie verleugnet, sich aber auch nicht in die inneren Angelegenheiten der DDR eingemischt.

Mischnicks gedämpft positives Fazit: Der neue Generalsekretär sei bestimmt nicht in der vordersten Reihe der Neuerer zu finden, aber auch auf der Hut, den Anschluß nicht zu verlieren. Krenz bestätigte die Einschätzung am Donnerstag im Telefonat mit Kohl: Seine "Wende", versicherte er dem Wendekanzler, sei keine "Umkehr", die DDR bleibe sozialistisch.

Die Wetten, daß er es schafft, standen Ende letzter Woche gegen Egon Krenz. Selbst evangelische Kirchenführer, die dem Honecker-Nachfolger guten Willen attestieren und dafür plädieren, ihm wenigstens eine Chance zu geben, meinen nicht, daß er sie wirklich hat.

Auch Westler glauben weder an Wende noch an Wunder. In einer SPIEGEL-Blitzumfrage (siehe Seite 36) meinten 45 Prozent der West-Bürger, es sei "unwahrscheinlich" - und 15 Prozent, es sei "ausgeschlossen" -, daß Krenz zu wirklichen Reformen bereit sei; allenfalls denke die SED an kleinere Reformen, "um ihre Macht zu erhalten" (77 Prozent).

Es ist nicht nur das Mißtrauen seiner Bürger, das Krenz erst einmal ausräumen muß. Das Volk glaubt dem neuen Herrscher nicht, daß er, ausgerechnet er, ein neues Wahlrecht schafft; es hört zwiegespalten, daß jeder einen Paß erhalten soll, aber dennoch ein Visum für die Ausreise brauche; es nimmt skeptisch die Ankündigung auf, jetzt werde ein neues Demonstrationsrecht geschaffen - eines, das Demos wie die der letzten Woche erschwert? Eines, das den immer neuen Einschränkungen in Deutschland-West ähnelt? Und es hält die neue Medienfreiheit oder das letzten Freitag verkündete Amnestiegesetz für halbe Sachen - das DDR-Strafrecht ist ja nicht geändert; bloß die Staatspartei läßt sich mal zu Gnade vor Recht oder Offenheit statt Propaganda herab.

In seiner eigenen Partei kann sich Krenz nur halten, wenn er bald die Massen von der Straße weg- und unter Kontrolle bekommt. Doch das Volk wird erst Ruhe geben, wenn es wenigstens glauben kann, es habe nicht vergebens den aufrechten Gang geübt. Auch am letzten Montag verabschiedeten sich die Leipziger Demonstranten gegenseitig mit dem Ruf: "Nächsten Montag wieder hier."

Für Samstag dieser Woche erwarten die Ost-Berliner Behörden für die DDR-Hauptstadt erstmals mehr als 100 000 Demonstranten. Für diesen Tag haben die Theaterschaffenden beim Magistrat offiziell einen Umzug beantragt, zu dem alle Ost-Berliner aufgerufen sind - mit abschließender Kundgebung auf dem Platz der Akademie. Die Demo soll auch stattfinden, wenn der Magistrat die Erlaubnis verweigert.

Noch pessimistischer als die Protestanten sind jene Genossen in der Krenz-SED, denen es um eine wirkliche Wende des Systems und nicht um bloßen Machterhalt geht. Auf die Frage, in welcher Zeitspanne sich seine Partei erneuern werde, antwortete einer von ihnen düster: "Es ist schon fünf nach zwölf."


DER SPIEGEL 44/1989
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