26.03.1990

Nacht der Zivilisation

Der ellenlange Eisenriegel wird zurückgeschoben, und im ehemaligen Jagdschlößchen der Grafen Tissa öffnen sich die Flügeltüren zu einem Zimmer des Horrors: Es enthält nichts weiter als ein monumentales Bett aus zusammengeschobenen, verrosteten Gestellen mit Preßholz als Auflage. Darauf hocken zwischen Lumpen, inmitten von Kot und Kotze, Kinder wie die Tiere, die Körper eng aneinandergedrängt. Manche richten ihre kalkweißen Gesichter mit dunklen Augenhöhlen zur Tür, manche verkriechen sich im Gewimmel der Leiber, andere wiederum springen auf und vollführen mit blödsinnigem Grinsen unkoordinierte Bewegungen.
Wir trauen unseren Augen nicht, wir vom SPIEGEL und von SPIEGEL-TV wagen unserer Wahrnehmung nicht zu glauben. Unser Fotograf blitzt in die Düsternis, und wir müssen realisieren, daß wir uns nicht in einem Alptraum befinden, sondern daß die im Licht aufblitzenden Szenen Bestandteil einer entsetzlichen Wirklichkeit sind. Um uns den Schrecken vom Leibe zu halten, fangen wir an zu zählen und verzählen uns immer wieder im Gemenge der Körper, bis wir einigermaßen sicher sind: 17 vegetieren in diesem Raum.
Ihre Kleider sind verschmiert und verschmutzt, einige tragen bloß Fetzen, und ein paar sind halbnackt. An ihren Körpern blaue Flecken, an ihren Hintern Geschwüre vom Sitzen im Unrat, an vielen Köpfen mit kurzgeschorenen Haaren offene Wunden. Rhythmisch wiederholt sich ein geheulter Ton: Huhhuhhuhhuhhuh.
Wer hier nicht wahnsinnig ist, muß es werden im ständigen Halbdunkel dieses furchtbaren Raums. Ein vergittertes, dreckblindes Fenster führt nach innen, das Außenfenster zum Park ist mit Pappe vernagelt, so daß nur durch das Oberlicht, Scheiße am Gitter, ein wenig Helligkeit eindringt, aber kein Strahl der März-Sonne auf den feuchten Betonfußboden fällt.
Auch da unten in den Lachen und der glitschigen Schmiere des "Izolator" genannten Raums kauern Kinder mit bloßen Füßen und bloßem Po. Das Niedrigste in der Gewalthierarchie hat sich unter das Bett verkrochen und zittert in der Kälte vom Boden. Der Kachelofen mit dem zerbrochenen Schutzgitter ist nicht geheizt, selbstverständlich nicht: Ein Feuer wäre zu gefährlich für die Gefangenen im unbeaufsichtigten Raum.
In diesem Kindervernichtungsheim werden die Kinder auf andere Weise umgebracht. Jedes zweite der Hundertschaft wurde je Jahr in das Leichengelaß neben der Waschküche mit dem Schild "Morga" verlegt. Und immer wieder wurde das Kollektiv für die Wartezimmer zum Tod durch Neue aufgefüllt, hier sind sie jetzt.
Wir befinden uns im dritten Monat nach der rumänischen Revolution. Ihre Ausläufer haben dieses Schreckensschloß in Cighid nahe der Grenze zu Ungarn nur insofern erreicht, als wir es betreten und uns darin frei bewegen dürfen. Aber die Kräfte der Erneuerung sind zu schwach, um die Verhältnisse für die Kinder zu verändern. So befinden wir uns im Monat drei nach Ceausescu inmitten seiner Zeit auf einer fürchterlichen Insel im Archipel der rumänischen Kinder-Gulag.
"Die Sterne unserer Zukunft" pflegte der Diktator die Kinder zu nennen. Er träumte von einer "historischen Größe" seiner Nation und befahl den 23 Millionen Rumänen: "Bis zum Jahr 2000 müssen wir zu einem 30 Millionen Volk werden." Frauen, die es auf zehn Kinder brachten, wurden als "Heldenmütter" geehrt. Als Gebärsoll pro Familie waren fünf festgelegt. Die Staatsmacht schnüffelte mit Fragebögen im Intimleben der Paare, gynäkologische Pflichtuntersuchungen machten transparent, welche Gebärmutter gefüllt war. Auf Abtreibung stand Gefängnis. "Der Fötus", so sprach Ceausescu, "ist sozialisiertes Eigentum der ganzen Gesellschaft."
Unter diesem System, das seine Spitzel selbst auf die Leibesfrüchte ansetzte und Schwangere geradezu dahin trieb, an sich selbst herumzupfuschen mit dem Fehlschlag beschädigter Embryonen, bei einem Schwarzmarkt voller verfallener Antibabypillen aus dem Westen mit schädigender Wirkung, in einer Gesellschaft, die ihre vielen Mißstände im Alkoholismus ertränkt, in einem Hungerland, wo unterernährte Frauen unterentwickelte Babys nur noch unterernähren konnten und selbst Kranke ihren kranken Nachwuchs gegen ihren Willen zur Welt bringen mußten - in diesem Rumänien war die Produktion von Kindern ohne Chance automatisch gegeben.
Massenhaft wurden behinderte Kinder geboren, massenhaft auch "Sterne unserer Zukunft" von ihren Eltern in Sozialwaisenhäuser abgeschoben. Immer neue Inseln entstanden im Archipel der Bewahranstalten für nicht gewollte Kinder.
Die Stärksten griff sich das Ehepaar Ceausescu, ließ ihnen die beste Ausbildung zukommen und formte sich nach seinem Abbild die grausame Präsidentengarde, "Falken unseres Vaterlandes" genannt. Nach dem Chef rekrutierte die Securitate ihren Nachwuchs aus den Häusern der verlassenen Kinder.
Die Schwachen dagegen, die Kinder mit den Geburtsfehlern, die Kinder mit den Entwicklungsschäden durch Unterernährung, die Kinder mit den chronischen Krankheiten, wurden von Ärztekommissionen selektiert, ob sie noch für den Staat zu retten waren oder nicht. Ganz Rumänien war und ist noch von solchen Kommissionen durchzogen, jeder der 39 Kreise hat so ein Gremium, das Kinder bereits mit drei Jahren sortiert. Wer den Intelligenzquotienten 30 nicht bringt, wird ausgesondert für ein Endlager, etwa für Cighid. Securitate oder Cighid - zwei Seiten eines Prinzips.
Cighid ist im Begriff, eingetragen zu werden in die Liste der Namen für die Abgründe der menschlichen Zivilisation, angeführt von jenem Namen, den ein Deutscher in Rumänien nicht zu assoziieren, geschweige denn zu sagen wagt. Von einem "Auschwitz" reden aber die Leute in der Umgebung von Cighid, doch Cighid ist und war kein Auschwitz. In Cighid wird das Tötungstabu formal respektiert. Cighid ist der Name für Euthanasie durch die Verhältnisse.
Man könnte auch Coltesti sagen, nach einem Schloß in den Karpaten, wo österreichische Fahrer eines Hilfstransports Kinder in einem ähnlichen Horrorraum vorfanden und einen unwirschen Tischler, der ein abgebrochenes Tischbein nicht reparieren wollte, weil ihm die Särge, 60 im Jahr, dringlicher erschienen. Oder Plataresti, nach einem Dorf in der Nähe von Bukarest, wo in einem Heim für psychisch Kranke die Überlebenschancen für Kinder, die nicht selbst essen können, gering sind und letztes Jahr über 50 starben. Oder Abrud im Kreise Alba, wo in einem Hospital für chronisch kranke Kinder und Erwachsene ebenfalls grauenvolle Verhältnisse herrschen.
Cighid ist die Aufbewahrungsanstalt für die Ausgemusterten allein des Kreises Bihor. Cighid aber ist der Name für ein überall obwaltendes System.
Eigentlich ist Cighid bloß eine Bahnstation für ein paar verstreute Kolchosen inmitten von gigantomanischen Feldern bis zum Horizont. Die schweren Maschinen, die rundum ackern, weisen diesen Landstrich von Bihor als zugehörig aus zur Agroindustrie des 20. Jahrhunderts.
Wir sind aus der Kreishauptstadt Oradea gekommen, wo die vielen historischen Bauten, das Theater und das Museum davon zeugen, daß dort einmal ein Begriff von europäischer Kultur geherrscht haben muß. Von da sind wir durch schmucke Dörfer, die Ceausescu alle niederwalzen lassen wollte für den Wahnsinn der großen Agrarreform, nicht ganz 60 Kilometer gefahren, die letzten sechs auf einer Schotterpiste.
Wir sind durch ein romantisches Tor eingerollt in einen lieblichen Park und als wir vor dem äußerlich nur etwas heruntergekommen wirkenden Schlößchen mit ockerfarbenem Putz und grünen Fenstern angehalten haben, von einem Dutzend freudig erregter Kinder umringt worden. Daß sie geistig schwer behindert sein sollen - auf Anhieb angesehen haben wir es den wenigsten in dieser Gruppe der draußen spielenden Kinder.
Wir sind durch das Vestibül voller riesiger Packen unausgepackter Matratzen aus Hilfsgüterlieferungen des Westens eingetreten in einen Geruch, der mehr ist als die Summe der Fäkalien von den 109 hier lebenden Kindern, für die es nur zwei Toiletten gibt. In diesen Geruch eingegangen ist der Dreck von Jahren, der verstockte Stoff, der Schwamm in den Wänden, die vergammelten Essensreste. Moder, Fäulnis, Verwesung liegt in der Luft, und wir müssen uns zusammenreißen, um uns nicht zu übergeben. Wir bewegen uns in einer Welt, in der die zivilisierte Vorstellung von Hygiene ebenso verschollen ist wie die Menschenwürde.
"Salon 13" oder auch "Salon 14" steht auf Schildern aus anderer Zeit über den verkommenen Schleiflacktüren, Schilder, die wie ein Hohn auf die Zustände hinter den Türen wirken. Auf Parkett, das inzwischen aussieht wie verlegtes Treibholz, steht Gitterbettchen neben Gitterbettchen, eines verrosteter als das andere. Darin verdreckte Decken, feuchte Laken, verklumpte Matratzen mit einem Grind eingetrockneter Kacke. In diesen elendigen Lagern leben tagaus, tagein die kleinen Kinder, die jüngsten gerade drei Jahre alt. Aber manche sind schon acht und wirken doch wie drei, so zurückgeblieben sind sie.
Niemand hat hier Zeit, niemand die Kenntnis, diese Kinder systematisch anzuregen. In so einem Bett-Käfig würde das gesündeste Kind verblöden, um so mehr ein Kind, daß bereits eine Behinderung hat.
Manche liegen mit leerem Blick einfach nur so da, manche stehen und ruckeln monoton mit ihrem Bettgestell, andere wiegen sich stundenlang hin und her, einige schlagen bis zur Erschöpfung mit dem Kopf gegen die Stäbe. Solche Symptome, Hospitalismus genannt, weisen auch normale Kinder auf, wenn sie in Heimen vernachlässigt werden. Wer kann schon sagen, was bei den Kindern von Cighid auf das Konto ihrer Krankheit geht und was auf das Konto ihrer kranken Umgebung. Daß sich ein kleines Mädchen ständig auf die Ohren schlägt und ihm das Blut auf einer Seite herunterrinnt, kann nicht normal sein. Aber normal ist es auch nicht, daß sich niemand um das Kind kümmert.
Etliche der kleinen Wesen verfolgen uns mit den Augen, lachen uns an, greifen nach uns. Sie rufen uns "Baba", Mütterchen, und "Unchi", Onkel, und immer wieder "Papa", was Essen heißt. Daß ihre Impulse nicht entwickelt werden, wiegt als soziales Verbrechen genauso schwer wie ihre mangelnde Pflege. Sogar beim Füttern bleiben die Kinder hinter Gittern, niemand nimmt sie dabei auf den Arm, und während sie den für sie ungeeigneten Pamps schlucken, fährt der gleiche Löffel schon dem nächsten und dem übernächsten Bettbewohner in den Mund.
Der Stolz der Wärterinnen auf ihre Schnelligkeit treibt die Abfüttermaschinerie an. Eine lebhafte Kleine, die immer wieder den Mund gierig aufsperrt für die einzige Sensation im Einerlei der Tage, bekommt zuviel eingefüllt und patscht bald in ihrem Erbrochenen herum.
Die Abfütterungsmaschine ist anderweitig beschäftigt. Wie Sand in ihrem Getriebe wirkt der kleine Junge mit dem todtraurigen Greisengesicht, der den Löffel mit einer würdevollen Geste zurückweist, wie wenn er abgeschlossen hätte mit diesem Leben. Sie müssen ihm irgendwann, als wir nicht hingeschaut haben, den Brei zwangsweise hineingestopft haben, denn er ist als Kotze wieder herausgekommen. Mein Gott, dieser Junge mit der gewaltigen Beule am Kopf muß dringend zum Arzt. Daß sein Horn nicht angeboren ist, entnehmen wir dem Bild in seinen Akten. Tiberius Varga heißt er, sieben Jahre alt ist er, aber winzig wie ein Kleinkind. Wir sehen ihn nie anders als halb angezogen oder auch nackt, meist mit dem Kopf unter seiner Decke.
Wir haben sie überhaupt nicht gleich gesehen, wir haben sie in all der Unordnung für abgelegte Bündel schmutziger Wäsche gehalten, die Kinder mit den Decken über dem Kopf. Ein gutturales Heulen wie der Ausdruck allen Unglücks dieser Erde macht uns aufmerksam, daß sich ein Lebewesen unter dem grauen Flanell befinden muß.
Wir schlagen ihn zurück, und ein Kind mit übergroßem Kopf, aber sehenden Augen jammert uns an, die spindeldürren Glieder in embryonaler Haltung an den Körper gepreßt. Es habe Familie, sei erst kürzlich gebracht worden und weine ständig, so hören wir von einer Betreuerin. "Die von einer Familie kommen", sagt sie ungerührt, "die gehen hier schnell kaputt." Es gibt noch ein paar solch atmender Bündel, und wenn wir die Decken zurückschlagen, sehen wir auf Haut und Knochen, näher schon dem Tod als noch dem Leben.
Wir sind verstört, wir befinden uns an der ethischen Grenze und wissen nicht mehr genau, ob in Cighid zu überleben nicht schlimmer ist als zu sterben. Sollte eins der kleineren Kinder das Leben packen und kraft seiner Natur kletternd und laufend dem Gitterbettchen entkommen - es könnte sehr schnell hinter dem Riegel im dumpfen Gefängnis für die größeren Kinder enden.
Wir fragen, warum diese Kinder eingesperrt sind, und wir hören, sie wären durch das Haus getobt, sie hätten die Vorhänge abgerissen, die Scheiben eingeschlagen, die Steckdosen herausgerissen. Einige wären aus dem Park in den Wald gelaufen, und man hätte sie stundenlang suchen müssen; andere wiederum wären in die Zimmer der Kleineren gegangen und hätten ihnen auf den Kopf geschlagen. Wir können uns die wilde Horde schon vorstellen, aber wir können uns auch vorstellen, daß geschulte Erzieher in einem geeigneten Haus samt eingezäuntem Garten mit solchen Problemen fertig werden.
Je genauer wir hinsehen im "Izolator", desto mehr Spuren von Normalität entdecken wir bei einer Reihe von Kindern. Nicht wenige können erstaunlich gut balancieren oder durch die nie trocknende Schmiere am Boden glitschen; warum sollten sie nicht andere Körperbewegungen lernen? Ihre Kleider zu zerfetzen ist ihre einzige Spielmöglichkeit; warum sollten sie nicht andere Formen von Beschäftigung entwickeln können, zumal einige zeigen, daß sie sich geschickt anzuziehen vermögen.
Fast alle gefangenen Kinder können mit dem Löffel essen. Von den mit Freiheit priviligierten Kindern dagegen schieben sich etliche den breiigen Fraß mit den Händen in den Mund und wischen sie hernach an den Wänden ab, wenn nicht an uns. Nach und nach begreifen wir, daß nicht der Grad der geistigen Behinderung, sondern ganz gewöhnliche Unarten, die dem Personal unangenehm sind, aber geradezu auf eine Potenz von Bildungsmöglichkeiten verweisen, die Selektionskriterien sind: die Guten in den Park, die Bösen hinter den Riegel ins Abseits der Zivilisation.
Daß sich unser Entsetzen noch steigern könnte, haben wir nicht für möglich gehalten, nachdem wir aus dem "Izolator" gekommen sind. Ein paar Mal müssen wir schon vorbeigegangen sein an dem Gitter vor einer lichtlosen Abseite im Flur. Eine Hand, die sich aus einem Karree zwischen den schrägen Stäben zwängt und an dem Vorhängeschloß rüttelt, macht uns aufmerksam: Hier ist noch jemand, hier wird jemand unter dem Niveau eines Hundezwingers gehalten.
Wir öffnen die gegenüberliegenden Türen, so daß fahles Licht in den Flur fällt und wir den Menschenzwinger besser erkennen können. Die Hand zieht sich zurück. Nicht bloß das Wesen, dem sie gehört, noch ein zweites Geschöpf befindet sich in dem Kerker, nur etwas größer als das Bett darin. Kein Fenster. Diese beiden Mädchen, so wird uns gesagt, seien gefährlich, sie könnten die kleineren Kinder glatt umbringen. Wir sehen sie dumpf dahindämmern, dann wieder zeigen sie uns ein wahnsinniges Grinsen, und wir bekommen eine Ahnung von ihrer Wut, als sie uns mit Scheiße beschmeißen.
Für die Mittagsfütterung wird das Vorhängeschloß aufgesperrt, abends wieder. Maria Deutsch, 15, das Mädchen auf dem SPIEGEL-Titel, tags im Menschenzwinger, wird abgeführt zum Abspritzen für die Nacht. Zwei Frauen müssen sie mehr stützen als festhalten, denn sie kann auf ihren von Bewegungslosigkeit dünn gebliebenen Beinen kaum laufen. Was ihr blüht, scheint sie zu wissen, denn sie wimmert schon, und als sie auf ein Lager niedergezwungen wird, fängt sie grauenvoll zu schreien an in Erwartung der Spritze: Chlorpromazinhydrochlorid, ein Psychopharmakum der ersten Generation, das im Westen entbehrlich geworden ist durch bessere Medikamente gegen Angst und Erregung, Wahn und Halluzination.
Das kleinere Mädchen, Angela Fechete, 12, zeigt durch sein Jammern ebenso, daß es einen Begriff von Handlungsabläufen hat und der nahenden Zukunft, die ein Schmerz durch die Nadel sein wird. Abgespritzt und ruhiggestellt, werden die Kerkerkinder mit den Kindern aus dem "Izolator" in ihren gemeinsamen, klammkalten Schlafraum gebracht, wo die schweren Strickdecken ordentlich über den Betten liegen, so daß die urinnassen Matratzen keine Chance hatten, tagsüber wenigstens etwas abzutrocken. Die letzten kommen auf allen vieren angekrochen.
Die leeren Menschenställe werden ausgemistet. Der Matsch aus Lumpen, Exkrementen, Erbrochenem und Essensresten landet auf einer Rampe neben dem Haus, wo sich die Schweine bevorzugt aufhalten. Eine Ratte huscht herein.
Im Schlafraum hat sich die angeblich so gefährliche Angela aus dem Verließ angstvoll unter das Bett verkrochen. Die apathisch daliegende Maria, die schon Schamhaare hat, wird von den größeren Jungen befummelt.
Im Formblatt ihrer Akte steht als Berufsbezeichnung "Kind". Ihre Mutter hat sie gebracht. Sie ist unverheiratet und hat noch sechs Kinder zu versorgen. So sah sie keine Möglichkeit mehr, sich um das siebente schwierige Kind, Maria, zu kümmern und nimmt "deshalb unsere Dienste in Anspruch". Ärztlich ist dem Mädchen eine Enzephalopathie bescheinigt, was nichts Spezifisches besagt, sondern bloß, daß es irgend etwas am Hirn hat. Und: "Bei objektiver Betrachtung zeigt sich das Kind in einem allgemein guten Zustand." Ihre Kerkergefährtin Angela wurde als elftes Kind nach der 15. Schwangerschaft zu früh geboren. Mutter: "Analphabetin"; Vater: "mental retardiert".
Ceausescus Gebärzwang für die Frauen Rumäniens - bis ins Verließ von Cighid führen seine Ausläufer. Noch ehe der hybride Diktator seine letzte Salve bekam, muß in diesem Schloß die Schublade mit den abgelegten Akten der gestorbenen Kinder schon übergequollen sein, jetzt geht sie kaum noch zu. 54 tote Kinder 1988, 62 tote Kinder im letzten Ceausescu-Jahr. Für die Zeit nach ihm ist der Block mit den Totenscheinen bis Nummer 5 ausgefüllt.
Wir blättern in den Formularen und finden den Beweis: Hier sind Kinder nicht nur an ihrem Wasserkopf, ihrem Herzfehler oder im epileptischen Koma gestorben, hier sind Kinder am Dreck krepiert ("Abszeß im rechten Bein, Sepsis") oder an Vernachlässigung eingegangen ("An Erbrochenem erstickt"). Wiederholt taucht "gelähmt" als Sondervermerk auf: Aha, die schwierig zu pflegenden Fälle sind bis auf ein Kind, das wir im Rollstuhl gesehen haben, beseitigt. Reihenweise Durchfälle mit tödlichem Flüssigkeitsverlust; Serien von Lungenentzündungen in den Monaten, in denen es in diesem Haus grabkalt gewesen sein muß.
Die meisten Totenscheine unterschrieb eine Dr. Angelika Barbu. Ihr unterstand dieses Schloß, das den offiziellen Status eines Hospitals hat, bis zum letzten Dezember. Die neue Ärztin, Anca Cartis, bescheinigte fünf Sterbefälle und ward nicht mehr gesehen.
Oberschwester Rozalia Csabai, 34, derb im Ausdruck, blütenweißer Kittel, hat das Kommando übernommen. Dabei will sie nichts als hier schnell raus und nach Ungarn auswandern. Jeden Werktag zieht sie hier bis 15 Uhr die Arbeit zusammen mit einer zweiten medizinisch ausgebildeten Kraft durch. Nachmittags und nachts ist nur eine der übrigen drei Schwestern oder einer der zwei Pfleger da, die viel frei haben, schieben sie doch nur zweimal in der Woche ihre 24-Stunden-Schichten - wenn es ruhig ist vor dem Fernseher ohne Ton. Die Dreckarbeiten delegieren sie an zehn nicht ausgebildete Bäuerinnen, die sich in der Unterversorgung der Kinder abwechseln.
"Was sollen wir machen?" Oberschwester Csabai zuckt mit den Schultern und sagt, hier habe sie alles verlernt, was ihr auf der medizinischen Schule beigebracht worden sei. Sie zählt, wie auch ihre Kollegen, die Begründungen für die Mißstände auf, die wir schon auswendig können: kein warmes Wasser, keine Zentralheizung, nur ein Badezimmer mit einer gerade abmontierten Wanne, nur eine heile Waschmaschine für die Berge von schmutzigem Zeug, keine vernünftige Bettwäsche. Aber warum bloß werden nicht wenigstens die gespendeten Matratzen im Flur benutzt? Ein Schulterzucken, sie passen wohl nicht im Format.
Für jede Kleinigkeit aus dem verschlossenen Lagerraum, der Spenden auch aus der Bundesrepublik enthält, "Pampers" und "Milupa mit Dekorbild fürs Fenster", müssen die Schwestern eine Formularschlacht schlagen. In diesem Haus funktioniert nur eine idiotische Bürokratie. "Hier gibt es keine Möglichkeit, nicht für die Kinder und auch nicht für die Mitarbeiter", sagt Deliah Strajer, 24, eine blühende Schwester wie aus dem Bilderbuch.
Das hoffnungslose Personal hat im Schloß von Cighid bis vor zweieinhalb Jahren Alte gepflegt, und damals soll hier so etwas wie ein Paradies gewesen sein. Die Alten wurden verlegt, ihre Betreuerinnen freuten sich, wie sie rundum versichern, auf die Kinder und richteten für sie alles schön her. Und dann kamen aus einer aufgelösten Institution in Baita zusammen mit dem schon dort tätig gewesenem Ärzte-Ehepaar Barbu diese Kinder und machten alles kaputt. Hinter den Riegel.
Und es kamen die Kleinen aus einem Haus für verlassene Kinder in Oradea. Sie kamen mit dem Verdikt "irecuperabil", wörtlich: unwiederbringlich, will heißen unheilbar krank. Sie trugen das Stigma, daß sie für den Staat "nutzlos", "nicht zu brauchen", "ohne Wert" seien, wie es die bäuerlichen Pflegerinnen reihenweise wiedergeben. Sie waren "vorgeprägt von Mißachtung", so drückt sich die sonnige Schwester Strajer aus.
Schwester Boros Gyöngyi, 27, berichtet, sie hätte hinter ihrer dicken Brille heulen müssen, als sie diese Kinder sah. Wir fragen sie, ob auch sie, die so sensibel wirkt, diese Kinder für lebensunwert hält. Sie knackt mit ihren Fingerknöcheln und sieht uns mit ihrem Eulenblick klar an: "Ja", sagt sie, "das hätte man zu Anfang machen müssen, als man gesehen hat, wie diese Kinder geboren worden sind."
Das vermeintliche Versäumnis wurde und wird nachgeholt von der demoralisierten Mannschaft, die wider Willen durch die Gesundheitsdirektion in Oradea an das Schloß gekettet blieb. "Uns hat man von hier nie weggelassen, und niemand war so dumm hierherzukommen", sagt der Pfleger Ferenc Deak, 33: "Ich bin hier nur ein kleiner Scheißer, was sollte ich tun?"
Sein Vater, Ferenc Deak Senior, 59, ist der Chefbuchhalter von Cighid. Schlips und Kragen, Sekretärin mit Mütze am antiquierten Kurbeltelefon. "Ich als Subalterner", sagt er, "ich hatte niemanden hinter mir, eine leichtere Arbeit zu finden, eine Arbeit, wie es sich gehört." Wir fragen ihn nach seiner Sicht der Dinge in diesem Haus, und er, der sein Büro im separaten Torhäuschen hat, fragt zurück: "In welchem Haus?" Um dann umständlich zu erklären: "Anläßlich gewisser Inspektionen war ich, ob ich wollte oder nicht, auch mal da. Was soll ich sagen, es ist nicht gut, es ist nicht gut." Doch wir sollten doch bitte verstehen, dieses Heim beherberge "solche, die für unseren Staat, wie soll man sagen, überhaupt keinen Nutzen haben".
14,50 Lei zur Ernährung hat er pro Tag und Kind, und wir, die für eine Mark 12 Lei nach offiziellem Kurs bekamen und von Schwarzhändlern, die 1 : 50 boten, verfolgt wurden, glauben ihm, daß damit die Kinder kaum satt zu machen sind. Zwei Millionen Lei hat er im Jahr für das Heim, einschließlich der Gehälter für 28 Mitarbeiter, das Doppelte, so rechnet er uns vor, müßte er haben. Hier reduziert sich alles Leid auf Zahlen, und wir halten den Atem an, als der Buchhalter des Todes auch noch das ständige Kindersterben als "verlorene Arbeitskraft" kalkuliert.
Um die Beerdigungsgenehmigung zu erhalten, müsse er einen Mann neun Kilometer weit zur Gemeinde schicken: "Er geht entweder zu Fuß oder fährt mit dem Fahrrad, oder er nimmt den 12-Uhr-Zug, was beinhaltet, daß er nicht mehr zurückkommt." Ferner falle ein Mann beim Brennholzhacken aus, weil er den Sarg und das Kreuz machen müsse. Zwei weitere Arbeitskräfte wären abgängig, um auf dem Friedhof das Grab auszuheben und zuzuschaufeln. "Ohne Pfarrer, ohne alles."
Wir fragen, ob denn der Chefbuchhalter die Mißstände in Cighid je seiner vorgesetzten Behörde gemeldet hätte, und er sagt, das wäre nicht nötig gewesen, "die da oben, die großen Menschen, verstehen Sie mich, mit Hochschulstudium, Ärzte und so weiter", hätten alles gewußt. Er wäre doch bloß ein kleiner Bediensteter, einerseits der ärztlichen Heimleitung unterstellt, die wiederum der Gesundheitsdirektion unterstellt ist, doch andererseits auch wieder direkt der Arbeits- und Sozialbehörde unterstellt, die für das Heim als ganzes zuständig ist. Aber Oradea ist weit.
Dort ist in das zuständige Sozialamt im Zuckerbäcker-Rathaus, erdbeerrosa und altweiß getüncht, die Revolution eingezogen in Gestalt von zwei neuen Leuten, aber der Apparat mit über 100 Bürokraten ist der alte geblieben. Constantin Nenciu, 27, ein Jurastudent, der aus dem politischen Untergrund aufstieg in die zweite Spitzenposition, bekam in Cighid einen Schock, als er sah, wofür er nun zuständig ist: "Mein erster Eindruck war, ich wollte sterben." Er sah Kinder und assoziierte "Affen", "keine Menschen", "wie Tiere gehalten". Dann faßte er sich: "Dies sind menschliche Wesen, ihr Leben liegt in unserer Hand, und wir wollen ihnen ein anderes Leben geben."
Nur er weiß nicht wie. Was hat er nicht alles getan, um wieder einen Arzt nach Cighid zu bekommen, Geld aufzutreiben, ein anderes Haus zu finden. Ein bißchen Renovierung am alten Haus kam in Gang, mehr nicht.
Im Kompetenzwirrwarr versackt sein revolutionärer Elan: "Rumäniens altes und neues Problem ist die Bürokratie." Plus Korruption. Er ist überzeugt, "daß man von den Kindern stiehlt", nur hat er keine Beweise als die allgemeine Lebenserfahrung: "Überall, wo gegessen wurde, da wurde auch gestohlen. So eine Mentalität ändert sich nur schwer. Das braucht Generationen. Eine blutige Revolution genügt nicht."
So sitzt der blasse Intellektuelle, Goldkettchen um den Hals, hinter seinem Schreibtisch und räsoniert über die Atomisierung der Verantwortung, die zur Folge hätte, daß die Lösung eines Problems fast immer gleich Null sei: "Die Schuld wird auf jeden aufgeteilt, und so ist keiner mehr verantwortlich."
Die Ärztin Barbu, die wir nach ihrer Schuld fragen wollen, hatte sie doch das Kindervernichtungsheim die längste Zeit in ihrer Hand, ist untergetaucht. Kurz bevor wir vor ihrem Haus in Oradea stehen, hat man sie vor uns gewarnt. Die vorgesetzte Gesundheitsdirektion kann das Wirken des Ärzte-Ehepaars Barbu in Cighid nicht negativ bewertet haben. Herr Doktor Barbu durfte sich letztes Jahr als Radiologe qualifizieren, Frau Doktor Barbu bekam einen Posten in Oradea, was angenehmer ist als das Pendeln in die Weltabgeschiedenheit.
Die Cighid-Ärztin Anca Cartis, die von ihrer Vorgängerin Barbu zwei Monate eingearbeitet wurde und einen Monat allein zuständig war, will über die Kollegin "nichts Schlechtes sagen". Nur soviel, daß sie bis heute nicht begreift, wie man Kinder, die man so lange kennt, einer derartigen Kälte aussetzen kann: Sie meint das wörtlich, denn fast alle Kinder hatten schwere Erfrierungen, als sie anfing, einen Kampf um das Brennholz zu führen.
Sie erzählte, wie sie im knallheißen Schwesternzimmer anordnete, daß in jedem Ofen der eiskalten Kinderzimmer sechs Körbe Holz zu verfeuern wären. Aber der Mann fürs Holz habe sich geweigert und darauf gepocht, daß es nie mehr als zwei Körbe pro Ofen gegeben hätte. Zwar gehört zu dem einstigen Jagdschloß ein Wald, aber die Stämme müssen mangels Motorsäge auf archaische Weise mit einem Eisenkeil gespalten werden. Die Ärztin Cartis rang den Holzmann nieder, und trotzdem wurde kein Feuer gemacht. Nun hätte es gehießen, es wären keine mit Petroleum getränkten Sägespäne zum Anzünden da. Schließlich hätte sie doch Wärme bekommen und die Erfrierungen der Kinder behandelt.
Sechs oder zwei Körbe oder keiner: Wir begreifen, daß die toten Kinder mit der beurkundeten Lungenentzündung im Grunde erfrorene Kinder waren.
Die Ärztin Cartis mußte kämpfen, um die Nackten und die Halbnackten zu bekleiden. "Ich wette", sagt sie, "mein Anschlag, daß jedes Kind eine Hose und Schuhe tragen muß, hängt nicht mehr an der Wand." Weil die Wäscherin die Berge von Hand nicht bewältigen konnte, hätte sie auf abenteuerlichen Umwegen vier Waschmaschinen beschafft. Wir haben nur noch zwei gesehen, eine kaputt.
Maria und Angela im Menschenzwinger - in dem Monat unter der Ärztin Cartis hätten wir diese Nacht der Zivilisation nicht gesehen. Sie hat die Mädchen befreit und medikamentös sediert. Aber auch sie wußte keinen Rat, die 17 Kinder aus dem "Izolator" herauszuholen. Sie mit Psychopharmaka vollzupumpen schien ihr nicht angezeigt. Sie unter menschlicher Obhut zu halten, scheiterte an den Menschen: "Ich war eine gegen alle mit zwei Händen und einem Stetoskop."
Mit den behinderten Kindern sei sie gut zurechtgekommen: "Man merkte, daß sie jede Streicheleinheit mit großem Glücksempfinden aufnehmen." Besiegt worden seien sie durch "die Lethargie des Personals, die unaufhörlichen Streitigkeiten, das Insistieren um jede Kleinigkeit bis in die Unendlichkeit". Aber erst, als ihre Mutter sterbenskrank wurde und ihre Pflege brauchte, habe sie sich beurlauben lassen können. Anca Cartis, 29, Mutter einer siebenjährigen Tochter und eines Schnullerbabys, fängt zu weinen an, weil sie für ihre eigene Familie die fremden Kinder im Stich gelassen hat.
"Wir konnten nichts machen", sagt der Chefarzt Pal Szabo, 55, der im Hospital der Kleinstadt Salonta, zu deren Einzugsbereich auch Cighid gehört, eine blitzsaubere Kinderstation mit 50 Betten führt. Darin haben immer wieder "Haut und Knochen" aus diesem fürchterlichen Schloß gelegen, das Szabo immer wieder "Katanga, Katanga" genannt hat, denn es läge "nicht in Europa". Es liegt 15 Kilometer weit.
Der Pädiater, der sich durchaus auf europäischem Stand befindet, wenn er auch seit einem Jahrzehnt nach internationaler Fachliteratur hungert, hat die Krankheiten der "Katanga"-Kinder, zumeist ihre Lungenentzündungen, geheilt. Aber um sie aus ihrem Zustand der Unterernährung wieder aufzupäppeln, hätte er sie monatelang oder auch Jahre in seinem Krankenhaus behalten müssen. Dafür habe seine Kapazität nicht ausgereicht, und im übrigen habe er es als Ungar im alten Regime nicht leicht gehabt.
So haben die Kinderärzte von Salonta die "Katanga"-Kinder immer wieder zurückgeschickt, mit "schlechtem Gewissen", wie Szabo sagt, denn ihm war glasklar, daß in Cighid eine "indirekte Euthanasie" läuft: "Es gibt in Rumänien viele Cighids." Aus Angst, so sagt der Arzt, habe er "in der Zeit des Schweigens auch die Augen zugemacht" und das "Selektionssystem" akzeptiert. Er redet von seiner Ohnmacht und "der Macht der Kommissionen", deren Mitglieder "niemand kennt".
Wir finden den Raum, in dem die Kommission des Kreises Bihor an jedem 10. und 25. des Monats tagt. Er befindet sich im von außen verträumt wirkenden Hospital für Neurologie und Psychiatrie von Oradea. Der Chefarzt der Kinderabteilung, Stefan Kecskemeti, 55, halb österreichischer Abstammung, klärt uns auf Deutsch über den bürokratischen Vorgang auf.
Im Kreis Bihor, einem der größten im Lande, gehen über den langen Tisch der Kommission pro Jahr etwa 800 Akten. Wenn sie drei Jahre alt sind, kommen die Papiere aller Sozialwaisen und Problemkinder des Bezirks auf diesen Tisch, wenn sie schulreif sind, wieder. Ein Facharzt für Nervenkrankheiten, ein Kinderpsychiater, ein Psychologe, ein Logopäde, ein Schularzt und ein bis zwei Bedienstete der Verwaltungsbehörde unterscheiden auf Grund der Krankenblätter zwischen, wie sich Kecskemeti ausdrückt, "solchen Kindern, denen man helfen kann, und solchen, denen man nicht helfen kann".
Irecuperabil, das Verdikt, das über den Kindern von Cighid hängt und ihr Leben, ihr Sterben prägt - es stammt aus diesem Raum und hat weite Kreise gezogen bis ins Hirn der einfachen Bäuerinnen.
Als Chef gehört Kecskemeti der Kommission nicht an. Dafür hat er seine Leute. Sie arbeiten nach einem System, hinter dem er voll und ganz steht, und sortieren die Kinder nach Intelligenzquotienten in verschiedene Kategorien: "Zwischen 70 und 51 wird in die Sonderschule für sogenannte Debile geschickt", sagt Kecskemeti, "unter 50 kommt in sogenannte Schulheime, unter 30 sind Versorgungsfälle, mit denen man medizinisch, wohlgemerkt medizinisch, nichts mehr tun kann."
Daß die "Versorgungsfälle" in Cighid nicht nach dem Standard in seiner wohlgeordneten Klinik versorgt werden, hat er früher schon gehört und kürzlich mit eigenen Augen gesehen. "Schrecklich", sagt er, "aber wir haben kein Recht, uns da einzumischen." Er verweist auf die Zuständigkeit der Arbeitsbehörde und legt gesteigerten Wert auf die Feststellung, daß eine andere Kommission, die den Beinamen "zum Schutz Minderjähriger" trägt, zu entscheiden habe, in welche Institution welches Kind kommt. Dagegen sei die Kommission in seinem Haus - und da haben wir sie wieder, die atomisierte Verantwortung - nur für die medizinische Begutachtung zuständig.
Wir bezweifeln, daß man bei Dreijährigen den Intelligenzquotienten bestimmen kann. "Man kann": Der Psychiater verteidigt seine Berufsehre. In seinem Haus gebe es Daten von 15 000 Problemkindern aus dem Bezirk Bihor, deren Entwicklung verfolgt werde. Da habe man seine Erfahrungen und zum Beispiel herausgefunden, daß es früher in Rumänien eine Akzeleration wie im Westen gegeben hätte, doch nach der "großen Sparkatastrophe" eine Dezeleration: Die Kinder bleiben kleiner.
In diesem Beobachtungshaus, das so freundlich aussieht, produzieren Kinder durch ihr Spiel Daten für ihre lebensbestimmenden Akten. Einbis zweimal im Monat sind Kecskemetis professionelle Kinderbeobachter außer Haus tätig: In Oradeas Krippe, wo 450 Kinder bis zum dritten Lebensjahr aufgezogen werden, sammeln sie Erkenntnisse für die erste Selektion.
In dem klassizistischen Gebäude, das vor einem Jahrzehnt umgebaut wurde, um aus dem ganzen Kreis die Nebenprodukte des Gebärzwangs aufzunehmen - die Liegengelassenen in den Entbindungsstationen, die Findlinge an unmöglichen Orten, die Überzähligen aus hungrigen Geschwisterscharen, die Zurückgelassenen vagabundierender Zigeunersippen, die Unversorgten aus desorganisierten Familien - noch und noch saubere Gitterbettchen, darin gepflegte Kinder.
Wir befinden uns in einem Zimmer mit acht Säuglingen und sehen durch die Wandscheibe in das nächste Zimmer und so fort bis ans undefinierbare Ende der riesig langen Station. Wir überblicken eine Flucht der Verlassenheit und rechnen hoch, daß es in Rumäniens 39 Kreisen 10 000 bis 15 000 verlassene Kinder unter drei Jahren in solchen zentralen Aufbewahrungshäusern geben muß. Hier könnten sich die kinderlosen Paare aus den reichen Nationen wie nach Katalog bedienen, ein Kleines knuddeliger als das andere. Lieber im Westen mit Marshmellows vollgefressen als in Rumänien fürs Leben ruiniert.
Zwar werden hier die Kinder mit 14,50 Lei, demselben Tagessatz wie in Cighid, immerhin so gut ernährt, daß sie nicht elend aussehen. Hier stirbt keines an Vernachlässigung. Aber hier läuft ein Skandal subtilerer Natur. Die diensthabende Ärztin, Ana Kövari, 40, Mutter zweier Kinder, wagt ihn jetzt nach der Revolution ebenso offen auszusprechen wie unabhängig von ihr auch ihre Kollegin Ida Nagy, 47, Mutter eines Kindes. Sie kennen sich aus in der Forschung über Hospitalismus, sie wissen, daß Kinder körperlich, seelisch und geistig degenerieren, wenn sie nicht genug Zuwendung bekommen. Hier stehen oder liegen selbst Kinder, die über ein Jahr alt sind, die meiste Zeit in ihren Bettchen, weil nicht genug Personal da ist und auch nicht genug Raum in diesem idiotisch umgebauten Haus.
Nach sozial-darwinistischem Gesetz erobern sich die niedlichen Kinder vom raren Gut menschlicher Wärme ein größeres Stück, während die anderen in ihrer Entwicklung zurückfallen, erst recht die Kinder mit den Geburtsfehlern, die einer besonderen Förderung bedürften, aber in den großen Stationen an den hinteren Enden zu finden sind.
In diesem Haus werden unter großem Einsatz die Frühgeburten gerettet, wie vom Regime Ceausescu befohlen, damit Rumänien prächtig dasteht im internationalen Vergleich der (bis zum ersten Lebensjahr erfaßten) Säuglingssterblichkeit, die als zivilisatorischer Gradmesser gilt. Nach einer bis heute gültigen Vorschrift wird Kinderärzten das Gehalt gekürzt, wenn sie das Überlebenssoll nicht erfüllen.
Hoffnungslose Hungerbündel, graue Greisengesichtchen - sie dennoch durchzubringen, das haben sie in Oradea, anders als in Temesvar (SPIEGEL 5/1990), fast immer geschafft. Mehr als fünf Frühchen im Jahr sind nie gestorben. Im Brutkasten ist der Nachwuchs warmgehalten worden - für die Erledigung in Cighid.
Tiberius Varga, der Junge, der jetzt im kalten Schloß mit dem Kopf unter der Decke hockt und das Essen verweigert - vor sieben Jahren war er, im sechsten Monat mit 1600 Gramm geboren, ein Schatten von einem Kind, schwere Bronchitis, in der Säuglingsstation von Oradea auf die Seite des Lebens gezogen worden - um seine Chance schnell wieder zu verlieren. Mit vier Monaten wies er nur eine "mittelmäßige Retardierung" auf; nachdem er den Silo für die Ein- und Zweijährigen durchlaufen hatte, wurde er mit "starker Retardierung" in das Kontingent sortiert, dem nicht mehr zu helfen war.
Wie abstrus so ein Kinderschicksal verlaufen kann, demonstriert uns die Ärztin Kövari an einem putzigen Kerlchen, drei Jahre und neun Monate alt, das in dem öden Krankenhausgang munter umherjagt. Als die Dreijährigenselektion anstand, war es noch so zurückgeblieben, daß es keinen Schritt laufen konnte, ein Kandidat womöglich für Cighid. Man hat ihn unter der Hand in Oradea behalten, und auf einmal hat er einen Sprung gemacht. Die Schwestern, die nicht wissen, daß wir das wahre Alter des Kindes kennen, behaupten steif und fest, ihr Liebling sei noch nicht drei.
Die Schönen und die Klugen, so bestätigt die Ärztin Nagy, bleiben in Oradea und kommen mit drei ins benachbarte Vorschulkinderhaus. Die irecuperabil Gezeichneten gehen nach Cighid und die Übriggebliebenen aufs Land, etwa in das Dorf Tinca.
"Wir haben noch nie ein schönes und kluges Kind bekommen, aber uns gefallen unsere Kinder", sagt die Erzieherin Florica Luncan, 33, in dem ärmlichen, aber reinlichen Heim von Tinca. Wenn sie mit drei aus Oradea ankommen, könnten die meisten ihrer Schützlinge weder richtig laufen noch allein essen. "Viele sprechen kein Wort", berichtet die Erzieherin: "Es ist eine titanische Arbeit, diese Kinder voranzubringen, daß sie, wenn auch verspätet, mit sieben oder acht Jahren zur Schule gehen können."
Ihre Zöglinge sollten eigentlich Mittagsschlaf halten, aber der fremde Besuch hat sie neugierig gemacht, und eine Hundertschaft quillt aus den Zimmern. Um uns tobt eine satte, lustige Schar. "Wir lassen ihnen viel Freiheit", sagt Tante Florica. Dem kleinen tapsigen Zigeunerjungen wird schnell die heraushängende Windel eingeschoben, damit er sich auf dem Foto gut macht.
Wir fragen, was denn mit den Kindern geschieht, die an der Selektion für die Schulreife scheitern. "Cighid", sagt sie, doch bisher seien nur zwei Kinder von ihr dahingekommen: "Aber wir wußten nicht, daß wir sie auf den Friedhof oder nach Auschwitz schicken, wie man hier jetzt so sagt, nachdem das alles bekannt geworden ist." Von dem einen Kind weiß sie noch den Namen, Radu Kereszturi, er müßte neun Jahre alt sein. Von dem anderen erinnert sie nur noch den Vornamen Daniel und daß er aus dem Dorf Gurbedin stammt, auch, daß er Gedichte aufsagen und Lieder behalten konnte, aber starke Schwierigkeiten beim Sehen hatte.
Wir rechnen uns aus, daß die Chancen 50:50 stehen, die Kinder lebend zu finden. Auf dem Friedhof am Rande des Dorfes Ghiorac stehen die Kreuze der Kinder von Cighid abseits auf einem Acker, und ein neues Stück ist schon frisch gepflügt. Die ersten Reihen der Gräber sind von altem Gras überwachsen, in den letzten sind die Erdhügel noch nackt. Auf einem rohen Holzkreuz finden wir die Lettern KERESZTURI, darunter die Vornamen RADU TIBOR. Daniel steht auf keinem Kreuz geschrieben, aber manche sind schon umgefallen und verrottet.
Doch in Cighid bekommen wir von einem Daniel ein Lebenszeichen durch eine verächtliche Bemerkung: Der böse Junge, so wird uns gesagt, sei wieder einmal nicht hier und treibe sich wohl am Bahnwärterhäuschen herum. Er sitzt da mit zwei größeren Mädchen, die wir schon kennen. Die eine hat uns erzählt, daß sie so gern lesen und schreiben lernen möchte, die andere, daß sie immer wieder von einem Arbeiter des Heims belästigt werde.
Wir fragen den Jungen, ob er aus Gurbedin stammt, und er sagt ja. Und wir fragen ihn, ob er noch Gedichte und Lieder kennt, und er sagt nein, aber dann erinnert er sich an einen Kinderreim: "Das Hündchen mit dem krausen Haar stiehlt die Ente aus dem Stall . . ." Wir fragen ihn, ob er sich noch an das Heim in Tinca erinnern könnte, und da strahlt er und rattert die Namen der "Tanten" herunter.
Tinca ist verloren, Cighid ist für den Zigeunerjungen Daniel Bercsenyi, 14, die Heimat, seit er einen Ort kennt, der noch fürchterlicher ist: sein Zuhause. Im letzten Sommer war er aus der traurigen Bewahranstalt davongelaufen nach Gurbedin. Er kam zurück voller Flöhe und mit einem halb abgerissenen Ohr. Sein Vater, so sagte er im Heim, habe ihn mit den Füßen getreten. Seither hat er keine Sehnsucht mehr, weit fortzulaufen, er geht immer nur das kleine Stück fort zu den Gleisen.
Die warmherzige Bahnwärtersfrau stellt den Kindern das Radio an, und aus dem frühgeschichtlichen Empfänger kommt Volksmusik. Der halbblinde Daniel, dem das nie jemand beigebracht hat, fängt mit Grazie zu tanzen an, und uns kommen endlich die Tränen.
Vom Leidensweg des Kindes Radu Kereszturi finden wir in der Totenschublade die letzten Spuren. Zu früh geboren, überzählig als neunter, Bronchitis, Mandelentzündung, Unterernährung, Kreislaufstörungen, Hepatitis, "institutionalisiert" schon als Baby, Stationen Oradea, Tinca, Cighid. "Seit der Ankunft in diesem Haus", so steht in seiner Akte, "hat er sich zurückgezogen, hat die Fütterung abgelehnt, fast systematisch, ist progressiv abgemagert und dadurch atrophisch geworden. Das Kind ist gestorben als Folge eines Herz- und Kreislaufstillstandes." Gestorben nach 63 Tagen in diesem Hinrichtungsschloß, angeblich "18.00".
Von Ariane Barth

DER SPIEGEL 13/1990
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