04.06.1990

„Ja, ich bin ein Wüstling“

Was tat der Marquis de Sade? Er röstete kleine Mädchen und bestreute sie mit gestoßenem jungen Mann.
Grausamkeit wird, wer da nicht ißt, im "Cafe de Sade" kaum erdulden müssen. Auch die "Studios de Justine", benannt nach des Marquis' berühmtester Heldin, bieten nichts weiter als Bett und Frühstück. Frivolen Hintersinn immerhin birgt ein Dessert im "Restaurant Simiane": Eine Banane, flankiert von zwei Kugeln Lavendel-Eis, kommt als "Les delices de Justine" auf den Tisch.
Lacoste, ein Dorf in der Provence, nicht fern von Avignon, 309 Einwohner, enge, steile Stolpergassen, alte Torbögen, rustikale Gemäuer. Sie krallen sich in den Drachenrücken des Bergzuges Luberon, ducken sich unter die mächtige Ruine, die, bröcklig und bizarr, über ihnen thront: Lacoste, das Stammschloß des Marquis de Sade.
Donatien Alphonse Francois Marquis de Sade (1740 bis 1814), Urheber der schaurigsten Hinkelsteine der Weltliteratur, "Evangelist des Bösen", "sexuelles Raubtier", "Professor des Verbrechens", "Bluthusten der europäischen Kultur" oder, für seinen Herold Apollinaire, der "freieste Geist, der jemals gelebt hat", der "das 20. Jahrhundert gut beherrschen könnte": Die Manen des Marquis sind für empfindsame Gemüter in Lacoste zu Hause.
Sie sind, als Hohn auf die Humanität, als Umwerter aller Werte, als permanente Provokation längst in das Haus Europa eingedrungen, nisten in sinistren Ecken, beherrschen literarische Salons, bewegen philosophische Köpfe und reizen die Phantasie von Malern, Filmern, Dramatikern. Die Tableaus aus Wollust und Terror, die Kataloge der Laster, die schillernden Diskurse über Natur und Verbrechen, die surrealen Zeit- und Sittengemälde des Marquis - kein anderes Werk hat den zivilisierten Menschen so attackiert, verstört, entsetzt, aber auch enthusiasmiert.
"Solche Männer gefallen mir", schrieb Flaubert, "solche Ungeheuer verdeutlichen mir die Geschichte." Andre Breton sah ihn als "echtesten Vorläufer von Freud und der ganzen modernen Psycho-Pathologie"; für Paul Eluard gab Sade dem "zivilisierten Menschen die Macht seiner natürlichen Triebe wieder"; in seinem Werk, schrieb der Katholik Pierre Klossowski, könne die Gesellschaft "ihre eigene Grausamkeit erkennen und hassen".
Sades Verdienst sei, so Simone de Beauvoir, "verkündet zu haben, was jeder Mensch sich verschämt eingesteht"; für Camus war er "unser Zeitgenosse", weil ihn sein "verzweifeltes Verlangen nach Freiheit in das Reich der Knechtschaft" führte. Paul Claudel: "Es ist wenigstens gut, daß man Sade die Hälfte seines Lebens im Dunkeln hat zubringen lassen."
Als "kulturelle Revolution" empfand Luis Bunuel den Marquis; er las ihn "mit tiefem Erstaunen", sein Kollege Eisenstein eher mit Behagen. Ernst Jünger bohrte sich die Sprache Sades "mit glühenden Stacheln ins Fleisch", Hubert Fichte rühmte ihre "mythische Knappheit des Kochbuchs", Alice Schwarzer sieht nur "härteste Pornographie ohne jeden künstlerischen Wert". Die Bestseller-Feministin ("Salz auf unserer Haut") BenoIte Groult: "Sades Rehabilitierung heute sollte uns alarmieren."
Auch wo er nicht gelesen wird, ist er allgegenwärtig, in der Marter als sexuellem Genußmittel, im Mord aus Vergnügen, im Leiden als Lust. Die Anrufung der Peitsche, neben der Feder Sades Lieblingsgerät, ertönt auch, wenn Madonna singt, daß sie gern eins "auf den Hintern" kriegt; und ein schlichter Hunde-Quäler muß sich sagen lassen: Sadist.
Frankreichs Surrealisten, von Sades "Schwarzem Humor" (Andre Breton) angetan, waren als erste zu der Provence-Ruine gewallfahrt, hatten wohlig gruselnd die Verliese durchstreift, Sades "Eingeweide der Erde", und Lacoste als Vorbild für imaginäre Orgien-Orte des Marquis ausgemacht - etwa Schloß Silling in den "120 Tagen von Sodom"; Folterkeller, nach denen moderne Touristen gieren, gab es auf Lacoste nicht.
Aber Geschichten gibt es. Als junger Ehemann verbrachte Sade etwa einen sommerlichen Honigmond auf Lacoste, mit glanzvollen Theateraufführungen - der einen Leidenschaft des Schloßherrn. Die Frau an seiner Seite war allerdings nicht die angetraute, sondern eine seiner zahlreichen Mätressen.
Der anderen Leidenschaft frönte er auf Lacoste im Schnee. "Aus tausend Gründen", schrieb er einem Vertrauten, "sind wir dazu entschlossen, diesen Winter nur sehr wenig Leute zu sehen." Die er brauchte, waren schon da, fünf 15jährige Mädchen und ein sehr jugendlicher "Sekretär"; auch die Gattin spielte diesmal mit. Als die durch Gerüchte aufgeschreckten Eltern ihre Kinder wiederhaben wollten, mußten sie warten: Die Wunden der Gespielen sollten erst heilen und verschwinden.
Doch Sade blieb nur ein seltener Gast auf Schloß Lacoste, die Hälfte seines Erwachsenenlebens hauste er in fremden Gemäuern: Insgesamt 29 Jahre verbrachte er, etappenweise, in Kerkern und Irrenhäusern, zumeist ohne ordentliches Gerichtsurteil und ohne Schuldbewußtsein ("Ich habe einige Ärsche versohlt, gewiß"); die auferlegte "entsetzliche Enthaltsamkeit des Fleisches", schrieb er, hat ihm "den Kopf erhitzt" und "Phantome entstehen lassen, denen ich nun Leben einhauchen muß".
Phantome, die - in einem in jeder Hinsicht ausschweifenden Werk - wollüstig in Fleisch, Blut und Kot wühlen und den Marquis, bekanntlich, zum Namenspatron einer seltsamen Neigung machten; und den Taufakt hat, natürlich, ein Wiener Nervenarzt vollzogen:
In seiner "Psychopathia sexualis" (Erstausgabe: 1886) ernannte Richard Freiherr von Krafft-Ebing den "monströsen Marquis de Sade" zum "berüchtigten Vertreter" jener "Sadismus genannten Form sexueller Perversion", welche darin bestehe, "daß Akte der Grausamkeit, am Körper des Weibes vom Manne verübt, nicht sowohl als präparatorische Akte des Coitus bei gesunkener Libido und Potenz, sondern sich selbst als Zweck vorkommen".
Das Krafft-Wort, das Sades Repertoire keineswegs in seiner Fülle ("polymorph pervers") umfaßt, hat den Marquis, wenigstens im Reich der Sinne, weltberühmt gemacht; im Reich der Literatur war Sades Weg zum Parnaß wesentlich mühseliger, verschlungener, dornenreicher. Nun, im Jahr seines 250. Geburtstags (2. Juni), ist er oben.
Denn nachdem sein Werk, nach einem Jahrhundert im Schwül-Verborgenen, durch die Mühlen des Surrealismus, Marxismus, Existentialismus, Strukturalismus und schließlich Feminismus gedreht worden ist, winkt ihm jetzt höchste Weihe - die eines Klassikers. Und ein paar tausend Schafe mußten dafür sterben.
Ihr Leder nämlich wird drei Prachtbände umhüllen, in denen Sades Hauptwerke auf "leichtem Bibel-Papier" in das Pantheon jener Bücher eingehen, die "der Menschheit heilig" sind und "der Lust des Geistes" dienen. So definiert sich die "Bibliotheque de la Pleiade", die Weltliteratur-Hitparade des Pariser Verlags Gallimard; für Verkehrsteilnehmer: "Man sagt ,Pleiade', wie man ,Rolls- Royce' sagt."
In der mittlerweile knapp 400 Bände umfassenden Reihe, von Aristoteles bis Zola, wird Sade zwischen Rousseau und Saint-Exupery zu stehen kommen, ediert und kommentiert "auf höchstem literaturwissenschaftlichen Niveau"; und damit ist jene Seligsprechung ratifiziert, die schon die Surrealisten vorwegnahmen: "Göttlicher Marquis".
Phantastische Karriere. Noch im Jahr 1958 wurde, nach einem aufsehenerregenden Prozeß, eine französische Sade-Edition eingestampft und der Verleger Jean-Jacques Pauvert verurteilt. Pauvert schreibt, im Jubiläumsjahr, am dritten Band einer Biographie des Marquis, für ihn eines der "fünf oder sechs Universalgenies". Sades erster Biograph, Jules Janin (1804 bis 1874), hatte eine "von Blut triefende Hyäne" wahrgenommen.
Und Vater Staat setzt die Krone darauf. Im wohlerhaltenen Provence-Schloß Saumane, einstens gleichfalls in Besitz der Sade-Familie, errichtet das Departement de Vaucluse, als Stiftung, eine Sade-Forschungsstätte mit allem, was dazugehört: Sade-Archiv, Sade-Kolloquien, Sade-Jahrbücher. Als Exekutiv-Sekretär im Vorstand: Thibault Marquis de Sade, 33.
Der schmale Mann mit dem Charme des alten Blutes (siehe Kasten Seite 203), direkter Nachfahr des "Göttlichen" in fünfter Generation, ist in jeder Hinsicht für das Amt gewappnet. Er schrieb seine Doktorarbeit über "Sade und die Politik", ist selber, als Chirac-Assistent, in der Politik tätig - und schreibt erneut über seinen Ahnherrn.
Zusammen mit dem Historiker Maurice Lever arbeitet er an der definitiven Monumental-Biographie; als Parallel-Aktion gedenkt er, ein halbes Dutzend Bände mit unbekannten Sadiana aus dem Familien-Archiv zu edieren, und ein erster Vorstoß zur Image-Pflege des einst Verruchten hat ihm bereits allerhöchstes Kenner-Lob eingetragen:
"Sinnlich", "Eleganz eines Seidenstrumpfes", schwärmte der "Guide Hachette du Vin" und gab drei Sterne; "nichts für Masochisten", befand der "Gault/Millau". Anlaß: ein von Thibault de Sade lancierter "Champagne Brut, Grand Cru" (160 Franc) und ein "Champagne Brut Private Reserve" (290 Franc) mit dem illustren Namen "Marquis de Sade". Drei neue Romane, die sich um den Marquis ranken, weitere Biographien und Essays konkurrieren mit dem Geist in der Flasche. Und was legt Deutschland, das der 17jährige Sade als Kornett und Sexual-Scout im Siebenjährigen Krieg beritt, dem Jubilar auf den Gabentisch?
Sade-Verleger wie Merlin und Harenberg haben die Druckmaschinen wieder angeworfen; bei Schneekluth erschien eine Biographie des französischen Schriftstellers Raymond Jean*; den Coup landet der Münchner Verlag Matthes & Seitz.
In einer auf fünf Jahre angelegten, mit der "Pleiade"-Edition verklinkten Aktion bringt der Verlag kommentiert und neu übersetzt erstmals das Chef d'OEuvre Sades in voller Länge vor die Deutschen. Der Titel in voller Länge, zugleich Inhaltsangabe: "Die Neue Justine oder Vom Mißgeschick der Tugend gefolgt von der Geschichte ihrer Schwester Juliette oder Vom Segen des Lasters". ** D. A. F. de Sade: "Justine und Juliette I". 320 Seiten; 68 Mark. * Raymond Jean: "Ein Portrait des Marquis de Sade". 448 Seiten; 46 Mark.
Zehn Bände zu je 300 bis 400 Seiten sollen es werden, Sades umfangreichstes Pandämonium und Pornorama aus Gewalt, Verbrechen, Perversion, aus höhnischem Atheismus, politischer Subversion und infamer Philosophie; Band I kommt in diesen Tagen auf den Tisch**.
"Justine/Juliette" florierte bislang nur in einer altdeutschen Stummel-Version aus dem Jahre 1904; die neue Total-Fassung entspringt außerordentlich jugendlichen Händen: Im Vorwort danken Stefan Zweifel und Michael Pfister, beide 22, ihren Eltern, "die unserem Sade-Studium keine moralischen Schranken setzten und uns bereits vor unserem 18. Geburtstag mit der Übersetzung des Werkes beginnen ließen".
Die beiden sind Schweizer, Studenten der Philosophie und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Zürich, blitzgescheit und mittlerweile profunde Sadologen. Ziel ihres monumentalen Wirkens: das "Geniale bei Sade" nicht nur im "Genitalen" zu orten, sondern im Literarischen, getreu dem Diktum des Strukturalisten Roland Barthes; der vergötterte den Marquis zum "klassischsten Autor Frankreichs", freilich unter dem Aspekt: "Der Sadismus ist nur der vulgäre Inhalt des Sadeschen Textes."
Zweifel/Pfister entdecken folgerichtig in "Justine/Juliette" den "geheimen Angelpunkt Ironie und Humor", Sades "souveränes Spiel mit Sprachgesten", die Kenntnis und Parodie "aller Regeln der klassischen Rhetorik". Kleine Degustation der Neuübersetzung, vergleichende Sprachwissenschaft zwischen dem altdeutschen und dem neuen Sade:
Wurde das "Verbrechen" einst so gemalt, "wie es ist, das heißt, immer triumphierend, immer zufrieden, immer beglückt", so wird es nun "mit beherztem Wagemut wirklichkeitsgetreu" beschrieben: "erhaben in nie abbrechendem Siegesrausch und zufrieden in ewiger Glückseligkeit". Und die "Tugend", in der alten Version "immer unglücklich, immer leidend, immer unterliegend", zeigt jetzt ihr wahres Gesicht: "allenthalben verdrossen, verhärmt und selbst in ihrem Unglück stets besserwisserisch".
Grausame, in diesem Fall sogar sadistische Ironie des Schicksals oder Von der Diabolik der Dialektik: Als Zwangsverwahrter in der Irrenanstalt Charenton, dem Domizil seiner letzten Dekade, belebte den Missionar des Verbrechens kein "Siegesrausch"; vielmehr notierte er: "Es ist schrecklich, wenn sich der Ring der Jahre schließt, ohne daß man je glücklich gewesen ist."
Und seine Dialektik: "Nicht meine Facon des Denkens hat mich ins Unglück gestürzt, sondern die der Anderen."
Tatsächlich waren es anfangs weniger Gedanken als Taten, die den Marquis, Sproß alten Provence-Adels, verwandt mit dem Königshaus, in die Bredouille brachten; ihm den Ruf eintrugen, den er selber so formulierte: "In der Provence wird keine Katze geschlagen, ohne daß es heißt, es war der Marquis de Sade."
In der Buchführung der Sadologen sind es vier "Affären", die den Edelmann belasten: die "Affäre Testard" im Oktober 1763; die "Affäre Rose Keller" im April 1768; die "Affäre von Marseille" im Juni 1772 und die (schon erwähnte) "Affäre der kleinen Mädchen" im Winter 1774/75 auf Lacoste.
"Die Affäre Testard". Sade, fünf Monate verheiratet, 23 Jahre alt, engagiert bei einer Pariser Kupplerin die 20jährige Jeanne Testard, Arbeiterin in einer Fächerwerkstatt. Per Kutsche bringt er sie zu einem "kleinen Haus mit gelbgestrichenem Torbogen und Eisenspitzen" (Testard-Aussage vor der Polizei), und dort sei ihr "Grauenvolles" widerfahren.
Der blatternarbige, dunkelblonde Herr (Testard über Sade) habe fürchterliche Gotteslästerungen ausgestoßen, ihr erzählt, er hätte schon ein Mädchen fleischlich besessen, dem er vorher zwei Hostien eingeführt hatte, und danach gerufen: "Wenn es dich wirklich gibt, Gott, dann räche dich."
Danach geleitete sie der Herr, so die Testard, in ein Zimmer, in dem vier Handvoll Ruten, fünf Klopfpeitschen, zwei Kruzifixe sowie erotische Stiche "von größter Anstößigkeit" an den Wänden hingen; der Herr fordert sie auf, eine Peitsche aus Eisendrähten im Feuer zur Rotglut zu bringen und ihn damit zu schlagen, anschließend werde er sie peitschen. Die Testard weigert sich.
Als nächstes nimmt der Herr die beiden Kruzifixe von der Wand, tritt eines mit Füßen und "bedient" sich des anderen "bis zum Samenerguß". Mit vorgehaltener Pistole zwingt er die Testard zu ähnlichem Frevel; seinem Drängen, "einen Einlauf vorzunehmen und diesen über der Christusfigur auszugießen", verweigert sie sich jedoch, ebenso dem Ansinnen, "mit ihr auf eine widernatürliche Weise zu verkehren".
Die "Affäre Rose Keller". Sade, 27 Jahre alt, seit einem halben Jahr Vater eines Sohnes, liest am Ostersonntag in Paris eine Bettlerin auf, die 36 Jahre alte Witwe Rose Keller. Er benötige ihre Dienste als Zimmermädchen, sagt Sade, lädt sie in eine Droschke und fährt mit ihr zu seiner "petite maison" in Arcueil.
Aus Rose Kellers Aussagen vor der Polizei: Sade sperrt sie in einen Verschlag und fordert sie auf, sich auszuziehen, sodann schleppt er sie, immer unter Todesandrohungen, in ein Zimmer, wirft sie bäuchlings auf ein "rotweißes indisches Kanapee" und bindet sie da fest; der Marquis zieht Hemd und Jacke aus, streift eine ärmellose Weste über und wickelt sich ein Taschentuch um den Kopf.
Nach diesem theatralischen Arrangement, halb Henker-, halb Piraten-Stück: Action! Sade peitscht Rose Keller fünfbis sechsmal, in den Zwischenakten reibt er sie mit Salbe ein, und auf dem Höhepunkt der Gewalt stößt der Marquis "sehr hohe, erschreckende" Schreie aus. Vorhang; später Flucht der Keller.
Die "Affäre von Marseille". Sade ist 32 Jahre alt, nun zudem Vater einer Tochter, und steht mitten in einer fulminanten Theatersaison auf Lacoste. Als Regisseur und Schauspieler führte er, vor glänzender Gesellschaft, Gegenwarts-Komödien auf, wie "Der verheiratete Philosoph" oder "Die Sitten der Zeit"; auch in seinem Intim-Theater werden die Stücke komplexer und figurenreicher:
Insgesamt sechs Personen stehen auf dem Theaterzettel. In den Hauptrollen Herr und Diener (der Marquis und sein Lakai), in (er)tragenden Nebenrollen vier Dirnen aus Marseille, alle um die 20 Jahre alt; als Requisiten dienen Peitschen und Stimulantien aus der Dose. Möglicher Titel des Stückes: "Die Spanische Fliege oder Ein Tag in Sodom".
Sade nämlich traktiert die Dirnen üppig mit dem traditionellen Brunft-Steigerer, und er praktiziert, was damals "Sodomie" hieß und mit "Verbrennen bei lebendigem Leibe" geahndet wurde: Analverkehr, aktiv wie passiv, homo- wie heterosexuell - die eigentliche Passion des Marquis, neben der Peitsche.
Die Dramaturgie der Marseiller Lustbarkeit verläuft in Arrangements, die Horkheimer/Adorno in ihrem erhellenden "Juliette"-Essay (in "Dialektik der Aufklärung") mit "Turnerpyramiden" vergleichen; Beispiel: Lakai in Sade, Sade zugleich in Dirne. Einigen Mädchen freilich kommt das Kotzen; die Überdosis von Spanische-Fliegen-Plätzchen schlägt ihnen auf den Magen, sie fühlen sich vergiftet und laufen zur Polizei.
Die "Affäre der kleinen Mädchen" schließlich, zwei Jahre später auf Sades Stammschloß Lacoste, lenkt schon den Blick auf Größeres, auf Literatur: In Sades 550-Seiten-Torso "Die 120 Tage von Sodom oder Die Schule der Ausschweifung", verfaßt zehn Jahre später im Kerker der Bastille, ziehen sich gleich vier adlige Wüstlinge auf ein unzugängliches Schloß zurück, mit insgesamt 46 Frauen, "Fickern", Mädchen und Knaben, von denen 30, weil "bei den Orgien massakriert" (Sade), nicht überleben.
Mit den "Affären" steigern sich jeweils die Folgen, und eine einflußreiche Frau am Hofe von Versailles, Sades Schwiegermutter, Gattin des Pariser Gerichtspräsidenten, hat jeweils die Hand im Spiel; erst als guter Engel, später als rächende Nemesis.
Nach der "Affäre Testard": Verhaftung, zwei Wochen Internierung im Gefängnis von Vincennes, Schwiegermutter paukt ihn heraus. Nach der "Affäre Rose Keller": ein halbes Jahr Haft in der Festung Pierre-Encise, die "Präsidentin" fördert Begnadigung. Um Kopf und Kragen aber geht es dann nach der "Affäre von Marseille".
Angeklagt wegen "Sodomie" und "Giftmischerei", werden der Marquis und dessen Lakai zum Tode verurteilt und am 12. September 1772 auf der Place des Precheurs in Aix hingerichtet und verbrannt - "in effigie", natürlich, denn Marquis und Lakai, ein Paar wie Don Juan und Leporello, haben sich nach Italien abgesetzt; als Sade-Geliebte dabei: Anne-Prospere, die jüngere Schwester seiner Frau.
Die folgenden fünf Jahre gemahnen an eine unsterbliche Fernseh-Figur, Dr. Kimble, "Auf der Flucht"; auch an einen Abenteuer-Roman im Stil der "Drei Musketiere". Sade wird festgesetzt, seine Frau eilt ihm, in Männerkleidern, zu Hilfe, halsbrecherische Flucht des Marquis, Unterschlupf in Lacoste, die "Präsidentin", mittlerweile Nemesis, schickt ihre Häscher, zweites Entkommen nach Italien, aber dann ist Schluß.
Zwar wird das Todesurteil kassiert, aber was es ersetzt, ist auch nicht von Pappe. Die "Präsidentin" erwirkt eine königliche "Lettre de cachet", eine persönliche Order des Monarchen, und die erlaubt, den Marquis ohne Gerichtsurteil in Sicherheitsverwahrung zu nehmen. 1778 beginnt er seine erste Langstrecken-Haft (bis 1790); zunächst in Vincennes, ab 1784 in der Bastille.
Zwei Menschen sind ihm in all den Jahren treu gefolgt, durch dick und dünn, durch Nacht und Not; der eine als Polizist, der andere als Ehefrau.
Dem Polizeiinspektor Louis Marais oblag die interessante Aufgabe, das Liebesleben jener adligen Müßiggänger zu observieren, die sich gern "Libertins" nannten - ein Begriff, der, je nach Blickwinkel, mit "Freigeist" oder "Wollüstling" umschrieben werden konnte. Marais' Dossiers waren bei Hofe, als Unterhaltungssektüre, sehr geschätzt; den Marquis hatte er schon als Frischvermählten scharf im Visier.
Marais, durchaus auch Connaisseur, notiert penibel, was der Libertin Sade aus Bordell und Ballett so zu sich nimmt; er vermerkt Modisches der Sade-Mätressen ("trägt verführerische Negliges"), ihren Preis ("kostet ihn gut und gern 20 Louis im Monat"), ihre Dienste ("Der Marquis hat zweimal mit ihr verkehrt"). Die helle Seite.
Die finstere: Im Jahr nach der "Affäre Testard" hat Marais der Bordell-Chefin Brissault "dringend empfohlen, dem Marquis keine Mädchen zu besorgen, die mit ihm in ,kleine Häuser' gehen". In einem späteren Bericht führt er aus, Sade habe die Brissault "heftig angefleht, ihm Mädchen zu schicken"; sie habe es ihm aber abgeschlagen, "denn sie weiß ungefähr, wozu er fähig ist".
Unheil schwant ihm trotzdem, "gewiß wird man schon bald von ihm hören". Am 7. September 1778 eskortiert Inspektor Marais den Marquis de Sade zur Elf-Jahre-Haft in das Gefängnis von Vincennes.
Rätselvoll bleibt der andere Weggefährte Sades, Renee-Pelagie Cordier de Launay de Montreuil, die Gattin des Marquis. Der japanische Dramatiker Yukio Mishima, Künder heroischer Homosexualität (1970 spektakulärer Selbstmord durch rituelles Bauchaufschlitzen), hat ihr ein ebenso rätselvolles Stück gewidmet; Ingmar Bergman stellte die japanische "Madame de Sade" zum Sade-Jubiläum auf Stockholms "Königliches Theater".
Unbeirrbar hielt sie, 27 Jahre lang, zu ihrem auch als "Werwolf" bekannten Gatten, durch alle Affären, Skandale, Demütigungen; für Hubert Fichte die "rührendste, zarteste, kühnste aller Liebesgeschichten der Weltliteratur". Erst nach der Elf-Jahre-Haft des Marquis, 1790, brach sie die Beziehung ab und ließ sich scheiden. War das masochistische Potential erschöpft, wollte Justine, die verfolgte Unschuld, nicht länger leiden?
Die Ehe hatte weniger der Himmel als Sades verschuldeter Vater gestiftet, ein Diplomat und Spieler. Renee-Pelagie, ein Jahr jünger als Sade und offenbar keine Schönheit, entstammte reichem Beamten-Adel, dem Marquis erschien sie "kalt und fromm". Bei der "Affäre der kleinen Mädchen" auf Lacoste, die sie vertuschen half, wird sie Sades "erstes Opfer einer Raserei, die man nur als Wahnsinn betrachten kann" (Zeugenbericht).
Aus dem Gefängnis bombardiert der Marquis sie mit Briefen, die von Eifersucht und Pöbeleien bersten, aber auch zartsinnigen Erinnerungen nachhängen, hinter-sinnigen. Er werde, schreibt er einmal, "Ihnen zu Ehren Hand an mich legen", mit dem Reiz vor Augen: "Sie haben einen sehr schönen Gegensinn, haben Fühlung und Enge in diesem Gegensinn, und Wärme im Rectum." Mit sodomitischem Gruß: "Ich küsse Ihren Hintern."
Den Werwolf hungert auch im Gefängnis, nach Büchern und Delikatessen. Er ordert bei der Marquise Truthahn-Pastete und Dantes "Inferno", Orangen-Konfitüre und Rousseau-Werke, "frische Lachs-Pastete" und den ganzen Voltaire; dazu (wozu?) einen Napf "Ochsenmarksalbe". Seine Bibliothek in der Bastille umfaßt schließlich 600 Bände, und der Marquis ist, "aus Mangel an Bewegung", so "korpulent geworden, daß ich mich kaum rühren kann".
Gepeinigt von der Haft, preßt er in den Kerker-Briefen Selbstcharakterisierungen hervor, etwa: "Herrisch, jähzornig, ohne Maß und Ziel, in den Sitten von einer ausschweifenden Phantasie, die nicht ihresgleichen hat, Atheist bis zum Fanatismus; tötet mich oder nehmt mich so, wie ich bin, denn ich werde mich niemals ändern."
Oder: "Ja, ich bin ein Wüstling, ich gebe es zu: Ich habe mir alles ausgedacht, was es in dieser Hinsicht nur auszudenken gibt, aber ich habe bestimmt nicht alles getan, was ich mir ausgedacht habe, und werde es sicherlich nie tun. Ich bin ein Wüstling, aber ich bin kein Verbrecher und kein Mörder."
Und Sade legt in den Marquise-Briefen auch eine Spur zum Ursprung jener Neigung, die ihm die Verdammnis eingebracht hat. Mit zehn Jahren war er in das von Jesuiten geführte "College Louis-le Grand" eingetreten, das Eton seiner Zeit, auch Voltaires Schule. Experten sind sich einig, daß in diesem Elite-College nicht nur die Lust am Theater, sondern auch an Sodomie und Peitsche geweckt wurde:
Sade, auf die geräumigere Vagina anspielend, schreibt, er habe als "Schüler bei den Jesuiten" gelernt, "man solle nur ja nicht ins Leere schwimmen".
Im Kerker bleiben ihm nur die einsamen Freuden. Da er als Anal-Fixierter, lehrbuchgemäß, auch Zahlen-Fixierter ist, führt er penibel Register über seine Befriedigungen, mit Monats- und Jahresbilanzen, mit Code-Worten für die verschiedenen Praktiken.
Zwei Signets überwiegen, "sterc." und "prestige", auch in der Kombination "prestige avec le sterc.". Naheliegende Decodierung: "sterc." ist kurz für lateinisch "stercus", also Kot; für "prestige" (Blendwerk, Zauber, Nimbus) nennt Sade in Briefen an Madame auch Griffigeres: "Etui" und "Flacon".
Immer wieder fleht und treibt er die Marquise an, diese Etuis und Flacons bei Handwerkern in Auftrag zu geben, mit präzisen Daten über Länge, Dicke, Material, etwa Rosen- oder Ebenholz. Er muß mit der Zeit eine ganze Kollektion haben - Ersatz für Affären mit Männern. Umrechnung, für technisch Interessierte, eines solchen Holz-Phalls in moderne Maße: 16 Zentimeter Umfang, 22 Zentimeter Länge.
2. Juli 1789. In der Bastille, Zwingburg des Ancien Regime und Komfort-Kerker für Adlige, sind die Kanonen geladen worden, denn Paris gärt. Gegen Mittag erregt ein kleiner dicker Mann Aufsehen, der aus einem der Festungsfenster wüste Beschimpfungen brüllt, angstvoll schreit, man wolle ihn erwürgen, und die Bürger aufstachelt, ihm zu Hilfe zu eilen.
Das Geschrei hallt weit, denn der Marquis benutzt einen Schalltrichter, ein Rohr aus Weißblech, mit dem er sonst sein Wasser in den Graben abschlägt. Launay, Gouverneur der Bastille, läßt den "Menschen, den nichts in Schranken halten kann", umgehend dahin bringen, wo er ihn schon immer haben wollte, ins Irrenhaus, nach Charenton. Zwölf Tage später wird die Bastille gestürmt, Launay geköpft.
Sade, der so beinah eine Ejaculatio praecox der Französischen Revolution ausgelöst hatte, ist der Verlierer. Statt beim Sturm als nationaler Held befreit zu werden, sitzt er noch neun Monate in Charenton, und "blutige Tränen" weint er über die verlorene Hinterlassenschaft in der Bastille: "15 Bände meines Werkes in Manuskripten, die für den Drucker bereit lagen."
Nie mehr wiedersehen etwa wird er die finsterste Ausgeburt seiner Kerkerjahre, die von Sadismus, Sodomie, Kot-Lust und manischer Mathematik beherrschten "120 Tage von Sodom", Sades Enzyklopädie der 600 möglichen Perversionen, von Pasolini als Faschismus-Parabel verfilmt. Erst deutscher Forschergeist, in Gestalt des Berliner Hautarztes Iwan Bloch, hat das Manuskript um die Jahrhundertwende wieder ans Licht gebracht.
Bloch fand es bei einem Marseiller Buchhändler, zu dem es auf verschlungenen Wegen gelangt war - ein Manuskript besonderer Art: eine zwölf Meter lange, aus elf mal zwölf Zentimeter kleinen Zetteln zusammengeklebte Rolle, beidseitig beschrieben, mit mikroskopisch winzigen Lettern; ein Kassiber, geschaffen zum Verstecken.
Bloch, von seinem Sujet fasziniert, schwang sich zu einer ersten Image-Revision des Marquis auf. Genialer Zug: Bloch verglich ("Der Marquis de Sade und seine Zeit", 1900) das Sadesche Roman-Personal, all die wüsten Libertins, geilen Mönche, Kupplerinnen, Giftmischerinnen, lasterhaften Weiber, mit dem realen Personal des 18. Jahrhunderts - und siehe da, nichts erfunden, Foltergreuel inklusive. Kein Zweifel, frohlockte Bloch, "die Typen der Gestalten Sades lebten!"
Arm wie eine Kirchenmaus, die "Sehkraft eingebüßt", das "Herz geschwächt", so tritt der Marquis, am Karfreitag 1790, aus der Haft in die neue Zeit, ins revolutionäre Frankreich, in die bald anhebende Blut-Orgie von Terreur und Guillotine. Ihm bleiben, unterbrochen von einem Jahr politischer Haft mit haarscharf entgangenem Kopf-ab, noch zehn Jahre bis zur endgültigen Verwahrung und Verschließung.
Sade nutzt die Zeit, schreibt "Die Philosophie im Boudoir" ("Dialoge, zur Erziehung junger Damen bestimmt") und vollendet sein Opus magnum, den 4000 Seiten langen Doppelroman "Justine/ Juliette"; beide Werke erscheinen anonym, mit fingierten Druckorten.
Zunächst aber beschließt er, Opfer des Ancien Regime, Politiker zu werden. Als "citoyen actif" reiht er sich ein in die revolutionären Massen, in die "Section des Piques", eine der vielen basisdemokratischen Stadtteilgruppen. Er verfaßt Pamphlete, wird zum Sprecher, schließlich zum Präsidenten der "Section".
Für sadophile Sade-Biographen ist dies die Zeit, in der sie den Marquis, der nun (Eigenangabe) "nie adlig war", in den schönsten Farben malen können; nämlich als eine Art "amnesty international"-Apostel, der sich von den Guillotine-Massakern mit Horror abwandte, gegen die Todesstrafe polemisierte, dadurch beinah selber unters Fallbeil geriet und sich schließlich, resigniert und angewidert, dem Schreiben ergab.
Sades Polemik gegen die Todesstrafe war freilich kein humanitärer Fauxpas, vielmehr Konsequenz seiner Philosophie. Denn das Sadesche Imperium des Schreckens ist nicht nur die unkontrollierte Halluzination eines eingelochten Libertins. Es basiert auf Kalkül, auf einem geschlossenem, wenn auch nicht widerspruchsfreien Denk-System; ersatzweise: Wahn-System.
Mit den geistigen Strömungen seiner Zeit, mit den umstürzlerischen Gedanken in Physik wie Philosophie, Medizin wie Ethnologie war der Marquis bestens vertraut. Sie alle standen im Aufwind einer antiautoritären Bewegung, die aufbrach aus der "selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Sade-Zeitgenosse Kant), die "Fackel der Vernunft" reckte, "Zurück zur Natur" wollte und Gott für tot erklärte: die "Aufklärung".
Sade, Kind der Aufklärung, wird zu ihrem bösen Buben, zum "schwarzen Rousseau". Seine Kurzformel: "Die Fackel der Philosophie entflammt am Ficksaft."
Ihm sei gelungen, so schrieben Horkheimer/Adorno in ihrem "Juliette"-Essay, "die Aufklärung über sich selbst entsetzen zu lassen" und "den Staatssozialismus zu Ende" zu denken. Sades fundamentaler Dreh: Die Natur ist nicht (wie bei Rousseau) Garant des Guten und so ein "moralisches Gesetz in mir" (Kant); Sades Natur ist wertfrei, sie will einfach um jeden Preis überleben und hemmungslos Lust raffen.
Ein Sadescher Libertin: "Eine einzige Triebkraft regiert das Universum, und diese Triebkraft ist die Natur. Wir sind nur die blinden Werkzeuge ihrer Eingebungen, und gäbe sie uns ein, das Universum in Brand zu stecken, so bestünde das einzige Verbrechen darin, sich zu weigern." Bei kleineren Eingebungen, Wollust, Mordlust, Lust am Quälen, ist gleichermaßen Gehorsam geboten.
Ein Mann, den Voltaire einen "Verrückten" nannte und Diderot einen "Verteidiger des Lasters und Lästerer der Tugend", hatte diese Natur-Wissenschaft verbreitet - der von Sade als "Zelebrität" verehrte Arzt La Mettrie, zeitweilig Hofschranze Friedrichs des Großen und radikalster Prophet eines mechanistischen Materialismus ("Der Mensch als Maschine"); Sades Denk-System ist ohne ihn nicht denkbar.
Einige Vorschläge La Mettries: "Das Gesetz der Natur müßte auch Mörder unter den Schutz des Gesetzes stellen"; Aristoteles habe Sodomie empfohlen, "weil er das Bevölkerungswachstum einschränken wollte"; Lykurg ließ schwache und kränkliche Kinder ertränken und "rühmte die Klugheit dieser Maßnahme"; einem jungen Mädchen "würde es kaum schaden, wenn es sein Gefühl für Scham und Schande verlieren und den Inzest so betrachten würde wie eine Kupplerin den Ehebruch".
Sade, mit rhetorischem Brio: Mord sei zu entschuldigen, die "abscheuliche" Todesstrafe aber abzuschaffen, denn der Mörder empfange "von der Natur die Impulse", das Gesetz hingegen "steht immer im Widerspruch zur Natur"; Sodomie entspreche den Absichten der Natur, weil "sie viel weniger an Nachkommenschaft interessiert ist, als wir in unserem Wahn glauben".
"Bevölkerungsüberschuß" sei in einem republikanischen Staat "ein wahres Laster"; wer "ohne die Eigenschaften geboren wird, die nötig sind, um der Republik eines Tages von Nutzen zu sein, hat kein Recht zu leben": die menschliche Gattung müsse "gleich in der Wiege gereinigt werden".
Sade weiter: Um den "Launen der Libertins" zu genügen, sollten in den Städten "gesunde, weitläufige, angemessen möblierte Plätze" eingerichtet werden, in denen "alle Geschlechter, alle Altersstufen" zur Verfügung stehen, in "völliger Unterordnung". Sade: "Ich habe unbestreitbar das Recht, m ir durch sie einen Genuß zu verschaffen."
Dabei sei es "gleichgültig", ob dieser Genuß dem Opfer "zum Nutzen oder Schaden" diene: die "Zerstörung eines Geschöpfes" gereiche der "Natur zum Vorteil, da man ihr ja durch diese Tat den Rohstoff zu neuen Schöpfungen beschafft". Immerhin: "Wenn wir verlangen, daß alle Frauen sich unserer Lust hingeben müssen, so müssen wir ihnen auch erlauben, ihre Gelüste reichlich zu befriedigen." Sie, die "viel heftigere Neigungen für die Freuden der Lüsternheit haben als wir", müßten wie die Männer das Recht besitzen, "alle Geschlechter und alle Teile ihres Körpers" zu genießen, frei von allen Bindungen, "so daß ihr Naturzustand völlig wiederhergestellt wäre". Dies alles werde "zum Fortschreiten der Aufklärung beitragen".
"Franzosen, noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner sein wollt" nennt Sade das politische Pamphlet, das seinen Landsleuten diese Art permanenter Revolution empfiehlt. Es ist eingebunden in den Dialog-Roman "Die Philosophie im Boudoir", in dem eine 15jährige Kloster-Unschuld binnen zweier Tage in jenen "Naturzustand" versetzt wird, und es bietet sicher die merkwürdigste Gesellschafts-Utopie weit und breit.
Ein Immanuel Kant, jedenfalls, wird schwerlich dafür halten, daß derlei Maximen als "Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten" können. Sie gel* Lieselotte Rau, Ernst Schröder (1964). ten nur, radikal und höhnisch, in jenem Atlantis der Delirien und Exzesse, durch das zwei ungleiche Schwestern vagabundieren, Justine und Juliette, die Umkehrung von Goldmarie und Pechmarie; denn die Gute endet in Pech und Schwefel, die Böse in Glück und Gold.
Wieder kann sich der Leser, falls er nicht gleich zu den "Justine"-Comics des italienischen Erotomanen Guido Crepax greift, von Kapazitäten sagen lassen, was er vor sich hat: einen "unserer großen Odysseus-Romane" von nur mit Proust vergleichbarer "Reinheit und Spannweite" (Roland Barthes). Oder, wie die Psychoanalytikerin Janine Chasseguet-Smirgel (in "Anatomie der menschlichen Perversion") schreibt: "Der Schauplatz von Sades Szenen erscheint uns als der Weg durch den Verdauungstrakt", durch das "Universum" einer "analsadistischen Regression".
Auch im feministischen Lager kann er Widersprüchliches hören. In dem "langweiligen und häßlichen" Werk des "Sexualterroristen und Sexualtyrannen" entdeckt etwa die US-Autorin Andrea Dworkin nur zwei "Wachspuppen, in die man Sachen hineinsteckt". "Tribut" hingegen zollt Kollegin Angela Carter dem "alten Ungeheuer" für sein "schwarzes Märchen", denn Sade habe "die Pornographie in den Dienst der Frauen gestellt", emanzipatorisch.
Moderner Carter-Blick auf Justine, stets Opfer, und Juliette, stets Täterin: Die "hervorstechendste Märtyrerin des Justinischen Typs" verkörperte Marilyn Monroe, eines jener Mädchen, "die am schönsten aussehen, wenn sie weinen"; Juliette dagegen, die "Neue Frau", entspreche präzise dem "harten, cleveren, blendenden ,Cosmopolitan-Girl'", der langbeinigen "Reklame für die Vorzüge des freien Unternehmertums".
Als These und Antithese illustrieren die Schwestern natürlich die Dialektik von Sades Leben: die brutale Realität des Verfolgten und Eingekerkerten, Justine; die Omnipotenz-, Mord-, Lust- und Reisephantasien des Paralysierten, Juliette. Wobei die bizarren, blutig-barocken Abenteuer der Blume des Bösen weitaus mehr Effekt machen.
Juliette durchquert und verheert Frankreich, Italien, Sibirien, Konstantinopel, häuft, ein sexueller Werwolf, Untat auf Untat ("nur das Verbrechen macht mich geil") und lernt bedeutende Männer kennen: etwa den Menschenfresser Minski, der Mädchen als Mobiliar benutzt und mit einer Maschine 16 Menschen zugleich massakrieren kann; Papst Pius VI., der für sie im Petersdom eine Schwarze Messe zelebriert; den Wüstling Noirceuil, der schließlich vom König zum Premierminister berufen wird und Juliette zu Reichtum und Ansehen verhilft.
Als das "größte und am längsten andauernde Verbrechen", damit als größte Lust, entdeckt Juliette allerdings jene Tätigkeit, der sich ihr Erfinder so ausschweifend hingab: das Schreiben, Sades nächster Inhaftierungsgrund.
"Wenn der Mut die Republiken gründet, so werden sie erhalten durch die guten Sitten": Unter dieser Präambel vermeldet im Sommer 1799 eine Pariser Zeitung, das "verdorbenste Herz", der "niedrigste Charakter", der "verruchte Schriftsteller Sade", Verfasser der "Justine", sei gestorben. Sade repliziert, "daß ich lebe und daß ich in aller Form abstreite, das verruchte Buch ,Justine' geschrieben zu haben". Im März 1801 wird er bei seinem Verleger verhaftet und schließlich, mit Napoleons Beifall, für den Rest seinen Lebens, 14 Jahre, ins Irrenhaus gesperrt.
"Die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade" (so im Langtitel des "Marat/ Sade"-Stückes von Peter Weiss) hat freilich nie "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats" dargestellt; der war längst tot, als Sade im Irren-Hospiz tatsächlich seiner einen Leidenschaft frönen konnte: Theaterspielen, mit Irren, vor Gästen aus Klerus und Adel.
Die andere Passion scheint gemildert. Seine Lebensgefährtin der letzten Jahre, eine Schauspielerin, die er als seine uneheliche Tochter ausgibt, teilt das Rentnerdasein im Hospiz; gelegentliche Rencontres mit einem Wäschermädel, das er als 13jährige kennenlernt, er ist 68, malt er in seinem Tagebuch nur dürftig aus, mit dem Zeichen . Wehmütige Gedanken schweifen nach Lacoste.
Aber er schreibt unentwegt, Theaterstücke, historische Romane, das meiste ist verschollen; oft kann "das skripturale Sperma nicht mehr fließen" (Roland Barthes), denn immer wieder erhält er Schreibverbot. Überlebt hat ein Couplet ("Ihre Seele ist voll Größe") an einen Theatergast, den Erzbischof von Paris; als Sade stirbt, 74 Jahre alt, kommt der Anstaltsgeistliche "nicht erbaut, aber befriedigt" aus dem Totenzimmer.
Der Alte ahnte, daß er überleben wird. In einem Brief an seinen Sohn hatte der Marquis hinterlassen: "Verzweifeln Sie nicht an der Unsterblichkeit Ihres Namens, die ihm meine Werke verleihen; Ihre Tugenden, obzwar sie meinen Werken vorzuziehen sind, hätten niemals dazu geführt."
Auch wo er nicht beim Namen genannt wird, ist der Marquis virulent, eingesickert wie ein Spurenelement in Literatur, Film, Theater, in die Schattenzonen, in denen Behagen am Bösen und ihren Blumen herrscht, junge, schöne Mörder verherrlicht werden und der verfolgten Unschuld Martern aller Arten drohen; Goethe las die "Justine", als er die Gretchen-Tragödie schrieb.
Franz Kafka, der wie kein anderer die Welt als Theater der Grausamkeit empfand, nannte den Marquis den "eigentlichen Patron unserer Zeit". Aber könne man "das Gute durch das Böse erreichen?" Die Kraft, die sich gegen das Schicksal stelle, sei eigentlich eine Schwäche. Kafka: "Hingabe und Hinnahme sind viel stärker."
"Wir machen uns die Klassiker, die wir wünschen, und manchmal auch die Klassiker, die wir verdienen", schrieb Jean Starobinski, Biograph von Klassikern wie Montaigne und Rousseau, zum Jubiläumsjahr: "Unsere Zeit hat aus dem Marquis de Sade einen Klassiker gemacht." f

DER SPIEGEL 23/1990
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