23.04.1990

JungsozialistenWeg mit dem Gekasper

Trendwechsel bei den Jusos: Die Wende in der DDR droht die Vorherrschaft des stramm sozialistischen Flügels zu kippen.
Wenn Bernhard Groth, 30, Bundessekretär der westdeutschen Jungsozialisten, auf das Image der SPD-Nachwuchsorganisation angesprochen wird, kommt dem Polit-Manager "der Ärger hoch". Denn Jusos seien vor allem für "idiotischen Fraktionsstreit" und "abgehobenes Rumtheoretisieren" bekannt. Groth: "Wir gelten als Verband mit viel Getöse und wenig Substanz."
Neuerdings jedoch ist Groth zuversichtlich, daß sich das Juso-Bild aufhellt. Schon bald könne der sozialdemokratische Nachwuchs den Sprung zu einer "attraktiven Jugendorganisation mit konkreten Projekten" schaffen. "Wir stehen", versichert der Juso-Sekretär, "vor einem positiven Bruch."
Den "entscheidenden Schub" erwartet Groth von einer Organisation, die erst Anfang Februar in einer Ost-Berliner Schulaula gegründet wurde, aber von den westdeutschen Juso-Flügeln im verbandsinternen Richtungskampf bereits heftig umworben wird: den Jungen Sozialdemokraten in der DDR.
Nach ihren Erfahrungen mit dem real deprimierenden Sozialismus setzen die DDR-Jusos, die schon jetzt als Gäste an Bezirkstagungen und Kongressen der West-Sozialisten teilnehmen, statt auf linke Marx- und Markt-Debatten auf handfeste Jugendpolitik mit sinnvollen Freizeitangeboten oder praktischen Umweltschutzaktionen.
In einem gesamtdeutschen Verband, den Jung-Sozis Ost und West schon im nächsten Jahr vorbereiten wollen, könnten die pragmatischen Jungen Sozialdemokraten die Mehrheit des theorielastigen, stramm sozialistischen Flügels der westdeutschen Jusos kippen. Die wackelt ohnehin schon seit geraumer Zeit.
Nur mit Mühe wird die amtierende Juso-Chefin, die überzeugte "Feministin und Marxistin" Susi Möbbeck, 25, auf dem Bundeskongreß am nächsten Wochenende in München die Meinungsführerschaft der dogmatischen Sozialisten (Dogs) verteidigen können. Neben dem Aachener Physiker Ralf Ludwig, 29, von den gemäßigten undogmatischen Reformsozialisten (Undogs), die von einer rot-grünen Koalition unter einem SPD-Kanzler Oskar Lafontaine träumen, bewirbt sich mit dem Koblenzer Jugendpfleger Ferhat Cato, 29, erstmals auch ein sogenannter Juso-Realo um den Vorsitz.
Die Gruppierung entstand vor etwa zwei Jahren aus Protest gegen die verquaste Linksaußen-Mehrheit der Jusos. "Wir wollen keinen rechten ,Rollback'", beschreibt der Hamburger Realo Andreas Turkat die Ziele, "sondern nur einen erfolgreich arbeitenden politischen Jugendverband." Realo-Parole: "Weg mit dem sozialistischen Theorie-Gekasper."
Tatsächlich würde der Jugendorganisation ein bißchen Realitätsbezug guttun. Längst sind jene Zeiten vorbei, da sich die Jusos unter ihren Vorsitzenden Karsten Voigt und Heidemarie Wieczorek-Zeul noch "die größte politische Jugendorganisation im Lande" nennen durften und selbstbewußt ("Wir sind die SPD der achtziger Jahre") den Verlauf von Parteitagen und innerparteilichen Diskussionen prägten. Bei Demonstrationen gegen Mietwucher und Bürokratie konnten die Jusos Zehntausende mobilisieren.
Die einstmals einflußreichen Sozi-Schrittmacher hinken heute dem Nachwuchsverband der Christparteien, der Jungen Union, hinterher. Während die Kanzler-Truppe im letzten Jahr immer noch fast 220 000 Mitglieder meldete, sind die Jusos von rund 300 000 Mitgliedern im Jahre 1975 um knapp die Hälfte geschrumpft. 1989 hielt es, absoluter Tiefststand, gerade noch 172 000 SPD-Mitglieder unter 35 Jahren bei der roten Fahne. Und von denen, so räumt Bundessekretär Groth ein, seien "vielleicht nur 20 000 bis 30 000 wirklich aktiv".
Ihre Zielgruppe - vornehmlich Schüler, Lehrlinge, junge Arbeitnehmer - stießen die Jusos in den letzten Jahren vor allem mit scheinbar endlosen Theorie-Debatten vor den Kopf. Über ihre internen "Fraktions- und Linienkämpfe" schrumpfte nicht nur der Bestand, so die Ex-Vorsitzende Wieczorek-Zeul, sondern auch die "Sensibilität für neue politische Fragestellungen".
Während die Jusos über die Theorie des "staatsmonopolistischen Kapitalismus" (Stamokap), dem zufolge der Staat bloßer Büttel des Kapitals ist, stritten, verschliefen sie den Aufbruch des Öko-Zeitalters. Ob es um Kernkraft oder Waldsterben, Tempolimit oder Raketenstationierung ging - stets kamen die Grünen den Jusos zuvor, übernahmen die Alternativen die traditionelle Juso-Rolle als kritisches Korrektiv der SPD.
Inzwischen bietet die Mutterpartei ihrem Nachwuchsverband sogar Hilfe an, damit der Pflegefall, so SPD-Geschäftsführerin Anke Fuchs, "aus der Isolation herauskommt". Denn nachdem der heutige niedersächsische Oppositionsführer und SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, Gerhard Schröder, 1980 den Vorsitz abgegeben hatte, konnte kein Juso-Chef sich oder den Verband mehr ins öffentliche Bewußtsein rücken.
Auch die Marxistin Möbbeck, die den Jugendverband in den letzten zwei Jahren durch eine "Feminisierung" und den Aufbau einer "modernen sozialistischen Jugendkultur" als "linke Richtungsorganisation" stärken wollte, brachte die Jusos nicht aus dem Abseits. Im Gegenteil.
Nach der Wende in der DDR steuerten die linken Hardliner um die Bremer Politikstudentin den Verband erst recht ins politische Aus. Als die SPD längst auf den Wiedervereinigungszug aufgesprungen war, geißelte Möbbeck die "nationale Besoffenheit", forderte unverdrossen die "volle Anerkennung der DDR einschließlich deren Staatsbürgerschaft".
Beinahe rührend klammerte sich der dogmatische Flügel an sein altes Sozialismusbild und suchte krampfhaft die Mißwirtschaft der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zu rechtfertigen. Noch im November verteidigte der Bundesvorständler Ingo Arend den abgesetzten Staats- und Parteichef Erich Honecker als den "letzten großen alten Mann der deutschen Arbeiterbewegung".
Und, natürlich, proklamierten die dogmatischen Jusos, ähnlich wie der radikale Fundamentalisten-Flügel bei den Grünen, die Zusammenarbeit mit der SED-Nachfolgerin PDS. In München wollen Stamokap-Anhänger mit einem Antrag ausdrücklich festschreiben, daß der "Kontakt" mit der Partei des Demokratischen Sozialismus gesucht werden soll.
Die blauäugige Deutschland-Politik der Möbbeck-Fraktion hat nicht nur dem Undog-Flügel Aufwind verschafft. Vor allem die Realo-Truppe um den Kandidaten Cato wähnt sich nun auf einem "großen Sprung nach vorn".
Auf Bundesebene hat die Truppe zwar bislang nichts zu melden. Vorstandsposten teilen sich noch Dogs und Undogs. Regional aber, behauptet der Hamburger Realo Turkat, sei der "Zulauf deutlich spürbar". Im Bezirk Rheinland/ Hessen-Nassau stellen die Realos mit dem gebürtigen Jugoslawen Cato immerhin den Vorsitzenden. Auch Ortsverbände in Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gelten inzwischen als Realo-Land.
Doch zum Bundesvorsitz in München dürfte das kaum langen. Den werden voraussichtlich Möbbeck und Ludwig in einer Stichwahl untereinander ausmachen.
Die Cato-Kandidatur ist für die Realos vor allem eine "rein symbolische Handlung", mit der sie eine "Trendwende markieren" wollen. Wortführer Turkat: "Wir setzen auf einen gesamtdeutschen Juso-Verband."
Bei dem für 1992 geplanten Zusammenschluß haben Realos, aber auch Undogs, tatsächlich gute Chancen auf die Meinungsführerschaft, wenn sie die Jungen Sozialdemokraten für sich gewinnen. Denn die legen drüben kräftig zu.
Allein in den ersten Wochen verzeichneten die Ost-Jusos, die ihre Mitglieder unabhängig von der SPD rekrutieren, mehr als 3000 Mitstreiter. Und Experten wie der Bonner Bundessekretär Groth trauen ihnen schon in einiger Zeit an die 20 000 Aktivisten zu. Wenn die DDR-Jusos bei den Westlern einsteigen, glaubt Groth, "werden die Karten neu gemischt".

DER SPIEGEL 17/1990
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