30.10.1989

„Französisch 50, Verkehr 60“

An einem späten Nachmittag wie jedem anderen, nur daß es noch warm ist im Herbst, läßt Hamburg, die stolze reiche Stadt, am Hauptbahnhof ihre sozialen Geschwüre sehen. Aber die Eiligen, die Reisenden und die Büromenschen, die in Gedanken wer weiß wo sind auf dem Weg zu den Zügen in die Vororte, sehen sie nicht.
Sie sehen vielleicht die Pfütze von Kotze vor der Bank, auf der abgerissene Stadtstreicher eng aneinandergedrängt dösen. Sie sehen vielleicht auch den einen oder anderen Bettler im Rollstuhl, so erbarmungswürdig deformiert, daß sich der Schrecken der Gesunden lohnt.
Am Hauptportal unter dem gläsernen Vordach, das diesem Denkmal von einem Bahnhof ein neuzeitliches Flair gibt, hat Jugend ihr besonderes Revier: Ein paar Mädchen, aber vor allem Jungen stehen hier. Flüchtigen Blicks glaubt man sie verabredet mit jemandem, der noch nicht gekommen ist, aber sie sind eine Ware, die gut gekauft wird.
An diesem Spätnachmittag ist ein Junge, der sich gerne David nennt, englisch ausgesprochen, der Jüngste am Hauptbahnhof: 14 Jahre alt, aber noch klein und kindlich, noch vor Bartdurchbruch und Wachstumsschub der Pubertät. Er lacht aus hübschem Lausbubengesicht sein Gegenüber gewinnend an. Sein kurzer frecher Haarschnitt ist schick, sein dunkelblauer Sweater sieht teuer aus. Ein so gestylter Junge könnte glatt als Juniormitglied in Hamburgs feinstem Segelklub durchgehen.
Stricher ist er seit seinem zwölften Lebensjahr, wie er im Interview (Seite 105) bereitwillig erzählt; nur fotografieren läßt er sich nicht. Hier am Bahnhof steht er in Begleitung eines zottelhaarigen Erwachsenen, der wie ein Vetter der Rösner und Degowski wirkt: Schnauzenbrutalität in der Sprache, und einen umgebracht hat er auch. Hier steht ein Produkt von zehn Jahren Resozialisierungsbemühung im Jugendstrafvollzug.
Aus seiner Knastkarriere hat Rudi, 32, die Arme voller Tätowierungen, und seit er wieder draußen ist, sind sie voller Einstiche. Er muß sich durch seine lotterige Trainingshose ständig an den Beinen kratzen, weil er allergisch ist gegen die Ascorbinsäure, mit der das Heroin so oft gestreckt ist. Den Stoff finanzieren ihm der Junge und ein paar Mädel dazu. Der Ältere spritzt, die Jungen rauchen das Heroin. Man teilt, was man so hat, wie in armen Familien das Brot. Den ausbeuterischen Charakter der Zuhälterei überdecken herzliche Gefühle. Daß den Seinen nichts passiert, überwacht dieser Lude mit aggressiver Power.
Rudi ist ein Ordnungsfaktor in dieser jungen Szene, die ihre knabenhaften Stars hat wie David. Etwa zehn andere Kids, die minderjährig wie er sind, sieht er hier regelmäßig auftauchen: verbotene Objekte nach dem Rumpfparagraphen 175, der Männern für "sexuelle Handlungen" an männlichen Jugendlichen unter 18 Jahren Geldstrafe oder Gefängnis bis zu fünf Jahren androht.
Gelegentlich bieten sich hier auch Kinder unter 14 Jahren an, auf deren sexuellen Mißbrauch Gefängnis bis zu zehn Jahren steht. Zehnjährige, selbst achtjährige Jungen kreuzen hier auf: Ausreißer aus Familien, die keine sind, aber mehr noch aus Heimen, die keine Familie ersetzen. Sofern sie als vermißt gemeldet sind und nicht schnell genug abtauchen in den U-Bahnhof voller Fluchtwege, halten sie sich nicht lange auf dem Strich. "Die Schmiere", so sagt Rudi, "greift sie schnell wieder ab." Aber die Kinder kommen wieder - dieselben oder andere.
Dem Bahnhof gegenüber liegt die Polizeiwache Kirchenallee. David ist dort bekannt. Routiniers vom Revier greifen ihn nicht mehr ab. Es müßte schon ein Greenhorn von einem Polizisten sein, der das noch einmal durchexerziert.
Wie es Vorschrift in Hamburg ist, hatte die Polizei eine staatliche Institution namens "Kinder- und Jugendnotdienst" angerufen. Ein Betreuer kam und holte David, der noch im Kindesalter war, von der Wache ab. Aber im Heim wollte er nicht bleiben, er wollte am Bahnhof sein.
Nach dem Gesetz "zum Schutze der Jugend" dürfen sich Minderjährige nicht an Orten aufhalten, "an denen ihnen eine unmittelbare Gefahr für ihr körperliches, geistiges oder seelisches Wohl droht". Wenn die Eltern das nicht durchsetzen können, tritt das Jugendamt in die gesetzliche "Fürsorgepflicht" ein. Aber nach den Regeln des der Behörde unterstellten "Kinder- und Jugendnotdienstes" ist Prostitution kein Grund, einen Minderjährigen einzusperren.
Daß nicht die Polizei, sondern die Jugendbehörde federführend im Jugendschutz ist, bindet den kleinen Beamten auf der Wache bis heute die Hände. Sie haben den Jungen, den seine Mutter nie vermißt, noch ein paarmal mitgenommen, und der "Kindernotdienst" hat ihn ein paarmal nach Hause kutschiert. Eine halbe Stunde später stand David wieder da, wo er eben stehen will.
Vom Bahnhof ziehen sich die sozialen Geschwüre wie an Lymphbahnen durch die Straßen von St. Georg, einem 1,8 Quadratkilometer großen Stadtteil voller Kneipen und Animierbars, Daddelhallen und Billigsteigen. 12 819 Einwohner aus fast allen Nationen der Welt.
Wo die Gegensätze aufeinanderprallen, wo ordentliche kleine Leute ihr ordentliches kleines Gewerbe führen und die Haie mit den Konzessionen im unordentlichen Gewerbe hohe Renditen ziehen, wo eine Kulturschickeria den Reiz der schlechten Adresse einer Eigentumswohnung im sanierten Altbau schätzt und junge Familien im sozialen Wohnungsneubau hinter mehreren Sicherheitsschlössern leben, wo neben der Säuglingskrippe ein Puff ist, im Sandkasten leere Spritzen liegen und am städtischen Kindertagesheim in Sprühschrift "Scheißfreier" prangt, in diesem Viertel, das Charme und Tristesse vereint, hier sind die jüngsten Teenie-Prostituierten und die Heroin-Briefchen wie Lollies zu haben, dazu Romantik am Brunnen - Hamburg, Hansaplatz.
"Zum Schutze der Jugend und des öffentlichen Anstandes", wie es in der Rechtsgrundlage für lokale Verordnungen heißt, ist ganz St. Georg ein "Sperrgebiet", will heißen, daß Prostitution hier nicht erlaubt ist (siehe Kasten Seite 91). Aber durchgesetzt wird dieses Verbot schon lange nicht mehr. Anders als Stricher, zumindest gesetzlich tabu bis zum 18. Lebensjahr, sind Strichmädchen Freiwild ab 14 Jahren: Der Verkehr mit ihnen ist nicht untersagt. Der Gesetzgeber schützt sie nur indirekt durch ein Bündel von Vorschriften, was zu dem Aberwitz führt, daß etwa die Vermittlung einer minderjährigen Prostituierten strafbar ist, aber nicht ihr Kauf.
"Für Französisch 50, für Verkehr 60, beides zusammen 70", sagt wie aufgezogen das Mädchen Monika, das in seinem Ringelpulli und den Jeans, mit den schlaksigen, nicht nuttig wirkenden Gesten und dem ungezeichneten Gesicht ohne Schminke wie eine verlorene Schülerin wirkt. Wenn man weiterfragt, was sie sonst so macht, sagt sie freundlich: "Mein Leben dreht sich eigentlich immer nur ums Gift und das Geld dafür."
Nicht bloß defekte, randständige Familien, sondern auch das Bürgertum liefern den Nachwuchs für die Straße wie diese Tochter aus gutem Haus, Vater Kapitän, Mutter "lieb und schockiert, als sie merkte, daß ich Drogen nehme". Daß sie zur Befriedigung ihrer Sucht so weit geht, sich zu prostituieren, ekelt sie selber: "Nüchtern kann ich das nicht machen, ich würde mich übergeben. Wenn ich mir aber einen Druck setze, dann geht das."
Diese Geschichte wiederholt sich hundertfach in St. Georg, wo die verschiedensten Stadien einer Drogenkarriere zu besichtigen sind: Erst wirken die Mädchen noch frisch und gesund, doch am Ende steht da ein menschliches Wrack von 17 Jahren wie Frauke in staubig grauem Zeug, gelb-grünlich und schweißnaß das magere Gesichtchen. Vor Schmerzen im Bauch kann sie nur ganz langsam gehen, seit Tagen hat sie nichts gegessen, und sie will auch nichts zu essen haben. "Ein Teufelskreis ist das mit dem Anschaffen und den Drogen", sagt sie hellsichtig, "da kommst du so schnell nicht mehr raus." Die zweite Geschichte, die sich in St. Georg monoton wiederholt, ist die Geschichte der töricht verknallten Mädchen und ihrer Freunde mit ruinierter Moral. In diesem Viertel mit 44 Prozent Ausländern, mit Jugendlichen im Zwiespalt zweier Kulturen, schlechtbezahlte Kärrnerarbeit, wenn nicht Arbeitslosigkeit in Aussicht, aber das Blickfeld strotzend von Verführung zum Daddeln und Sumpfen, Herumstehen und Abkassieren, hat es sich fast selbstverständlich ergeben: Eine junge Garde vor allem türkischer Zuhälter ist dabei, sich zu etablieren. Manche sind noch minderjährig und doch schon tüchtig im Geschäft.
Um die St.-Pauli-Größen fernzuhalten, hat man St. Georg zum Sperrgebiet gemacht und doch nichts erreicht. Die romantisch-emanzipatorischen Gespinste von der "selbstbestimmten" Hure zerreißen vor der Realität. Die Amateure steigen in die Zuhälterei ein.
Multikulturell gewieft und mit allen Macho-Allüren, auf die ein junger Türke in seiner Kultur zurückgreifen kann, baggern die Nachwuchsluden auf den Straßen wie in Cafes und Discos geeignete Objekte an: Mädchen, die ausgerissen sind aus dem Einerlei der Heime oder weggelaufen vor der Öde daheim, vor der Sprachlosigkeit oder dem ständigen Krach oder, schlimmer noch, vor Mißhandlung und sexuellem Mißbrauch; Mädchen, die anfällig sind für eine Schnulze von Liebe, aber doch auch für schnelles Geld und starke Klamotten, anfällig aber vor allem für das schrille Abenteuer: Hier läuft ja an Ecken und in Nischen Tag und Nacht ein Film aus Sex and Crime, live.
"Hier ist Leben, und hier ist immer was los, immer verschiedene Leute; hier ist es nicht so langweilig wie da, wo ich gewohnt habe bei meinen Eltern", sagt Maren, die zappelige Kleine.
Sie ist behängt mit Goldgeschmeide, ihr türkischer Freund hat es ihr geschenkt. Jetzt ist sie es, die ihm Geld gibt, und er fährt ihr hinterher, wenn sie ins Auto zu einem Freier steigt.
Bisher hat sie nur ein paarmal gehascht, aber daß die erste Geschichte, die dumpfe Geschichte von Liebe und Ausbeutung, in die zweite Geschichte der Sucht mündet, ist in St. Georg höchst wahrscheinlich. Das Heroin, gepuscht vor allem von einer Phalanx junger Kurden und auch einem Grüppchen von Schwarzafrikanern, legt sich da wie ein mildes Pflaster auf die seelischen Wunden.
"Ein Blech zu ziehen" - die neue Gewohnheit, das Pulver auf einem Stück Alufolie zu verglühen und die Dämpfe einzusaugen - hat die Hemmschwelle vor der Nadel beseitigt; sie kommt danach als Steigerung zum Schluß.
"St. Georg ist ein Pott voller Scheiße", sagt ein Fahnder von der Kripo über sein Revier: "Wir wühlen mit beiden Armen darin herum und kriegen doch nur einen Zipfel zu fassen." Wenn er zu Fuß und in Zivil die Gegend abgeht, hat er neuerdings stets die Waffe dabei: "Hier ist es Jahr um Jahr ein bißchen brutaler, ein bißchen gemeiner geworden, und am Ende haben wir hier New York."
Er kennt die türkischen Zuhälter, er kennt die kurdischen Dealer. Schließlich hat die Polizei ihnen oft genug ein paar Gramm abgenommen, nicht genug, damit es dem Staatsanwalt als Nachweis für den Handel reicht; ihr ausgeklügeltes Bestellsystem läßt die Dealer alle rechtlichen Handhaben umgehen, zumal dann, wenn sie mit hanseatischer Liberalität ausgeübt werden. "Die Dealer", so sagt der Ermittler an der Front, "die lachen sich doch über uns kaputt und schreien Asyl, Asyl."
Er überblickt eine fluktuierende Szene von etwa 60 bis 80 minderjährigen Prostituierten. Bei einem Dutzend Mädchen, die noch im Kindesalter waren, hat er mitbekommen, wie sie in den Sog von Anschaffen, Drogen und Kriminalität gerieten: "Etwa die Petra, ein Heimkind, tauchte hier mit 13 auf, sechs Wochen später der erste Druck, jetzt ist sie 15, hat Jugendstrafe auf Bewährung wegen zehn Raubtaten."
Die Liberalität der hanseatischen Jugendpolitik kann er nicht nachvollziehen: "Die Gören dürfen doch nicht weglaufen, man kann sie doch bloß erziehen, wenn man sie hat."
Am liebsten "auf eine einsame Insel ohne Männer" möchte die Sozialarbeiterin Isabell Thiede die käuflichen Teenies verfrachten, aber das ist "nur so eine hilflose Phantasie". Statt dessen öffnet sie an diesem Spätnachmittag in einem Keller neben einem Stundenhotel ihr "Cafe Sperrgebiet", eine sogenannte niederschwellige Beratungsstelle des Diakonischen Werks für jugendliche Prostituierte.
In den drei Jahren, seit es diese Einrichtung gibt, haben sie und ihre zwei Mitarbeiterinnen Gespräche mit 130 Mädchen geführt: "Zwei Drittel unter 18", knotet Frau Thiede ihre Klientel statistisch auf, "die Jüngsten 12 bis 13 Jahre, Einzelfälle 11 Jahre, da kriegt man einen Haß auf die soziale Welt, der wird immer größer."
Die "soziale Welt" der Hansestadt hält sich nach ihrer Schätzung etwa 400 minderjährige Mädchen als Kauf- und Ausbeutungsobjekte, die sich vorwiegend in St. Georg befinden. Im berüchtigten St. Pauli dagegen, wo sie jahrelang in einer ähnlichen Institution namens "Kaffeklappe" arbeitete, hat sie junge Mädchen in der Prostitution nicht gesehen. Die hochprofessionellen Zuhälter hüten sich ebenso wie die Betreiber von Sex-Klubs, Bordellen und Animierlokalen davor, mit "Junghühnern" strafrechtlich angreifbar zu werden: ein Erfolg, mit dem sich die Davidwache auf der Reeperbahn gern schmückt.
Die Vorstellung, daß in St. Georg ähnlich durchgegriffen werden könnte, ist für Frau Thiede fürchterlich. "Repression" ist ihr ein Greuelwort. Kategorisch hat sie sich verbeten, daß Streifenwagen vor dem Cafe Sperrgebiet vorfahren und ihr die Mädchen bringen. Sie steht hinter der Hamburger Jugendpolitik, deren Ehrenkodex die Stichworte "Freiwilligkeit" und "sexuelle Selbstbestimmung" markieren.
Daß sich junge Prostituierte in der "sexuellen Selbstbestimmung" umorientieren, "das gibt es" nach Erfahrung von Frau Thiede: "Aber das packt nur eines von zehn Mädchen, nach längerer Zeit und intensiver Begleitung." Die paar hundert anderen Mädchen, die stehen selbstbestimmt, wo sie stehen.
Ebenso wie die 500 bis 700 Kinder, Teenager und Twens, die es nach Schätzung des Experten Thomas Möbius auf dem (über ganz Hamburg verteilten) homosexuellen Kaufmarkt gibt.
Die Jüngsten, acht bis neun Jahre, werden nach seiner Kenntnis oft in Privatzirkeln herumgereicht. 12- und 14jährige stehen schon auf der Straße. Das Gros der Jungen ist aber über 16, und mit 21 bis 22 Jahren sind sie bei den "schlabbrigen Männern" (Möbius) alle out.
Mit Geld der Aids-geschockten Gesundheitsbehörde hat der Diplompsychologe in St. Georg ein Pendant zum Cafe Sperrgebiet für "minderjährige und jungerwachsene Stricher" aufgebaut. "Intervention" heißt der Laden hochtrabend und passend zur Angeberei in der Zielgruppe, aber eine Intervention in dieser Szene ist noch schwerer als das schon schwierige Loseisen von Strichmädchen.
Als Möbius vor fast drei Jahren anfing, hatten er und seine Mitarbeiter ("ein Hetero, ein Homo und eine Frau") zunächst "große moralische Bedenken" und ein "klares Bild vom Mißbrauch mit Täter und Opfer". Je tiefer sie aber ins Milieu eintauchten, desto mehr entdeckten sie bei ihrer Klientel "die Lust, auf der Szene zu sein". Nicht etwa wegen schwuler Neigungen; die Stricher sind in der Regel Heteros und motiviert durch "die hohe Belohnung, an Pimmeln herumzuspielen".
Daß ein Bube einen Zuhälter hat, ist die Ausnahme. Die Jungen in der Prostitution sind meist mutiger und lassen sich weniger als die Mädchen gefallen. Sie empfinden sich nicht als sexuelle Opfer, sie lassen sich auch nicht als finanzielle Opfer ausnehmen, statt dessen schlagen sie sich eher auf die Seite der Ausnehmer. "Was da an Erpressung und Doppelmoral läuft", sagt Möbius, "da haben wir einiges mitbekommen."
Gegen die Vercliquung der Interessen von Strichjungen und Strichkunden haben die Interventions-Leute nicht viel mehr zu bieten als eine Dusche und eine Waschmaschine mit Trockner, jeden Montag ein gemeinsames Abendessen und alle Werktage ein offenes Ohr, das nicht etwa vor moralischer Erschütterung weggedreht wird.
"Wir akzeptieren, wie der männliche Prostituierte sein Leben gestaltet", sagt Möbius, "aber wir stellen das nicht als tolle Form des Lebens dar." Die Prostitution, wenn auch nicht Aids, wäre abzuwaschen. "Aber gegen die Scheißdrogen", sagt Möbius, "sind wir ohnmächtig." Und ohnmächtig auch gegen den sozialen Verfall.
Wenn der König Kunde die Produkte seiner Nachfrage nicht mehr will, dann stehen die meisten Twens vom Strich noch immer jung, aber anpassungsunfähig und perspektivlos da, verdorben nicht durch den Sex, sondern das leichte Geld. Es sei denn, sie gehören zu den Starken, dann haben sie sich als Stricher in Ausbeutungsmentalität gestählt und die Grundlage für eine Gangsterkarriere kapiert: Willkommen, die Gesellschaft kriegt, was sie verdient, sie hat im Ausagieren all ihrer Gelüste die Kinder übersehen.
Herrschen denn nicht mehr die allgemeinen Rechtsvorstellungen "zum Schutze der Jugend und des öffentlichen Anstandes"? Oder sind sie antiquiert, zurückgeblieben hinter einer Tendenz, die sich nicht nur in Hamburg, sondern vielen Metropolen zunehmend zeigt? "Die Prostitution wird immer jünger, das beobachten wir langläufig", sagt die emeritierte Professorin Else Funke. Sie ist Vorsitzende des Deutschen Berufsverbandes der Sozialarbeiter und Sozialpädagogen; da kumulieren "verdammt bedrückende Erfahrungen".
Sie werden in Dortmund wie in Bremen oder Hannover gemacht, natürlich in Frankfurt und Berlin. Hamburg mit seiner weltweiten Reeperbahn-Reputation und seiner eingeübten Toleranz gegenüber den Mitbürgerinnen und Mitbürgern in der Prostitution ist bloß ein Ort, der seine geldeswerte Jugend auf der Straße offen vorzeigt. In München dagegen, der Stadt mit dem Ruf ruchbarer Sauberkeit, ist (fast) alles anders. Wenn es denn eine politische Marge gibt, die Prostitution groß oder * Isa Thiede, Susanne Richter, Gaby Zipfel. klein zu halten, besetzt Hamburg das eine und München das andere Extrem.
Die bayerische Landeshauptstadt (1,2 Millionen Einwohner) hat 850 weibliche und 11 männliche Prostituierte unter Gesundheitskontrolle und mindestens noch einmal so viele in der Grauzone des Gewerbes, so daß nach polizeilicher Schätzung allerhöchstens 2000 Menschen auf dem Markt für käuflichen Sex sind. An die 9000 dürften es dagegen in der Hansestadt (1,6 Millionen Einwohner) sein, die offiziell mit der Zahl von 4000 operiert und keine Statistik führt, wie viele die seit Mitte der achtziger Jahre freiwillige Untersuchung auf Geschlechtskrankheiten wahrnehmen. Diese Differenz hat Konsequenzen bis in den Jugendschutz.
Wer an einem Spätnachmittag in München zur Dirne will, muß sich an die Peripherie der Stadt begeben. Wo der begrünte Schutt- und Müllberg Großlappen markant aufragt, da ist es nicht mehr weit bis zu dem Parkplatz an der Freisinger Landstraße: Hier, in einem sozialen Niemandsland ohne Nachbarschaft, ohne Ambiente von Kneipen und Absteigen, ist die Prostitution auf das Minimal-Niveau heruntergekommen. Hier stehen Professionelle, denen Erfahrung ins Gesicht geschrieben ist, zur Befriedigung im Wagen zur Verfügung.
Minderjährige Mädchen sind hier nicht zu haben. Selbst wenn sie hier sein wollten, ihr Einstieg würde scheitern - am mangelnden Führerschein und der Investition für ein Auto. Und: Der städtisch geduldete Freiluftstrich wird doppelt kontrolliert. Einerseits achten Polizisten darauf, daß die Untersuchungsbescheinigung vom Gesundheitsamt auf dem neuesten Stand ist. Andererseits sorgen Zuhälter dafür, daß ihrem Beritt keine unerwünschte Konkurrenz erwächst. Genau wie in St. Pauli ist der geduldete Straßenstrich von Berufsluden straff durchorganisiert. Wenn sie ihr weibliches Geschäftsinventar nicht mißhandeln, können sie ihrem strafrechtlich ("mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren") bedrohten Gewerbe recht ungestört nachgehen.
Sofern sie sich aber bei "einer Person unter 21 Jahren" bloß einer "Förderung der Prostitution" schuldig machen, schnellt die Strafandrohung "von sechs Monaten bis zu zehn Jahren" in die Höhe. Und was noch mehr Eindruck macht: Der schwierige Nachweis, daß ein Lude seine Dirne ausbeutet und nicht etwa die Dirne ganz legal ihren Liebhaber freihält, muß bei Jugendlichen unter der Altersschutzgrenze vom Staatsanwalt nicht geführt werden. Es reichen sehr viel einfachere Beweise für eine "Förderung".
Die Zuhälter vom Fach sind nicht so dämlich, sich die Finger an den heißen Dingern zu verbrennen. Für dilettierende Amateure wie in St. Georg wäre es in München schwer, einen noch nicht verteilten Standplatz für ihre Pferdchen zu finden. Und daß keine neuen Standplätze aufzutun sind, dafür sorgt wiederum die Polizei.
So haben sie denn in Bayerns Metropole einen "Babystrich" wie in Hamburg nicht gefunden, die zwei Sozialarbeiter, die von der Stadt beauftragt waren, einen Bericht "Jung und verbraucht" in der Münchner Stadtzeitung auf den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Zwei Jahre lang haben sie nach den verbrauchten Teenies gesucht, haben sich auf dem abgelegenen Strich oder am Hauptbahnhof, dazu in diversen U- und S-Bahnhöfen umgetan, haben die großen Parks und die großen Plätze in Augenschein genommen und "zahlreiche Lokalitäten" durchstreift.
Von einer "Homosexuellenszene" haben sie etliche Anzeichen gefunden, etwa am Hauptbahnhof. Am Stachus sind für Kenner die Stricher nicht zu übersehen. Zwei 13jährige, einen Türken und einen Deutschen, hat die Polizei letztes Jahr hier aufgegriffen und strengstens einvernommen. Das Türkenkind sang, und ein deutscher Hochschullehrer wurde zu einem halben Jahr Gefängnis mit Bewährung verurteilt. Eine Reihe anderer Verfahren in dieser Angelegenheit läuft noch, während in Hamburg 1987 die letzten vier Urteile nach dem Paragraphen 175 ausgesprochen wurden und eine von der Jugendbehörde unterstützte Initiative zu seiner Abschaffung vorbereitet wird.
Jugendpolitisch sind in München die Stricher, vor allem Türken und Griechen, noch unentdeckt. Berührungsängste haben das Phänomen verdrängt. Gesundheitspolitisch gilt die männliche Jugend in der Prostitution als Gefahrenherd und hält sich tunlichst bedeckt, wie auch die Sozialrechercheure feststellten: "Seit Inkrafttreten des bayerischen Aids-Maßnahmekatalogs im Mai 1987 ist in dieser Szene ein großes Angstpotential entstanden." Aber sichtbar ist sie doch geblieben.
Dagegen sind die Sozialarbeiter mit einer Mädchenprostituierten nicht in Kontakt gekommen. Auf dem Gesundheitsamt fanden sie statistische Daten von dem einen oder anderen Mädchen, das sich unmittelbar nach seinem 18. Geburtstag den obligatorischen Untersuchungsschein für Prostitution beschafft hatte.
Bei der "Mitternachtsmission" des Diakonischen Werks bekamen sie die Auskunft, daß Minderjährige nicht um Rat einkämen, was auf ungeheure Angst schließen lasse, da erwachsene Prostituierte nicht selten erzählten, sie seien schon in ihrer Jugend anschaffen gegangen.
Anders als es die Erkunder auf einer Dienstreise in Hamburg sahen, gibt es in München für eine Teenie-Prostitution "keine feste Szene und keine bestimmten Plätze", wie sie in ihrem "Abschlußbericht" formulierten. "Die Mädchen", von deren Existenz sie sich aber überzeugt erklärten - schließlich war "das Problem" die Grundlage des Projekts -, zeigten sich halt "nicht erkennbar in der Öffentlichkeit". Der Vergleich München-Hamburg läßt eine Gesetzmäßigkeit vermuten: Wo sich Jugendprostitution offen zeigt, da schaukeln sich Nachfrage und Angebot hoch; wenn sie verdrängt wird, ist sie für Kunden fast so schwer zu finden wie für Sozialarbeiter.
Ein St. Georg hat sich München erspart. Es war der als liberal geltende Polizeipräsident Manfred Schreiber, der um den Bahnhof herum keinen Großstadtdschungel entstehen lassen wollte. Er redete nett über Dirnen und entfesselte gleichwohl den in der Lokalpresse so genannten "Dirnenkrieg".
Über Prostituierte wollte er nicht moralisieren, er sah sie als die ersten Steine einer Domino-Reihe: Sie schaffen die ersten Scheine an, die über die Zuhälterei in Investitionen sowohl im legalen Animiergewerbe als auch im illegalen Bereich von Glücksspiel und Autoschieberei fließen, von da aus tiefer ins harte Geschäft mit Drogen und Waffen und schließlich, wundersam vermehrt, gewaschene Gelder einer Weiße-Kragen-Kriminalität geworden sind.
1972, als die Olympischen Spiele anstanden, ließ Schreiber als Signal für die internationale Zuhälterei, daß München sich nicht lohnt, das erste Bordell in der Innenstadt schließen. Seither haben diverse Kräfte am sauberen Zentrum gewirkt. Das kriminaltaktische Konzept paarte sich mit konservativer Sittenstrenge und katholischer Moral.
Das "Biotop", so das modernistische Münchner Ersatzstichwort für den antiquierten Sumpf mit dem moralinsauren Beigeschmack, wurde ausgetrocknet. Peep-Shows mußten ebenso wie Stadtstreicher verschwinden. Minderjährige Mädchen in Animierbetrieben gaben ebenso wie Dealer in Nachtlokalen den Vorwand her, unerwünschte Betriebe zu schließen, und wenn die Razzia nichts ergab, dann fand sich oft ein Dreh mit der Bauordnung.
Die vertriebenen Dirnen tauchten in Wohngebieten auf. Eine Landflucht war zu verzeichnen, die Polizei setzte strategisch nach, und am Ende war der Strich an den Stadtrand verlegt. Als das erste Zelt einer Camping-Prostitution aufgeschlagen stand, wurde es sofort abgebrochen, Wohnwagen dagegen durften zunächst stehenbleiben. Die Attraktion führte zu einem Boom, an dem zu studieren war, wie sich Gewinnsucht und Sexsucht aneinander aufgeilen. Die Wohnmobile wurden, sofern sie nicht schleunigst verschwanden, zwangsweise abgeschleppt.
Die Häuserprostitution wurde dezentralisiert und in Industriegebiete abgedrängt, wo die schummerigen Lichter der 36 Sex-Klubs mit kleiner Besetzung und die bunten Lämpchen des einen Großbordells wie Fremdkörper in der Unwirtlichkeit wirken. Draußen vor der Tür dürfen die Damen nicht stehen.
"Der sogenannte Makel, daß München als Weltstadt in der Prostitution provinziell geblieben ist, dient sowohl der Sicherheit als letztendlich auch dem Jugendschutz", sagt Georg Schratzenstaller, der als Kriminaldirektor Schreibers Konzept vorangetrieben hat und inzwischen zum Stellvertreter des Polizeipräsidenten aufgestiegen ist: "Wir wurden lange belächelt, jetzt bin ich froh, daß wir das gemacht haben, und in Sorge, ob wir das halten können."
Derweil wurde St. Georg schonend saniert unter Berücksichtigung des Milieuschutzes selbst für Puffs und Stundenhotels. Deren Betreibern schrieb zwar Kriminalhauptkommissar Heinz Okulla einen Brief: "Die Polizei beobachtet mit Sorge die Prostitution weiblicher und männlicher Minderjähriger." Das war 1984.
Aber es blieb bei der Warnung, daß Gewährung von gewerbsmäßiger Unterkunft oder erwerbsmäßigem Aufenthalt "mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe" geahndet wird.
Es wäre auch nicht vernünftig, wenn Okulla die Stundenhotels observieren ließe und kleinen Unfrieden hier und da schaffte. Die schäbige Schnüffelei lohnte nur, wenn ein politischer Wille dahintersteckte, gegen das gesamte Milieu zu zielen, das direkt oder indirekt an der Prostitution Minderjähriger verdient.
In der Hansestadt zerbröselt jedoch kriminalpolitische Sorge an höheren und auch profanen Werten: Über allem steht die Liberalität, mehr noch die Angst vor Illiberalität, vor provinzieller Moral und Spießermentalität, die Angst vor dem Großen Bruder und dessen widerwärtigen Schnüffelmethoden. Dazu kommt politischer Opportunismus, der eher ein Stückchen Recht opfert, als den Ruf "Polizeistaat" zu provozieren.
In München dagegen herrscht das Prinzip, wie Schratzenstaller offen zugibt, "bloß keine Rechtssicherheit aufkommen zu lassen". Was als Förderung der Prostitution bewertet werden kann, ist äußerst dehnbar, und im Ernstfall reicht schon die Schaffung einer besonders gemütlichen Atmosphäre. "Es fördert die Rechtsfreude", so Schratzenstaller, "wenn die Leute im Milieu wissen, ich bin nur geduldet, und morgen ist mein Laden zu, wenn ich mich nicht konform verhalte."
In München ist auch zu ermessen, was für einen Preis an Liberalität und Humanität es kostet, das größte Sperrgebiet der Bundesrepublik zu verteidigen. Dazu gehört ein ausgefeiltes Überwachungssystem, dazu gehört eine konsequente Verhängung von Bußgeldern für Frauen in Koberstellung bis hin zu dem exemplarischen Strafbefehl von 10 000 Mark, den eine von der Ingolstädter Straße bekam, weil sie im Winter in ihrem Auto so fror und fünf Freier in ihre Wohnung mitnahm, die im Sperrgebiet liegt. "Bei fünf Herren a 100 Mark is des zvui", widersprach Frau Brigitte. Der Richter ermäßigte auf 4200 Mark.
Sogar eine "charmante blonde Sie", die ihre Telefonnummer in der Zeitung inserierte und diskret zu einem Hausbesuch im Sperrgebiet kam, landete vor Gericht: Zwei Freisprüche in den Vorinstanzen hat das Bayerische Oberste Landesgericht wieder kassiert und bestätigt, daß sowohl Anbahnungstelefonate als auch Hausbesuche von Prostituierten im Sperrgebiet verboten sind. So studiert man denn bei der Münchner Polizei weiter den besonderen Anzeigenteil. Daß aber in etlichen der feinen Hotels, die auch im Sperrgebiet liegen, ein flottes Callgirl-Geschäft läuft, wird mit bajuwarischer Doppelmoral toleriert.
In St. Georg ist die Polizei gehalten, das Sperrgebiet weitgehend abzuschreiben und zurückhaltend mit der Verteilung von "Lampen" zu sein, wie die Bußgelder im Milieu und auch behördlich genannt werden. Zur Vertreibung Minderjähriger von der Straße sind "Lampen" (die von den Eltern oder der Jugendbehörde bezahlt werden müßten) kein geeignetes Instrument.
Sie aber stehen zu lassen, wo sie wollen, ist für Herbert Dietz, Sprecher des Münchner Sozialreferats (zu dem auch das Jugendamt gehört), "ein klarer Verstoß gegen den Geist des Jugendwohlfahrtsgesetzes". Den Willen Minderjähriger zu respektieren, "selbst wenn er auf die Selbstvernichtung gerichtet ist", hält er für "eine fixe ideologische Vorstellung". Wie ein Retter vor der bösen Welt würde er sie schützen "vor dem Faustrecht der Gefühle" und ihrer Benutzung "für ein dumpfes Nachgeben der Instinkte von Affen".
Wenn er kleine Strichmädchen zu fassen bekäme, er wüßte schon, wohin mit ihnen: zunächst jedenfalls in eine der beiden Einrichtungen, die sechs bis acht behördlich so erschreckend genannte "Verwahrplätze" haben, die aber für einen Tagessatz von 500 Mark eine personell hochintensive Betreuung bieten. Nur bekam Dietz halt in München keine minderjährigen Prostituierten im klassischen Sinne zu fassen. Statt dessen beobachtet er eine saturierte Glamour-Gesellschaft, die durch "ein schickes Milieu, durch Schmuck und Kleidung" kleine Mädchen zum Sex verführt und nach Abnutzung weiterreicht oder fallenläßt. Dietz: "Die Vernichtung ihrer inneren Existenz nimmt man nicht wahr."
Selbst wenn München eine heimliche Hauptstadt der Käuflichkeit im eleganten Vorstadium wäre, die gefährliche Vernetzung von Prostitution und Drogen - der Dealer auf der einen Straßenseite, das Straßenmädchen auf der anderen - ist in der Bayernmetropole allein schon räumlich nicht gegeben. Der Kleinhandel wurde aus der Öffentlichkeit, von der Straße, aus Parks und aus Lokalen weitgehend in private Zirkel verdrängt, was den Nachteil hat, daß sie schwer zu knacken sind, aber den Vorteil, daß sie so dreist beim Puschen nicht sein können.
Ausländischen Dealern verging in der Landeshauptstadt das Lachen. Wo oben immer wieder an einer Verschärfung des Ausländerrechts gearbeitet wird, da wird von unten schnell abgeschoben. Das Heroin ist in München zwar da, aber nicht so präsent wie in Hamburg. Das macht sich in der Opferstatistik bemerkbar: 236 Tote in Hamburg, 96 Tote in München während der letzten acht Jahre.
Bei ihren Besuchen in der Jugendarrestanstalt Neudeck hat die Drogenberaterin Britta Kraatz von "Con-Drobs" einige Insassinnen kennengelernt, die zwar nicht mehr Minderjährige waren, aber sich schon als Teenager für ihren Drogenkonsum prostituiert hatten. Gelegentlich landet auch eine schon erwachsene Süchtige mit so einer Jugend-Geschichte zur Zwangsentgiftung in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie in Haar.
So eine Einrichtung zum Entzug gibt es auch in Hamburg, aber dort wird niemand eingeschlossen; ob minderjährig oder nicht, spielt keine Rolle. Eine ganze Reihe der jungen süchtigen Prostituierten ist freiwillig gekommen und clean wieder gegangen, aber während der langen Wartezeit auf einen Platz in der Therapie wieder im Milieu, wieder an der Spritze, wieder auf dem Strich gelandet.
Wenn sie schon auf die Freiwilligkeit setzen, dann müssen sich die Hamburger Jugendschützer etwas Besseres einfallen lassen als die Finanzierung von Jugendwohnungen, die sich oft genug auch noch in St. Georg befinden, weil da die Mieten billig sind; die keine Betreuung rund um die Uhr haben und schon gar keine Betreuer, die gute Therapeuten sind: Die sind erstens rar und zweitens für eine unbezahlbare Selbstaufgabe auf einem schlechtbezahlten Posten in einer Jugendwohnung nicht zu haben.
So war es nicht nur ein Unglück, sondern auch ein Fehler im System, daß sich in so einer "behördenbetreuten" Wohnung das 15 Jahre alte Strichmädchen Stefanie vor fast vier Monaten totspritzen konnte.
Für Heidi dagegen, die freiwillig ins Heim und von da aus, wie andere auch, mit zwölf Jahren anschaffen ging, die von ihren Erziehern Kondome, aber keine Lebensorientierung vermittelt bekam; für so ein Mädchen, das sich in der harten Lebensschule von St. Georg rabiat durchsetzte und nicht unterging, weder den Drogen noch den Zuhältern verfiel und mit 15 Jahren nach über 1000 Freiern aus der Prostitution ausstieg; für Heidi also, die sich SPIEGEL-TV anvertraute, mag die Vermittlung einer Jugendwohnung ohne Betreuungs-Schnickschnack die erste Lösung der vielen noch anstehenden Probleme eines neuen Anfangs sein (siehe Interview Seite 98).
Frauke wiederum, mit 17 Jahren ein Drogenwrack und mißhandelt von ihrem Freund, der weiß, daß er Aids hat - Frauke war, bevor es soweit kam, diverse Male durch den Rost der Hamburger "Jugendhilfe ohne Zwang" gefallen.
"Programmatisch und praktisch", wie er sich rühmt, trägt der "Kinder- und Jugendnotdienst" dieses Konzept. Frauke bekam die obligatorischen Hilfsangebote, als sie mehrmals aus der Prostitution am Hauptbahnhof aufgelesen wurde. Sie lehnte ab, aber als sie schon elender war, kam sie doch freiwillig in das angeschlossene Mädchenhaus, das "bei Bedrohung, Mißhandlung und sexueller Gewalt" jungen Opfern Zuflucht gewährt und geeignete Betreuer für diese schwierige Thematik hat: wie zugeschnitten auf Fraukes Seelen-Lage.
Im Alter von 14 Jahren, als sie noch unberührt war, hatte sie erlebt, wie ihr Stiefbruder über sie herfiel und sie zu vergewaltigen versuchte - nach Fraukes Bewußtsein ein derartiges Unrecht, daß sie ihn anzeigte: "Aber das Schwein mußte nur 400 Mark Geldstrafe zahlen, das war alles." Ihr Vater gab ihr die Schuld, und in der Familie ist "alles irgendwie kaputtgegangen". Sie lief weg von zu Hause und landete am Bahnhof.
Vor der Prostitution junger Mädchen steht, so hat die Sozialforschung herausgefunden, häufig ein sexuelles Schockerlebnis. Die Täter sind oft der Vater oder der Bruder, ein Verwandter oder ein Freund der Familie. Schlimmer als der sexuelle Akt wirkt sich die Leugnung der Realität durch die Erwachsenen aus. Zumal Kinder erleiden Wahrnehmungsstörungen und entwickeln ein abgrundtiefes Mißtrauen, aber auch ein dunkles Bedürfnis, das Trauma unter veränderten Bedingungen zu wiederholen, um irgendwie damit fertig zu werden. Die Prostitution bietet als hilfloser Bewältigungsversuch Macht über einen Freier in dem Moment, da er sich entäußert, und zugleich die Distanz zu ihm als Mann, verbunden mit Anerkennung des gestörten Selbstwerts durch Geld.
Daß für diese schwierige Psychoproblematik "Einsperren keine Lösung sein kann", hat der Leiter des "Kinder- und Jugendnotdienstes", Klaus Schmidt, gemerkt, als er noch ein geschlossenes Heim führte und regelmäßig eine tobende Korona auf dem Dach hatte, unten die Feuerwehr mit Sprungtuch, bis er den Mut fand, nicht mehr auf solche Eskapaden zu reagieren: "Die Mädchen brauchen Vertrauen und Achtung, sie müssen lernen, eigene Verantwortung für das eigene Schicksal zu übernehmen, das ist der einzige Weg." Pro Jahr schaffen es sechs bis acht Teenager, über das "Mädchenhaus" aus der Prostitution auszusteigen.
Frauke schaffte es nicht. Sie nahm Drogen und flog nach den Regeln aus dem Mädchenhaus. "Unser Konzept ist ja auf sexuellen Mißbrauch ausgerichtet", sagt Schmidt, "für die Drogenprobleme weiß ich auch keinen Rat."
In der Realität läuft beides auf ein und dasselbe hinaus, nicht bloß bei Mädchen. Auch Stricher sind in ihrer Kindheit oft sexuell mißbraucht worden, eine neue Erkenntnis, die in der Jugendpolitik noch keine Resonanz gefunden hat.
Die Jugend in der Prostitution ist nur ein Indiz dafür, wie unbewältigt Sexualität geblieben ist: "Unsere Gesellschaft hatte keine sexuelle Revolution", sagt Schmidt, "wir müssen eine Auflösung von Normen verkraften."
So stehen die Strichmädchen und Strichjungen für die Probleme unzähliger Männer, die es nicht bewältigt haben, ihre Sexualität voll in ihr soziales Leben zu integrieren: Sie zahlen, ihre Objekte bezahlen.

DER SPIEGEL 44/1989
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