30.10.1989

ÜbersiedlerWir brauchen Platz

Mit überhöhten Zimmerpreisen in staatlichen Wohnheimen will die bayerische Landesregierung DDR-Flüchtlinge vergraulen.
Max Streibl, 57, gab sich zuckersüß. In einem Brief, den seine Beamten jedem Flüchtling in die Hand drückten, hieß Bayerns Ministerpräsident die Einwanderer aus der DDR "herzlich willkommen". Hier brauchten sie nicht mehr für einen "ineffizienten Staat" zu arbeiten, schrieb der CSU-Politiker, sondern für ein "Gemeinwesen, das dem einzelnen den Lohn seiner Arbeit beläßt".
Der Sermon muß vielen der rund 28 000 DDR-Zuzügler, die bisher im Freistaat untergekommen sind, wie reiner Hohn vorkommen. Denn Streibls Bundesland nimmt einen Teil der Einwanderer, die häufig ihre ganze Habe in einer Plastiktüte unterbringen können, ganz schön aus.
Etwa die Hälfte der in Bayern lebenden Übersiedler aus der DDR ist in den 100 staatlichen Übergangswohnheimen einquartiert. Dort kassiert der Freistaat unbarmherziger als der schlimmste Miethai.
Kaum war im September der erste Übersiedler-Schub ins Land gekommen, erhöhten die Bayern die Übernachtungsgebühren per "Verordnung über die Übernahme und vorläufige Unterbringung von Aussiedlern und Übersiedlern" - Unterschrift: der freundliche Landesvater Dr. h. c. Max Streibl.
Nun muß jeder Bewohner, gestaffelt nach Gemeinden, sechs bis acht Mark am Tag berappen, in München sogar zehn Mark. Das macht pro Person zwar nur 180 bis 300 Mark im Monat. Aber dafür gibt es häufig lediglich ein Etagenbett in einem Kabuff von 30 oder 35 Quadratmetern, vollgestopft mit sechs, manchmal sogar acht Personen.
So kommt leicht ein Zimmerpreis von mehr als 1000 Mark pro Monat zusammen. Bei einer Belegung mit acht Flüchtlingen werden sogar 2000 Mark und mehr fällig; denn jeder Bewohner muß auch noch eine Heiz-Pauschale in Höhe von zehn Mark im Monat aufbringen.
"Das ist doch der schiere Wucher", entsetzte sich die Neu-Ulmerin Margit Hampel-Woschee, als sie zum erstenmal Kleidung ins benachbarte Wohnheim brachte. Frau Hampel-Woschee hat sich zur Sprecherin der Flüchtlinge gemacht, weil "diese armen Menschen doch nie gelernt haben, sich mit Behörden anzulegen".
Die meisten Insassen trauen sich nicht, den Mund aufzumachen; sie sind dankbar, daß sie überhaupt ein Dach über dem Kopf haben. Dabei ist den Beamten der für das Wohnheim zuständigen Regierung von Schwaben die Höhe der Übernachtungsgebühren offensichtlich selber peinlich. "Großzügig" wolle er von einer Härteklausel Gebrauch machen, versprach Abteilungsleiter Ernst Greißl.
Danach kann die Gebühr bei "besonders beengter Unterbringung" um 30 Prozent gesenkt werden. Aber auch dann ist der Zimmerpreis noch viel zu hoch. Für ein möbliertes Zimmer sind in Neu-Ulm und Umgebung "200, vielleicht auch mal 300 Mark üblich", meint Frau Hampel-Woschee.
Allerdings: Aufgrund des großen Ansturms finden die Flüchtlinge so schnell keine private Unterkunft, die auch noch einigermaßen günstig zu ihrem Arbeitsplatz liegt. Manch einer, der mit ordentlichen Ausreisegenehmigungen ins Land gekommen ist, wartet schon seit Monaten auf seine Chance.
Gerade diese Insassen möchte die Landesregierung durch die Erhöhung der Übernachtungsgebühren, in manchen Fällen eine Verdreifachung, aus ihren Wohnheimen vertreiben. "Wir brauchen Platz", sagt Albert Limmer vom Sozialministerium, schließlich kämen "immer mehr von drüben".
So brutal wie die Bayern sind die Regierenden der anderen Bundesländer nicht. Im benachbarten Baden-Württemberg beispielsweise zahlt ein Flüchtling nur 40 Mark im Monat für sein Etagenbett.
Bayerns Sozialminister Gebhard Glück, immerhin, ist nachdenklich geworden: In München sind Vermieter von Gastarbeiter-Absteigen, die ähnlich überteuert waren wie jetzt die staatlichen Flüchtlingsheime, schon vor Jahren wegen Mietwucher verurteilt worden.

DER SPIEGEL 44/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 44/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Übersiedler:
Wir brauchen Platz

Video 01:09

Unbemannter Kampfjet X-47B US-Navy veröffentlicht Video von Testflügen

  • Video "Unbemannter Kampfjet X-47B: US-Navy veröffentlicht Video von Testflügen" Video 01:09
    Unbemannter Kampfjet X-47B: US-Navy veröffentlicht Video von Testflügen
  • Video "9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden" Video 01:54
    9-Jährige vor Bürgermeister in Charlotte: "Es ist eine Schande, dass Väter und Mütter getötet werden"
  • Video "Riesenfisch im Video: Walhai nutzt Boot als Kratzbaum" Video 00:52
    Riesenfisch im Video: Walhai nutzt Boot als Kratzbaum
  • Video "Pen Pineapple Apple Pen: Gaga-Video erobert das Internet" Video 01:58
    "Pen Pineapple Apple Pen": Gaga-Video erobert das Internet
  • Video "Faszinierende Animation: So will Elon Musk den Mars besiedeln" Video 03:33
    Faszinierende Animation: So will Elon Musk den Mars besiedeln
  • Video "Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier" Video 01:04
    Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier
  • Video "US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung" Video 00:46
    US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung
  • Video "Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser" Video 00:43
    Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser
  • Video "Duo zum Duell zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit" Video 04:25
    "Duo zum Duell" zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit
  • Video "Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt" Video 00:57
    Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt
  • Video "Die Lachnummer des Jahres: Nordkoreas U16-Keeper und sein Riesenbock" Video 00:54
    Die Lachnummer des Jahres: Nordkoreas U16-Keeper und sein Riesenbock
  • Video "US-Überwachungsvideo: Helikopter-Notlandung auf Straßenkreuzung" Video 00:43
    US-Überwachungsvideo: Helikopter-Notlandung auf Straßenkreuzung
  • Video "Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug" Video 01:24
    Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug
  • Video "TV-Debatte Clinton vs. Trump: Die Highlights der Show" Video 03:48
    TV-Debatte Clinton vs. Trump: Die Highlights der Show
  • Video "Videoanalyse: Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus" Video 00:44
    Videoanalyse: "Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus"