23.04.1990

UnternehmenKrieg der Stämme

Ein erbitterter Machtkampf lähmt die schwäbische Maschinenbaufirma Voith.
Die Firma auf der Schwäbischen Alb fiel der Öffentlichkeit allenfalls durch ihre Unauffälligkeit auf. "Geradezu typische schwäbische Merkmale" (Börsen-Zeitung) wurden dem Maschinenbaukonzern Voith zugeschrieben: seit Generationen in Familienbesitz, erfolgreich und weltoffen. Nicht einmal ein "Hauch von Skandal" (Industriemagazin) war da auszumachen.
Aus, vorbei. Die Zeiten ändern sich, selbst in der schwäbischen Provinz. Seit Monaten tobt hinter den Kulissen des bedächtigen Konzerns ein Machtkampf, der das Unternehmen zunehmend lähmt. Schlagzeilen gibt es jetzt fast täglich, günstig sind sie nicht mehr. Die Mittel, mit denen da gefochten wird, werden immer härter, demnächst müssen sich die Gerichte mit dem Streit beschäftigen.
Eine Menge steht auf dem Spiel: die Macht über einen weltweit tätigen Konzern, der 2,5 Milliarden Mark umsetzt und mindestens 2 Milliarden Mark wert ist; die Zukunft eines Unternehmens, das rund 16 000 Menschen beschäftigt.
Vordergründig geht es darum, ob der Schweizer Maschinenbaukonzern Sulzer bei der schwäbischen Traditionsfirma einsteigen darf. Deren Geschäftsführung will das. Nur so, sagt sie, könne Voith langfristig überleben. Ein prominent besetztes Beratergremium unterstützt den Plan, Betriebsrat und Gewerkschaft sind ebenfalls dafür.
Doch zustimmen müssen auch die Eigentümer. Das sind die Erben des Firmengründers. Sie verteilen sich auf zwei gleichberechtigte, inzwischen innig verfeindete Familienstämme. Und einer der beiden Clans spielt nicht mit.
Normalerweise haben die Erben bei Voith nicht viel zu sagen. Beteiligungen von Dritten an der Firma aber zählen zu den wenigen Gelegenheiten, bei denen sie gefragt werden müssen.
Die weitgehende Ausschaltung der Familienmitglieder hat vor Jahren der langjährige Voith-Chef Hugo Rupf besorgt. Um Familienstreitigkeiten, die schon so manche Firma ruiniert haben, ein für allemal vorzubeugen, verlagerte er die Macht auf einen Gesellschafterausschuß.
Vorsitzender dieses gewichtigen Gremiums ist Egon Overbeck, der ehemalige Mannesmann-Chef. Ihm zur Seite stehen so prominente Wirtschaftsführer wie Werner Niefer (Mercedes), Dieter Spethmann (Thyssen) und Marcus Bierich (Bosch). Die Vertreter der Stämme entsenden jeweils einen Vertreter.
"Die Gesellschafter wurden regelrecht kastriert", klagt der Rechtsanwalt Mark Binz. Der Stuttgarter Wirtschaftsjurist vertritt die Interessen des Familienstammes Hermann Voith, in dem die Familie Schuler-Voith den Ton angibt. In Göppingen besitzt diese Familie eine eigene Firma mit 600 Millionen Mark Umsatz.
Dieser Stamm hat, meint Binz, "unternehmerisches Blut in den Adern". Die Familie Schuler-Voith, vor allem aber ihr Sprecher Robert Schuler-Voith, 37, möchte bei Voith wieder ein gewichtiges Wort mitreden.
Der zweite Stamm, die Abkommen des Hanns Voith, ist eher anthroposophisch und künstlerisch orientiert; er verfolgt diese Ambitionen mit Befremden. Ein Angebot der Linie Hermann, der Verwandtschaft den 50-Prozent-Anteil an Voith abzukaufen, lehnte die Hanns-Sippe ab. Ebenso indiskutabel erschien ihr der Vorschlag, die Göppinger Firma Schuler bei Voith einzubringen - das hätte dem Stamm Hermann die Mehrheit verschafft.
Eine Einigung der beiden Linien über die Zukunft der Firma scheint nicht möglich, die derzeitige Patt-Situation auf Dauer nicht hinnehmbar. Vielleicht kamen deshalb in der Branche Gerüchte auf, das renommierte schwäbische Unternehmen stünde zum Verkauf, die Erben wollten kassieren.
Ende 1988 jedenfalls tauchten in Heidenheim an der Brenz, dem Firmensitz, allerlei Kaufwillige auf.
Sie waren einmal am Stammgeschäft der Gruppe interessiert. Voith ist einer der größten Hersteller von Papiermaschinen der Welt. Daneben produziert das Unternehmen Turbinen und Schiffspropeller, Ventilatoren und Getriebe.
Die Bewerber lockte allerdings auch der beträchtliche Besitz der Schwaben. Die haben sich im Lauf der Jahre einträgliche Beteiligungen an Firmen wie Daimler-Benz und Salamander zusammengekauft (siehe Grafik).
Mit dem Schweizer Sulzer-Konzern gediehen die Verhandlungen am weitesten. Doch dann zuckten die Eigner zurück. Voith sollte weiterhin, und zwar langfristig, in Familienhand bleiben.
Das war im März vergangenen Jahres. Doch es wurde weiter verhandelt, nunmehr über eine Kooperation. Die Schweizer wollen ihre Tochtergesellschaft Sulzer-Escher Wyss bei Voith einbringen und im Gegenzug mit 25,1 Prozent an dem schwäbischen Konzern beteiligt werden.
Im August unterschrieben die beiden Konzerne eine gemeinsame Absichtserklärung, im Februar diesen Jahres stimmte das Kartellamt zu. Alles schien klar - zumindest nach außen.
Intern hatte der Familienstamm Hermann Voith schon früh zu erkennen gegeben, daß ihm eine solche Lösung gar nicht paßt. Robert Schuler-Voith und seine Sippe fürchten, die Schweizer würden sich auf Dauer mit einer Minderheitenposition nicht zufriedengeben. Das aber bedeutete das Ende der Familienherrschaft.
Zum Eklat kam es Mitte März. Eine Gesellschafterversammlung sollte über die weiteren Verhandlungen mit Sulzer beschließen. Sie tat das auch, aber ohne die Stimmen des Stammes Hermann Voith. Deren Vertreter waren bei der Abstimmung nicht dabei - mutwillig, wie ihre Gegner sagen, arglistig ferngehalten, wie sie selbst behaupten. Die Wahrheit muß nun, auf Klage des Stammes Hermann, das Landgericht Ellwangen feststellen.
Seither wird in Heidenheim ganz offen gekämpft. Die Belegschaft ging auf die Straße, der Oberbürgermeister schrieb einen offenen Brief - der Druck auf den Hermann-Clan wächst, der Beteiligung von Sulzer doch noch zuzustimmen.
Beide Seiten sind offenbar unnachgiebig. Ein Kompromiß ist nicht in Sicht, wie auch: Ein Familienstamm will die Macht, alle anderen wollen das verhindern. Das Mißtrauen der großen Koalition aus Geschäftsführung, Gesellschafterausschuß und Gewerkschaft richtet sich vor allem gegen Robert Schuler-Voith. Ob der Junior, von Beruf Erbe, die Qualitäten mitbringt, einen Konzern wie Voith zu führen, weiß niemand. Aber kaum einer traut es ihm zu. Der Allianz gegen Schuler erscheint die Verbindung mit einem renommierten Konzern jedenfalls sicherer.
Die Schweizer haben eine letzte Frist gesetzt: Bis Ende des Monats wollen sie wissen, wie es weitergeht.
Der Termin wird sich kaum halten lassen. "Die Fronten", klagt Michael Rogowski, der Sprecher der Geschäftsführung, "sind total verhärtet."

DER SPIEGEL 17/1990
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