30.10.1989

Klerus auf der Couch

„Kleriker“ ist der Titel einer Psychoanalyse des Priester- und Ordensstandes, die nächste Woche erscheint. Der Paderborner Theologe Eugen Drewermann schreibt, die Kirche bringe vor allem Kranke hervor, „bis an die Grenzen des Wahnsinns“, und empfiehlt dem Klerus, sich eher an Brigitte Bardot als an Maria zu orientieren.
Was ein Theologe als wahr empfindet, das muß falsch sein: Man hat daran beinahe ein Kriterium der Wahrheit. Was dem Leben am schädlichsten ist, das heißt hier "wahr", was es hebt, steigert, bejaht, rechtfertigt und triumphieren macht, das heißt "falsch".
Was kennzeichnet den "gegenwärtigen Zustand der katholischen Kirche"? Antwort: "Die Unmenschlichkeit eines jahrhundertelang etablierten Systems der konsequenten Zerstörung des Individuums auf allen Ebenen persönlicher Existenz".
Woran kranken katholische Weltpriester und Ordensleute? Antwort: An "systematischer Entpersönlichung" und einer "Verleugnung der gesamten eigenen Biographie". Es sind Menschen, bei denen "Gefühle keinerlei Rolle spielen" und "die grundsätzlich nur anzuerkennen vermögen, was ihnen durch fremde Autoritäten verbürgt" wird.
Wie gehen katholische Amtsträger mit Gläubigen um? Antwort: "Der Ausfall jedes eigenen Willens und Denkens" veranlaßt sie, "auch mit anderen Menschen geradeso umzugehen wie mit sich selbst: ,gemaßregelt' sozusagen, mit den Verfahren institutioneller Absicherungen".
Welche Katholiken gehen heute gewöhnlich noch zur Kirche? Antwort: "Fast nur noch Menschen, die in ihrem ,Glaubensgehorsam' geistig, bezogen auf den Bewußtseinsstand ihrer Zeitgenossen, um Jahrhunderte zurückgeblieben und, bezogen auf ihre eigene Biographie, in der Zeit vor der Pubertät stehengeblieben sind".
"Kleriker. Psychogramm eines Ideals" heißt das 900-Seiten-Werk, dem die Zitate entstammen. Geschrieben hat es ein Insider und Fachmann zugleich: der Paderborner Priester, Theologiedozent und Psychotherapeut Eugen Drewermann, 49. Das Buch erscheint nächste Woche und könnte für katholische Kleriker zum anregendsten oder, je nachdem, deprimierendsten Buch der letzten hundert Jahre werden*.
Nachdem im vorigen Jahrhundert Philosophen wie Feuerbach, Marx oder Nietzsche die klerikalen Systeme christlicher Kirchen "als eine Form der Entfremdung des Bewußtseins" (Drewer* Eugen Drewermann: "Kleriker. Psychogramm eines Ideals". Walter-Verlag, Olten/Schweiz und Freiburg/Breisgau; 900 Seiten; 88 Mark. mann) beschrieben hatten und im Laufe dieses Jahrhunderts Theologen wie der Protestant Rudolf Bultmann oder der Katholik Hans Küng zahlreiche alte Lehren entmythologisiert haben, ist es nach Drewermann nun höchste Zeit für eine psychoanalytische Vivisektion der christlichen, speziell der katholischen Religion.
Aus der Psycho-Sicht Drewermanns erscheint die römisch-katholische Kirche als Ausdruck des "Krankheitszustands der Gesellschaft ebenso wie des einzelnen", als eine Institution "des Zwangs, der Unterdrückung, der Entpersönlichung und der Gefühlszerstörung", fast als eine Art Klapsmühle.
Entsprechend strukturiert sind nach den Erfahrungen Drewermanns die Kleriker, die sich von einer solchen Institution angezogen fühlen: Es sind durchweg Menschen, die selbst "von Ängsten und Zwängen verformt sind", die Angst haben vor ihrer Selbstverwirklichung und deshalb unter den Schutz des vergöttlichten Über-Ichs Kirche fliehen.
Drewermanns Analysen könnten in der katholischen Kirche einen Sturm auslösen, der die Turbulenzen um den Tübinger Theologen Küng noch übertrifft; Küng verlor nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit der Amtskirche 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis, unter anderem wegen seiner Thesen gegen die päpstliche Unfehlbarkeit.
Längst zählt auch Drewermann, Privatdozent für Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät Paderborn, einer Priesterschmiede, zu den überragenden Talenten der katholischen Kirche. Kein deutschsprachiger Theologe hat derzeit größeren Zulauf.
Nebenbei arbeitet Drewermann, der zwischen 1968 und 1972 in Tiefenbrunn bei Göttingen auch Psychoanalyse studiert hat, als Therapeut. In seinen Sprechstunden sitzen zahlreiche Priester und Ordensleute. Der Psychoanalytiker Drewermann hat den Theologen Drewermann entscheidend beeinflußt.
Nichts beleuchte die menschliche Situation "lebensnaher und tiefer" als die Psychoanalyse, faßt er seine Einsichten zusammen. Die Theologie könne als Wissenschaft nur dann wieder "wahrgenommen" werden, "wenn sie das erfahrungslose, existentiell unbeteiligte Reden über die ,Geheimnisse' Gottes aufgibt und statt dessen die Psychoanalyse zum Erkenntnisweg ihrer Zentraldisziplinen Moraltheologie, Exegese und Dogmatik macht".
In mittlerweile 28 Büchern versucht Drewermann seit nahezu 14 Jahren, seine Grundeinsichten in immer neuen Varianten unter die Leute zu bringen: *___Während die sogenannte Befreiungstheologie der ____lateinamerikanischen Länder mit Recht auf soziale und ____politische Erneuerung aus sei, meint Drewermann, müsse ____sich die mitteleuropäische Theologie vor allem um ____die Psyche des Menschen kümmern. Denn "das einzig ____wesentliche Thema der Religion" sei: "Wie kann die ____Urangst der Menschen in Vertrauen verwandelt werden?" *___"Die entscheidenden Antworten" finden sich nach ____Drewermann in den Märchen der Völker, den Texten ____antiker Religionen, den alt- und neutestamentlichen ____Mythen und Legenden, Weissagungen und ____Wundererzählungen. Diese Quellen müßten "wesentlich ____auch mit Hilfe der Tiefenpsychologie" erschlossen ____werden, etwa mit den "Regeln der Traumdeutung". *___Die tiefenpsychologische Interpretation religiöser ____Texte vermittele nicht nur dem einzelnen neuen ____Lebenssinn, sondern bewirke auch ein verändertes, ____"Jesus gemäßeres" Kirchenbild. Wenn Vertrauen und ____Menschlichkeit zum Maßstab religiösen Handelns würden, ____verlören Hierarchien und Dogmen ihren Zwangscharakter; ____aus Konfessionen und Religionen würden Partner statt ____Gegner.
Drewermanns Botschaft kommt an: Seine zahlreichen Vorträge quer durch die deutschsprachigen Regionen Europas sind meist überfüllt. Seine Bücher erscheinen in hohen Auflagen.
Der Verkauf des Erstlingswerks "Strukturen des Bösen", einer sperrigen Habilitationsschrift von 1800 Seiten aus dem Jahre 1977, war vom Paderborner Schöningh-Verlag auf 360 Exemplare taxiert worden. Sogar von diesem Buch sind mittlerweile über 10 000 Exemplare verkauft worden.
Daß Drewermanns neuestes Opus trotz Umfang und Preis ein Bestseller wird, steht schon kurz vor Erscheinen des Buches fest: Buchhändler haben die erste Auflage (15 000 Exemplare) fast vollständig aufgekauft, die zweite Auflage (ebenfalls 15 000 Exemplare) ist geordert.
Kein Wunder: Einem 2000 Jahre alten und immer noch angesehenen Berufsstand wird die Maske diesmal nicht mit einem Pamphlet a la "Pfaffenspiegel" abgezogen, sondern auf weit unangenehmere, weil seriöse Weise. Drewermann legt den Klerus gleichsam auf die Couch.
Dem Paderborner Theologen zufolge steht am Anfang des Weges, der jemanden ins Klerikerdasein führt, zumeist eine nach außen intakte Ehe mit einem beherrschenden Vater und einer sensiblen, unter ihrem Mann leidenden Mutter. Die Mutter, die häufig religiös stark gebunden sei und die es mit ihrem Kind gut meine, fühle sich jedoch - unbewußt - durch das Kind überfor* Mit Papst Johannes Paul II. dert und an einem Eigenleben gehindert.
Das Kind wiederum, ebenso sensibel wie seine Mutter, spüre die Herrschsucht des einen und die Überforderung des anderen Elternteils und antworte darauf in unbewußter Gefühlslogik auf dreierlei Weise: *___mit einer "extremen Verzichthaltung gegenüber allen ____Formen eines privaten Glücks"; denn: Wenn die Mutter ____das Kind als Belastung empfindet, ____"kann das nur daran liegen, daß es selber nicht ____liebenswert ist"; *___mit einem "Gefühl, nur im Altruismus, im Sein für ____andere, überhaupt sein zu dürfen"; denn: "Wie sich die ____Mutter zum Wohle ihres Kindes opfert, obliegt diesem ____die Pflicht, sich zum Wohle seiner Mutter zu opfern"; *___mit der Hoffnung auf ein besseres Jenseits; denn: ____"Zumindest in Gott, in einer anderen Welt als der ____,bloß' irdischen", kann es "paradiesische Einheit und ____Geborgenheit" und "etwas absolut Gewisses" geben.
Wenn junge Leute mit solcher "Angst vor sich selbst" zum richtigen Zeitpunkt auf entsprechende Kirchenkreise treffen, liegt die Berufswahl Priester, Ordensmann oder Ordensfrau nahe. Drewermann: "Ein Erwählter an beauftragter Stelle inmitten einer Gemeinschaft von Auserwählten zu sein - das erst befriedigt die ontologische Unsicherheit*."
Der streng hierarchisch aufgebaute Kirchenapparat wiederum brauche gerade diese seelisch Angeschlagenen. Drewermann: "Die Reproduktion des klerikalen Beamtenstandes in der Kirche" setze "zentral die Entpersönlichung ihrer eigenen Kandidaten" voraus - zwecks besserer Handhabung.
"Göttliche Erwählung" oder "Berufung", wie die Kirche den Weg in den Klerikerstand ausgibt, entpuppe sich aus psychoanalytischer Sicht als Flucht vor dem eigenen seelischen Defizit. Die Amtskirche fungiere dabei "psychoanalytisch als ein phantastischer Apparat der Angstberuhigung" mittels angeblicher "Heilsgewißheit" und "Irrtumsfreiheit".
Die "Anmaßung" und "Illusion von dem Alleinbesitz der Wahrheit" entfaltet ihre eigene Dynamik: Sie führt bei Kirchenführern nicht nur zu "ideologischer Intoleranz", sondern auch zu einer für Kleriker typischen "pastoralen Unwahrhaftigkeit".
Das erklärt nach Drewermann die nichtssagende kirchliche "Phraseologie" und eine "Zweiteilung zwischen den ,Wissenden' und dem ,Volk'". Während beispielsweise Bibelwissenschaftler ihre Erkenntnisse über die Auferstehung Jesu oder die Jungfräulichkeit Mariens auf kirchliche Weisung für sich behalten, würden die einfachen Gläubigen vom Klerus bewußt "bis zum massivsten Aberglauben fehlinformiert, um an ihrem Kinderglauben nicht Schaden zu leiden".
Für zwangsläufig verlogen hält Drewermann auch die "anbiedernde Freundlichkeit" von Klerikern und die Motive ihrer Caritas. Es gehe Amtsträgern mit ihrem Interesse an fremder Not häufig nur darum, "sich Gehorsam und * Ontologisch = seinsmäßig, von (griech.) on = das Seiende. Liebe zu erringen", ohne ernsthaft an den Menschen interessiert zu sein.
Stabilisiert wird das subtile "Zwangssystem der Außenlenkung und der Entpersönlichung" durch etwas ganz besonders Frommes: die angeblich von den Evangelien empfohlenen und deshalb so genannten Evangelischen Räte der Armut, Keuschheit und des Gehorsams, von denen die beiden letzteren für alle Kleriker verbindlich sind.
Als "Herzstück" unter den dreien bezeichnet Drewermann den Gehorsam, bei Ordensleuten abgesichert durch ein Gelübde, bei Klerikern durch diverse Eide - "stets geschworen auf die Bibel, in welcher steht: ,Du sollst überhaupt nicht schwören'".
Der Paderborner Seelenarzt ist überzeugt: In der Seele der Kleriker führt solche "Terrorbrüderlichkeit des Eides" zu einem "unglaublichen Ausmaß an seelischer Selbstzerstörung und neurotischer Verkrampfung". Denn solche Schwüre verstärkten notgedrungen die ohnehin vorhandene "Struktur eines erzwungenen Denkens und eines erzwungenen Wollens". Das Ergebnis sei eine "Kleinkinder-Moral, wonach richtig und falsch sich danach bemessen, was die maßgebende Instanz dazu sagt".
Am konsequentesten vollendet sich der katholische Trend zur Entmündigung in der befohlenen Ehelosigkeit. Drewermann drückt sein Urteil über die Praxis des Zölibats und des Keuschheitsgelübdes mit einem Zitat aus Alfred Döblins Roman "Die drei Sprünge des Wang-lun" aus. Die Keuschheitslehre, sagt darin der buddhistische Mönch Manoh, sei "keine kostbare Regel", sondern "ein Wahnsinn, eine Barbarei".
In jeder Kleriker-Biographie wiederholt sich aus der Sicht des Psychoanalytikers mit der "Aufopferung" der eigenen Geschlechtlichkeit der "Kreuzzug gegen den eigenen Vater der Kindheit und die männlichen Strebungen des eigenen Herzens. Immer geht es dabei um die unbefleckte Reinheit ,der' Frau, der einzig Geliebten, der eigenen Mutter".
Die Kirche weiß das seit Jahrhunderten zu nutzen. Als "kompensatorische Ersatzphantasien" empfiehlt sie dem Kleriker die Verehrung "der ewig jungfräulichen Mutter" Maria. Dabei finde, wie beim Gehorsam, eine "Infantilisierung des Betenden" statt. Dieser müsse sich vor der "allzeit reinen" Madonna "als unschuldiges, asexuelles, vorpubertäres Wesen" definieren. Solche Marienfrömmigkeit, unterschwellig überdies gespickt mit "massiver Sexualsymbolik", bringt laut Drewermann keine Heiligen hervor, sondern Kranke, "bis an die Grenzen des Wahnsinns".
Statt an der Madonna, empfiehlt Drewermann, sollten sich seine Mitbrüder eher am "Mythos von Brigitte Bardot" orientieren. In deren Filmen habe die weibliche Sexualität "einen Grad von Aufrichtigkeit und Selbstverständlichkeit" erhalten, "der vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte des erotischen Films eine wirkliche Korrektur zum ,christlich-abendländischen' Frauenbild darstellt" - nämlich: "Einheit von Körper und Geist, von Sexualität und Charakter".
Empfehlenswert für katholische Kleriker findet Drewermann auch den Jesus aus dem - von der Amtskirche heftig bekämpften - Scorsese-Film "Die letzte Versuchung". Daß Jesus darin "das irdische Glück der Geschlechtlichkeit" genießen will, empfindet Drewermann als eine "Art, Gott zu erfahren".
Im Bewußtsein der Leute sei aus der zölibatären Sexualmoral der Kleriker ohnehin bereits "ein bemitleidenswertes Unikum geworden". Drewermann-Rat an heutige Kleriker: _____" Den Schritt wagen, der psychotherapeutisch als höchst " _____" wünschenswert erscheint: sich bis über beide Ohren als " _____" Priester in eine Frau bzw. als Nonne in einen Mann zu " _____" verlieben. Es läßt sich kein Christentum weiter verkünden " _____" durch die feige Feierlichkeit einer Keuschheit, die " _____" angesichts einer liebenden Frau nichts weiter zu sagen " _____" hat als: "Ich darf nicht." "
Heimlich praktizieren viele Kleriker das ohnehin schon. "Man schätzt", schreibt Drewermann, "daß von den 18 000 Priestern in der Bundesrepublik etwa 6000, rund ein Drittel, mit einer Frau zusammenleben, ohne ,Ärgernis' zu erregen." Drewermann-Urteil: "Ohne Zweifel: Sie sind durch ihre Beziehung zu einer Frau nicht schlechtere, sondern bessere, menschlich reifere Priester geworden."
Auch die mit der Heimlichkeit verbundene Doppelbödigkeit hält Drewermann moralisch für das kleinere Übel: "Besser, man belügt eine Kirche, die offensichtlich belogen sein will, als daß man einen Menschen verrät."
Doch die Abschaffung des Pflichtzölibats ist für Drewermann nur eine Reform-Facette. Wenn die Kirche nicht "jeden Tag mehr an Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit verlieren" wolle, komme sie "an einem Umbau des Gesamtsystems nicht vorbei". Kernpunkt: "Die Pyramide von Rang und Macht" müsse sich "von unten nach oben" aufbauen, "statt sich von oben her der Menge der Gläubigen überzustülpen".
Doch statt über den eigenen Sinneswandel nachzudenken, überlegen katholische Kirchenführer derzeit fieberhaft, wie sie den unangenehmen Kritiker mundtot machen können.
Drewermann kennt solche Absichten bereits seit sechs Jahren. Wegen seines Buches "Der tödliche Fortschritt" beispielsweise, in dem er der Kirche eine Mitschuld an der Öko-Krise zuwies, durfte er keine Religionslehrer mehr fortbilden. Einladungen zu kirchlichen Bildungsveranstaltungen mußten auf höhere Weisung unterbleiben.
Der Druck verstärkte sich noch, als Drewermanns dreibändige "Psychoanalyse und Moraltheologie" 1986 in der vatikanischen Glaubenskongregation kursierte, deren Amtschef der einstige Theologieprofessor und Münchner Kardinal Joseph Ratzinger, 62, ist.
Vor allem in Band 2 über "Wege und Umwege der Liebe" entdeckten die Zensoren Ketzerisches. Bereits im Inhaltsverzeichnis heißt es: "Das Paradies der Liebe kennt keine Gebote." Postuliert wird auch ein "Recht auf Scheidung und Wiederverheiratung in der katholischen Kirche".
Die Lesestunden der vatikanischen Glaubenswächter hatten Folgen. Im Jahre 1986 mußte Drewermann seine Scheidungsthesen vor Paderborns Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt, 63, rechtfertigen. Selbst das schlimmste Zerwürfnis von Eheleuten könne niemals ein Scheidungsgrund sein, wurde er damals aus Bischofsmund belehrt; gerade im Leid hätten Eheleute teil am "Leidensmysterium Christi".
Als der Theologe wenig später zur Auslegung der biblischen Weihnachtsgeschichte vergleichbare altägyptische Mythen herangezogen hatte, erhielt er einen Bischofsbrief mit rund drei Dutzend Fragen zu seiner Rechtgläubigkeit wie: "Ist der Schoß der Jungfrau Maria nur ein Symbol?"
Im September dieses Jahres, die römische Glaubenskongregation hatte Drewermanns jüngsten Kommentar zum Markus-Evangelium auf dem Tisch, forderte Kardinal Ratzinger den Paderborner Erzbischof erneut und noch dringlicher als zuvor auf, den Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis für Drewermann nunmehr ernsthaft zu erwägen.
Zwar hofft Drewermann, "daß man bischöflicherseits nicht so dumm sein wird, immer dieselben Fehler zu begehen". Aber bislang scheint nur die Popularität des Autors den Paderborner Oberhirten wie auch die Deutsche Bischofskonferenz von einem radikalen Schnitt abgehalten zu haben.
Drewermanns neues Opus "Kleriker" könnte den Bruch herbeiführen. In seinem Buch hat der Autor die Mentalität der Bischöfe ausführlich genug beschrieben: Sie seien im Zweifelsfall "fanatisch".

DER SPIEGEL 44/1989
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