04.06.1990

TheaterHeiter und anstrengend

In Hamburg eröffnet die „Neue Flora“ - für Kritiker ein Stück Giganto-Kommerzkultur.
Das Phantom hat die Menschen lange genug tyrannisiert. Ein schmerzhaft greller Blitz lodert auf - der Terror ist vorüber, das Monstrum in einer Stichflamme verglüht. Wo eben noch das Grauen war, bleibt nur eine weiße Maske zurück.
Einen "dollen dramatischen Schluß", meint der Hamburger Olaf Wuttke, hat sich der britische Komponist Andrew Lloyd Webber für sein Musical "Das Phantom der Oper" ausgedacht. "Sehr schade" findet es der Bezirksabgeordnete der Grün-Alternativen Liste (GAL) bloß, daß sich nur das Schreckgespenst auf der Bühne "und nicht gleich das ganze Opernhaus wie ein böser Spuk in nichts auflöst".
Damit ist allerdings kaum zu rechnen. Zwar ist das Bauwerk im Hamburger Stadtteil Altona-Nord noch nicht ganz trocken in den Fugen, aber es wirkt durchaus stabil. In 20 Monaten zogen drei Ingenieurbüros und 60 Firmen eine Mammutbühne hoch mit Verwaltungsgebäude, angegliederten Geschäften, Arztpraxen, Restaurants und einem Supermarkt.
Trutzig reckt der Neubau seine rot-gelbe Klinkerfassade Richtung S-Bahnhof Holstenstraße. Von dort und aus dem ganzen Bundesgebiet werden Ende Juni 2000 Gäste zur deutschen Galapremiere des Musik-Spektakels "Das Phantom der Oper" erwartet.
Lauter "hochgebietende Herren" und "hochwohlgeborene gnädige Frauen" hat Phantom-Direktor Friedrich Kurz, 41, auf imitiertem Büttenpapier in das "superb interieurte" Theater gebeten - Kostenpunkt für die Premierenkarte: 1000 Mark. Die Ankündigung, der als schüchtern bekannte Kompositeur Webber wolle dem "Reigen hochkarätiger Gäste" beiwohnen, wenn "an noch geheimem Orte erlesene Gaumenfreuden" gereicht werden, läßt erwarten, daß Prominenz in Fülle zu Kurz kommt.
Gut vier Wochen bleiben den Arbeitskolonnen, damit die Damen in Stöckelpumps nicht durch Sand, sondern über Pflaster schreiten - der Endspurt ist eingeläutet, um die handfreundlichen Bronzeläufe der Foyertreppen von Baustaub freizulegen und den Polstersitzen die Schutzfolien abzustreifen. Für Kurz-Gegner Wuttke und seine wütenden Ver* Zwischen den Maskenmännern mit Anna Maria Kaufmann und Peter Hofmann auf einer Pressekonferenz in Hamburg. bündeten gegen das "Phantom"-Projekt wird der Einzug der Abendkleider und Smokings zum "schwarzen Tag". Stahlträger und Betonmischmaschinen haben den Widerstand gegen eines der umkämpftesten Symbolprojekte für die Yuppiesierung der Großstädte gebrochen.
Mit massivem Druck war es Anwohnern, unterstützt von der GAL und Anhängern autonomer Gruppen, vor zwei Jahren noch gelungen, den Kultur-Großhändler daran zu hindern, mitten in ihrem Wohnquartier einen Glitzertempel für Vergnügungstouristen zu errichten. Das zum Warenhaus herabgekommene einstige Variete-Theater "Flora" hatte der Unternehmer für 30 Millionen Mark zur monumentalen Phantom-Spielstätte aufmotzen wollen.
Mit Flugblättern und Farbeiern, Bombenattrappen und Bauplatzbesetzungen trotzten die Kritiker der "Giganto-Kommerzkultur", von der sie selbst bei Eintrittspreisen zwischen 85 und 160 Mark außer Lärm nichts zu erwarten gehabt hätten. Durch die schmalen Straßen des sozial schwachen, aber intakten Hamburger Schanzenviertels sollten sich Abend für Abend Hunderte Busse und Autos schieben. Pintenwirte, türkische Gemüsehändler und alternative Kleinunternehmer ängstigten sich vor einem Verdrängungswettbewerb durch exklusive Läden; Ausländer, Studenten und Arbeiter, die den Großteil der Bewohner ausmachen, fürchteten steigende Preise und Mieten.
Die sozialliberale Stadtregierung hatte die Kurz-Initiative anfangs als "Glücksfall" (Bürgermeister Klaus von Dohnanyi, SPD) und "große kulturelle Chance" (FDP-Kultursenator Ingo von Münch) unterstützt. Doch als sich zum Dauerzoff mit bundesweiter Aufmerksamkeit entwickelte, was den "Standort Hamburg" (Werbung) auf dem Weg zum Weltstadtniveau voranbringen sollte, wollten die Politiker das Ärgernis wieder loswerden. Dohnanyi-Nachfolger Henning Voscherau stoppte das Unternehmen im Herbst 1988, die Anti"Flora"-Fronde jubelte.
Zu früh. Die Stadtväter hatten den Webber-Hit als Touristenattraktion fest im Blick. Hamburg bot dem Kulturmakler und seinen Geldgebern nun ein kommunales Grundstück an, auf dem nicht nur ein Musikpalast, sondern zusätzliches Gewerbe genehmigt wurde.
Um den zu Kurzschlüssen neigenden Musikalienhändler wegen der "Flora"-Absage zu beschwichtigen, unterwarf sich der Senat dem von dem Bauherren vorgegebenen Zeitdiktat. Mehrfach mahnte der Musical-Manager, seine Lizenz für die Aufführung laufe ab, Deadline sei endgültig der 29. Juni 1990.
Den 80-Millionen-Mark-Komplex, der zweimal so groß ist wie die Berliner Philharmonie, genehmigten die Behörden innerhalb von drei Monaten - eine private Doppelgarage, sagt das Mitglied des Stadtplanungsausschusses Wuttke, brauche "vom Bauantrag bis zur Genehmigung gewöhnlich ein halbes Jahr".
Während staatliche Kunst- und Kulturvorhaben im Streit zwischen Behörden und Parteien verstauben, erhielt der private Investor freie Fahrt. Mit Unterstützung des Senats verwandelte der Musical-Mogul die Hansestadt in ein "Webber-Bayreuth" (Süddeutsche Zeitung).
Der Hamburger Landesverband des Bundes Deutscher Architekten (BDA) kritisierte "die überstürzte Form", in der für den privaten Investor die Wege geebnet wurden, als "völlig unangemessen" und forderte parlamentarische Klärung. So seien geeignetere Bauplätze nicht ausreichend diskutiert worden. Die "Neue Flora", wie Kurz sein Theater provozierend nennt, liegt nur eine S-Bahn-Station von der alten entfernt, im selben Bezirk. Die Parkplatzprobleme sind die gleichen. Auch hier werden die Bewohner der anliegenden Straßen nun nachts die Fenster schließen müssen.
Der Kontrast zwischen Wohlstand und Armut wird in einem der einkommensschwächsten Stadtteile Hamburgs besonders auffallen: Auf der einen Straßenseite lungern im Bahnhofseingang Bettler, arbeitslose Jugendliche und Penner, auf der anderen werden demnächst schicke Kurz-Besucher unter Arkaden Richtung Phantom flanieren.
Auch am neuen Theaterstandort demonstrierten anfangs Anti-Phantom-Aktivisten, hielten Versammlungen ab, bauten Info-Tische auf, unternahmen Bauplatz-Rundgänge. "Wir hatten Angst um unser Leben", sagt Bauleiter Norbert Kreitz. Handwerksbetriebe stellten aus Selbstschutz keine Firmenschilder auf, das Polizeirevier 23 wurde um 80 Beamte verstärkt, die Tag und Nacht patrouillierten. Doch der Widerstand erlahmte, je unaufhaltsamer der Kulturbauklotz wuchs. Der BDA-Landesverband kritisierte, daß es keinen Wettbewerb gab. Den Auftrag erhielten die Hamburger Architekten Kleffel + Köhnholdt; das Büro hatte für einen der Kurz-Investoren schon einmal gebaut. Mit dem Nachdenken über die Gestalt des bundesweit größten Musiktheaters begann Uwe Köhnholdt, einer der Vorsitzenden des Hamburger BDA, im September 1988. Am 2. Januar 1989 legten auf dem 12 000-Quadratmeter-Gelände die Bagger los.
Nacht- und Sonntagsarbeitsverbote wurden weitgehend außer Kraft gesetzt, zeitweilig schufteten 350 Arbeiter rund um die Uhr. Projektleiter Karl-Heinz Weismantel, 61, ein Kasino-Typ, der aufblüht, je größer die Kompanie und je komplizierter die Logistik ist, hat den Theaterbau generalstabsmäßig vorangetrieben: "So was fehlte noch in meiner Sammlung."
Zwei milde Winter erleichterten ihm die Arbeit. "Wir hatten Glück", räumt der Planungsveteran ein, "es gab trotz der Eile keine Toten am Bau und nicht mal schwere Unfälle."
Auf der Strecke blieb hier und da aber die Qualität. Zwar verweist Architekt Köhnholdt darauf, daß in der Kunst- und Kulturgeschichte "schon manches Werk außergewöhnlich wurde, gerade weil es unter Druck zustande kam"; aber manche im Entwurf vorgesehene Idee wurde geopfert, weil aus Geld- oder Zeitgründen "immer wieder Kompromisse gemacht" werden mußten.
So nennt der Baumeister freundlich "Workshop-Atmosphäre", was ungeschulten Betrachtern schlicht roh oder unfertig vorkommen könnte. Statt des eleganteren Terrazzo-Bodens bedeckt ein Fliesenteppich das Foyer, der an öffentliche Bedürfnisanstalten erinnert. Auf eine Innenwandverkleidung mußte ganz verzichtet werden, Nähte im Beton liegen unverputzt bloß. "Wir haben keine Verletzung zugedeckt", erläutert Köhnholdt in der euphemistischen Metaphorik seines Berufsstandes, "eine traditionelle Architektursprache wurde offengelegt."
"Eher beiläufig" und "unpathetisch", wie Köhnholdt sagt, können Nachbarn das Bauwerk nicht empfinden. Der 30 Meter hohe Bühnenturm verdunkelt die Wohnungen der angrenzenden Häuserzeilen. Säulen tragen einen wuchtigen Steinkörper, der sich wie ein Schiffsbug keilförmig zur Straßenecke zuspitzt. Über dem Eingang ragt ein Stahldach von der Größe zweier Tennisfelder hervor, getragen von einer filigranen Konstruktion, als solle ein mächtiger Drachen verkünden, daß hier einer zum Höhenflug ansetzt - ein Symbol, wie gedacht für den schwäbischen Aufsteiger Kurz. Für seinen "Markenartikel Musical" hat der Kulturkapitalist in der Bundesrepublik mit flächendeckender Werbung Bedarf geweckt. Ein computerisiertes Verkaufssystem und die enge Zusammenarbeit mit mehr als 3000 Reisebüros ermöglichen Buchungen aus dem In- und Ausland in Sekundenschnelle. "Wir arbeiten", sagt Ursula Neufeldt, Pressesprecherin beim Phantom-Vermarkter Stella Management, "mit dem ganzen Land als Publikum."
Für das "Phantom der Oper" sind nach einem Jahr ausgiebiger PR bereits 150 000 Karten im Vorverkauf abgesetzt. Mindestens sieben Jahre lang soll der Maskenmann in Hamburg sein Unwesen treiben - außer montags jeden Abend und am Wochenende zweimal täglich.
Daran werden auch die Protestaktionen nichts mehr ändern, die Phantom-Gegner zur Premiere angekündigt haben.
Es sei nicht daran gedacht, versichert Widerständler Wuttke, "Boden-Boden-Raketen einzusetzen". Vielmehr solle es "heiter und anstrengend" werden.
Die Prominenz aus London und Lüneburg wird unter Polizeischutz jubeln, wenn der Kronleuchter laut Regie am Ende des ersten Aktes herabsaust; mit Hilfe technischer Tricks soll er in Altona-Nord noch rasanter stürzen als überall sonst in der Welt, wo das Phantom gespielt wird.
Und während auf der Bühne die Liebe siegt, werden die Schwarzmasken draußen in die Hocke gehen: Mal sehen, ob die paar Pfund Sabotagezucker, die sie dem Billigzement untergemischt haben, an den Säulen schon Wirkung zeigen. f

DER SPIEGEL 23/1990
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