21.05.1990

„Hier ist Ausverkauf“

Wenn Bernhard Smits, 50, in Erfurt ist, mietet er sich möglichst weit oben im Interhotel "Kosmos" ein. Dann ignoriert der Architekt aus dem westdeutschen Koblenz das sozialistische Einheits-Interieur in dem 17 Stockwerke hohen Schreckensbau und schaut statt dessen lieber aus dem Fenster.
Die verwinkelte Struktur der Pflastergäßchen mit den leuchtendroten Ziegeldächern, das verblichene Renaissance-Schmuckwerk an den bröckelnden Fassaden, der gewaltige Dom und die bald zwei Dutzend Kirchturmspitzen, die sich gegen den Braunkohledunst behaupten - aus dem häßlichen Hochhaus bietet sich ein Ausblick wie ins Mittelalter.
Doch die Stadt mit dem "Traumpanorama" (Smits) ist für den Restaurierungsspezialisten nur von oben ein Grund zur Freude. Was unter den schmucken Ziegeldächern vorgeht, versetzt den Mann aus dem Westen neuerdings in Rage.
Seit gut drei Monaten ist Smits im Auftrag der Erfurter Partnerstadt Mainz in der thüringischen Metropole unterwegs. Er soll in der Altstadt ein historisches Gebäude aussuchen, das die Rheinland-Pfälzer als Begegnungsstätte für Erfurter und Mainzer Bürger vorbildhaft restaurieren wollen. Doch der gutgemeinte Versuch, etwas für die wertvolle, aber verfallende Erfurter Altbausubstanz zu tun, stößt auf unerwartete Schwierigkeiten: Wann immer Smits ein geeignetes Objekt zu haben scheint, muß er feststellen, daß jemand schneller war.
Es ist wie in dem Märchen vom Hasen und Igel: Westdeutsche Investoren sind immer schon da. Die haben sich in der künftigen thüringischen Landeshauptstadt bereits beste Innenstadtlagen gesichert.
Am Fischmarkt beispielsweise, dem historischen Altstadtzentrum, wo das reichverzierte "Haus zum Roten Ochsen" einem protzigen neugotischen Rathausbau gegenübersteht, war bereits eine Kasseler Baufirma auf Raubfang.
Gleich um die Ecke am Wenigemarkt, in den die 650 Jahre alte Krämerbrücke mündet, hält eine Bochumer Computerfirma das Haus, das Smits ausersehen hatte, schon unter Vertrag.
Und oben auf dem mit schmalen Fachwerkhäuschen bebauten Pflasterweg über die Gera, dem deutschen Pendant zu dem berühmten Ponte Vecchio in Florenz, ist ein gewaltiges Gerangel um die wenigen leerstehenden der 32 Krämerläden entstanden.
Um Besitzrechte zu sichern, wurden schon einzelne Haustürschlösser unter Polizeischutz ausgewechselt. "Wie im Wilden Westen", sagt Smits, sei es auf dem Häusermarkt der Stadt.
Nicht nur in Erfurt. Landauf, landab spielen westdeutsche Immobilienhändler derzeit Dallas in der DDR. Da werden, zum Beispiel in Leipzig, Altpolitiker wie der SPD-Mann Karl Wienand, 63, vorgeschickt, um für die West-Berliner Klingbeil-Gruppe Schnäppchengeschäfte anzubahnen. In Potsdam haben alte SED-Funktionäre gar eine GmbH gegründet, um reihenweise Häuser aus öffentlichem Bestand an West-Investoren zu verschleudern.
Noch wissen die nach 40 Jahren erstmals frei gewählten Gemeindepolitiker vielerorts gar nicht, wie es in den Grundbüchern und in den Akten der kommunalen Wohnungsverwaltungen aussieht. Doch Holger Reinhard, Denkmalpfleger in Erfurt, fürchtet: "Es ist längst die halbe Stadt verscherbelt."
Noch fehlt den Kommunalpolitikern eine griffige Handhabe: Die "Generalbebauungspläne" aus der Zeit der Kommandowirtschaft sind unbrauchbar, neue Konzeptionen gibt es nicht.
Die Bauminister Axel Viehweger (Ost) und Gerda Hasselfeldt (West) begnügen sich mit Absichtserklärungen, daß das vergleichsweise restriktive westdeutsche Bau- und Planungsrecht alsbald auch in der DDR Gültigkeit haben solle. Derweil werden draußen im Lande längst Fakten geschaffen.
Baukolonnen rücken in die alten Fachwerkstädte der DDR ein, bedrohen die historischen Häuserzeilen aus der Renaissance, dem Barock oder dem Biedermeier. In Erfurt brechen Handwerkstrupps das altehrwürdige Balkenwerk heraus, schlagen wohlproportionierte Schaufenster ein und tauschen geschnitzte Holztüren aus gegen häßliches Aluminiumzeug made in BRD.
Westdeutsche Denkmalpfleger, die noch im Januar entzückt durch städtebauliche Kleinodien wie Quedlinburg oder Görlitz zogen, sind erschrocken. "Jedes Haus ist zu retten, um Himmels willen nichts mehr abreißen", sagt der hessische Landeskonservator Gottfried Kiesow, 58. Sein rheinland-pfälzischer Kollege Magnus Backes bezweifelt, daß der zwar heruntergekommene, aber doch reichhaltige Bestand an historischen Bauten in der DDR "die kommende Aufbauwelle überlebt".
Das Ende der alten Ortskerne forcieren die Westdeutschen im Verein mit Einheimischen, die endlich die Wende auch im Wohnzimmer und auf der Einkaufstraße sehen möchten: "Glasbausteine, Kunststoffenster und Spekulanten - das ist der Tod", sagt Denkmalpfleger Kiesow.
Zwar dürfen nach derzeitigem DDR-Recht lediglich Ein- und Zweifamilienhäuser verkauft werden, und auch die nicht an Westbürger. Doch Papier ist geduldig, die D-Mark ist hart: Um Gesetze kümmern sich derzeit wenige.
Begehrt sind Objekte im Großraum Berlin, aber ebenso die heruntergekommenen Miets- und Geschäftshäuser der alten Sachsen-Metropole Leipzig, die unter Immobilienhändlern als Geheimtip gilt. Begierig stürzen sich westdeutsche Makler und Miethaie aber auch auf Citylagen in solchen Städten, die wegen ihrer guten West-Ost-Anbindung Zukunft haben: Magdeburg beispielsweise oder eben Erfurt. Die traditionsreiche Stadt an der Gera ist besonders in Gefahr: 210 000 Einwohner, mehr als 20 Kirchen und Klöster in der weitläufigen Altstadt und lauter reichverzierte Häuser, die Namen tragen wie "Zum güldenen Krönbacken" oder "Zum Stockfisch" - ein "Gesamtkunstwerk" (Die Zeit) und, einzigartig in der DDR, ein 133 Hektar großes Flächendenkmal.
Im Mittelalter an der Kreuzung zweier Handelsstraßen gelegen, war die Stadt reich geworden durch den Verkauf von blauem Farbstoff, der aus der Färberweidpflanze gewonnen wurde. Den Gewinn steckten die Patrizier in die prachtvollen Wohnhäuser, Waidspeicher und Handelshöfe.
Zeitweise war Erfurt größer als London. Doch politisch unabhängig war die Stadt nie. Rund 1000 Jahre lang stand Erfurt allein unter der Knute des Erzbistums Mainz.
Jetzt ist es wieder Mainz, die Partnerstadt, die über Erfurt wachen will. Die Rheinland-Pfälzer fürchten, wohl nicht ganz zu Unrecht, die Erfurter Stadtväter könnten den Versprechungen westlicher Investoren erliegen. Die Kollegen in Thüringen, sorgt sich Hartmut Fischer, 48, Chef des Mainzer Stadtsanierungsamtes, seien wohl "nicht in der Lage, die für exponierte Innenstadtlagen notwendigen Auflagen zu erlassen".
Doch es scheint, als kämen die Mahnungen aus Mainz zu spät. Im Erfurter Rathaus beim Stadtarchitekten Walter Nitsch, 62, stapelt sich die Makler-Post. Ganze Straßenzüge werden da angefragt, "auf jeder Baulücke", so Nitsch, "stehen sechs bis acht Firmen mit Planungsvorschlägen", auf jedes leere Schaufenster gibt es fünf Nutzungs- und Ankaufsgebote.
Ein Stockwerk darunter, wo im sogenannten Amt für Gewerberaumlenkung noch nach alter sozialistischer Manier die Werkstätten, Büroräume und Ladenlokale aus öffentlichem Bestand zugewiesen werden, fühlt sich der Amtschef Eckhard Sachse, 30, schon völlig überrannt - es sei, sagt er atemlos, "ein totales Chaos hier".
Großzügig werden die Zuweisungen herausgegeben, 300 in drei Monaten - vor allem für "Videotheken, Copyshops, Hard- und Software-Läden", berichtet Sachse, aber auch für Baumärkte und Büros.
Welcher Laden sich wo einrichtet in der Stadt, ist ihm egal: "Wer sich zuerst bewirbt, der bekommt's", sagt Sachse - denn schließlich sei ja jetzt alles frei. Den West-Bürgern, die nach derzeit in Erfurt gültigen Vorschriften (die freilich nicht immer angewendet werden) noch keine Gewerberäume bekommen, rät Sachse, "sich einen Partner bei uns zu suchen". Den könne man, fügt der städtische Mitarbeiter hinzu, "auch Strohmann nennen".
Daß Erfurt eine Stadt ist, "in der es brummt", wie West-Investoren sagen, mag mit der Geographie zusammenhängen. Das "Mittelzentrum mit Riesenhinterland", schwärmt der Krefelder Unternehmensberater Diether Hassert, liegt nur 60 Kilometer von der Nochgrenze entfernt, im Herzen von Neu-Deutschland.
In Erfurt stimme die Lage, die Infrastruktur und die Optik, urteilt der Kasseler Häusermakler Jörn Hödtke. "Geschäftlich gesehen" hält er die Thüringer Metropole derzeit für "eine der interessantesten Städte der DDR".
Eine Handvoll Makler hat inzwischen Büros in der Stadt eröffnet: Erfurter Bürger, zumeist mit einem starken Westpartner verbunden. Der gelernte Maschinenschlosser Peter Förster, 32, war bis vor kurzem Kraftfahrer, jetzt leitet er das Makler-Unternehmen "German Enterprises" und hat, wie er sagt, "schon 100 Objekte in der Kartei".
Sechs Häuser, berichtet Förster, seien schon verkauft. Drei davon habe allein sein westdeutscher Partner, der Immobilienmakler Arno Rehm aus Darmstadt, genommen. Für etwa fünf West-Mark pro Quadratmeter würden jetzt die leerstehenden Wohnungen darin vermietet: an junge Ostbürger, sagt Förster, "die keine Wohnung haben".
Bauland an den Ausfallstraßen vermittelt Makler Förster für 20 West-Mark pro Quadratmeter. Ein Mietshaus in der Innenstadt mit acht Wohnungen und zwei Ladengeschäften ging bei ihm kürzlich für rund 160 000 West-Mark weg - an eine bundesdeutsche Firma.
Zu seinen Kunden, erzählt Förster, gehörten westdeutsche Autohändler wie "VW, Nissan und BMW", aber auch "die Colonia-Versicherung". Daß er nach geltendem DDR-Recht eigentlich noch keine Häuser an Westdeutsche verkaufen darf, schert den Jungmakler offenbar wenig. Förster: "Ich kenne die gesetzlichen Bestimmungen gar nicht."
Nicht nur Privatleute sind im Geschäft. Auch die bis zur Wahl des neuen CDU-Oberbürgermeisters Ende Mai noch amtierenden Ratsherren haben Häuser aus dem Bestand der kommunalen Wohnungsverwaltung vergeben - in allerbesten Geschäftslagen.
Das Haus am Fischmarkt 4, schräg gegenüber dem Rathaus, hat sich beispielsweise die Kasseler Baufirma Fröhlich gesichert: als Erbpachtanwesen, für 99 Jahre. Der Pachtzins für den rotgetünchten Renaissance-Bau samt drei Fachwerkhäusern in einer Seitengasse: "im Moment Null", berichtet Karl-Heinz Döring, 58, Vorstandsmitglied bei Fröhlich.
An dem "Haus zur halben eisernen Tür" hängt schon sein Firmenschild aus. Bald soll Baubeginn sein. Die Investitionen in Höhe von rund drei Millionen Mark will sich die Baufirma nach einer Vereinbarung, die vor der Kommunalwahl getroffen wurde, Monat für Monat aus dem Stadtsäckel zurückzahlen lassen.
"In acht bis zwölf Jahren" (Döring) soll die Kommune absprachegemäß die Investitionssumme abgestottert haben. Dann hat die Firma Fröhlich laut Abmachung noch 87 Jahre lang an den Häusern ihre Freude.
Gleich neben dem Fröhlich-Bau steht die alte Poststation der Thurn und Taxis am Fischmarkt 6. Noch ist sie unberührt.
Das Haus, genannt "Zur güldenen Krone", hatte der noch amtierende Erfurter Oberbürgermeister Siegfried Hirschfeld (ehemals SED) der Partnerstadt Mainz versprochen - wie zuvor schon die Nummer 4. Feierlich hatten Anfang April Hirschfeld und der Mainzer OB Herman Hartmut Weyel (SPD) die anstehende Restaurierung der "Krone" sogar im Erfurter Rathaus verkündet. Architekt Smits wollte schon mit der Planung beginnen.
Doch dann meldete sich im Mainzer OB-Büro ein Rentner aus Koblenz: "Ich bin auch noch da", erklärte Alfred Herold, 78. Der Mann ist der rechtmäßige Eigentümer der ehemaligen Poststation. Offenbar, beschwert sich der Mainzer Stadtsanierer Fischer über die Erfurter Gepflogenheiten, "führen die nicht mal die Grundbücher ordentlich". Jetzt verhandelt die Firma Fröhlich mit dem Rentner Herold.
Oft sind die Größen der ehemaligen Herrschaftsclique bei solchen Geschäften zu Diensten. So hatte sich beispielsweise bei dem Posteigner Herold schon im Februar Hannes Rubner gemeldet. Der war Vorsitzender der Produktionsgenossenschaft Handwerk, Abteilung Bau, in Erfurt. Jetzt allerdings trat er als örtlicher Repräsentant der West-Berliner Acon-Bausanierung GmbH auf.
Gerade 80 000 Mark-Ost, berichtet Herold, seien ihm von dem Berliner Unternehmen für sein Anwesen, das in der allerbesten Erfurter Geschäftslage liegt, geboten worden. Der Rentner lehnte ab.
Und den Kontakt zur Baufirma Fröhlich, berichtet Herold, habe er über den Erfurter Architekten Roland Gutjahr, 36, bekommen. Herold: "Der hat mich vor dem Haus angesprochen und gemeint, das könne man doch gleich mit erledigen." Gutjahr war bis vor kurzem Technischer Direktor beim sogenannten Hauptauftraggeber, einem volkseigenen Betrieb, der bisher die städti* Menschenkette gegen die Abrißsanierung im vergangenen Dezember. schen Abriß- und Sanierungsmaßnahmen planerisch vorbereitete.
Inzwischen hat sich Gutjahr selbständig gemacht. Sein erster Auftrag: die Sanierung des Fröhlich-Hauses Fischmarkt 4.
Um den Fischmarkt-Deal hatte es kurz vor der Kommunalwahl noch einen handfesten Skandal in Erfurt gegeben. Damals kippte das sogenannte Interimsparlament, das sich nach dem Rücktritt der Erfurter Stadtverordnetenversammlung im Februar gebildet hatte, den Wohnungsbau-Stadtrat Gerd Heimann, 48, aus dem Amt.
Der Vorwurf: Heimann soll, vorbei an allen Gremien, dem Kasseler Unternehmen Fröhlich das Fischmarkt-Objekt ganz ohne Auflagen überlassen haben.
Noch beim Schreibtischaufräumen schusterte der Stadtrat ein weiteres Altstadtschnäppchen der Bochumer Filialkette für Foto und Unterhaltungselektronik Hako GmbH zu: das Haus am Wenigemarkt, gleich neben der alten Krämerbrücke. Auch dies war ein Objekt, das Architekt Smits schon für die Mainzer ausgewählt hatte.
Die Bochumer Fotofirma immerhin muß allein für das Ladengeschäft im Erdgeschoß des Hauses einen monatlichen Pachtzins von 2000 West-Mark zahlen. Dafür wurde der Vertrag, so Hako-Vorstand Reinhold Henscheid, "auf unbestimmte Zeit" abgeschlossen.
In Erfurt, berichten westdeutsche Immobilienanleger, "läuft viel mit Bakschisch". Michael Jokisch, 34, Chef einer Kasseler Sanierungsfirma, will schon einschlägige Angebote bekommen haben. Sowohl Kombinatsdirektoren als auch städtische Repräsentanten hätten durchblicken lassen, so Jokisch, "daß man sie schmieren soll". Die Wünsche richten sich auf Naturalien. Jokisch: "Mittelklassegebrauchtwagen, Videorecorder, Fernsehapparate".
Eine solche Zuwendung hat der Bausanierer, wie er berichtet, natürlich abgelehnt. Ein gutgelegenes Objekt in der Michaelisstraße, nicht weit von der berühmten Krämerbrücke, konnte er trotzdem pachten - allerdings nur für 30 Jahre.
Ob an der Krämerbrücke oder beim Bahnhof, in der Marktstraße oder am Domplatz: "Hier ist Ausverkauf", sagt der Bauingenieur Niels Metzler, ein engagierter Denkmalpfleger, der beim Neuen Forum mitmacht. Und es wundert ihn gar nicht, daß ausgerechnet die alten SED-Leute dafür sorgen: "Die sind ja nie Patrioten gewesen."
Tatsächlich hätten die bis dato zuständigen Stadtoberen die Erfurter Altstadt längst ruiniert, wenn sie nur das Geld dafür gehabt hätten.
Im Rathaus, vor dem Büro des Stadtarchitekten Nitsch, ist noch an einem alten, freilich schon länger überholten Modell zu besichtigen, was die Beton-Sozialisten mit der alten Stadt vorhatten. Plattenbauten sollten sich bis zum Rathaus fressen, nur drei, vier Altstadtgäßchen wären übriggeblieben. Und hinter dem Domplatz auf dem Petersberg, der eine der wenigen in Deutschland noch erhaltenen städtischen Festungen birgt, hätte statt der alten Zitadelle ein Hochhaus gestanden.
Soweit ist es zum Glück nicht gekommen. Doch die "Arbeiterschließfächer", wie die Endlos-Wohnblocks im Volksmund heißen, haben sich bereits bedrohlich in die alte City hereingeschoben: 130 Millionen Mark wurden in Erfurt vergangenes Jahr für den Wohnungsneubau ausgegeben, aber nur sechs Millionen für "Reko-Maßnahmen" (DDR-Jargon).
Letzte Tat vor der Wende war der Baubeginn für das "Haus der Kultur", Kostenschätzung: 250 Millionen Mark. Dem Monstrum aus Stahl und Beton hatte ein Barockviertel weichen müssen. Der SED-Bezirkssekretär Gerhard Müller, der das Werk in Auftrag gab, sitzt jetzt, wegen anderer Vergehen, gegenüber vom Dom in Untersuchungshaft.
Im vergangenen Winter sollte noch mal Kahlschlag sein: Diesmal wäre das Andreasviertel, eine bis dato noch beinah komplette Handwerkervorstadt aus dem Mittelalter, dran gewesen. Da endlich setzten sich die Erfurter, alarmiert durch eine Bürgerinitiative, zur Wehr.
Im Dezember bildeten sie eine Menschenkette um ihre Altstadt. Doch im Januar war die Abrißbirne wieder da. Fast 20 Häuser wurden noch schnell erledigt. Die Bürgerinitiative war mit der Behauptung getäuscht worden, die Häuser seien nicht mehr zu retten gewesen.
Daraufhin eilte der Denkmalpfleger Kiesow aus dem benachbarten Hessen herbei. Sieben Häuser im Andreasviertel ließ er kurzentschlossen einrüsten - ein rettender "Pfropfen" (Kiesow), der ein weiteres Vordringen der Abbruch-Unternehmen in die Altstadt hinein verhindern sollte. Die Häuser werden jetzt, egal, wem sie gehören, auf hessische Kosten instandgesetzt.
Auch das Land Rheinland-Pfalz finanziert solche Rettungsversuche. Doch das seien Tropfen auf den heißen Stein, fürchtet Stadtsanierer Fischer: "Die Situation in den DDR-Städten" werde "schlimmer noch als bei uns in den sechziger Jahren", wenn nicht alsbald strikte Planungs-Vorgaben in Kraft treten.
Schleunigst müßten in der DDR das westdeutsche Bauplanungsrecht sowie entspechende Auflagen für die Städte rechtsgültig werden - "schon allein", so Fischer, "als psychologische Kriegführung gegen die Spekulanten".
Doch der deutsch-deutsche Staatsvertrag sieht nur die alsbaldige Übernahme solcher Gesetzespassagen vor, die "Planungs- und Investitionssicherheit" für westdeutsche Bauherren bringen. Und in Erfurt mögen die Bürger nach 40 Jahren Gängelung von Bau- oder sonstigen Restriktionen derzeit nicht viel hören: Hier herrscht Aufbruch in die Marktwirtschaft, die freie Marktwirtschaft.
Schon wünscht sich der Stadtarchitekt eine großdimensionierte Einkaufspassage im Zentrum, neun Parkhäuser will der Verkehrsplaner in die City setzen. 100 Häuser sollen abgerissen werden, um eine vierspurige Straße, die ursprünglich das Andreasviertel durchschneiden sollte, nun darum herum zu führen. Auf dem Petersberg ist, gleich bei der Zitadelle, ein Hotel im Gespräch.
In einem Erfurter Vorort ist ein Freizeitpark geplant. Noch im Mai soll die Vertragsunterzeichnung mit dem Betreiber des Paderborner Freizeit- und Safariparks sein. Dann würden, freut sich die Thüringer Allgemeine, alsbald "wichtigste Bauleistungen" erbracht: Karussells, Riesenrutsche und Riesenrad.
Nicht weit davon entfernt hat vor kurzem ein Baumarkt aufgemacht. Das Sortiment aus Glasbausteinen, Gasbeton und Gipskartonplatten findet reißenden Absatz - getreu dem Werbeslogan des Unternehmens: "Jetzt macht Bauen Freude."

DER SPIEGEL 21/1990
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