29.01.1990

ParisUnartige Neunziger

Zwei Extreme bestimmten die Pariser Sommer-Couture: Claude Montanas Fiasko als Designer für Lanvin und der Jubel für den verjüngten Yves Saint Laurent.
Das Pariser Haute-Couture-Publikum - die reichen Damen und die Mode-Groupies - senkte betreten die Köpfe und flüsterte nur noch, als es in stürmischer Nacht am Dienstag letzter Woche das pompöse Zelt am Pariser Champ de Mars verließ. Keiner sprach mehr über die Kleider, die zuvor im Schneckentempo auf dem langen Podium an ihnen vorbeigeschlichen waren. Der erste Couture-Beitrag des Designers Claude Montana für das Haus Lanvin war ein fürchterlicher Reinfall.
Enge Satinhosen mit kleinen Umhängen in Schmuddelfarben, die dann unvermittelt nackte Rückenteile freigaben, Puffärmel mit seltsam geformten Löchern, Gaze-Mäntel, die unter sinnlos daraufgestülpten Kapuzen flatterten - nichts von alledem hatte den erwünschten Beifall provozieren können. Die Mannequins, Augen und Ohren meist verdeckt von Spitzengebilden, schlichen über den Laufsteg wie Bettelmönche. Montana, wie immer in Lederblouson und Cowboystiefeln mit halbhohen Absätzen, ergriff nach der Schau die Flucht, der Applaus reichte kaum für ein einmaliges Auf und Ab. Die Urteile und Schlagzeilen am Tag danach waren einhellig: "Eine Katastrophe."
Am Morgen danach hatte das Modevolk dann doch noch Gelegenheit, seine Jubelsalven loszuwerden. 13 Minuten währten die Beifallsstürme für den - gegenüber seiner letzten Show um zwölf Kilo schlankeren und sichtlich verjüngten - Yves Saint Laurent. "Mozartianische Kreationen", "Farben, die im Himmel gemischt schienen", überschlug sich die Kritikerin der International Herald Tribune. Und in der Tat hatte Saint Laurent mit seiner 62. Haute-Couture-Kollektion eine Art Leitmotiv für die Mode der "unartigen neunziger Jahre" entwickelt: meisterlich einfach und dabei doch keß, witzig, frech.
Montanas Entwürfe hingegen wirkten trotz allen futuristischen Beiwerks seltsam dilettantisch. Doch das stilistische Versagen des Vierzigjährigen ist nur Symptom für eine tiefere Misere in der Modebranche: Die Millionenumsätze, die unter den Namen der Modehäuser mit Duftwässern und Kosmetikartikeln gemacht werden, haben Finanzhaie und Banker in die Branche gelockt. Die Entwürfe der Haute Couture für die 10 000 bis 30 000 Mark teuren Modelle dienen mittlerweile mehr der Werbung für die Duft- und Pflegeserien der Häuser als dazu, zahlungskräftige Einzelkundinnen für die Kleider anzulocken.
Schon als im letzten Jahr das Haus Dior den Italiener Gianfranco Ferre zum Chefdesigner bestellte, hatten die Manager deswegen offenbar mehr auf die Zugkraft des Namens geachtet und sich kaum gekümmert, ob Ferres Stil auch zur Dior-Tradition paßt. Einen "Mangel an Ideen" beklagten die Modereporter denn auch bei der Dior-Schau letzte Woche. Ferres Kleider würden zwar "fantastische Modefotos" für die Werbung hergeben, aber "kein Mensch" werde "die Kleider je tragen", lästerte die Tribune-Kritikerin Suzy Menkes.
Einen offenbar noch schlimmeren Fehlgriff hat Leon Bressler, seit einem halben Jahr Chef des Hauses Lanvin, mit Claude Montana getan. Bressler, vorher Chef der französischen Tochter der Londoner Midland Bank, hatte das Kommando im Hause Lanvin übernommen, nachdem die Bank sich mit 40 Prozent an dem in die Verlustzone geratenen Unternehmen beteiligt hatte. Die letzte Generation aus der Familie Lanvin, der 53jährige Bernard und seine hübsche Frau Maryll, hatten im Jahre 1988 bei 250 Millionen Franc Umsatz rund 100 Millionen Franc Verlust hingelegt. Die Banker machten zur Auflage, daß sich die Lanvins zurückziehen sollten, vor allem sollte Maryll Lanvin als Chefdesignerin ausscheiden.
Bressler setzte bei der Nachfolge vor allem auf den Namen des schon international bekannten Modeschöpfers. Montana gehört zu den fünf Starstilisten der Pariser Luxus-Konfektion. Welche Sorte Kleider er macht, war Bressler offensichtlich nebensächlich. Montanas Schöpfungen, die seit Jahren mit Beiwörtern wie "aggressiv, konstruiert, kühn oder kompromißlos" bedacht und in den Elogen weniger als Kleider denn als Mode-Skulpturen gewürdigt wurden, waren meilenweit von allem, wofür das ehrwürdige, 1889 von Jeanne Lanvin gegründete Haus je stand.
Zudem hatte die allgemeine Faszination für Montana in jüngster Zeit schon nachgelassen. Vor fünf Jahren noch saß das Modevolk nahezu atemlos beieinander, wenn Montanas supergroße Mannequins mit hochgetürmten Haaren, wehenden Taftumhängen, steifen Kelchkragen und breiten, eckigen Schultern wie Walküren zu donnernden Wagner-Klängen über den Laufsteg stürmten.
Aber im letzten Jahr zuckten Einkäufer - die sich zu Montanas Blütezeiten um die Exklusiv-Verkaufsrechte gerissen hatten - abwehrend mit den Schultern. Der große Montana-Boom scheint seit Herbst vorbei zu sein.
Der Konfektions-Star zögerte lange, ehe er sich für ein Millionenhonorar bei Lanvin der Haute Couture verdingte. Le Monde gestand er, er habe Angst, und die Zeitung kommentierte: "Mit Recht." Dann aber lockte ihn doch die Versuchung, auch einmal mit den besten Näherinnen und teuersten Stoffen der Welt zu arbeiten. Bressler habe ihn ermuntert, verriet Montana im Oktober letzten Jahres, eine Couture für das nächste Jahrtausend zu machen. "Ich will nicht bloß die Ideen der Jeanne Lanvin aufpolieren", verkündete er. Ein deutlicher Seitenhieb auf Karl Lagerfeld, der in all seinen Chanel-Kollektionen, auch der jüngsten, die Gründerin Coco Chanel andeutungsweise zitiert.
Doch hatte Montana wohl auch von der neuen Zielgruppe, der Haute-Couture-Kundin, eine seltsame Vorstellung. Er wollte ihr "Flügel verleihen" und sie für "große Auftritte" ausstaffieren. Aber die Kundin mit dem großen Geld will kaum große Auftritte. Sie geht viel lieber als "Chanel-Maus" oder gleich ganz auf Nummer sicher - bei Saint Laurent. f

DER SPIEGEL 5/1990
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