21.05.1990

„Die Idylle is zu Ende, det is klar“

Sabine Peters, 32, hat es für Kreuzberger Verhältnisse gut getroffen. Das Haus am Wassertorplatz, in dem die Buchhändlerin wohnt, ist durch einen kleinen Park gegen Lärm und Schmutz aus Berlins wildestem Bezirk geschützt. Zwei Glastürme machen das ockerfarbene Gebäude zu einer weithin sichtbaren Attraktion im Viertel.
Nicht einmal ein Vermieter kann die Idylle trüben: Der Wassertorplatz ist selbstverwaltet, der Häuserkomplex fest in linksalternativer Hand. Kein Grund also auszuziehen.
Doch Ende April stapelten sich vor der Tür von Sabine Peters überraschend Umzugskartons, ein kurzes Anschreiben informierte die Wohnungseigentümerin, daß sie in ein "neues 1-Zimmer-Luxusappartement" im Berliner Villenviertel Dahlem zwangseingewiesen sei. "Wir hoffen", hieß es in dem Brief, "daß Sie sich in Ihrer neuen Bleibe schnell einwohnen können."
Die spontane Umzugsaktion hatte nicht das Bezirksamt organisiert, die Urheber sitzen gleich unterm Dach im eigenen Haus. Rund 15 schwarzgewandete Jugendliche haben sich seit nunmehr acht Wochen auf dem bis dahin weitgehend ungenutzten Boden verbarrikadiert und liefern den 150 Bewohnern vom Wassertorplatz einen Stellungskrieg mit kabarettistischen Einlagen.
"Leerstand ist Leerstand, egal von wem verwaltet oder in wessen Besitz", ließen die Besetzer die aufgestörten Eigentümer wissen. Als die gegen die Heimsuchung aufbegehrten, wurden sie per Flugblatt des "Egoismus" und der "Großbürgerlichkeit" überführt und zu "KinderfresserInnen" erklärt. Die Besetzung des Hauses am Wassertorplatz ist das jüngste Beispiel für einen sich immer höher schaukelnden Konflikt zwischen der linksalternativen Szene in Kreuzberg, Bezirk SO 36, und einer Gruppe radikaler Linker, die sich über Losungen und Lebensstil als Autonome verstehen.
Viele Revolutionäre von einst haben Karriere gemacht - als staatlich besoldete Mitarbeiter in Bürgervereinen, Stadträte der Alternativen Liste (AL) oder Journalisten bei der linksalternativen Tageszeitung (taz). Mit Flugblättern und Protestveranstaltungen, aber auch mit Steinen und Brandsätzen streiten die autonom gebliebenen Kiez-Kämpfer nun gegen die "Kriegsgewinnler einer aktiven BesetzerInnen-Bewegung".
Vor allem stadtteilbekannte Polit-Abweichler mit Wohnsitz in Kreuzberg geraten vermehrt ins Visier. Wer einmal in der Berliner Untergrundzeitung Interim als "Verräter" an der linken Sache und "Agent des Schweinesystems" enttarnt wurde, gilt im Viertel quasi als vogelfrei. Das Blatt liefert Haus- und Telefonnummer in den abgedruckten Revolver-Texten gleich mit, in einer Rubrik "Volxsport" brüsten sich militante Linksaußen nach getaner Randale. Eine ehemalige Hausbesetzerin beispielsweise, die das stillschweigende Bündnis der Szene mit den Autonomen öffentlich aufkündigte, ist seit Monaten Zielscheibe von Attacken. Mehrmals schon wurde sie von roten Schlägertrupps in die Mangel genommen, nächtliche Telefonanrufe und Klingelorgien rauben ihr den Schlaf.
Der Mieterverein SO 36 in der Wrangelstraße gleicht einer belagerten Festung. Nach einer Reihe von Überfällen ist die Fensterfront mit Holzplatten verrammelt, die Tür durch bruchsicheres Plexiglas gesichert. "Wir gelten hier als Befriedungsstrategen, die soziale Widersprüche mit Staatsknete zukleistern wollen", sagt Mieterberater Rainer Sauter, "das rechtfertigt alles."
Dem AL-Politiker Volker Härtig fackelte eine "Proletarische Kampfgruppe" zur Jahreswende seinen VW-Bus ab. Wer Stimmung gegen die Autonomen mache, hieß es in einem Bekennerschreiben, stelle "eine Gefahr für das öffentliche Leben im Kiez dar" und dürfe sich nicht wundern, "wenn ihm seine miesen Schreibtischfinger gebrochen werden".
Obwohl die politischen Umgangsformen im Kiez immer "verwahrloster, gewalttätiger, unvermittelter" (Sauter) werden, bleibt die etablierte Linke weitgehend passiv. Die taz erkannte bereits eine "masochistische Opferhaltung in der Kreuzberger Szene", das schlechte Gewissen über die Abkehr von den alten Idealen mache die Ex-Revoluzzer erpreßbar. So reiche häufig schon die Nennung ideologischer "Schlüsselbegriffe, um die Reflexe linker Identität" zu aktivieren.
Fünf Monate lang duldete etwa die Alternative Liste die Besetzung ihres Kreuzberger Büros. Die grünen Stadtteilpolitiker bezahlten weiterhin Miete und Telefonkosten und nahmen in Kauf, daß die autonomen Freischärler auf AL-Briefbögen Bürgermeister Walter Momper (SPD) die rot-grüne Koalition aufkündigten. "Natürlich haben wir uns am Nasenring vorführen lassen", räumt Dirk Schneider vom Kreuzberger AL-Vorstand ein, "aber wir wollten die Besetzer halt nicht brüskieren."
Wie schwer sich vom Straßenkampf entwöhnte Linke mit der Bewältigung des Konfliktes tun, zeigt auch das Beispiel Wassertorplatz. Auf der Eingangstür zum Haus Nummer 45 pappt, Ausweis der richtigen Gesinnung, ein Aufkleber mit dem Bildnis zweier treudoof dreinschauender Polizisten und dem Slogan "Wir müssen leider draußen bleiben". Das Bekenntnis verpflichtet: Die Bewohner versuchten zunächst, die ungebetenen Gäste mit der Macht des Wortes zum Gehen zu bewegen.
Der Versuch endete im Fiasko. "Eine Woche haben die mit uns hier Diskussionsorgien veranstaltet", berichtet eine Besetzerin, "das war fast herber wie so 'ne Bullenräumung, teilweise wirklich kaum zu ertragen." Als auch eine Gegenbesetzung des Dachgeschosses kläglich scheiterte (Peters: "Vier Stunden standen wir uns gegenüber und haben uns angestiert"), riefen die Wassertorler die Staatsmacht zur Hilfe.
In einer Anzeige in der taz warb das Wassertor-Kollektiv anderntags um Verständnis für die Räumung. Vergebens. Selbst die Solidarität von anderen selbstverwalteten Projekten blieb aus. "Die machen lieber keinen Mucks", sagt Erich Jesse vom Planungsreferat im Berliner Bausenat. "Die haben doch alle Schiß, daß der autonome Wohnflächenkommissar auch zu ihnen nach Hause kommt und die Quadratmeter zählt."
Mitte April rückten die Besetzer zu den Klängen von "Come to the Cabaret" erneut an, diesmal mit Verstärkung. 200 Autonome zeigten schwarze Flagge, Türen wurden aufgestemmt, Schlösser aufgebohrt. Die Bewohner sahen hilflos zu.
Die in die Defensive gedrängten Linken scheuen sich nun, ein zweites Mal die Polizei zur Hilfe zu rufen. "Wie stehen wir denn dann in der Kiez-Öffentlichkeit da?" fragte ein Bewohner auf einer Krisensitzung am vorletzten Donnerstag. Jetzt soll erst einmal der evangelische Pfarrer als Vermittler eingeschaltet werden.
Im zähen Ringen um 500 Quadratmeter Dachboden am Wassertorplatz offenbart sich neben einem Polit- auch ein Generationenkonflikt. Die Bewohner, im Schnitt Mitte 30, klagen, wie alle Erwachsenen, über zu laute Musik, nächtliche Ruhestörung und Schmierereien im Treppenhaus. Die jugendlichen Besetzer, im Alter zwischen 20 und 25 Jahren, kontern mit der linken Grundsatzfrage: "Wer hat das Recht auf diesen Wohnraum und warum?"
Auf dem okkupierten Boden sieht es aus wie im Pfadfindercamp: Buntbesprühte Bettücher ersetzen Zeltwände, Teppichreste dämpfen die Schritte, auf selbstgezimmerten Hochbetten liegen Schlafsäcke Seite an Seite. In der Behelfsküche köcheln die Spaghetti.
Das revolutionäre Vokabular haben sich die meisten Nachwuchs-Autonomen, learning by doing, im Kreuzberger Intensivkurs angeeignet. Einigen macht freilich noch der schwäbische Akzent zu schaffen, etwas unbeholfen wirken vorerst auch die Parolen auf dem Dach. "Gegen Bevölkerungspolitik", heißt es da, und, schon etwas sicherer in der Diktion: "Shell raus aus Südafrika".
Vor allem die Beliebigkeit und Einfalt bei der Auswahl politischer Forderungen unterscheidet die revolutionären Nachrücker von den Besetzern der ersten Generation, die dem Kiez in den achtziger Jahren den Nimbus einer deutschen Bronx verschafft haben.
Monat für Monat zieht der Mythos Kreuzberg eine Handvoll Jugendlicher nach Berlin, die aus der dörflichen Enge ihrer Heimatstadt irgendwo in Westdeutschland ausbrechen und sich im Reservat SO 36, zwischen zerbröselnder Mauer und Landwehrkanal, austoben wollen. "Die machen hier ihre Lagerfeuerphase durch", urteilt der SPD-Bezirksabgeordnete Michael Rädler.
So gleicht manch besetztes Haus in Kreuzberg einem Abenteuerspielplatz für das erlebnishungrige Jungvolk aus Bayern, Schwaben und Sachsen. Die Besetzer der Lübbenerstraße 29 etwa haben zwischen Vorder- und Hinterhaus eine buschtaugliche Hängebrücke gespannt, um sich bei einer Räumung flugs vor den Invasionstruppen auf befestigtes Gebiet zurückziehen zu können. Rädler: "Das ist Räuber-und-Gendarm-Spiel."
Für die Autonomen hingegen ist die Lübbenerstraße, wie andere besetzte Häuser in Kreuzberg auch, ein seriöses politisches Widerstandsnest. Das Kampfwort lautet "Umstrukturierung", das Feindbild "Yuppie".
Wohlhabende Aufsteiger drängen zunehmend in den Bezirk; es gilt inzwischen als schick, sich in dem quirligen Alternativ-Milieu häuslich niederzulassen. Der Effekt: höhere Mieten, neue Läden, Kneipen und Restaurants, die den gehobenen Ansprüchen der Einwanderer genügen können - mit gravierenden Folgen für die Sozialstruktur des befallenen Stadtteils.
Etablierte Kiez-Linke wie etwa die Bewohner vom Wassertorplatz zählen da ebenfalls schnell zu den unheilbringenden Schickis, zumal, wenn sie mit der Staatsmacht im Bunde stehen. "BewohnerInnen, die sich wie Bullen verhalten, müssen wir auch wie Schweine behandeln", verbreiteten militante Saubermänner in einem Flugblatt. "Wir dürfen es nicht zulassen, daß die Durchmischung des Stadtteils mit alternativen Eigenheimbesitzern und Yuppies weiter um sich greift."
Daß die Viertel-Verteidiger dabei oft nur einen Rassismus mit umgekehrten Vorzeichen betreiben, liegt jenseits ihrer Denkhorizonte. "Hier geht es intoleranter und spießiger zu als in jedem Weinkaff an der Mosel", spottete der langjährige Kiez-Anwohner Wiglaf Droste, bevor er seine Sachen packte und sich aus "Berlins provinziellstem Bezirk" verabschiedete.
Zusätzlich angeheizt wird die Auseinandersetzung um Wohnraum und das garantiert ideologiefeste Bewußtsein seit November vergangenen Jahres durch die Öffnung der Mauer. Mit einem Schlag steht der Kiez im Durchzug. "Die Idylle is zu Ende, det is nu ma klar", sagt Günther Habermann von der Kreuzberger Gewerbesiedlungs-Gesellschaft. "Unsere Straßenkämpfer treibt jetzt die nackte Existenzangst."
Die Furcht ist real. Kreuzberg SO 36 wandelt sich im Zuge der Wiedervereinigung von der Randzone zum innerstädtischen Kernstück. Altbauhäuser, deren Verkaufspreis im Spätsommer letzten Jahres noch bei zwei Millionen Mark lag, werden jetzt schon für gut drei Millionen gehandelt. Spekulanten, die um das aufrührerische Viertel stets einen großen Bogen gemacht haben, versuchen "massiv Tritt zu fassen", wie Rainer Sauter beobachtet hat. "Die Mietenrakete ist in Gang gesetzt."
Autonome Kiezler antworten mit Gewaltaktionen. Im Geschäftshaus der Baugesellschaft Data-Domizil, die wegen besonders rüder Spekulation stadtbekannt ist, zündeten sie am vorletzten Montag einen Sprengsatz.
Nur wenige Tage zuvor hatte eine Gruppe "Nie wieder Deutschland - nie wieder Hauptstadt" das Einrichtungshaus "Wohnen 2001" nahe dem Ku'damm in Brand gesetzt. In einem Bekennerbrief begründeten die in die City ausgerückten Kiez-Kämpfer den Anschlag damit, daß "Läden wie Wohnen 2001 die Grundlage bilden, um zahlungskräftige Schichten in Berlin zu halten und nach Berlin zu locken".

DER SPIEGEL 21/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 21/1990
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Die Idylle is zu Ende, det is klar“

Video 02:58

Theresa Mays erbitterter Gegner Charmant, höflich, ganz schön rechts

  • Video "Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt" Video 01:04
    Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt
  • Video "Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)" Video 00:42
    Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)
  • Video "Flucht durch Amerika: Volles Risiko mit La Bestia" Video 12:04
    Flucht durch Amerika: Volles Risiko mit "La Bestia"
  • Video "Chaos in Sri Lankas Parlament: Sie warfen mit Stühlen und Chilipaste" Video 00:45
    Chaos in Sri Lankas Parlament: Sie warfen mit Stühlen und Chilipaste
  • Video "Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: Feuerwalze vor Neuseeland gefilmt" Video 01:33
    Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: "Feuerwalze" vor Neuseeland gefilmt
  • Video "Lindnern, Lauch, Verbuggt: Sprechen Sie Jugend?" Video 01:29
    "Lindnern", "Lauch", "Verbuggt": Sprechen Sie Jugend?
  • Video "Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm" Video 01:29
    Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm
  • Video "Überwachungsvideo: Zug kreuzt Straße" Video 00:38
    Überwachungsvideo: Zug kreuzt Straße
  • Video "Kampf um CDU-Vorsitz: Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise" Video 04:57
    Kampf um CDU-Vorsitz: "Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise"
  • Video "Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb" Video 01:02
    Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb
  • Video "Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten" Video 01:13
    Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten
  • Video "Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen" Video 12:36
    Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen
  • Video "Phantasy-Epos Phantastische Tierwesen 2: Wer stoppt Grindelwald?" Video 01:47
    Phantasy-Epos "Phantastische Tierwesen 2": Wer stoppt Grindelwald?
  • Video "Seltenes Lichtphänomen: Amateurfilmerin sichtet mehrere Halos" Video 00:43
    Seltenes Lichtphänomen: Amateurfilmerin sichtet mehrere "Halos"
  • Video "Nach Kritik der First Lady: Trumps Vize-Sicherheitsberaterin abgesetzt" Video 00:54
    Nach Kritik der First Lady: Trumps Vize-Sicherheitsberaterin abgesetzt
  • Video "Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts" Video 02:58
    Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts