06.08.1990

Unter der Obhut des Diktators

Am Tag, als die irakischen Truppen in Kuweit einfielen, wurde auf dem Züricher Flughafen die Swissair-Maschine SR 382 mit dem Ziel Bagdad beladen. Unter der Fracht befand sich eine Palette des Münchner Luft- und Raumfahrtkonzerns MBB.
Einen Tag später, am vergangenen Freitag, war in Frankfurt Fracht für den Irak eingetroffen. Mit dem Lufthansa-Flug LH 650 wollte die Klöckner Industrie-Anlagen GmbH Kompressoren und Maschinenteile in den Nahen Osten schicken.
Adressat der Lieferung von MBB, Unternehmensbereich Hubschrauber, war laut Frachtpapieren die irakische Luftwaffe. Auftraggeber von Klöckner ist die NASSR Establishment for Mechanical Industries, eine Abteilung des Kriegsministeriums.
Die deutschen Kaufleute sind Spitze im Export, nichts kann sie abschrecken - keine Krise, nicht einmal Krieg. Geliefert wird immer. Auch beim Verkauf von Rüstungstechnologie hat "made in Germany" einen verheerend guten Namen. Wo auf der Welt gefeuert wird, ist deutsches Gerät meist mit im Einsatz.
Nicht alles wird offen geliefert. Schon gar nicht in den Irak, wo die Deutschen seit langem gut im Geschäft sind. So hat Klöckner mit NASSR 1985 einen Vertrag über den Bau einer Stahlkocherei und -gießerei abgeschlossen. Das Projekt mit der offiziellen Bezeichnung 3127 Tadschi ist kein gewöhnlicher Betrieb. Dahinter verbirgt sich nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste eine Anlage, die zu einer gigantischen Kanonenfabrik gehört.
Tadschi, nahe Bagdad gelegen, ist Teil des größten Rüstungskomplexes im Nahen Osten. Seit einigen Monaten kümmern sich die Staatsanwälte um die Anlage, die vom Generalunternehmer Ferrostaal als Universalschmiede deklariert und vom zuständigen Bundesamt in Eschborn genehmigt wurde.
Als vor einem Monat das Projekt Tadschi durch eine SPIEGEL-Veröffentlichung (28/1990) bekannt wurde, reagierte das Außenministerium reichlich hilflos. Die Bundesregierung, so die empfohlene Sprachregelung für die deutschen Botschaften, werde "auch in Zukunft alles tun, um zu verhindern, daß die Rüstungsanstrengungen im Nahen Osten nicht durch illegale deutsche Lieferungen gefördert werden".
Mit solchen Floskeln kommt Bonn diesmal nicht weiter. Die Affäre um die Giftgasfabrik im libyschen Rabita hat die Weltöffentlichkeit empfindlich gemacht. Rabita konnte immerhin noch als Einzeltat eines zwielichtigen Chemiefabrikanten mit Hilfe einiger Manager des Salzgitter-Konzerns dargestellt werden.
Das Rüstungsgeschäft mit dem Irak ist dagegen ein Massendelikt, Firmen quer durch die deutsche Wirtschaft sind darin verstrickt. Ob beim Bau von Raketen oder Kanonen, ob bei der Produktion von Giftgasen oder biologischen Kampfstoffen, ob gar bei der Entwicklung der Atombombe - überall haben deutsche Spezialisten die Hand am Drücker.
Immer wieder das gleiche Spiel. Geliefert wird schnell, geprüft nur zögernd und großzügig. Alles ist zu verkaufen, wenn es nur richtig verpackt und deklariert ist. Der Fall Irak könnte das wohl traurigste Kapitel in der schlimmen Geschichte bundesdeutscher Rüstungsexporte abgeben.
Fall 1: Für das Projekt Saad 16 im irakischen Mosul entwickelten deutsche Firmen Raketen und Chemiewaffen. Generalunternehmer war die Bielefelder Gildemeister Projecta GmbH (Gipro). Viele lieferten zu, Unternehmen wie MBB, Carl Zeiss oder Degussa. Mosul ist das Forschungszentrum der irakischen Militärs.
Fall 2: In fragwürdige Geschäfte mit dem Irak ist seit Jahren die münsterländische Firma H + H Metalform verwickelt. Sie hilft mit bei der Urananreicherung für Husseins Bombe. Mitte 1987 ließ H + H über die damalige NASSR-Dependance Meed International in London nachfragen, ob der Irak an der Lieferung von Abwurftanks interessiert sei. Mit solchen "drop tanks" können C-Waffen von Flugzeugen aus eingesetzt werden.
Fall 3: Gegen die Karl Kolb GmbH aus dem hessischen Dreieich ermitteln die Darmstädter Staatsanwaltschaft und das Zollkriminalinstitut in Köln wegen einer hochbrisanten Lieferung in den Irak. Die Firma soll Know-how und Anlagen für Labors geliefert haben, in denen der Irak das Giftgas produzierte, mit dem später im Golfkrieg Tausende von Iranern und Kurden umgebracht wurden.
Im Fall 4, dem Projekt Tadschi, dürften nach den bisherigen Erkenntnissen der Fahnder weit über hundert deutsche Firmen beteiligt sein. Die Kanonenfabrik, in der bereits in der Anlaufphase jährlich rund 1000 mittlere und schwere Artillerie-Geschütze der Kaliber 105 bis 203 Millimeter produziert werden, ist in diesen Wochen fertiggestellt worden. Gleich nebenan, vom Militär streng gesichert und mit Wachtürmen umgeben, ist - ebenfalls mit Beteiligung deutscher Firmen - eine Munitionsfabrik in Betrieb. Artilleriegranaten lagern stapelweise im Freien, in der Klöckner-Fabrik werden derzeit ausgediente Panzer eingeschmolzen.
Das meiste Belastungsmaterial stellten die Fahnder beim Generalunternehmer, der von Hans Singer geführten Ferrostaal, sicher. In Dutzenden von Firmenakten der MAN-Tochtergesellschaft fanden die Beamten Hinweise auf eine Reihe anderer MAN-Firmen. Die SMS Hasenclever GmbH lieferte eine Schmiedepresse, ein MAN-Betrieb in Nürnberg einen 50-Tonnen-Kran.
Nach neuesten Funden ist auch sicher, wer die Technik für die Bohrungen der Kanonenrohre lieferte. Die Maschinenfabrik Ravensburg und die zur Hälfte zum Gildemeister-Konzern gehörende TBT Tiefbohrtechnik mehrten mit diesen Aufträgen ihren Umsatz.
Es wurde Technik vom Feinsten geboten: Die Drehbänke sind mit Computersteuerungen von Siemens ausgerüstet. Zur Feineinstellung waren zeitweilig bis zu drei Programmiergeräte von Siemens (Typ PG 685) im Einsatz.
Die Fertigung von Kanonenrohren und Geschossen verlangt höchste Präzisionsarbeit. Ferrostaal brachte daher die Firma Buderus, einen Spezialisten für Gußtechnik, ins Geschäft. Die Essener Ruhrgas ist in Tadschi ebenfalls dabei. Ihre Tochterfirma LOI Industrieofenanlagen hat Spezialöfen für Rohre von maximal 15 Metern Länge und Härteanlagen geliefert.
Derlei Geschäfte mit dem Irak lohnen sich, sie werden quasi mit einer Zitterprämie vergoldet. Die Hanauer Firma Leybold steuerte für Tadschi drei Umschmelzanlagen im Wert von über zwölf Millionen Mark bei. Für zwei fast identische Anlagen, die Leybold vor rund zwei Jahren nach Mittel-England verkaufte, konnten die Hanauer dagegen nur rund 1,5 Millionen Mark kassieren.
Für eine so üppige Honorierung nehmen die Unternehmen manche Unannehmlichkeit hin. Das mehrere Quadratkilometer große Areal von Tadschi wird von Soldaten streng bewacht, Monteure werden auf Schritt und Tritt beobachtet. Der Schmiedekomplex und auch die anderen Fabrikhallen in Sichtweite sind von Mauern umgeben.
Die strenge Bewachung soll nicht nur Spionage und Sabotage verhindern, sondern auch die dort Tätigen schützen. Im Juni 1988 fing der irakische Geheimdienst ein Telegramm des Kurdenführers Massud el-Barsani ab. Danach sollten seine Gefolgsleute Jagd auf Mitarbeiter der Kolb GmbH machen.
Das Unternehmen habe, heißt es in der Depesche, die irakische Armee mit chemischen Waffen ausgerüstet und sei damit "Komplize am Genozid des kurdischen Volkes". Ihre Vertreter im Lande sollten "entführt oder exekutiert" werden.
Diktator Hussein ist seither um das Leben der vielen Helfer besorgt und ließ sie unter besonderen Schutz stellen. Ob im Hotel, im Camp oder auf der Baustelle - jedenfalls die Deutschen sind vor Hussein sicher. _(* Nördlich von Bagdad. )
Ferrostaal-Manager Singer Dutzende belastender Akten
Irakisches Telefax: Abwurftanks von H + H
Baustelle einer irakischen Raketenfabrik*: Deutsche sind immer dabei
* Nördlich von Bagdad.

DER SPIEGEL 32/1990
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