11.06.1990

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Mercedes-Chef Werner Niefer baute in Italien einen womöglich folgenschweren Unfall.
Werner Niefer ist ein begeisterter Busfahrer. Wenn der Mercedes-Chef schon mal in Gesellschaft mit einem Autobus seines Unternehmens durchs Land reist, dann drängt es den Schwaben irgendwann nach vorn, ans Steuerrad.
"Kerle, laß mich mal", ergeht die Aufforderung an den Fahrer, vom Volant zu weichen. Und los geht die verwegene Fahrt mit dem Chefpiloten Niefer.
Am Donnerstag der vorvergangenen Woche hätte Werner Niefer, 61, es besser gelassen. Da trug ihm seine Bus-Leidenschaft einen Unfall ein, der dem Renommee des quirligen Automanagers ziemlich abträglich ist und der seine Amtszeit womöglich verkürzen hilft.
Es geschah in Rom. Der Aufsichtsrat des italienischen Mercedes-Ablegers hatte am Vormittag in der Innenstadt getagt. Zur Mittagszeit fuhren die Herren, einige mit ihren Frauen, zum Ristorante "Cecilia Metella" an der Straße zum Flughafen Fiumicino.
Das Restaurant liegt auf einer kleinen Anhöhe, durch eine schmale, windungsreiche Privatstraße mit der Hauptstraße verbunden. Nach dem Essen bestieg die Gesellschaft, Italiener und Deutsche, den Mercedes-Bus der italienischen Firma R.A.V.I., um in Richtung Flughafen zu fahren. Und Werner Niefer frönte seiner Leidenschaft, er lenkte das längliche Gefährt die rund 200 Meter den Berg hinunter.
Unten angekommen, hielt Niefer, so seine Darstellung, um den italienischen Fahrer wieder ans Steuer zu lassen. Beim Fahrerwechsel erst bemerkte die Mercedes-Truppe, daß ihr Anführer bei der Fahrt durch die engen Kurven zeitweise wohl die Übersicht verloren hatte.
Auf halber Höhe lag eine 28jährige deutsche Touristin. Niefers Bus hatte die Frau, kurioserweise aus der Mercedes-Hauptstadt Stuttgart stammend, kurz vor dem Stopp beim Ausscheren in einer Kurve mit dem Heck erwischt und ihr die Wade des linken Beins aufgerissen.
Dank des Funktelefons in dem bestens ausgestatteten Bus war schnell ein Krankenwagen da. Inzwischen wurde die Frau in ein Stuttgarter Krankenhaus geflogen, auf Mercedes-Kosten.
Die Polizei ließ lange auf sich warten. Die Ordnungshüter hatten an diesem Tag Großeinsatz am umgebauten Olympia-Stadion, das vom Papst gesegnet werden sollte. Werner Niefer hielt es nicht so lange vor Ort. Nach gut einer Stunde fuhr er mit einer Limousine zum Flughafen.
Unfallflucht, ließ Niefer vergangene Woche verbreiten, sei dies nicht gewesen. Er habe vor seiner Abfahrt den Rat eines Anwalts eingeholt: Der Fahrer dürfe, so das italienische Recht, nach einer Stunde den Unfallort verlassen.
Formal mag der Mercedes-Mann korrekt gehandelt haben. Doch die Optik ist nicht gerade vorteilhaft für Niefer. Wer nach einem längeren Restaurant-Besuch einen Unfall baut, zumal einen mit Personenschaden, hat allen Anlaß, am Ort des Geschehens zu verbleiben. Nur so läßt sich zweifelsfrei ausschließen, daß der Fahrer womöglich zuviel Wein getrunken hatte.
Merkwürdig zudem ist eine Auskunft, die Journalisten vergangene Woche bei der römischen Polizei einholten. Danach ist nicht Niefer in den Akten als Fahrer vermerkt; laut Polizei steuerte der italienische Chauffeur den Unfallbus. Was veranlaßte ihn, sich wahrheitswidrig als Unfallfahrer auszugeben? Oder war der Eintrag nur ein Irrtum?
Schwere Zeiten sind dies für Werner Niefer, jenes schwäbische Mercedes-Denkmal, das wie kein anderer im Konzern für die Bodenständigkeit der Stuttgarter Weltfirma steht.
Allseits anerkannt war der Gastwirtssohn aus Notzingen bei Kirchheim/ Teck, der als Werkzeugmacherlehrling bei Daimler-Benz angefangen hatte, solange er im Vorstand für die Produktion zuständig war. Niefer, der die Sprache der Leute am Band spricht, schien in Person die Qualität der Mercedes-Autos zu garantieren.
Doch mit der Beförderung zum Chef des gesamten Pkw-Bereichs 1987 schien den munteren Schwaben das Glück verlassen zu haben. Die neue Mercedes-Mittelklasse litt unter Qualitätsmängeln, die den Nimbus der Autos mit dem Stern schwer beschädigten; die Münchner Konkurrenten von BMW machten den Stuttgartern zunehmend den Ruf streitig, die besten Autos in Deutschland zu bauen.
Ohne Fortüne auch war Niefer, als er 1989 mit der Neuorganisation des Konzerns an die Spitze der Auto-Division, der neu gebildeten Mercedes-Benz AG, rückte. In einem hervorragenden Autojahr brach bei Mercedes der Betriebsgewinn ein; die Ablösung der inzwischen zehn Jahre alten S-Klasse mußte wegen technischer Probleme aufs nächste Jahr verschoben werden.
Unter solchen Unglücksnachrichten leiden auch die besten Freundschaften. Das einstmals herzliche Einvernehmen zwischen Edzard Reuter, 62, dem Chef der Daimler-Benz-Holding, und seinem Kumpel Niefer sei, so ein Daimler-Manager, "sehr, sehr abgekühlt".
Die unvorteilhaften Schlagzeilen über den Unfall beim Ristorante "Cecilia Metella" werden Niefer nun weitere Punkte kosten, bei Reuter wie beim kühlen Aufsichtsratsvorsitzenden Hilmar Kopper von der Deutschen Bank.
Die beiden werden sich womöglich daran erinnern, daß, bliebe alles, wie es ist, die fast gleichaltrigen Niefer und Reuter gemeinsam wegen Erreichens der Altersgrenze im Jahr 1993 aus dem Amt scheiden würden und daß es womöglich vernünftiger wäre, den Spitzenposten bei der wichtigsten Daimler-Tochter schon vor Reuters Abschied neu zu besetzen.
Ein schönes Datum für einen vorzeitigen, halbwegs ehrenvollen Ausstieg handeln Daimler-Vorstände auch schon: das Frühjahr 1991, nach der Vorstellung der neuen S-Klasse-Limousinen. f

DER SPIEGEL 24/1990
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