03.09.1990

„Ein Berg von Leichen“

Hunger hatten sie schon nicht mehr, nur noch Durst. Der Pott mit fadem Tee reichte nie, und so schleppten sich die todgeweihten Zigeunerkinder heimlich zu den Kübeln mit dreckigem Aufwaschwasser, aus denen sie gierig tranken.
Die Kinder quälte "Durst, unstillbarer Durst", erinnert sich eine Ärztin. Die Kleinen hielten sich die aufgedunsenen Bäuche, sie schluchzten und schrien, ihr Jammern "flutete auf und ab wie die Wogen eines Meeres". Dann starben sie auf faulenden, von Maden wimmelnden Strohsäcken, oder Schergen erstickten sie in den Gaskammern.
Andere wurden brutal getötet wie neugeborene Novemberkatzen - zerschmettert an Bäumen und Mauern. Entsetzt beschrieb ein KZ-Wärter, er habe einen "Berg von Leichen" gesehen, "gut zwei Meter hoch": "Fast lauter Kinder, Babys, Halbwüchsige. Darüber huschten Ratten."
Opfer der nationalsozialistischen Ausrottungspolitik wurden mehr als 220 000, wahrscheinlich eine halbe Million deutscher und europäischer Zigeuner - unter ihnen Zehntausende Kinder, manche gerade geboren, manche nur ein paar Wochen alt.
Hitler ließ Roma, Sinti oder Lalleri aller Altersklassen töten, weil sie den Nationalsozialisten generell als mysteriös-gefährliche "Fremdrassige" galten. Das Regime spürte auch Bürger auf, die zwar seit Generationen etabliert waren, aber einen Zigeuner als Ururgroßvater hatten. Angeblich genetisch "minderwertig", entsprachen diese Menschen nicht den Normen der "deutschen Volksgemeinschaft". Ihre Vernichtung von Staats wegen galt als notwendiger Akt der "Rassenhygiene".
Der Essener Historiker Michael Zimmermann sieht die Hauptursache der nationalsozialistischen Zigeunervernichtung im engen Zusammenspiel von Politik und medizinischer Wissenschaft, deren Rolle und deren Theorien vom "endogenen Verbrechertum der Zigeuner" er in einem Buch beschreibt*. Zimmermann stellt dar, wie reichsdeutsche Behörden, allen voran die Polizei, mit ihrer zum "Ethos geronnenen Morallosigkeit" eilfertig umsetzten, was medizinische Spezialisten ausgeheckt hatten.
Als Staatsgewalt noch von Gottes Gnaden kam, waren Zigeuner vor allem durch einen Umstand in Ungnade gefallen, den das romantische Volkslied als besonders "lustig" besingt: Von Ort zu Ort ziehend, weigerten sie sich beharrlich, Steuern zu zahlen.
Jenseits von Bürgertum und Boheme gerieten sie, als Korbflechter oder Topfflicker, Schausteller oder Musiker, überall in Europa in Konflikt mit der Obrigkeit. Im Jahre 1899 wurde in München eine "Zentrale zur Bekämpfung des Zigeuner-Unwesens" gegründet, die bis 1926 Daten, Bilder und Fingerabdrücke sammelte.
Als die Nazis an die Macht kamen, erließen sie ein "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", das Zwangssterilisierungen auch von Zigeunern _(* Michael Zimmermann: "Verfolgt, ) _(vertrieben, vernichtet. Die ) _(nationalsozialistische ) _(Vernichtungspolitik gegen Sinti und ) _(Roma". Klartext-Verlag, Essen; 142 ) _(Seiten; 26 Mark. ) ermöglichte - Reichsinnenminister Wilhelm Frick tönte: "Wir müssen wieder den Mut haben, unser Volk nach seinem Erbwert zu gliedern."
Mediziner forschten intensiv über die "hemmungslose Fortpflanzung" von Zigeunern und sogenannten Zigeunermischlingen. Am Ende stand die Forderung, ein "weiteres Einsickern von Zigeunerblut in den deutschen Volkskörper" müsse schnellstens beendet werden. Denn die Träger "minderwertigen Erbgutes" seien "hochgradig unausgeglichen, charakterlos, unberechenbar, unzuverlässig", die "schmarotzenden, nutzlosen Fremdkörper" mithin Gift für deutsche Seelen und deutsche Körper.
Einer der schneidigsten unter den Rassemedizinern war der Tübinger Robert Ritter, Jahrgang 1901, Oberarzt an der Jugendabteilung der dortigen Universitäts-Nervenklinik. Zigeuner, urteilte er, seien erbveranlagt "kulturarm", "geschichtslos" und "typisch Primitive", die in der Nähe "nicht mehr entwicklungsfähiger Zwerge" angesiedelt werden müßten.
Dieser Arzt erschien denn auch der braunen Staatsmacht überaus geeignet, als Leiter einer "Rassenhygienischen und Bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle" nach Berlin berufen zu werden. Dort trieb Ritter, ähnlich wie mindestens vier Medizinprofessoren reichsdeutscher Hochschulen auch, "erbbiologische Untersuchungen innerhalb eines Züchtungskreises von Zigeunermischlingen".
Ritter und seine Mitarbeiter, darunter die Ärztinnen Sophie Ehrhardt und Eva Justin, wurden tatkräftig von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt. Für Ritters "Asozialenforschung" sowie für seine "Bastard- und Kriminalbiologie" machte die DFG, wohlwollend beobachtet von dem berühmten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch, bis 1944 Jahr für Jahr Geld locker.
Die Berliner Amtsrassisten arbeiteten wie Detektive, um Zigeunervorfahren ausfindig zu machen. Sie wühlten in Archiven und sammelten Informationen in Gerichten und Gefängnissen, Fürsorgeanstalten und Rathäusern. Auch Kirchenbücher dienten als Quelle.
Die Spezialisten der Berliner "Forschungsstelle" zeichneten "Erbtafeln", die bis zu sechs Meter lang waren und mehr als 800 Personennamen umfaßten. Mit Hilfe dieser "in jeder Hinsicht fragwürdigen Tafeln" (Zimmermann) wurden fast 20 000 "Viertel- und Achtelzigeuner" identifiziert, die oftmals seit Jahrzehnten in die "reindeutsche" Bevölkerung integriert waren, als hochdekorierte Soldaten gedient hatten oder gar das NSDAP-Parteibuch besaßen.
Ihre Festnahme aufgrund eines "rassenhygienischen Gutachtens" galt ls vorbeugende Verbrechensbekämpfung" und war Sache der Polizei. Richterliche Kontrollen gab es nicht. Das Reichsjustizministerium erwartete ohnedies von den Polizisten "wesentlich bessere Ergebnisse" als von den Juristen.
Längst ging es dem NS-Regime nicht mehr um die "Abwehr tatsächlich auftretender Gefahren", so der Zeitgeschichtler Hans Buchheim: Der Staat plante vielmehr die "Ausmerzung" auch "vermeintlicher Gefahrenherde" - erst per Deportation von Zigeunern, schließlich, weil auch der Reichsärzteführer Leonardo Conti "eine wirkliche Radikallösung" forderte, mit Hilfe der Konzentrations- und Vernichtungslager.
Am 16. Dezember 1942 ordnete der SS- und Polizeichef Heinrich Himmler die "totale Liquidierung" der Zigeuner an. Die Opfer wurden *___vergast - in speziellen Fahrzeugen oder im ____"Zigeunerfamilienlager" von Auschwitz-Birkenau, wo sie ____in überfüllten, stinkenden Baracken des Typs "zerleg- ____und versetzbarer Pferdestall" hatten hausen müssen; *___"vernichtet durch Arbeit" - den Gegenwert jedes ____einzelnen erwachsenen Häftlings bezifferten SS-Männer ____so akribisch wie zynisch auf 1631 Reichsmark, ____"abzüglich Ernährung und Verbrennungskosten"; *___von Medizinern bis zum Tode mißbraucht als "Kaninchen" ____(Fachjargon) - für Kälteversuche, für ____Zwillingsexperimente und zur Entwicklung neuer ____Kastrations- oder Sterilisationsmethoden.
Nach dem Krieg blieb das Schicksal der Zigeuner "weithin unbetrauert, ja unbekannt", bilanzierte der Kulturanthropologe Joachim S. Hohmann. "Aus welchem Grunde töteten Sie Zigeuner?" fragte beim Einsatzgruppen-Prozeß in Nürnberg der amerikanische Ankläger James E. Heath den SS-Gruppenführer Otto Ohlendorf. Antwort: "Es ist ebenso wie mit den Juden . . . Sie hatten Spionageorganisationen während des Krieges."
Heath, ungläubig: "Die Zigeuner hatten das?" Ohlendorf: "Besonders die Zigeuner. Ich möchte Sie erinnern an die ausführlichen Beschreibungen des Dreißigjährigen Krieges von Ricarda Huch und Schiller."
Auch der Bundesgerichtshof trug zeitweise dazu bei, daß die "Lernfähigkeit der bundesdeutschen Gesellschaft" (Zimmermann) nicht allzustark in Anspruch genommen wurde. In einer - später korrigierten - Entscheidung legten Deutschlands höchste Richter den Beginn einer rassistischen Verfolgung erst auf den Tag des Auschwitz-Befehls fest, alle Erlasse zuvor seien kaum anfechtbare "polizeiliche Vorbeugungs- und Sicherungsmaßnahmen" gewesen.
Die willfährigen Polizisten blieben ebenso unbehelligt wie die Wissenschaftler. Die Ritter-Mitarbeiterin Sophie Ehrhardt wurde in Tübingen Anthropologie-Professorin, ihre Kollegin Eva Justin Kriminalpsychologin und Sachverständige "für schwer erziehbare Kinder".
Selbst der Zigeunerforscher Ritter blieb dem Staate erhalten. Die Stadt Frankfurt bestellte ihn 1947 zum Leiter der "Fürsorgestelle für Gemüts- und Nervenkranke" und zum Jugendpsychiater.
* Michael Zimmermann: "Verfolgt, vertrieben, vernichtet. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik gegen Sinti und Roma". Klartext-Verlag, Essen; 142 Seiten; 26 Mark.

DER SPIEGEL 36/1990
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