13.08.1990

Vertriebene

Totale Preisgabe

Nach der Grenzgarantie für Polen suchen die Vertriebenenverbände überall Rückhalt. Aus der DDR soll Nachwuchs kommen.

Kay Wolfgang Reimann (CDU), mit 19 Jahren jüngster Abgeordneter der DDR-Volkskammer, fühlt sich "mit Leib und Seele als Sachse". Doch weder Jugend noch Herkunft hinderten den Dresdner, als Funktionär der Heimatvertriebenen eine weitere Karriere zu starten.

Der zum Schlesiertum konvertierte Reimann war einer von rund 40 "lieben Freunden aus Mitteldeutschland", die am vorletzten Wochenende bei der Jubiläumsveranstaltung des Bundes der Vertriebenen (BdV) mitfeierten.

Der BdV kann seine neuen Freunde gut gebrauchen. Seit der Erklärung der beiden deutschen Parlamente zur polnischen Westgrenze geht nun auch die CDU, allen voran der Bundeskanzler, auf Distanz zu den Vertriebenen. Die nämlich wettern unverdrossen weiter gegen die "totale Preisgabe" der ehemals deutschen Ostgebiete und stören damit die Einigungspolitik Helmut Kohls.

Bevor die polnische Westgrenze in der DDR bekämpft werden kann, müssen die Vertriebenen sich allerdings zunächst unter die Fittiche des BdV begeben. Vom BdV-Landesverband "Sachsen/Schlesische Lausitz" existiert erst der Gründungsausschuß. Der Ausschußvorsitzende Georg Janovsky, 46, ebenfalls für die CDU in der Volkskammer, und sein Vertreter Reimann wollen natürlich nicht nur die "landsmannschaftliche Identität" der "ostdeutschen Volksgruppen" bewahren - es geht ihnen um Geld. Denn wer nach dem Krieg in der DDR hängengeblieben ist, so Janovsky, "ist doch zweimal betrogen worden. Erst um sein Hab und Gut in den Ostgebieten", dann um die Gelder, die den Landsleuten im Westen gezahlt wurden. Jetzt verlangen er und Reimann für ihre Klientel eine Entschädigung für den entgangenen Lastenausgleich.

Neben diesen DDR-spezifischen Wünschen übernimmt Reimann den Forderungs- und Illusionskatalog der Bonner Vertriebenenzentrale. Danach sollen bei den Wahlen auch die Deutschen in den Ostgebieten mitwählen dürfen - was praktisch einer Grenzrevision gleichkäme. Außerdem schlagen die Verbände vor, "die Gebiete östlich von Oder und Neiße" in ein "europäisches Territorium" unter EG-Verwaltung umzuwandeln. Dieser Vorschlag, so befand der Rheinische Merkur, "verrät - um es milde auszudrücken - bemerkenswerte historische Verträumtheit".

Für den Vertriebenenpräsidenten Herbert Czaja geht es freilich nicht um "Gebietsansprüche an Polen". Für ihn sind die nunmehr preisgegebenen Gebiete immer noch "ein großer Teil Deutschlands". Und seit der Bundeskanzler klargemacht hat, die Grenze, "so wie sie heute verläuft", sei endgültig, droht Ober-Schlesier Czaja seinem Parteifreund Helmut Kohl mit den neuen Rechten: Sollten die Bemühungen des BdV "vergeblich sein", so könne "auch das Wahlrecht" nicht verhindern, daß "rechte Sammlungen" die Republik womöglich unregierbar machen.

Die Rechtsradikalen halten sich bereit. Bei der BdV-Feierstunde "40 Jahre Charta der Heimatvertriebenen" demonstrierten rechte Grüppchen ihr Verständnis für die Sache der Vertriebenen und erfreuten sich zum Teil unverhohlener Zustimmung bei Forderungen wie "Wählen Sie Parteien, die deutsche Interessen korrekt vertreten". Der "Verzicht auf Schlesien, Oberschlesien, Ostbrandenburg, _(* Am 5. August in Stuttgart vor dem ) _(Plakat: "Kohl nach Versailles, Schlesien ) _(wird frei". ) Pommern, Ostpreußen und Westpreußen", so schrieben die Republikaner, sei "Verrat an Deutschland". Und ein Bauer, der seinen Mercedes nebst Anhänger in Transparente gehüllt hatte, klagte schriftlich: "Wer gibt Ihnen das Recht, unseren Bauernhof in Schlesien zu verschenken?"

Für solche Beharrlichkeit sind offenbar viele Vertriebene empfänglich. Abseits der Rednerpulte machen sich - neben Zurückhaltung und Realismus - offener Revanchismus und Polenfeindlichkeit bemerkbar. Das europäische Territorium, das nach dem Willen des BdV in Westpolen entstehen soll, ist danach hauptsächlich für die dort lebenden Deutschen gedacht. DDR-Funktionär Reimann: "Ich bin gegen multikulturellen Euro-Einheitsmatsch."

Reimanns Vorgesetzter Janovsky freut sich, wenn auch nur inoffiziell, über die Festigkeit der DDR-Grenze zu Polen: "Das sind schreckliche Zustände da drüben. Alles total runtergekommen." Vorurteile gegen Polen hält er für verständlich: "Wir haben die immer nur als Spekulanten erlebt." Seine Empfehlung: "Die sollen es mit Arbeit versuchen."

Niemand in Polen muß indes befürchten, daß Janovsky sich dort ansiedeln möchte: Nach der gesamtdeutschen Wahl will er für die CDU ins Parlament einziehen, und wenn das nicht klappt, geht er wieder nach Görlitz im Land Sachsen - auch wenn die Görlitzer sich lieber für Niederschlesier halten.

"Dort", so sagt er, "habe ich meine Heimat gefunden."

* Am 5. August in Stuttgart vor dem Plakat: "Kohl nach Versailles, Schlesien wird frei".

DER SPIEGEL 33/1990
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