Der Greifswalder Oberkonsistorialrat Hans-Martin Harder, 47, hat als stellvertretender Vorsitzender des DDR-Kirchenbundes viel Erfahrung mit den Christen im Osten. Für besonders ehrlich hält er sie nicht.
Rund ein Hundertstel seines Einkommens sollte unter dem gottlosen SED-Regime jeder DDR-Christ freiwillig an die Kirchen-Obrigkeit abgeben. 90 Prozent der Frommen, schätzt Harder, hätten zuwenig bezahlt.
Im neuen Deutschland hat die Schummelei ein Ende. Von Beginn des kommenden Jahres an soll die Kirchensteuer penibel von staatlichen Finanzbeamten errechnet, erhoben - und notfalls eingetrieben werden.
Auf den staatlichen Kirchensteuereinzug haben sich die acht evangelischen Landeskirchen und die Oberhirten der sechs katholischen Jurisdiktionsbezirke in der DDR intern geeinigt. Nur weiß noch niemand so richtig, wie es funktionieren soll.
Zwar wollen die Ost-Christen das westdeutsche Modell komplett übernehmen. Danach dürfen sich öffentlichrechtliche Religionsgesellschaften zum Kassieren ihrer Gelder staatlicher Steuerlisten bedienen und die ihnen zustehenden Beträge - acht bis neun Prozent des Lohn- oder Einkommensteuersatzes - auch vom Staat abkassieren lassen.
Doch unklar ist allen Beteiligten noch, wie das westliche Kirchensteuersystem korrekt auf die DDR-Verhältnisse übertragen werden soll. Denn laut Grundgesetz sind landesrechtliche Bestimmungen nötig, etwa über die Höhe der Kirchensteuer. In der DDR gibt es noch keine Länder, die solche Vorschriften erlassen könnten.
Probleme werden die ostdeutschen Finanzbeamten, die vom 1. Januar 1991 an die neue Steuer einziehen sollen mit den eigenen Datensammlungen bekommen. Denn Religionsangaben standen in der DDR zwar in Kader- und Stasi-Akten, nicht aber in staatlichen Steuerlisten. Nach der Religionszugehörigkeit hat der SED-Staat seine Bürger offiziell zuletzt bei der Volkszählung 1964 gefragt. Selbst die Kirchen haben deshalb über ihren Mitgliederbestand keinen genauen Überblick mehr.
Schon 1953 hatte der SED-Staat seinen Kirchen-Kassierern den Einblick in die Steuerlisten verweigert und den staatlichen Geldeinzug eingestellt. Seitdem haben die Kirchen nie mehr genau erfahren, was ihre Mitglieder verdienen.
Um die Kirchensteuern überhaupt noch eintreiben zu können, richteten sie damals eigene Steuerämter ein, waren dabei aber auf die freiwilligen Angaben der Christen angewiesen. Und der Beitragseinzug - einmal jährlich ein Prozent vom Nettojahreseinkommen des Vorjahres, pro Kind verringert um fünf Mark - klappte nur unzureichend.
Mickrige 106 Millionen Ost-Mark strichen die DDR-Kirchen letztes Jahr von den 5,1 Millionen Protestanten und nur etwa 20 Millionen von den 950 000 Katholiken im Lande ein. Zwei- bis dreimal soviel, schätzt Kirchen-Mann Harder, hätten es sein müssen.
So mußten sich die Ost-Gemeinden mit anderen Einnahmen behelfen. Ein "Kirchgeld" als zusätzliche Kopfsteuer kassierten die Protestanten bei ihren Leuten: zwischen 5 und 20 Mark pro Jahr für alle Mitglieder ab 18 Jahren, ob sie nun Lehrling, Student oder Rentner waren. Im Jahr kamen rund 20 Millionen Mark zusammen.
Noch einmal 12 Millionen spendierte - erstaunlich genug - der SED-Staat. Das waren Leistungen aus Staatskirchenverträgen und Konkordaten aus dem vorigen Jahrhundert. Die SED erkannte die alten Kirchenverträge zwar nicht an, zahlte aber dennoch.
Ein paar Mark erbrachte auch der kirchliche Immobilienbesitz. Die Ländereien und Güter der Kirche sind zwar umfangreich: Ein Prozent des DDR-Waldes gehört beispielsweise den evangelischen Kirchen. Doch Grund und Boden sind häufig zu niedrigem Zins an LPGs zwangsverpachtet.
Das Millionen-Defizit der DDR-Kirchen mußte von den Brüdern im Westen ausgeglichen werden. Nach den Berechnungen des West-Berliner Protestanten-Blattes Übergänge deckten die West-Gaben bis zu 70 Prozent des gesamten Finanzbedarfs beider Kirchen. Rund drei Milliarden Mark flossen seit Anfang der sechziger Jahre aus dem protestantischen West-Topf nach Osten, eine Milliarde aus dem katholischen.
Die Einführung der staatlichen Steuererhebung meinten die östlichen Kirchen-Oberen ihren westdeutschen Brüdern deshalb schuldig zu sein. Doch zugleich bezweifeln viele, daß der Kirchensteuereinzug die Finanzmisere der DDR-Kirchen lösen kann.
Reinhard Henkys, Leiter des Evangelischen Publizistischen Zentrums in Berlin und seit 1964 hauptberuflicher Beobachter der DDR-Kirchenszene, befürchtet sogar "zunächst starke Mindereinnahmen": Von den sechs Millionen Ost-Christen sind zur Zeit fast die Hälfte Rentner. Die zahlen nach dem künftigen Modell nichts mehr.
Zudem ist ungewiß, wie viele Christen nach der Einführung der staatlichen Besteuerung aus der Kirche austreten. Schon jetzt sind drüben die Austrittszahlen sprunghaft gestiegen: Im April kehrten in Thüringen dreimal so viele Menschen wie im gleichen Monat des Vorjahres der evangelischen Kirche den Rücken.
Altgediente Kirchenleute aus der DDR fürchten von der geplanten Staatssteuer noch einen anderen, weit schwerer wiegenden Nachteil für die ostdeutsche Christenheit: Die hilfreiche Hand der Obrigkeit, sagt der Ost-Berliner Altbischof Albrecht Schönherr voraus, werde den DDR-Gemeinden "erheblichen geistlichen Schaden" bringen.
DER SPIEGEL 33/1990
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