13.08.1990

„Dann sind bald alle tot“

Mir werden Morde vorgehalten, die ich nicht begangen habe und an denen ich nicht beteiligt war. Noch vor fünf Jahren, als ich längst unter meinem neuen Namen Ulrike Martina Eildberg in der DDR gelebt habe, soll ich an Anschlägen der RAF beteiligt gewesen sein - ich habe damit nichts zu tun.
Meine Politisierung begann 1969, damals war ich 20, während meiner Fotografenlehre in Hamburg. Demonstrationen wegen des amerikanischen Krieges gegen Vietnam fanden meine Unterstützung: Ich war empört und entsetzt über diesen Vernichtungsfeldzug gegen ein kleines Volk, über den Wahnsinn, daß dort ein Land mit Zehntausenden Tonnen von Gift entlaubt wurde. Ich las Hintergrundmaterial, ich ging zu Protestaktionen.
So kam ich in Kontakt mit Gesinnungsgenossen. In den folgenden Jahren, 1971 und 1972, suchte ich vor allem nach alternativen Lebensformen: Ich wollte weg von der traditionellen Familienzelle - Mann geht arbeiten, Frau pflegt das Kind. Wir, das waren sechs Erwachsene und zwei Kinder, gründeten eine Wohngemeinschaft und machten zusammen mit anderen Eltern, die kleine Kinder hatten, einen Kinderladen auf. Wir verstanden uns als Teil der antiautoritären Bewegung.
Ein Schlüsselerlebnis war für mich der Hamburger Prozeß 1972 gegen Werner Hoppe, ein Mitglied der Baader-Meinhof-Gruppe, wie das damals genannt wurde.
Bei einer Polizeiaktion war Hoppe 1971 festgenommen worden, es gab eine Schießerei, bei der Petra Schelm zu Tode kam. Am Tatort fand sich nur eine Hülse aus Hoppes Waffe, trotzdem wurde er wegen dreifachen vorsätzlichen Totschlagversuchs an Polizisten angeklagt.
Das Urteil schockte mich: Hoppe wurde, obwohl es keine klaren Beweise gab, am 26. Juli 1972 zu zehn Jahren Haft verurteilt. Ich sah die Gefahr einer Wiederholung der deutschen Geschichte an der Unverhältnismäßigkeit dieses Urteils. Von diesem Tag an arbeitete ich in der "Roten Hilfe" (RH) mit. Dort ging es damals noch um Unterstützung für alle Gefangenen - egal, ob politisch oder kriminell. Nach langen Diskussionen, in denen sich zig Gruppen abspalteten, blieb die RH zurück, die ausschließlich politische Gefangene unterstützen wollte.
Im Mai 1973 räumte ein Mobiles Einsatzkommando der Polizei in Hamburg das Haus Ekhofstraße, das von 70 jungen Leuten besetzt war. Wieder einmal hatte der Staat mit seinem brutalen Vorgehen gezeigt, wie stark er war und wie unfähig, Probleme wirklich zu lösen.
Es blieb ohnmächtige Wut. Auf der Suche nach politischer Betätigung traf ich mit Jugendlichen aus Randgruppen-Kollektiven zusammen. Sie kamen aus Heimen, einige waren straffällig geworden - ihr Weg war im Grunde schon vorgezeichnet. Ich nahm damals auch an einem Rundgang durch die Nervenklinik in Hamburg-Ochsenzoll teil und sah unvorstellbares Leid: Psychisch kranke Menschen waren an ihren Betten festgeschnallt und dämmerten dahin.
Es gab überall so viel Ungerechtigkeit - ich wollte etwas dagegen tun. Ich hatte Angst vor einem "neuen Faschismus". Ich beschloß 1974, mich dem "Komitee gegen Folter an politischen Gefangenen" anzuschließen. Dabei ging es zunächst um eine Informationskampagne über die Bedeutung von Isolation für den Menschen. Sie sollte Druck erzeugen für die Gefangenen aus der RAF - mit dem Ziel, eine Lockerung ihrer Haftbedingungen zu erreichen.
Wir verfaßten nicht nur Flugblätter und Dokumentationen, sondern organisierten zum Beispiel auch mehrtägige Demonstrationen vor den Justizministerien in verschiedenen Bundesländern und eine Kampagne gegen den Toten Trakt im Kölner Gefängnis, wo Ulrike Meinhof saß. Im Komitee traf ich Susanne Albrecht wieder, die ich schon seit den Aktionen wegen der Räumung des besetzten Hauses in Hamburg kannte. Auch Silke Maier-Witt arbeitete im Komitee mit.
Es gab für mich nur die "Komiteeund-RAF-Gefangenen-Welt". Diskussionen über andere Meinungen wurden im Komitee und von mir abgeblockt. Die Situation spitzte sich 1974/75 zu durch den großen Hungerstreik der Gefangenen mit der Forderung nach Zusammenlegung. Die Komitees organisierten eine Menge legaler Aktionen zur Veröffentlichung der Hungerstreik-Erklärung, in Hamburg wurden die Geschäftsräume von Amnesty International besetzt.
Dann kam, im November 1974, der Hungertod von Holger Meins. Wir waren sehr traurig und verbittert. Während wir im Komitee über die weitere Arbeit debattierten, hatten einige offenbar schon ihre Konsequenzen gezogen. Sie ließen sich nicht mehr sehen, dann erschien ein Aufruf der RAF an die Gefangenen mit der Bitte, den Hungerstreik zu beenden - die Botschaft war klar: Eine Aktion wurde vorbereitet.
Die Diskussionen mit dem Tenor "Man muß selbst was machen" (nur was, das wußte keiner) waren plötzlich auf den Punkt gebracht, und ich hatte auf einmal das Gefühl, zusammen mit dem Komitee völlig sinnlos zu sein. Denn reale Veränderungen hatten wir nicht erreicht. Das Komitee befand sich danach in Auflösung, mitten in die Debatten über die Zukunft platzte im April 1975 die Geiselnahme in der Stockholmer Botschaft der BRD, dabei gab es vier Tote. Im Rest-Komitee grassierte die Angst vor Repressionen, einige kehrten in bürgerliche Existenzen zurück oder mieden fortan zumindest alles, was sie mit den RAF-Gefangenen in Verbindung bringen könnte.
Der entscheidende Wendepunkt kam für mich ein Jahr später. Am 9. Mai 1976 wurde Ulrike Meinhof erhängt in ihrer Stammheimer Zelle aufgefunden. Für mich stand die Frage: Mord oder Selbstmord? Ich sagte mir: Wie lange willst du noch warten - wenn es so weitergeht, sind bald alle tot.
Ich suchte den Kontakt zu den Illegalen, um sie zu unterstützen in dem Ziel, _(* In Stuttgart-Stammheim. ) die Gefangenen zu befreien. Ich hatte schon so viele Brücken hinter mir abgebrochen, daß ich für mich keine Probleme sah mit dem Abtauchen in die Illegalität - es schien mir die einzige Möglichkeit zu sein. Nachträglich habe ich oft gedacht - und denke es heute noch -, daß mein Leben einen anderen Weg genommen hätte, wenn der Staat nicht so repressiv auf die RAF und die Gefangenen reagiert hätte.
Die Angst vor Entdeckung stieg. Ich setzte mich nach Paris ab, wo ich im Sommer 1977 zum ersten Mal auf RAF-Aktive stieß. Merkwürdig: In diesem Moment war der Druck weg, ich fühlte mich zuerst irgendwie sicher und am Ziel.
Ich spürte zwar bald, daß mit meiner Entscheidung etwas nicht stimmte, denn mir ging es doch eigentlich um die Befreiung der Gefangenen. Doch bevor ich mich entschließen konnte, mit meinem neuen Umfeld darüber zu reden, war es zu spät.
Nach dem Attentat auf den Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto am 30. Juli 1977 stand ich plötzlich ganz oben auf der Fahndungsliste - neben den alten Freundinnen Susanne Albrecht und Silke Maier-Witt. Und auch für den Anschlag auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback im April 1977 wurde ich nun mitverantwortlich gemacht.
Die Wochen nach dem Ponto-Attentat, bis zur Meldung über die Entführung von Hanns Martin Schleyer im September 1977, verbrachte ich recht schweigsam - ich versuchte mich zurechtzufinden. Ich hatte von der Schleyer-Aktion vorher nichts gewußt, hegte nun aber große Hoffnungen, daß damit die Gefangenen freikommen könnten.
Die Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" durch ein Kommando der Palästinenser führte dann innerhalb eines Teils der Gruppe zu einer Kontroverse. Die einen billigten die Aktion, sie sei richtig zur Unterstützung der Forderung nach Freilassung der Gefangenen. Die anderen waren dagegen: Sie wandten sich gegen die Methode, mit den Passagieren "Geiseln aus dem Volk" zu nehmen.
Dann überschlugen sich die Nachrichten von der Erstürmung der Maschine in Mogadischu, dem Tod der Stammheimer Gefangenen, der Ermordung Schleyers - das war das Ende, mit dem keiner gerechnet hatte. Alle Hoffnungen waren futsch, Ratlosigkeit machte sich in der Gruppe breit. Ich war verzweifelt, ich sah keine Perspektive mehr.
Einige in der Gruppe entwickelten Pläne zu Selbstmord-Aktionen nach dem Vorbild der Palästinenser - auch das war nur Ausdruck der Verzweiflung, realisiert wurden solche Ideen nie. Eigentlich hätten wir damals die Aktionen der RAF kritisch aufarbeiten müssen. Aber im Herbst 1977 hatte niemand den Mut, eine ehrliche Analyse zu machen - die Niederlage war zu frisch.
Im Jahr darauf befaßten wir uns vor allem mit der Absicherung unserer Existenz in Paris. Im Mai 1979 erhielt ich den riskanten Auftrag, in die BRD zurückzugehen und dort die Wohnungsstruktur für die Gruppe zu erweitern sowie die Depots mit Waffen, Munition und Papieren auf den neuesten Stand zu bringen.
Für die Logistik ging ein großer Teil der Zeit drauf, da die Gruppe diese Probleme aus eigener Kraft lösen mußte. Es konnte mehrere Tage dauern, ein Depot anzulegen. Zuerst mußte ein optimaler Platz gesucht werden, dann wurde dort ein leerer Kanister vergraben, und danach wurden erst die entsprechenden Sachen, zum Beispiel Papiere oder Geld, deponiert.
Aber es kam wieder ganz anders: Eine Wohnung nach der anderen flog auf, ich wußte nicht, warum. Elisabeth von Dyck wurde im Mai in Nürnberg beim Betreten einer Wohnung erschossen, Rolf Heißler im Juni bei seiner Festnahme in Frankfurt durch einen Kopfschuß schwer verletzt. Entmutigt kehrte ich nach Frankreich zurück.
In mir reifte der Entschluß, auszusteigen: Die Politik der Gruppe war mir fremd geworden. Der bewaffnete Kampf, das sah ich jetzt, war sinnlos. Er hatte nur zerstört, nichts Positives bewirkt. Was hatte die RAF mit ihren Aktionen erreicht? Konnte sie entscheidend in einen revolutionären Prozeß eingreifen oder eine Initialzündung geben? Ich fand keine positive Antwort: Unter dem Strich gab es zu viele Tote auf beiden Seiten und volle Knäste. Ich konnte und wollte damit nichts mehr zu tun haben. Die Theorie der RAF erwies sich als _(* Oben: Im Oktober 1977, bei einem ) _(Zwischenstopp in Dubai; unten: ) _(Fahndungsfotos 1977. ) falsch: Eine Revolution ließ sich nicht durch das "subjektive Moment" einseitig in Gang bringen, jede Revolution in der Geschichte ist aus objektiven und subjektiven Momenten entstanden.
Auch von einer persönlichen Befreiung in der Illegalität konnte bei mir keine Rede sein: Es war in der Gruppe gar nicht möglich, ganz frei bestimmte Zweifel zu formulieren. Das hätte zum Bruch führen können und weitere existentielle Fragen nach sich gezogen. So waren die Beziehungen untereinander teilweise unfreier als früher in der Legalität.
Der Gruppendruck war sehr stark. Ich durfte zum Beispiel einmal über mehrere Wochen eine Wohnung nicht verlassen, weil ich mich in einer kritischen Situation "unklar" verhalten hatte. Mir wurde vorgeworfen, daß ich abhauen wollte, ich wurde als Risiko eingestuft.
Ein kleiner Teil der Gruppe war der eigentliche "Kern". Er hatte sämtliche Kontakte - In- und Ausland -, und er bestimmte jeweils die Personen, die diese Kontakte aufrechterhalten durften. Man könnte ihn als "Kommandoebene" bezeichnen. Dort liefen Entscheidungen, die nicht für alle durchsichtig waren, wohl aber für jeden Konsequenzen haben konnten.
Das alles konnte nicht von heute auf morgen geklärt werden, der Prozeß verlief nicht schmerzlos. Am Ende stand fest, daß damals einige Leute aus der Gruppe aussteigen wollten. Sie halfen sich untereinander herauszufinden, was für jeden persönlich richtig ist - das war für mich sehr wichtig.
Damit stand der Rest der Gruppe vor der Frage, was mit den Aussteigern, die ja ein mögliches Risiko darstellten, geschehen sollte. Bei uns gab es verschiedene Vorstellungen, in Länder der sogenannten Dritten Welt zu verschwinden - zum Beispiel nach Angola oder nach Mosambik. Es schien sich zunächst eine Lösung für die beiden einstigen portugiesischen Kolonien anzudeuten, wir lernten schon mal die Sprache und bereiteten uns auf unsere künftigen Berufe vor.
An der Lösung für die Aussteiger arbeiteten die Aktiven, wir erfuhren nichts über Details. An den konkreten Vorbereitungen habe ich nicht mitgearbeitet und meines Wissens nach auch kein anderer der Aussteiger. Dann ging auf einmal alles ganz schnell, das war 1980. Wir erhielten von den Aktiven neue bundesdeutsche Ausweise, Geld - es waren für mich rund 4000 Mark für Reisekosten und "Starthilfe" - und die letzten Informationen: In Zweiergruppen sollten wir von Paris aus per Bahn nach Prag fahren.
Erst von Kontaktleuten in der tschechoslowakischen Hauptstadt erfuhren wir, wohin die Reise wirklich gehen sollte: in die DDR. Für mich war das eine freudige Überraschung, die Sprache würde vieles erleichtern.
Ralf Friedrich und ich kamen als erste in der DDR an, wo zum ersten Mal ein Kontakt zu ostdeutschen Behörden zustande kam. Wir hatten für die Übersiedlung gefälschte BRD-Pässe, auf die Namen des Ehepaars Ulrike Martina Eildberg und Jürgen Hans Eildberg. Wer die Pässe besorgt hat, weiß ich nicht. Sie stammten aber aus den Depots der RAF. Die Daten der Pässe wurden für die Einbürgerung in der DDR übernommen.
Vor der Abfahrt bereiteten wir unsere zukünftigen Legenden, eine Art Lebenslauf, und die Begründung für die Übersiedlung vor. Wir sollten als ganz normale BRD-Übersiedler eingebürgert werden, mit einigen flankierenden Maßnahmen.
Von Prag aus flogen wir mit der DDR-Linie "Interflug" nach Berlin-Schönefeld. Dort wurden wir erwartet, die DDR-Behörden hatten alles vorbereitet. Die Herren brachten uns in ein Einwanderungsbüro nach Berlin-Pankow, dort war man über unsere RAF-Vergangenheit offenbar nicht informiert. Wir mußten Formulare mit vielen Fragen nach unserem Leben ausfüllen, schriftlich und mündlich den Wunsch nach Übersiedlung begründen - wir antworteten gemäß der Legende, die wir uns ausgedacht hatten.
Am nächsten Tag wurden wir in ein Übersiedlerheim im Raum Frankfurt/ Oder gefahren - es könnte in Bad Freienwalde gewesen sein. Dort mußten wir unseren Wunsch nach Übersiedlung noch einmal begründen. Nach dieser Prozedur stellte der Heimleiter einen Genossen mit Namen "Gerd" vor, "der sich ein bißchen um Sie kümmert". Mit ihm brachen wir einige Tage später nach Schwedt auf. Zwischendurch beruhigte er uns, wir sollten uns keine Sorgen machen, es laufe alles wie geplant - es war klar: Der Mann wußte Bescheid.
Auch der Rat der Stadt Schwedt, Abteilung Innere Angelegenheiten, war über die Ankunft zweier BRD-Übersiedler informiert. Wir erhielten eine Zweiraum-Neubauwohnung zugewiesen, 200 Mark Sozialhilfe und das Versprechen, daß man sich um Arbeitsplätze für uns kümmern würde - dann waren wir fürs erste in den DDR-Alltag entlassen.
Ich erhielt einen Arbeitsplatz im Dienstleistungskombinat: In der Annahmestelle mußte ich, achtdreiviertel Stunden täglich für 450 Mark netto monatlich, Wäsche, Schuhe, Strümpfe, Schirme, Uhren, Radios annehmen und rausgeben. Das Arbeitskollektiv hat mich wohlwollend und auch ein bißchen neugierig aufgenommen, mir wurden aber keine Löcher in den Bauch gefragt.
Statt dessen mußte ich mich dauernd erkundigen: Ich wußte ja nichts über "Neuerer", "Brigaden", die ganzen Abkürzungen. Ich lernte die unbefriedigten Konsumwünsche der Bevölkerung kennen und eine starke Ausländerfeindlichkeit. Die Mitarbeit in einem Schwedter Kulturzirkel haben wir bald wieder aufgegeben, weil dort über uns die wildesten Spekulationen kursierten. Der Genosse, der uns betreute, erzählte außerdem, viele dieser Kulturleute hätten Kontakte in die BRD - das hätte für uns gefährlich werden können.
Daß der Mann - er kam aus Berlin - von der Stasi war, hat er erst fünf Jahre nach unserer Übersiedlung rausgelassen. Während der ersten Zeit kam er öfter zu uns, diskutierte über unsere Erfahrungen mit dem "realen Sozialismus". Mit ihm besprachen wir auch Maßnahmen für unsere Sicherheit, zum Beispiel, daß wir uns unauffällig verhalten und die DDRler nicht mit Schlauheiten über die BRD nerven sollten.
Wir mußten versprechen, den Kontakt zu anderen Aussteigern einzuschränken, später dann, 1986, sollten wir ihn ganz abbrechen. Außerdem war von Anfang an Bedingung, keinen von den RAF-Aktiven zu treffen, weder in der DDR noch im sozialistischen Ausland.
Während der ersten Monate habe ich den Genossen "Gerd" etwa alle drei bis vier Wochen getroffen. Wegen des positiven Verlaufs unserer Einbürgerung wurden die Treffen seltener. Es gab während der zehn Jahre eine Auf- und Abwärtsbewegung: Bestand keine Gefahr für unsere Sicherheit, so haben wir uns monatelang nicht gesehen. Drohte Gefahr, so gab es manchmal Treffen alle zwei bis drei Wochen.
Ich habe sogenannte Stimmungsberichte verfaßt, unter anderem über die desolate Versorgungslage, das schlechte Ansehen der SED bei der Bevölkerung, die ablehnende Haltung gegenüber den Partei-Tageszeitungen und deren Inhalt.
Das waren auch immer wieder Punkte der Diskussion zwischen dem betreuenden Genossen und mir. Außerdem wurde gemeinsam der Stand unserer Integration ins unmittelbare Umfeld - Arbeit, Nachbarn - analysiert, Schwierigkeiten besprochen, immer unter dem Aspekt: Droht Gefahr für unsere Identität? Darüber hinaus gab es keine Zusammenarbeit mit der Stasi.
Ich wechselte bald das Kollektiv, um in meinem alten Beruf als Fotografin zu arbeiten. Im Juni 1981 bekamen wir dann offiziell unsere DDR-Staatsbürgerurkunde und standen fortan unter dem vollen Schutz des Staates. Wir arbeiteten beide, 1983 kam unsere Tochter Nina zur Welt - zehn Jahre lang waren wir eine ganz normale Familie mit ganz normalen Alltagsproblemen.
Ich fühlte mich ziemlich sicher. Dennoch blieb immer eine unterschwellige Angst, durch einen Zufall doch noch entdeckt zu werden. Dann kam der 9. November 1989, ein Wendepunkt auch in unserem Leben - ich wußte sofort, daß damit unsere Tarnung in Gefahr war. Die Stasi hat sich nach der Wende von uns verabschiedet mit den Worten: "Wir können nichts mehr für euch tun."
Alles war sehr widersprüchlich: Mir war zwar klar, wie notwendig der Bruch mit einem bürokratischen und zentralistischen System war, das sich als unfähig erwiesen hatte, eine leistungsstarke Ökonomie zu errichten. Aber ich fürchtete die Konsequenzen. Ich fragte mich, ob und welche Strafe ich noch zu erwarten hätte nach zehn Jahren in der DDR.
Und unsere größte Sorge hieß: Was wird aus unserem Kind? Wir haben zu Hause oft darüber geredet, aber es gab keine Alternative, als abzuwarten. Wir sind nach Recht und Gesetz nicht einmal verheiratet: Die Ehepapiere erhielten wir kurz vor der Geburt unserer Tochter, um mögliche Schwierigkeiten beim Standesamt zu vermeiden. Die Dokumente waren von der Stasi ausgestellt.
Mit Schrecken sahen wir, wie die beiden Staaten mit Riesenschritten auf die Einheit losmarschierten. Die Verhaftung von Susanne Albrecht am 6. Juni in Ost-Berlin zerschlug dann den leisen Hoffnungsschimmer, daß doch noch alles gutgehen könnte. Nun wußten wir, daß die Polizei alle Informationen hatte. Die Tage zwischen Susannes und meiner Verhaftung am 15. Juni waren furchtbar.
Die Presse feierte den "Schlag gegen die RAF", obwohl wir schon seit mehr als zehn Jahren nichts mehr damit zu tun hatten. Ich fühlte mich gehetzt und mußte doch nach außen die Rolle der DDR-Normalbürgerin spielen.
Der Inhalt des Haftbefehls, der mir dann präsentiert wurde, war für mich ein Schock: Mir wird eine Beteiligung an der Ermordung des US-Soldaten Pimental und am folgenden Anschlag auf die Frankfurter U. S. Airbase 1985 vorgehalten. Ich war entsetzt, ich hatte keinerlei Ahnung, weshalb ich in diesem Zusammenhang in die Fahndung kam.
Ich habe seit meiner Übersiedlung in die DDR 1980 den Boden der BRD nie betreten, erst wieder bei meiner Überstellung ins Mainzer Untersuchungsgefängnis am 14. Juli 1990. Als die genannten Anschläge 1985 ausgeführt wurden, habe ich in der DDR gearbeitet.
Vor allem stellt sich die Frage: Was hätte mich denn dazu bewegen sollen, die DDR zu verlassen, kurz irgendeine Handlung zu begehen und damit achtlos meine Familie und meine Identität zu gefährden? Ohnehin besaß ich gar keinen Reisepaß. Meine DDR-Identität war mein Leben. Ich habe mich den BRD-Behörden gestellt, weil ich diese Vorwürfe schnellstens aufgeklärt haben möchte. Ich hoffe auf korrekte Ermittlungen und darauf, daß die letzten zehn Jahre meines Lebens Gewicht haben.
Ein fairer Prozeß - ob das möglich ist?
Das Geschrei um die sogenannte RAF-Stasi-Connection, die in Wahrheit eine Aussteiger-Connection war, verstehe ich nicht: Durch sie hatten wir die Möglichkeit, neuen Lebensmut zu fassen und uns nicht selbst zu verachten.
So wie Gerhard Müller, der zum Beispiel im Stammheimer Prozeß gegen die anderen ausgesagt hat, wollte ich jedenfalls nicht werden.
Das "Konzept Stadtguerilla" ist gescheitert, weil es von falschen Grundvoraussetzungen ausging: Wir leben in Mitteleuropa nicht unter einer faschistischen Diktatur mit einer Bevölkerung am Existenzminimum, die bereit ist zum Aufstand. Die Übertragung von Che Guevaras "Fokus-Theorie", die glaubt, ein Aufstandsherd könne selber die revolutionären Bedingungen erzeugen, war ein Irrtum.
Wer für sich in Anspruch nimmt, linke Politik zu machen, von dem kann man verlangen, daß Ziel und Inhalt dieser Politik benannt und in der Praxis überprüft werden. Das gilt für kommunistische Parteien wie für andere linke Gruppen. Wenn sie ihre Aktionen nicht reflektieren, verkehren sich ihre Ziele ins Gegenteil.
Krieg und Zerstörung - das sind keine Mittel der politischen Auseinandersetzung an der Schwelle zum Jahr 2000. *HINWEIS: Im nächsten Heft: Interview mit dem Sternebeck-Gefährten und RAF-Aussteiger Baptist Ralf Friedrich - Der Realitätsverlust der RAF - Die Dienstreisen des DDR-Bürgers Friedrich in die Bundesrepublik
* In Stuttgart-Stammheim. * Oben: Im Oktober 1977, bei einem Zwischenstopp in Dubai; unten: Fahndungsfotos 1977.
Von Sigrid Sternebeck

DER SPIEGEL 33/1990
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