01.10.1990

FeiertageDeutschland, halt's Maul

Alarm für Berlins Polizei: Für die Nacht der Nächte haben Autonome massive Störaktionen angekündigt.
Der 3. Oktober soll, so wünscht es Kanzler Helmut Kohl, ein "Tag der Freude für alle Deutschen" sein. Da mögen auch die Alternativen im Lande nicht abseits stehen.
Ein überregionales Festkomitee feilte Ende letzter Woche in Berlin-Kreuzberg an einem angemessenen Programm für den "Tag der deutschen Gemeinheit". "Wir können diesen Kelch einfach nicht kommentarlos an uns vorbeigehen lassen", sagt Kurt Jotter vom "Büro für ungewöhnliche Maßnahmen", das zusammen mit DDR-Gruppen die Gegenfeierlichkeiten in der Nacht vom Dienstag auf den Mittwoch organisierte.
In einem Jubelzug vom Brandenburger Tor nach Ost-Berlin, so der Plan, trägt die Szene mannsgroße Bildnisse von Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und Axel Springer durch die Straßen. Vorneweg paradieren Samba-Bands mit dumpfem Trommelwirbel. Mitglieder der Alternativen Liste (AL) verteilen an die Schaulustigen Kondome gegen die "Bakterien der Marktwirtschaft".
Um Mitternacht betritt ein Kind auf dem Kollwitzplatz im Ost-Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg die Rednerbühne und proklamiert die "autonome Republik Utopia". Und während das offizielle Großfeuerwerk den Himmel über Berlin illuminiert, spielt der Musiker Rio Reiser auf. Jotter: "Ab 0.33 Uhr wird zurückgefeiert."
Auch andernorts planen linke Gruppen hinterlistig-satirische Spektakel. Da der "großdeutsche Feiertag" nur "mit Galgenhumor zu ertragen" sei, will beispielsweise in Hamburg ein "Kuratorium Deutschland über alle" in "vollem Uniform-Wichs" das Szene-Viertel Altona beglücken. Programmpunkte: "Einweihung eines Denkmals" aus schwarzrotgold-bemalten Kohlköpfen sowie "Heiligsprechung der West-Mark". Marie-Luise Schmidt, Bundestagsabgeordnete der Grünen, erzählt dazu die "schönsten Honecker-Witze".
In Bremen haben sich die Grünen vorgenommen, in der Einheitsnacht Plakate zu kleben "für ein Deutschland, das keinem mehr Angst macht, weder uns noch anderen". Über eine abendliche "Trotzfete" wird derzeit noch verhandelt. In Göttingen steht ein lautstarker Zug durch die Gemeinde an.
Viele Linke und Alternative reagieren mit solchen Aktionen ihr Unbehagen an der Wiedervereinigung ab und illustrieren ihre Angst vor einem neuen Nationalismus. "Wir wollen die vaterländischen Parolen der Hurra-Patrioten überbieten", sagt Isolde Rüter, Landesgeschäftsführerin der Hamburger Grün-Alternativen Liste. "Das ist so ''ne Art Schwarzseherei auf das, was uns an nationalem Mief bevorsteht."
Manche Naturen versuchen, sich dem Einheitsspektakel durch Flucht zu entziehen. Wie viele Singles an Weihnachten schotten sie sich ab oder machen, wie der AL-Sprecher Stephan Noe, Auslandsurlaub. "Man sollte sich zurückziehen und überlegen", begründet Noe seine zeitlich befristete Auswanderung, "was in diesen verhängnisvollen Monaten passiert ist."
Anderen wiederum steht der Sinn weder nach Satire noch nach Besinnlichkeit - sie wollen lieber in Straßenkämpfermanier "den guten Deutschen ihre Einigungssuppe versalzen" (Flugblatt). Die Untergrundzeitschrift Interim publizierte vergangenen Monat Autonomen-Ideen "für den Wiederzusammenbruch". Von "Trauerbeflaggung" und "Sprühaktionen" über "Bonzen klatschen" bis hin zur "Sprengung des Brandenburger Tors" reichte die Skala linksradikaler Fest-Vorschläge. Überschrift: "Lieber raus auf die Straße als heim ins Reich".
Für Mittwoch dieser Woche ist eine Demonstration unter dem Motto "Deutschland, halt''s Maul" auf dem Berliner Oranienplatz angekündigt. In Kreuzberg kursieren Handzettel, in denen dazu aufgerufen wird, die "Galavorstellungen für die Pigs" heimzusuchen und dem "nationalistischen Einheitspopanz einen dicken Kratzer" zu verpassen, der "national und international nicht zu übersehen" sei.
"Es wird Störversuche geben", befürchtete Ende letzter Woche der Leiter der Berliner Staatsschutzabteilung, Dieter Piete. Als "besonders störanfällig" wertete der Beamte vor allem die Abschiedsfeier der Volkskammer im Ost-Berliner Schauspielhaus am Dienstag gegen 21 Uhr sowie die mitternächtliche Einheitsshow am Reichstag. "Das sind ganz klar Reizpunkte."
Piete sah sich mit seiner Gefahren-Einschätzung durch jüngste Auftritte von Autonomen bestätigt. Am Montag vergangener Woche zogen rund 400 Demonstranten, die meisten aus Kreuzberg, über den Ost-Berliner Alexanderplatz, zerschlugen die Scheiben einer Kaufhalle, zündeten einen VW-Bus der CDU an und skandierten Parolen gegen "Großdeutschland". In der Nacht darauf verübte eine Gruppe namens "Die revolutionären Flammen" einen Brandanschlag auf eine Filiale der Dresdner Bank in Ost-Berlin.
DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel vermutete hinter den Vorfällen bereits eine "Generalprobe" für die Einheitsfeier am 3. Oktober und untersagte den Verkauf von Feuerwerkskörpern in der DDR. Er glaube, begründete Diestel sein Verbot, "daß es doch Menschen gibt, die diese Raketen so einsetzen, wie es nicht vom Hersteller vorgesehen ist".
Brennende Straßen unter den Augen der Weltöffentlichkeit kämen dem Senat von Berlin höchst ungelegen. Denn mit der großen Jubelfete in dieser Woche will die Stadt gleichsam ihre Bewerbung um den Regierungssitz erneuern. Innensenator Erich Pätzold hat die Große Alarmstufe ausgegeben, zusätzliche _(* Letzte Woche im West-Berliner "Büro ) _(für ungewöhnliche Maßnahmen". ) Einheiten aus Nordrhein-Westfalen angefordert und bereits zum 1. Oktober die Polizeihoheit für beide Stadtteile übernommen.
Für Irritationen sorgte auch die Information, Neonazi-Führer Michael Kühnen habe sich mit 50 Getreuen angesagt: Er wolle gegen Mitternacht im Fackelzug durchs Brandenburger Tor marschieren. In Hamburg wurde für die Polizei über die Jubeltage eine Urlaubssperre verhängt - der Senat reagierte damit auf das Gerücht, Rechtsradikale wollten die von Linken bewohnten Häuser der Hafenstraße "plattmachen".
Patriotisch wird es auf jeden Fall zugehen. Die Fahnenindustrie verzeichnete letzte Woche neue Rekordumsätze, in vielen Betrieben wurden Sonderschichten gefahren. 50 000 Einheits-T-Shirts lagen für die Nacht der Nächte bereit, Motiv: ein Bundesadler im Sturzflug, Champagnerglas in den Klauen. Einige Händler bieten ein sogenanntes Wiedervereinigungs-Pils an, mit schwarzrotgoldenem Etikett.
Deutliche Züge von Realsatire trägt auch eine fünfseitige Broschüre, die von der CDU-Bundesgeschäftsstelle an die Landesverbände verschickt wurde. Titel: "Wir feiern den Tag der Deutschen Einheit - Zwölf Ideen zum 3. Oktober".
Darin ergeht etwa an alle Hausfrauen die Anregung, passend zu den herzförmigen schwarzrotgoldenen CDU-Luftballons zum DDR-Beitritt ("Deutschland im Aufwind") Lebkuchenherzen zu backen.
Für den kulturellen Teil des lokalen Festprogramms empfiehlt die CDU-Schrift, erfahrene Karnevalisten anzuheuern: "Versuchen Sie, ob Sie ein politisches Kabarett verwirklichen können: Deutschland wie es singt und lacht." o
* Letzte Woche im West-Berliner "Büro für ungewöhnliche Maßnahmen".

DER SPIEGEL 40/1990
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