11.06.1990

KrebsEchte Bombe

Nach dem Asbest geraten nun auch Ersatz-Dämmstoffe wie Glas- und Steinwolle unter Krebsverdacht.
Reinhold Konstanty, Arbeitsschutzexperte beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), vergleicht das Gremium mit einer nur bedingt fahrtüchtigen Eisenbahn: "Vorn ein paar einsame Lokführer, hinten treten alle anderen auf die Bremse."
Mit seiner Bummelzug-Metapher beschreibt der Gewerkschafter eine Kommission, die auf turnusmäßigen Sitzungen ermitteln soll, wie hoch die Belastung am Arbeitsplatz mit gefährlichen Stoffen gerade noch sein darf, ohne daß die Beschäftigten krank werden: "Maximale Arbeitsplatzkonzentration" (MAK) heißt jeweils die Richtzahl, die von den "Grenzwertpäpsten" der Expertenrunde festgelegt wird.
Nun schon seit Jahren, klagt DGB-Mann Konstanty, berate die MAK-Kommission ergebnislos die Frage, wie gefährlich jene Werkstoffe sind, die den nachweislich krebserzeugenden Asbest auf dem Baumarkt abgelöst haben: Nach Ansicht von Konstanty stehen die gängigen Asbest-Ersatzstoffe - sogenannte Mineralfasern wie etwa Glas- oder Steinwolle - inzwischen unter dem Verdacht, gleichfalls Tumore der Lunge, oder, tückischer, des Brustfells ("Mesotheliome") hervorrufen zu können.
Hergestellt werden die kratzigen Isolier- und Dämmstoffe aus Altglas, Hochofenschlacke oder Sedimentgestein: Der mineralische Rohstoff, durch Hitze verflüssigt, wird unter Hochdruck durch Düsen gepreßt, dabei zerfasert und anschließend mit Kunstharz-Bindemitteln verkleistert. Das beliebig formbare Material kann zu Platten und Matten verarbeitet oder in Form von Mineralwolle eingesetzt werden.
Vom Naturprodukt Asbest (Magnesiumsilikat) unterscheiden sich die künstlich produzierten Mineralfasern vor allem durch ihre Zusammensetzung - die allerdings ist, wie Tierversuche schon 1972 bewiesen, auch beim Asbest keineswegs für die Krebsentstehung verantwortlich: Ursache der Asbest-Tumore, an denen allein in der Bundesrepublik jährlich rund 1000 Menschen sterben, ist vielmehr die Faserform des mörderischen Werkstoffs, der aus hauchfeinen Fasern besteht, die sich im Lungen- oder Brustfellgewebe festhaken und, im Laufe vieler Jahre, schließlich das tödliche Zellwachstum auslösen.
Mit "Rücksicht auf Unternehmensinteressen", glaubt Gewerkschafter Konstanty, zögere die Kommission, den Erzeugnissen aus Glas- und Steinwolle den Stempel "erwiesenermaßen krebsverdächtig" aufzudrücken - kein allzu absurder Vorwurf: Seit Umweltschützer und Energiespar-Apostel das Ende der Verschwendung predigen, blühen die Geschäfte der Dämmstoffindustrie prächtiger denn je.
Rund 9,5 Millionen Kubikmeter Dämmstoffe stopften die Deutschen 1989 in ihre Bauten; 60 Prozent davon bestanden aus künstlich erzeugter Mineralwolle. Allein die Firma Grünzweig + Hartmann AG, führend auf dem Isolierstoff-Markt, setzte im letzten Jahr mit ihren Glas- und Steinfaserprodukten ("Uniroll", "Rolli-Sol", "Isophen") 535 Millionen Mark um; jährlicher Gesamtumsatz der Dämmstoff-Branche: etwa 1,8 Milliarden Mark.
"Eine echte Bombe" ginge hoch, wenn die Mineralfasern offiziell als "krebserzeugend" eingestuft würden - so ein Mitarbeiter des Umweltbundesamtes. Auch Bergassessor Paul Mayer, Leiter des Technischen Aufsichtsdienstes bei der Berufsgenossenschaft der keramischen und Glas-Industrie, sträubt sich gegen die abschreckende Etikettierung: "Man kriegt", sagt er, "einen Stoff ja praktisch nie mehr von der schwarzen Liste runter."
Rauf aber auch nur schwer: Von den mehr als 100 000 in deutschen Betrieben verwendeten Chemikalien wurden bislang erst etwa 400 geprüft. Rund 80 Prozent aller dabei protokollierten Befunde stammen aus Tierversuchen - nicht jedoch aus Langzeit-Reihenuntersuchungen der Beschäftigten, die mit den Substanzen hantieren mußten und, wie im Asbestfall, oft erst nach Jahrzehnten daran erkrankten: "Epidemiologisch", klagt Gewerkschafter Konstanty, "sind wir ein Entwicklungsland."
Daß bei der Gefahrenabschätzung von Industriestoffen die "Datenlage unbefriedigend" sei und eine "systematische Erfassung" fehle, hat Anfang Mai auch Professor Dietrich Henschler, Vorsitzender der MAK-Kommission, auf dem Weltkongreß für Arbeitsschutz in Hamburg freimütig eingestanden. Dennoch segnet der vom Bundesarbeitsminister bestellte "Ausschuß für Gefahrstoffe" die alljährlich aktualisierte MAK-Liste fast stets ohne Widerspruch ab - sie wird auf diese Weise zur "Technischen Regel für Gefahrstoffe" (TRGS 900).
Gerieten die unter Verdacht stehenden künstlichen Mineralfasern auf die MAK-Liste, so müßte der Gefahrstoff-Ausschuß - besetzt mit Vertretern aus Industrie, Gewerkschaften und Behörden - eine spezielle Richtlinie für den Umgang mit den inkriminierten Substanzen erlassen; sie könnte, theoretisch jedenfalls, bis zum Anwendungsverbot reichen.
Das allerdings, glaubt Ulrich Welzbacher, Referatsleiter beim Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften, sei eher unwahrscheinlich. Vermutlich, so schätzt er, werde der Ausschuß allenfalls einen Grenzwert bestimmen, "der niedriger läge als bei Asbest". Immerhin, "die Öffentlichkeit würde das natürlich beunruhigen"; viele Dämmprodukte aus Mineralwolle, meint er, ließen sich dann wohl nicht mehr an die Kunden bringen.
Dieses Absatzrisiko rückt näher, seit auch ein Mitglied der MAK-Kommission immer dringlicher nach einer Neubewertung der umstrittenen Fasern verlangt: Der Mediziner Friedrich Pott, Professor für Umwelthygiene an der Universität Düsseldorf, empfiehlt inzwischen aufgrund langjähriger, von ihm geleiteter Tierversuche, grundsätzlich "alle anorganischen künstlichen und natürlichen Fasern als krebserzeugend zu betrachten" - vorausgesetzt, die Minifäden sind länger als fünf Tausendstel Millimeter, bei einem Durchmesser von nicht mehr als zwei Tausendstel Millimetern; wenn so beschaffene Fasern "im menschlichen Körper hinreichend beständig sind", ist laut Pott Gefahr im Anzug.
Zu seinen detaillierten Erkenntnissen kam Pott bei Tierversuchen mit Ratten, denen er Glas- und Steinwollefasern direkt ins Bauch- und Brustfell gespritzt hatte. Seine Gegner, durchweg Industrieforscher aus der Dämmstoff-Branche, halten die Ratten-Experimente allerdings für "unphysiologisch" und damit für wenig beweiskräftig: Nur einen "Inhalationsversuch", bei dem die Partikel auf dem Atemweg ins Körperinnere gelangen und dort womöglich Krebs erzeugen, wollen sie als Beweis gelten lassen - ein offenbar unbilliges Verlangen.
Denn in der Fachwelt ist längst bekannt, daß Laborratten nach Einatmen selbst der gefährlichsten Asbestfasern ("Krokydolith-Asbest") niemals einen Krebstumor entwickeln, weil die Fädchen schon in der Ratten-Nase restlos ausgesondert werden - anders als beim Menschen, der die Schädlinge tief in seine Bronchien saugt, von wo sie dann bis in die entlegensten Winkel des Brustraums weiterwandern können.
DGB-Mann Konstanty sieht in dem Expertenstreit nur ein Hinhaltemanöver der Industrie: "Was beim Tier Krebs erzeugt", weiß er, "erzeugt auch Krebs beim Menschen." Da die Produktion der ultrafeinen künstlichen Mineralfasern erst in den sechziger Jahren begonnen habe, so fürchtet er, seien die Krebsfolgen noch nicht sichtbar; auch beim Asbest komme es erfahrungsgemäß erst nach vielen Jahren zur Tumorbildung.
Ein epidemiologischer Nachweis möglicher Steinwolle-Schäden, glaubt auch Mediziner Pott, werde "für die Verhütung immer zu spät" kommen; Pott beruft sich bei seinen Warnungen auf ein Gutachten des Sachverständigenrates der Bundesregierung für Umweltfragen: "Wissenschaftliche Kenntnislücken", so hatte der Rat 1987 konstatiert, "würden zu Lasten der Bevölkerung gehen, ließe man Expositionen so lange zu, bis ein anerkannter Nachweis der Gesundheitsschädlichkeit erbracht ist."
Gleichwohl ist Wissenschaftler Pott bemüht, das neue Risiko so penibel wie nur möglich abzuwägen: So gefährlich wie Asbest sind die künstlichen Mineralfasern nach seinen Erkenntnissen nicht. Die besonders tückischen Fädchen mit extrem dünnem Umfang sind in der Glas- und Steinwolle seltener als in den Asbestknäueln; auch spalten sie sich im Körper nicht auf wie die Asbestfäden, die sich auf diese Weise gleichsam vermehren und den Schaden im Organismus vervielfachen.
Und schließlich: Künstliche Mineralfasern sind durchweg wasserlöslich, was zur Folge hat, daß sie teils von der Körperflüssigkeit allmählich resorbiert, teils zumindest "abgeschliffen" werden; sie verlieren damit ihre Fähigkeit, sich im Gewebe festzuhaken. Nach etwa einem Jahr, hat Pott ermittelt, haben zum Beispiel Glaswolle-Fasern ihre Gefährlichkeit weitgehend eingebüßt; Steinwolle- und Keramik-Fädchen hingegen erwiesen sich als langlebiger.
Bergassessor Mayer von der Berufsgenossenschaft der keramischen und Glas-Industrie sieht in den Pott-Befunden ein Signal zur Entwarnung: "Eine Gesundheitsgefahr durch Glasfasern", sagt er bündig, "existiert nicht." Doch das mag Pott nicht unterschreiben.
"Fließende Übergänge", warnt er, seien bei allen künstlichen Mineralfasern möglich: Die meisten seien eher harmlos, doch es gebe andere, "die in ihrem Gefährdungsgrad an Asbest heranreichen".
Dennoch glauben die Hersteller, vorerst nicht mit Restriktionen rechnen zu müssen. "Die MAK-Kommission", freut sich Karl Esser von der Fachvereinigung der Mineralfaserindustrie, "hat uns wissen lassen, daß für die MAK-Werte-Liste 1990 keine Änderungen zu erwarten sind."
Da könnte sich der Funktionär Esser täuschen. Sollten die verdächtigten Dämmstoffe nicht auf der nächsten MAK-Liste stehen, will DGB-Mann Konstanty dafür sorgen, daß die Liste - wie es noch nie vorher geschehen ist - im Gefahrstoff-Ausschuß abgelehnt wird.
Gewerkschafter Konstanty "Was beim Tier Krebs erzeugt . . .
. . .erzeugt Krebs auch beim Menschen" : Dachisolierung mit Glaswolle
Sanierung eines asbestverseuchten Gebäudes: Jährlich 1000 Todesopfer

DER SPIEGEL 24/1990
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