30.04.1990

QuecksilberErst an der Leiche

Seit Jahren kämpfen ehemalige Beschäftigte der Chemischen Fabrik Marktredwitz um ihre Anerkennung als Quecksilber-Opfer - bislang vergebens.
Johann Bäuml, 60, ist so gut wie tot. Apathisch sitzt der Frührentner Tag für Tag auf seinem Sofa und wartet. Worauf? Bäuml hat es vergessen.
Er liest nicht, spricht wenig, Fernsehen regt ihn auf. Bäuml leidet unter ständigem Kopfschmerz und Schwindelgefühl. Die Hände zittern unmotiviert, das Gedächtnis läßt den bleichen Mann häufig im Stich. Er kann sich nicht konzentrieren, verliert im Gespräch von einer Sekunde zur anderen den Faden und schaut traurig und verwirrt. "Mein Leben ist vorbei", sagt Bäuml.
Vieles hat für ihn seine Bedeutung verloren. Als er leichtsinnigerweise vor Jahren noch Auto fuhr, vergaß er unvermittelt, was eine rote Ampel bedeutet. "Als es mir wieder einfiel, war ich schon auf der Kreuzung", erzählt Bäuml. Seitdem läßt er sich fahren.
Bäuml hat 13 Jahre lang in der berüchtigten Chemischen Fabrik Marktredwitz (CFM) gearbeitet, in der aus Quecksilber-Verbindungen Saatbeize hergestellt wurde. Der fast 200 Jahre alte Betrieb, die älteste Chemiefabrik Deutschlands, mußte 1985 wegen eklatanter Umweltverstöße geschlossen werden. Die beiden Inhaber, mitverantwortlich für den bundesweit wohl spektakulärsten Giftskandal, kamen mit Geldstrafen davon (SPIEGEL 48/1988).
Für die Beschäftigten wurde es teurer: Sie zahlten mit ihrer Gesundheit, teilweise mit dem Leben. Über den Schreckensbildern aus der Chemiefabrik, die nun plötzlich nur noch mit sogenannter Vollschutzkleidung betreten werden durfte, waren die eigentlichen Opfer schnell vergessen, die dort jahrelang, kaum geschützt, in Tiegeln und Pfannen gerührt hatten.
Doch mit dem Abbruch das altersschwachen Gemäuers und der Einlagerung der hochkontaminierten Produktionsanlagen tief in den Stollen der Untertage-Deponie Herfa-Neurode sind die Folgen der jahrzehntelangen kriminellen Verantwortungslosigkeit nicht beseitigt. Einige ehemalige CFM-Arbeiter haben zum Ausgleich für ihre qualvollen Körperschäden noch keinen einzigen Pfennig erhalten.
Das Teuflische am Quecksilber ist, daß der eine daran langsam zugrunde geht, der andere aber unbeschwert damit weiterlebt. Andreas Sticht, 59, gehört zu den weniger glücklichen. Der frühere CFM-Schlossermeister kann heute keine Schraube mehr eindrehen, beim Schreiben verkrampfen sich die Finger, die Kaffeetasse fällt ihm beinahe aus der Hand.
"In der Öffentlichkeit ist einem so was furchtbar peinlich", sagt Sticht. Nachts bricht ihm der Schweiß aus, morgens ist Sticht matt, die Augen sind gerötet, die Ohren taub. Seine Zähne hat Sticht allesamt vor mehr als 25 Jahren verloren, nach einer akuten Quecksilbervergiftung.
Aber Sticht ist besser dran als Bäuml. Seine Tage muß er wenigstens nicht in Lethargie auf dem Wohnzimmersofa zubringen. Sticht hat eine leichte Arbeit bei der Marktredwitzer Baubehörde. Ende April geht er in Rente.
Sein bescheidenes Ruhegeld möchte sich Sticht ein wenig aufbessern, als Entschädigung für entgangene Lebensfreude. Wie einige andere Opfer der CFM hat er einen Antrag auf eine Rente bei der Berufsgenossenschaft Chemie gestellt: ein paar hundert Mark im Monat.
Dazu müßte die Berufsgenossenschaft der Chemischen Industrie die Quecksilberschädigungen bei den ehemaligen CFM-Beschäftigten als beruflich bedingte Erkrankung anerkennen. Das jedoch ist bislang keinem einzigen Marktredwitzer gelungen.
Die Berufsgenossenschaften sind Körperschaften des öffentlichen Rechts und Träger der beruflichen Unfallversicherung. Ihre Fachleute wachen in jedem Betrieb darüber, daß die Vorschriften zur Unfallverhütung eingehalten werden. Bei Mißständen verhängen sie Auflagen, deren Nichtbeachtung bis zur Schließung des Betriebs führen kann.
Bei der CFM hat die Berufsgenossenschaft Chemie im Laufe der Jahre 33mal in den Betrieb eingegriffen und zum Teil schmerzliche Auflagen verordnet. Aber die Zustände in dem heruntergekommenen Unternehmen - dem einzigen in der Bundesrepublik, das noch Quecksilber mit völlig veralteten Methoden verarbeitete - waren mit fortschrittlicheren Absaugeinrichtungen und besseren Duschen für die Beschäftigten nicht zu beheben.
Mauerwerk und Boden waren mit Quecksilber vollgesogen wie ein Schwamm. Bei 20 Grad entwickelten sich Dämpfe, gegen die sich die Arbeiter anfangs mit antiken Gasmasken aus dem Krieg und längst unwirksamen Filtern schützen sollten.
Doch auf Vorschriften gab kaum einer was. Bei Kontrollen fanden sich die kleinen Quecksilberkügelchen auch dort, wo sie eigentlich gar nicht hätten sein dürfen. "Wir hatten das Gefühl, es nutzt ja doch alles nix", sagt Schlosser Sticht.
Nur eine einzige Maßnahme hätte genutzt: Die Berufsgenossenschaft hätte den Betrieb wegen der untragbaren Arbeitsbedingungen schließen müssen. Gründe gab es reichlich, denn immer wieder wurden die Grenzwerte für die Quecksilberbelastung überschritten - nicht selten um das Zigfache.
Doch eine Fabrikschließung ist nie ernsthaft erwogen worden. Denn die Arbeitslosenquote im ärmlichen Fichtelgebirge an der Grenze zur Tschechei zählt zu den höchsten im Bundesgebiet. Wenn die CFM dichtgemacht hätte, wären noch mal 60 oder 70 Dauerarbeitslose dazugekommen - die Belegschaft, überaltert und gesundheitlich nicht mehr auf der Höhe, war nicht in neue Jobs vermittelbar.
Die Vertreter der Berufsgenossenschaft beschränkten sich denn auch über all die Jahre darauf, mit einer Schließung lediglich zu drohen - eine Haltung, die für die Opfer fatale Folgen hat. Krause Logik: Wenn die Schließung des Betriebs nicht zwingend nötig war, kann die Arbeit in der Giftküche auch nicht wirklich gefährlich gewesen sein. Die Quecksilbervergiftungen waren folgerichtig nach Auffassung der Berufsgenossenschaft immer nur leichterer Natur.
Als einziger hat es Hilfsarbeiter Bäuml geschafft, mal für kurze Zeit eine kleine Rente durchzudrücken. 1974 hatte Bäuml so viel Quecksilber im Körper, daß eine Vergiftung beim besten Willen nicht mehr zu leugnen war: 1230 Milligramm pro Liter Urin, zwölfmal mehr als zulässig. Da wurde ihm notgedrungen für vier Jahre eine Minderung der Erwerbsfähigkeit von ganzen 20 Prozent attestiert. 1978 wurde ihm diese Rente wieder aberkannt.
Über die Anerkennung einer Berufskrankheit entscheidet nominell ein Rentenausschuß, der paritätisch mit Repräsentanten der Arbeitgeber und der versicherten Arbeitnehmer besetzt ist. Tatsächlich aber fällen die medizinischen Gutachter das Urteil. Bei den meisten ehemaligen CFM-Beschäftigten war dies der Arbeitsmediziner Helmut Valentin aus Erlangen.
Dieser "Nestor der deutschen Arbeitsmedizin", wie er in einer Jubiläumsschrift gefeiert wurde, hat seit Mitte der siebziger Jahre Blut- und Urinproben aus Marktredwitz in seinem Institut an der Erlanger Universität untersucht. Alarm hat er wegen der häufig deutlich überhöhten Werte nie geschlagen.
"Wir haben nur die Analysen gemacht", wehrt Valentin noch immer jede Verantwortung für die Arbeitsbedingungen ab. Für Betriebsschließungen sei er als Wissenschaftler nicht zuständig gewesen.
Valentin und seine Mitarbeiter im Institut für Arbeits- und Sozialmedizin haben nicht nur die Quecksilberwerte ermittelt, sie haben auch die Gutachten geschrieben, wenn sich mal wieder einer der Marktredwitzer über ständige Übelkeit, Schwermut oder Herzjagen beklagte. Bis auf den kurzzeitigen Ausrutscher im Fall Bäuml hat Valentin damit keinen CFM-Beschäftigten durchkommen lassen.
"Soziale Aspekte" seien für ihn bei seinen Gutachten "nicht maßgeblich" gewesen, sagte der Medizinprofessor vor einem Untersuchungsausschuß des Bayerischen Landtags, der seit einem halben Jahr versucht, Licht in die Abgründe des Marktredwitzer Umweltskandals zu bringen. Er habe, so Valentin, Berufserkrankungen nur anerkennen können, wenn der "Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung hundertprozentig sicher ist".
Dem Wirken dieses Mediziners war die CFM-Belegschaft auf vielfache Weise ausgeliefert. Denn Valentin war lange Jahre gleichzeitig Präsident der Bayerischen Akademie für Arbeits- und Sozialmedizin und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin. Außerdem beriet er die Bundesregierung bei der Festsetzung der Quecksilberhöchstwerte, die er für zu niedrig hielt.
Nicht zuletzt auf Valentins Empfehlung hin wurde der Wert 1982 von 100 auf 200 Milligramm Quecksilber je Liter Urin verdoppelt. Weil nirgendwo in der Bundesrepublik Arbeitnehmer derart gewissenlos diesem gefährlichen Stoff ausgesetzt wurden, hatte diese Maßnahme eigentlich nur Folgen für die Marktredwitzer: Die Grenzwerte wurden nicht mehr so häufig überschritten.
Beim SPD-Landtagsabgeordneten Heiko Schultz, 50, der als ehemaliger Staatsanwalt und Richter a. D. einiges gewohnt ist, löste Valentins Vernehmung im Untersuchungsausschuß bares Entsetzen aus. Der Mediziner habe das Vertrauen der Marktredwitzer Belegschaft mißbraucht, meinte der stellvertretende Ausschußvorsitzende Schultz, und "eklatant gegen die Pflichten eines Arztes verstoßen".
Für die gesundheitlichen Beschwerden der CFM-Belegschaft fand der Erlanger Professor stets andere Ursachen als das Quecksilber. Mal war, wie im Fall Bäuml, die Diabetes schuld, mal Übergewicht oder Tablettenmißbrauch, nie aber das reichlich im Körper vorhandene Schwermetall. Quecksilber könne schon deshalb nicht die Ursache der Beschwerden sein, so Valentin, weil es "nach sechs bis acht Wochen vom Körper ausgeschieden" werde - eine reichlich kühne These.
Zumindest im Gehirn nämlich halbiert sich nach neueren Forschungen der Quecksilberwert im Durchschnitt erst nach 18 Jahren. Das sei ausreichend Zeit, um "schwerste Schäden zu verursachen", meint der Münchner Toxikologe Max Daunderer. Der Arzt bescheinigte Bäuml, Sticht und auch anderen Marktredwitzern, die sich hilfesuchend an ihn gewandt hatten, eine Erwerbsminderung von 100 Prozent.
Sofern die Rentenanträge von der Berufsgenossenschaft abgelehnt werden sollten, werden sie vom Sozialgericht in Bayreuth behandelt werden müssen. Die Chancen der Antragsteller stehen schlecht. Denn eine "saubere Diagnose" über eine Quecksilbervergiftung ist, so meint der Gift-Experte Daunderer, "erst an der Leiche möglich".
Dieser Beweisnotstand ist zwar günstig für die Berufsgenossenschaften, für die Betroffenen aber eine Katastrophe. 1981 starb zum Beispiel innerhalb weniger Wochen Arthur Reul im Alter von 55 Jahren. Reul hatte bei der CFM gut drei Jahre lang den sogenannten Quecksilberofen bedient. Ende 1980 wurden in seinem Blut 345 Milligramm Quecksilber pro Liter festgestellt, im Urin sogar 1840 Milligramm Quecksilber pro Liter - Anteile, die weit über allen, auch den erhöhten, Grenzwerten liegen. Dennoch wurde eine Vergiftung durch das Schwermetall nicht als Todesursache anerkannt.
Bevor er zur CFM ging, sei ihr Mann selten krank gewesen, sagt Liselotte-Annelies Reul. Als Maurer habe er immer an der frischen Luft gearbeitet. Nach einiger Zeit in der Quecksilberfabrik stellten sich bei Reul allerdings dieselben Beschwerden ein wie bei den Kollegen Bäuml oder Sticht.
Ihr Arthur habe immer häufiger über Schlaflosigkeit geklagt und seinen gesunden Appetit verloren, sagt Frau Reul. Zum Schluß "zitterten ihm die Hände", berichtet die Witwe. "Heftige Kopfschmerzen" hätten ihren Mann befallen und ein "dauerndes Schwindelgefühl". Als offizielle Todesursache sei Herzversagen angegeben worden. f

DER SPIEGEL 18/1990
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