13.08.1990

„Gesellschaft der Wahnsinnigen“

Ohne Aufdecken der Vergangenheit gibt es kein Entdecken der Gegenwart.
Wie sie sich vorwärtsboxen, gegeneinander anrennen und ihrem Nächsten in die Rippen stoßen. Wie sie kämpfen, um einen Schritt schneller zu sein. Wie sie nicht sehen wollen, daß der Stein, auf den sie treten, kein Stein, sondern ein Fuß ist.
Wie sie mit offenen Augen, aber nach innen gekehrtem Blick von morgens bis abends durch die Straßen pirschen, die Frau neben sich betrügen und den Mann vor sich hassen, einer einsamer als der andere, Millionen Einsame, auf der Jagd nach irgendeiner Beute, und sei es ein Lächeln oder ein freundliches Wort; das höchste Glück sind Dollarscheine und englische Zigaretten. _(* Im Versuchslabor für angewandte ) _(Psycho- und Familientherapie von ) _(Afanassij Kobsin. )
Wie sie auf die Explosion des Sprengsatzes warten, den sie und ihre Genossen verkörpern - so kann es nicht weitergehen. Da alles trotzdem so bleibt, wie es ist, schärft sich ihr Haß am Haß ihres Nachbarn, und ihr auswegloser Zorn richtet sie unaufhaltsam zugrunde.
Wenn sie ihre Lage schon nicht ändern können, wollen die sowjetischen Menschen wenigstens verstehen, was mit ihnen geschieht. Sie sorgen sich um heute und morgen, und vielleicht übermorgen sorgen sie sich auch um ihren Geist und ihre Seele; Seele ist neuerdings erlaubt im System, vorgesehen war sie nicht.
Da Theorien aller Herkunft und Absicht ihnen ihr Schicksal erklären, wächst ihre Verwirrung, rat- und hilflos suchen sie Zuflucht bei bewährten Ausreden: Wenn erst das alte Regime gestürzt und die böse Obrigkeit dahin ist, oder die Juden, die Kooperativen, die Schwarzhändler, gar die Psychiater beseitigt sind, dann wird bestimmt alles besser werden.
Ein starker Mann ist vonnöten, ein Chef mit eiserner Hand; der Prophet eines unbekannten Evangeliums, ein Heilsbote, ein Glücksbringer; jemand mit Sachverstand für die Weltverbesserung. Was ist ein Haus ohne Hüter schon wert?
An friedliche Veränderungen kann sich kein Mensch erinnern, nur an Empörung auf Kommando, an befohlenen Aufruhr und verordnete Geduld. Nicht mal das bißchen Freiheit, in dem sie jetzt ihr Unglück empfinden dürfen, haben sie sich selbst erstritten. Ihr neuer Führer gewährte es ihnen, hoffentlich wußte er, was er tat.
Nachdem er sich zum Präsidenten hatte wählen lassen, war es Gorbatschow, der sich "psychologische Veränderungen" im Volk wünschte. Seine Vorgänger hatten den Sozialismus nur verschieden interpretiert, nun kommt es darauf an, daß er ihn verändert.
Auch der Moskauer Psychologe Leonid Gosman, 40, kann sich und den Staat, in dem er lebt - und er lebt schlecht mit 200 Rubel Monatsgehalt, weit weniger als ein Busfahrer -, nicht allein retten. Er weiß kein Rezept und kennt keine Therapie, er ahnt nur, wie sich die sowjetische Gesellschaft ihre kollektive Neurose zugezogen hat.
Wer sich nicht erinnern kann, der macht auch keine neuen Erfahrungen mehr: Der magnetische Pol aller sowjetischen Erinnerungen ist Stalin, der Zar in sozialistischer Gestalt.
"Keine Gesellschaft", sagt Gosman, "kann nur von Macht und Gewalt allein leben. Und doch unterstützte unser sowjetisches Volk Stalins autoritäre Ordnung. Es gehorchte brav, obwohl es hungerte, fror und litt."
Warum? Seine psychischen Bedürfnisse zwingen den Menschen oft, alle sozialen und wirtschaftlichen Interessen zu vergessen. Gosman: "Auch im Iran stürzte das Volk den einigermaßen fortschrittlichen Schah und ersetzte ihn durch einen Geistlichen aus dem Mittelalter."
Das ist das Ur-Paradox der UdSSR: Die Menschen liebten Stalin, obwohl er ihre engsten Verwandten foltern und töten ließ. Nie machte er aus seinen Massenmorden ein Geheimnis, er besaß gottgleiche Macht über Leben und Tod, und sie beteten ihn an.
Als Stalin starb, starb ihre Liebe mit ihm, das ist Gosmans These. Das Volk glaubte an seine eigene Wiedergeburt und Auferstehung unter der Herrschaft von Nikita Chruschtschow - "es begann eine lange, lustige Zeit". Alle waren fröhlich. "Ist das nicht sonderbar und unlogisch", fragt Gosman, "wo sie Stalin doch so leidenschaftlich geliebt hatten?"
Jetzt ist alle Freude vorüber, erstickt in Resignation und seelischer Starre. Daran ist nicht nur die Krise schuld, das Selbstmitleid nach den Jahren der sogenannten Stagnation, das muß tiefere Ursachen haben: Jetzt erst offenbart sich die volle Wahrheit, für den falschen Gott gelebt zu haben.
"Noch unter Chruschtschow hatten wir nur eine Vergangenheit, Gorbatschow dagegen öffnete uns die Zukunft, und trotzdem sind wir verzagt und verzweifelt. Was ist los mit uns?" sagt Gosman und entwickelt beim Reden seine Theorie.
Sie beschämt alte Kommunisten und erschreckt junge, falls es noch junge Kommunisten gibt, falls es überhaupt noch Kommunisten gibt. Seine Antwort: "Das Volk hatte Angst, Angst vor Stalin, und diese Angst war keinem Menschen bewußt."
Die Menschen lebten in einem Alptraum: Zum Volksfeind (russisch: wrag naroda), damals ein gefürchteter Begriff, konnte jedermann erklärt werden. Volksfeinde besaßen weder exotische Merkmale noch Gesinnungen, deshalb verdammte Stalin nach Lust und Laune selbst ihm ergebenste Diener als Trotzkisten, Spione oder Subversive.
Alle waren gefährdet, und um dem Terror nicht ins Auge sehen zu müssen, paßten sie sich Stalins surrealer Welt an und versteckten aus Feigheit ihre Angst in den innersten Abgründen ihres Unbewußten.
Das bedeutete, sagt Gosman: "Sie mußten die Quelle ihrer Angst lieben. Die Liebe war ihr unbewußter Schutz vor dem Schrecken, falsche Gefühle ersetzten echte." Eine klassische Neurose.
Im März 1953 jedoch geschah das Unbegreifliche, der Unsterbliche starb, ihr Helfer und Berater, der Gerechteste der Gerechten verließ sie. Trauerten sie? Weinten sie? Natürlich: Eine Million Menschen drängten sich, um Stalins Leichnam zu sehen.
Erst 1956 kam die Entlarvung Stalins über die Sowjetunion. Sie kam als Schock, sie war, sagt Gosman, die Meuterei der Söhne gegen den Vater, die Rebellion der Überlebenden gegen einen Toten.
Stalins Erbe Chruschtschow schien das zu begreifen, er ging vor wie ein Therapeut. Er half seinem Patienten, dem Volk, seine richtigen Gefühle zu kennen. Er sagte: Ihr hattet Angst, zu Recht, denn Stalin war wahrhaftig ein Verbrecher. Das löste zunächst Empörung aus.
Als es sich besann, war Stalins Volk, seine Söhne und Töchter, erschüttert. Nie hatten sie gewagt, auch in ihren eigenen vier Wänden nicht, über ihre Leiden und Ängste zu reden. Mißtrauen blockierte ihre Geständnisse.
Von nun an brauchten die Menschen sich nicht mehr zu fürchten, sie lebten wieder, weil sie verstanden, was ihnen widerfahren war. Sie sahen die Welt, als sei sie gerade erschaffen. Doch die Furcht, ein Tumor, steckte tief in ihren Seelen. Der Prozeß der Genesung zwang sie, sich an die alte Angst immer wieder und aufs neue zu erinnern. Klagen über Stalin waren erlaubt, Klagen über Chruschtschow allerdings gefährlich.
Als Chruschtschow 1964 abgesetzt wurde, verbot sein Nachfolger Leonid Breschnew dem Volk die Trauer über seine Vergangenheit. Chruschtschow, das jovial-polternde Symbol der inneren Einsicht, verschwand aus der Öffentlichkeit und damit die öffentliche Einsicht in den Terror.
Breschnews Politik der Lüge schien Stalin wiederzubeleben, sagt Gosman. "Wie ein irrer Psychiater" unterband er den Diskurs über die sowjetische Passion, die Sowjetmacht kurierte ihr Volk nach ihrer eigenen Therapie:
"Da der alte, krankhafte Zustand nicht mehr bearbeitet werden durfte, entstand abermals eine Neurose." Die Liebe zum alten Führer erwachte wieder, Stalin-Filme und Stalin-Bilder wurden verehrt wie einst im Krieg. Das Volk gab seinem Bedürfnis zu lieben nach und träumte seine Träume von Macht und einem mächtigen Führer.
Der ganze Parteiapparat träumte davon. Sogar Breschnew träumte davon, wie Stalin zu werden. Und das ZK erfüllte diesen kollektiven Traum, indem es Breschnew zum Kriegshelden erhob, "doch die Menschen lachten ihn aus, er war ja nur ein schlechter Schauspieler" (Gosman).
Nach Breschnews Tod suchte sich die Liebe zur Macht in ihrem schrecklichen Wiederholungszwang eine neue Hoffnung: den Intellektuellen Andropow, Gewalthaber des KGB. Über ihn lachte niemand, denn da war er wieder, der Chef, der ihnen Angst machte. Gosman: "Andropow hätte ein zweiter Stalin werden können."
Er starb, und endlich erschien Gorbatschow. Was 1964 unterbrochen worden war, setzte sich nach 1985 fort: An Stalin durfte wieder gelitten werden, er war die Pest, die sie alle befallen hatte. Die Vergangenheit wurde als historische Katastrophe, als Krankengeschichte, entlarvt.
Die geistigen Leitfiguren der Perestroika hatten schon zu Zeiten Chruschtschows den Ton angegeben, danach hatten sie schweigen müssen, und nun beschäftigen sie sich nicht mit der Gegenwart, sondern mit ihrer unaufgeräumten Vergangenheit. "Erst mußten die alten Schulden beglichen werden" (Gosman).
Die Zuversicht nahm einen neuen Anlauf. Menschen vereinigten sich gegen die Anstrengung des Vergessens, das Sich-Erinnern bewegte das Volk. Organisationen wie Memorial (Gedenken) oder Pamjat (Gedächtnis) machten Gebrauch von der Kraft der Erinnerung.
Die linken Anhänger von Memorial attackieren die Vergangenheit, um sie loszuwerden. Der Vater, gegen den die Söhne sich erhoben hatten, muß schnell beigesetzt werden, und zwar mitten im Zentrum der Finsternis; aus dem KGB-Hauptquartier Lubjanka sollte ein Museum des Stalinismus werden. Ein naives Projekt.
Die Gefolgschaft der chauvinistischen Pamjat, ein vieltausendköpfiger Sturmtrupp, rechnet demgegenüber die alten Sünden nicht sich selbst, sondern den Juden an. Die Pamjat-Anhänger delirieren, ohne daß die Sowjetmacht ihnen Einhalt gebietet, von einem starken Vaterland - Rußland erwache! - und dem guten väterlichen Zar Nikolaus II.
Die ersten Jahre der Perestroika, sagt Gosman, waren wie die Chruschtschow-Jahre fröhliche Zeiten. Hoffnungsvolle Tage. Es kam vor, daß Emigranten mit Ausreisegenehmigung ihre Emigrationspläne aufgaben.
Gosman sitzt in einem armseligen Übungsraum in den Tiefen der alten Moskauer Universität, in der er als Assistenzprofessor lehrt, sein Arbeitsplatz liegt dem Kreml genau gegenüber. Wenn er aus dem Tor tritt, sieht er das endlose Menschenketten verschluckende Lenin-Mausoleum, den aus rotem Marmor errichteten Tempel der sozialistischen Gottheit. Dort drüben langweilt sich sein Publikum, es ist reif für seine "Psychologie der Perestroika" und wird doch nie auf ihn hören, denn Gosman ist Jude.
Die Russen, sagt er, sind nicht nur neurotisch, sie sind auch drogensüchtig; das heißt, sie waren es, denn ihre Droge war der Glaube, sie lebten im Mittelpunkt der Macht und seien ihre Teilhaber.
Dank Gorbatschows Glasnost, seinem Konzept der Offenheit, brach dieser Glaube zusammen: Er war nichts als fehlgeleitete Religiosität. Der Glaube an ein riesiges reiches und unbesiegbares Land, regiert von den klügsten Staatsmännern, inspiriert von den genialsten Denkern, gehegt von den besten Ärzten der Erde - dieser Glaube glaubt sich selbst nicht mehr.
Den Süchtigen wurde Abstinenz verschrieben, die Folgen sind auf allen Straßen zu besichtigen: Wut, Haß, Trunkenheit, blinde Aggression. Dreck und Verfall.
Nicht einmal an die kommunistische Ideologie glauben sie mehr, die Kommunisten und ihre Mitläufer, Ersatz-Ideologien machen sich breit, Nationalismus, Chauvinismus, Antisemitismus. Aberglaube.
Aber die Leiche ist noch immer nicht beerdigt, "das Kreuz steht noch nicht auf dem Grab". Jetzt erst fällt Gosman auf, daß auch Lenin noch anwesend ist, mitten im Volk. Und erst wenn Lenin unter der Erde ist, ist auch das Trauma Stalin erledigt, der Kampf um die Erinnerung gewonnen.
War es nicht der heilige Lenin, der die Sowjetmacht legitimierte? Und sagt nicht Gorbatschow, daß er den Leninschen Weg einschlage, also Vollstrecker des Leninschen Willens sei? Die Firma, die Lenin leitete, führt nun Gorbatschow fort, und über dem Werkstor steht in großen Buchstaben: LENIN.
Gorbatschow aber ist sanft, ein Lamm, verglichen mit Lenin, er redet und redet und schließt einen Kompromiß nach dem anderen. Es war Lenin, der die Macht in Rußland an sich gerissen hat, ohne um Zustimmung zu fragen. Er besitzt sie noch heute, denn Lenin gründete die neue russische Dynastie namens Apparat.
Das Volk ist aufgewachsen unter einem Hagel von Befehlen und Verordnungen, dem Gefühl entfremdet, mit natürlichen Rechten auf die Welt gekommen zu sein: Menschenrechte, die man in Anspruch nehmen kann, ohne sich und seinem Nächsten zu schaden. Jetzt muß der Wille dieses Volkes, sagt Gosman, über den Inhaber der Macht entscheiden; wo es doch nie wußte, daß es einen Willen hat.
Die Vorlesung ist zu Ende. Was tun? Gosman erlaubt sich keinen Pessimismus, trotzdem sagt er: "Die Stimmung im Volk war am Vorabend der Oktoberrevolution genauso schlecht wie heute, fürchte ich."
Niemand sehe mehr einen Ausweg, niemand vertraue mehr rationalen Argumenten. Alle lebensbejahenden Utopien seien Trümmerhaufen. Die Gesellschaft mag nicht mehr auf Besserung hoffen, jegliches soziale und politische Engagement für die Perestroika verlief im Sand, spurlos, aller Einsatz war vergeblich: "Gorbatschow hat seine Sternstunde verpaßt." Niemand denkt mehr an die Zukunft zurück.
"Uns Psychologen stellt sich als wichtigste Aufgabe, unseren Landsleuten zu beweisen, daß sie Menschen sind und nicht Angehörige einer bolschewistischen Rasse." Der Verlust des Glaubens hinterließ ein Vakuum, jetzt muß die ruinierte Ideologie ersetzt werden. Aber wodurch?
Was sich eben so bietet: das Christentum beispielsweise, Zauberei aller Art oder Wunderheilungen, Lourdes liegt neuerdings bei Moskau. "An Wendepunkten der Geschichte neigt das Volk zu irrationalen Erwartungen."
Das alte Lied: Da sie nie gelernt haben, zuständig für sich selbst zu sein - stets handelte die allmächtige Zentrale an ihrer Stelle, ja, in ihrem Namen -, verfallen die sowjetischen Menschen, gleich Kindern, jedem Propheten, der ihnen Glück, eine starke Gesundheit und ein langes Leben verheißt.
Die Scharlatane dürfen sich im staatlichen Fernsehen präsentieren, vor 100 Millionen Zuschauern. Sie treten in staatlichen Theatern auf, andere gibt es nicht, und hoffnungslos Hoffende zahlen zehn Rubel Eintritt, einen Tageslohn. Und immer und überall wiederholen diese Magier die bekannte Beschwörunsformel: Du mußt nur glauben, und alles wird gut werden.
Die Gläubigen sind nicht therapeutische Partner, sondern passive Objekte ihres psychischen Einflusses. Der Parteiapparat und seine durchtriebenen Routiniers der Manipulation - sie sehen es mit Entzücken.
Gosman sagt, so scharf er kann: "Die Partei verhilft diesen Schamanen zu immer neuen Auftritten, weil deren Mirakel von der alltäglichen Misere ablenken, vom Wettlauf um die Wurst." Die Menschen sollen aufhören zu fragen: Wo gibt es Fleisch? Wo gibt es Käse?
Aberglaube als Realitätsersatz: Das um sein Leben betrogene Volk fahndet nach Auswegen, nach Öffnungen in der geschlossenen Gesellschaft. In der Prä-Perestroika-Periode existierte offiziell nur das, was erlaubt war. Trunk- und Drogensucht, Prostitution oder gar Aids suchten die dekadente westliche Zivilisation heim - um die Heimat der Werktätigen machten die apokalyptischen Reiter einen Bogen.
Die beiden populärsten Heil-Kräfte der Sowjetunion, der Psychiater Anatolij Kaschpirowski und der verkrachte Journalist _(* Bei einem öffentlichen Auftritt in ) _(Moskau, 1989. ) Alan Tschumak, tasten Tabus nicht an. Sie erfüllen statt dessen ein Bedürfnis nach körperlicher Autonomie, das weder der Sozialismus noch die klassische Psychiatrie befriedigen konnten.
Noch ehe ihnen Kaschpirowski suggeriert, sie seien gesund oder auf dem besten Weg zu Kraft und Herrlichkeit, haben sich seine Adoranten selbst in Trance versetzt. Wer Wunder nötig hat, der erlebt sie auch.
Von Kiew, seinem Wohnsitz aus, anästhesierte Kaschpirowski, der aussieht wie ein dämonischer Damenschneider, 1989 zwei Frauen in Tiflis; Tiflis in Georgien, 2000 Kilometer weiter südöstlich.
Weil die Frauen auf dem Operationstisch allergisch gegen chemische Narkose waren, hatten sie sich ihm als Opferlämmer angeboten: Das Fernsehen übertrug den Eingriff, und das betörte Volk sah zu, wie sie am Magen operiert wurden, nur betäubt von Kaschpirowskis Worten, seiner Ausstrahlung oder Magie.
Die Patientinnen sangen dabei fromme Lieder, Schmerz verspürten sie nicht. Im Gegenteil, die Operation verlief ohne Komplikationen, und daß die Wunden schnell heilten, wunderte niemanden.
Wer über Kaschpirowski spottet, wandelt am Rande einer Prügelei, seine Heilsamkeit ist ein Glaubensartikel: Er kuriert Bettnässer und chronische Zahnschmerzen, läßt Operationsnarben verschwinden und heißt Lahme gehen, er färbt graues Haar schwarz - vom Fernsehstudio aus wirkt sein Segen überall im Land.
Kaschpirowski vollbringt diejenigen Wunder, die Gorbatschow allen schuldig bleibt.
Kollege Alan Tschumak fordert seine Gemeinde auf, von der Kanzel des Bildschirms herunter: Stellt ein Glas Wasser vor den Apparat, ich lade es auf, dann trinkt ihr es aus und seid gesund. Der Wasserverbrauch steigt, der Wodkaverbrauch läßt nach, das Wohlbefinden wächst allenthalben.
Am 1. September 1989 tränkte Tschumak die Moskauer Abendzeitung mit seinem Fluidum - oder den Miasmen seines Geistes. Auf Seite 3 empfahl er unter seinem Porträt den Lesern, zu ihrem eigenen Heil das Blatt aufzufressen. Die Wirkung, prophylaktisch, stärkend und therapeutisch zugleich, hielt bis Ende Februar an, danach erlosch sie.
In einem Land, das sich, da die materialistischen Evangelisten versagten, mit dem Gaukler Jurij Tarassow einen offiziellen Staatszauberer hält, dienen auch Tschumaks und Kaschpirowskis Machenschaften der Einschläferung der Massen.
Psychiater und Neurophysiologen entdeckten zu ihrer eigenen Schande, daß sich unter den magischen Beschwörungen - im Russischen heute "Ekstrasens" genannt - "organische Veränderungen vollzogen, auch eine Stärkung des Immunsystems, Normalisierung der Herztätigkeit, gemessen per Elektrokardiogramm".
Ihre Beschämung wich Schadenfreude: In Leningrad etwa vervielfachte sich während Kaschpirowskis Sanitär-Schau die Zahl der Psychosen. Kranke, nicht länger Herr ihrer Sinne, rannten Psychiatern die Türen ein. Nach Kaschpirowskis Vorstellung im Dezember 1989 brach in Moskau der ärztliche Notdienst zusammen, Hunderte von Irregeleiteten bedurften medizinischer Versorgung, Herzattacken hatten sie umgeworfen.
Die Neurophysiologin Natalija Bechterewa, 65, Enkelin des großen Psychiaters, schwankt zwischen Verdammung und Bewunderung. In ihren Sprechstunden im Leningrader "Institut für Experimentelle Medizin" flehen die Kranken nur um eins: Vermittlung einer Privataudienz bei Kaschpirowski.
Frau Bechterewa - "Die glauben so lange an ihn, bis kein Arzt mehr helfen kann" - schließt jedoch aus den "negativen Wirkungen, die Kaschpirowski hervorruft, auf reale Ursachen: Sein Einfluß beruht tatsächlich auf mehr als Wunderglauben".
Der pensionierte Bauingenieur Wladimir Safonow, 74, wirkt Wunder im Schneckenhaus seiner Moskauer Vorstadtwohnung. Seine geistige Heimat ist die "jenseitige Realität", aus der er "Signale empfängt, dreidimensionale Abbilder lebender oder toter Wesen".
Er kann, sagt er mit seiner harten, klirrenden Altmännerstimme - im Krieg ist er auf dem rechten Ohr ertaubt -, "mit Hilfe des Unbewußten in Vergangenheit und Zukunft sehen".
Er blickt dem Wunderbedürftigen aus scharfen blauen Augen ins Gesicht, dabei stellt er sich dessen "psychische Strukturen" vor, durchschaut ihn bis auf den Grund seiner armen Seele und sagt ihm auf den Kopf eine schwärende Wunde zu, ein verschlepptes Blasenleiden und obendrein Wirbelsäulenschwäche. Drei Treffer.
An einem verregneten Sommerabend sitzen am Eßtisch in seinem von kleinbürgerlichem Plunder überquellenden Wohnzimmer zwei Psychiater, zwei Philosophen, eine Urenkelin des Dichters Turgenjew und ein junger Armeeoberst, Lehrer an der Frunse-Militärakademie.
Sie bezeugen mit furchteinflößendem Ernst, und dulden dabei weder Spott noch Zweifel, daß Safonow Krankheiten auf zehn Kilometer Entfernung erkennen kann. Distanz-Diagnose: Der Patient liegt im "Institut des Gehirns", Safonow auf seinem Sofa, nur ein Foto des Patienten in den Händen.
Lauter Volltreffer: Protokolle des Instituts belegen, daß er das Gehirn eines fernen Gehirnkranken stimulieren konnte; daß er aus 3000 Jahre alten Knochen auf die Todesart schließen kann; daß ihm, kaum fällt der Name eines lange verblichenen Fürsten, Dichters oder Malers, sofort dessen Exitus vor Augen steht. Als einmal der Lieblingshund des stellvertretenden Direktors des Moskauer Zoos entlaufen war, fand ihn Safonow mit Hilfe eines Fotos wieder.
Über Gorbatschow kein böses Wort: "Er ist nicht schuld, daß wir heute die Übel von 72 Jahren ausbaden müssen. Er nicht." Ohne die Augen zu schließen, prophezeit Safonow einen blutigen Konflikt zwischen Jelzin und Gorbatschow, der sich "in zwei oder drei Jahren in einem grausamen Bürgerkrieg mit vielen hunderttausend Toten entladen wird".
"Mein inneres Auge", sagt er, "sieht Dinge, die kein anderer Mensch sieht. Was ich sagen kann, kann kein anderer Mensch sagen." Einer der Philosophen am Tisch wispert, Sterne in den Augen: "Sein biologisches Feld drückt dich einfach platt."
Jeden Tag lädt der Postbote "Hunderte von Briefen" bei Safonow ab, Fotos inklusive, Anfragen verzagter Eltern nach vermißten Kindern. "Engels hatte unrecht", sagt er und zahlt trotzdem regelmäßig seine Parteibeiträge, "die Materie ist nicht primär, und das Bewußtsein ist nicht sekundär. Ich bin kein Materialist, bei mir ist das Unwahrscheinliche das oberste Gesetz, der Geist, der alles umfaßt."
Natürlich heilt Safonow auch organische Veränderungen wie Folgen der Kinderlähmung und psychische Erkrankungen. Nicht heilen kann er endogene Schizophrenie und Krebs im letzten Stadium.
Seine Beziehungen zum Jenseits irritieren die Abendgesellschaft keineswegs. Als der moldauische Kognak und der sibirische Wodka zur Neige gehen, bringt der kahlköpfige Psychiater einen Trinkspruch aus.
Der Psychiater ist ein ernsthafter Mann, seine Praxis überlaufen, er selbst berühmt bis weit hinter Wladiwostok. Jetzt sagt er, und seine Glatze leuchtet friedlich unter der Wohnzimmerlampe, nirgendwo brennt eine Sicherung durch: "Nur Menschen wie Wladimir Iwanowitsch wissen, was im Jenseits geschieht. Im Jenseits" - sein dicker Zeigefinger zeigt himmelwärts - "bestehen, zu Zellenform komprimiert" - ausgerechnet Zellenform -, "Informationen über alle Lebewesen und Gegenstände, die jemals existierten, die existieren und existieren werden."
Herzliche Zustimmung, Gläserklirren, Umarmungen, die Gäste stürzen sich erhabener Stimmung in die diesseitige Welt, sie ist stürmisch und kalt. Der Regen prasselt dem Psychiater auf sein kahles Haupt, als er gesteht, er befasse sich gegenwärtig mit Problemen der Levitation, der Aufhebung der Schwerkraft, wobei der Patient frei im Raum schwebe.
Dschuna Dawitaschwili betreibt ihr Wundergeschäft bereits seit 16 Jahren. Wie Safonow weist sie Berge wissenschaftlicher Zertifikate vor, Bestätigungen ihrer übernatürlichen Kräfte.
Sie verrichtet ihre Wunder vornehmlich unter der hohen Nomenklatura, unter prominenten Intellektuellen und vermögenden Ausländern. Ohne dialektische Bedenken vertrauen sich auch KP-Sekretäre und KGB-Generale ihren langen, schmalen Händen an.
Sie heilt, so gibt sie an, nicht nur Epilepsie, Herzneurosen und Asthma, sondern auch Entzündungen der Bauchspeicheldrüse, Magengeschwüre, Blind- und Taubheit, Hypertonie und Gefäßschwäche. Vom chronischen Alkoholismus, stillschweigend als Volkskrankheit anerkannt, bleibt dem Trunkenbold nach 15 Behandlungen a 50 Rubel nur ein trockener Mund.
Dschuna berührt ihre Kunden allein mit der Seele, das Verfahren der "kontaktlosen Massage" hat sie von ihrer assyrischen Urgroßmutter gelernt. Sie ist "Doktor der Volksmedizin" und Präsidentin des Weltverbandes für traditionelle und alternative Medizin: Ehe sie sich dem leidenden Gast zuwendet - ihre Wohnung im alten Moskauer Arbat-Viertel gebietet Einzelbehandlung -, muß er auf sie warten.
Er wartet und wartet sich in einen Dämmerzustand hinein, sein Bewußtsein wird mürbe und durchlässig, Ikonen schauen von den Wänden auf ihn herab. Auch Gemälde, die Dschuna selbst gemalt hat, ein Reigen geisterhafter Weibsbilder, starren ihn an. In der Ecke bebt sachte der Kühlschrank.
Der Wartende im Wartezimmer blättert sich durch Berge der Autofahrerzeitung Am Lenkrad, oder er wühlt sich fest in den weißen Din-A-4-Umschlägen, dem "Echo der Weltpresse".
An der Wohnungstür klingelt es häufig, die Klingel ahmt Vogelgezwitscher nach, das Telefon läutet, und endlich werden Videos abgespielt, die ein Wunder nach dem anderen vorführen. Dschuna belebt mit ihren Händen ein stillstehendes Froschherz, Rattenherz, Kaninchenherz, Menschenherz - die Herzen schlagen höher, wenn Dschuna die Hände rührt.
500 Videobänder, eine Mauer gegen Mißtrauen und Neid, hat sie über sich anfertigen lassen. Sie zeigen etwa, wie sie herzkranken Kindern zu einem kräftigeren Herzen verhilft, Herzstromkurven beweisen, wonach Dschuna dürstet: wissenschaftliche Seriosität.
Als sie ins Zimmer tritt - eine schöne, dunkelhaarige Frau, ganz in schwarz, über der durchsichtigen Bluse ein vor falschen Orden und Medaillen schepperndes Jäckchen, zwischen den zarten Fingern qualmt eine Marlboro -, ist der Kunde schon lange ein zuckendes Nervenbündel. Er vibriert vor Erwartung, er lechzt nach ihrer Ausstrahlung.
Sein Magen knurrt, sein Herz zittert, seine Skepsis bröckelt und knirscht. Er ist verzaubert, noch ehe ihre Hände, wie ein Zauberstab, im Abstand von zehn Zentimetern über ihn gleiten.
Sie spürt, behauptet Dschuna, alle Gifte im Körper des Kranken. Weil er sich verstanden fühlt, empfindet der Patient auf der Stelle Linderung, und wenn sie ihm dazu noch ein langes Leben voraussagt, hat sie ihn fest in der Tasche. Ein Mantel aus schönen Gefühlen hüllt ihn ein. Die Seele wird ihm leicht, so gut ist er jetzt aufgehoben unter ihren Händen.
Dschuna, wie alle Autodidakten und Aufsteiger, will mehr sein, als sie ist: Wenn sie Menschen heilen kann, kann sie auch die Menschheit heilen. Sie arbeitet, berichtet sie stolz, an der Entwicklung eines Apparates zur Lebensverlängerung - "wenn die Menschheit sich als würdig erweist, länger am Leben zu bleiben".
Ihre jüngste Erfindung, ein Gerät, das die "Immunfunktionen des Organismus stimuliert", hat sie am 13. März 1990 zum Patent in der Sowjetunion angemeldet. Internationale Patente scheitern, sagt sie, bislang am Devisenmangel. Der Kasten heißt Dschuna, die Methode heißt Dschuna, und sie werden alles stimulieren, was sich stimulieren läßt.
Woher bezieht sie ihre wundersame Gewalt über die menschliche Gebrechlichkeit? Sie schaut verdutzt. "Woher hatte Einstein sein Genie? Johann Strauß? Puschkin?" Wir wissen es nicht.
"Ich lebe im Namen Gottes", sagt sie und himmelt ihre Ikonen an, nur kranke Seelen meidet sie: "Psychotherapie und Hypnose hemmen das Gehirn."
Da irrt sie sich aber: Im "Wissenschaftlichen Versuchslabor für angewandte Psycho- und Familientherapie" dösen ein paar Dutzend Patienten, selig lächelnd, auf Feldbetten und dem Fußboden ausgestreckt oder auf wackligen Sesseln hockend, einem nie gesehenen Bild von sich entgegen. Gleich versetzt sie der Hypnotiseur und Psychiater Afanassij Kobsin in Schlaf. Er liquidiert pro Seance nur zehn Rubel.
Sein schäbiges Labor, ein paar kahle grüngestrichene Zimmer mit blauen Vorhängen und billigem grünen Teppichbelag, kauert winzig mitten unter den grauen Betongebirgen von Jasenewo, einem Quartier für 400 000 Moskauer im Süden der Hauptstadt. Gewalttätige Architektur, bis zu 26 Stockwerke hoch, als Wohnungen benutzte Menschenpferche.
Jahrealte Baustellen die meisten Gebäude, Ruinen schon vor dem Richtfest. In Jasenewo wachsen Kobsins Patienten heran, die Ränder aller sowjetischen Großstädte gleichen Jasenewo: schlammige Wege, Trümmerhaufen auf den Grünanlagen, die Grauanlagen sind. Außerirdische Abgeschiedenheit, das Leben ist anderswo. Bleiche Kinder, Bauschutt, Menschenschutt.
Nicht nur aus Jasenewo kommen deshalb Kobsins Patienten, sogar aus dem fernen Osten, aus Georgien und der Ukraine pilgern sie zu ihm. Seit das Fernsehen über seine Methoden berichtete, ist sein Labor ein bestürmter Wallfahrtsort. "Es ist leichter, einen Menschen zu behandeln als ihn abzuweisen", sagt Kobsin.
Ganz in schwarz, mit schimmernder Glatze, läßt Kobsin, 53, seine Hände kreisen, seine Worte dringen in die Kranken, sie atmen seine Beschwörungen ein, und, von den Wänden kriecht süßliche Musik, Hollywood-Schmalz, über sie hin. Kobsin hämmert ihnen ihr künftiges Leitmotiv in die Seele: "Ihr müßt euren Charakter selbst ändern, damit die Welt sich ändert."
Als ob er sich ein Bier bestellte, ohne die Stimme zu erheben, schreibt er ihnen neue Gefühle vor: "Die Wellen des biologischen Feldes fließen über euch hinweg, euch ist warm, meine Worte sind euch angenehm, ihr verspürt den Wunsch, eine große Aufgabe zu erfüllen. Eure Hände werden ganz leicht und fliegen nach oben, ihr schlaft immer tiefer. All eure Krankheiten verschwinden."
Er flößt ihnen eine Überdosis Selbstvertrauen ein. "Ihr werdet alle Aufgaben lösen, es gibt kein Hindernis, das ihr nicht meistert. Überprüft euer Inneres, und wenn ihr eure Kraft spürt, dann . . ."
Einer dicken alten Frau, die unbedingt wieder schlank sein will, befiehlt er, von nun an Süßigkeiten zu hassen. "Ist das nicht ekelhaft, diese klebrigen Bonbons?" Er tut, als biete er ihr ein Praline an. Mit verzerrtem Gesicht weist sie es zurück: "Ich muß mich gleich übergeben." Als sie erwacht und sich den Schlaf aus den Augen reibt, brennt ihr Hals. "Nie wieder Torte", sagt sie.
Dann bringt Kobsin Tanja, eine Depressive mit roten Haaren, zum Tanzen. "Du wirst ein Luftballon", sagt er, "und so schwerelos wie ein Luftballon wirst du dich immer fühlen." Sie öffnet die Augen und lächelt glücklich.
Kobsin taufte seine Methode "der Schlüssel". Der Schlüssel erschließt den Patienten ihre Persönlichkeit, versetzt sie in "einen automatischen Zustand, in dem sie selbst, ohne äußere Hilfe, ihre krankhaften Symptome beseitigen". Autogenes Training? "Nein, heterogenes!"
Die Kranken erkennen sich nicht wieder. Kobsin demonstriert ihnen ihre neuerworbenen Eigenschaften, sie lösen die erste Aufgabe:
Barfuß trampeln sie auf Glasscherben herum, ängstlich und lustvoll zugleich. Keiner blutet, flüsternd bewundern sie ihre heilen Fußsohlen. Kobsin sagt: "Auf diese Weise überwinden sie ihre Angst." Seine Tochter, ebenfalls ganz in schwarz - schwarz ist die Hoffnung in Moskau -, wischt mit Watte die Splitter ab.
Aufgabe zwei: Kobsin durchsticht mit einer Spritzennadel Handrücken. Weder Blut noch Geschrei. Galina, deren Hand zittert, als sie durchbohrt wird - "sonst hab'' ich von morgens bis abends grausame Schmerzen, wo sind sie jetzt?" -, erhält einen Rat: "Geh zum Zahnarzt, zähl bis fünf, wie wir es geübt haben, dann laß dir den Zahn ziehen. Es wird nicht weh tun."
Ein älterer Mann, ganz in grau, Ingenieur aus Jaroslawl, vordem schwerer Alkoholiker, ist seit acht Monaten trocken. Ehe er im vorigen Oktober zur ersten von zehn Sitzungen antrat, hatte er "drei Wochen ununterbrochen gesoffen, Wodka, Parfum, Medizin, egal was".
Wann immer er heute trinken will, hypnotisiert er sich selbst mit dem Schlüssel - bei fünf ist er im Halbschlaf und ruft sich seine schlimmsten Räusche ins Gedächtnis. Keine Entzugserscheinungen, aber alle sechs Monate muß sein Schlüssel erneuert werden.
Der Uhrmacher Alexej aus Moskau, 33, fiel jedesmal in Ohnmacht, wenn er eine Metrostation betrat. Er lacht darüber, als hätte er sich selbst einen Streich gespielt: Sein Kopf dröhnte, er schwitzte sich die Augen aus, Metrostationen waren sein Feind.
Die Taxifahrten verschlangen drei Viertel seines Gehalts, dauernd kam er zu spät zur Arbeit. Nach der ersten Sitzung bei Kobsin mochte er keine Beruhigungspillen mehr schlucken, nach zehn Sitzungen fuhr er Metro wie alle anderen. Kobsin hatte ihn von seiner Angst erlöst.
Der Hypnotherapeut Wladimir Raikow, bärtig und suggestiv wie Trotzki, steckt seine Patienten in die Zeitmaschine, und aus erwachsenen Kranken werden robuste, gesunde Kinder, frei und unbelastet von ihrer Vergangenheit, ohne sozialen Druck, Sorgen, Hintergedanken. Sie leben nur, um zu leben.
In stämmigen Maschinenbaustudenten tauchen die Fünfjährigen von einst auf, sie spielen Lokomotivführer, kritzeln übers Papier, backen Sandkastenkuchen, den Mund frech verzogen. Aller Streß fällt ab von ihnen, ihr Optimismus wächst. "Nach 20 Hypnosen", sagt eine seiner Testfiguren, "ist meine Einstellung zur Realität viel positiver."
Der Dreh ist "leider viel zu kompliziert, um die ganze Sowjetunion aus ihrer aggressiven Lethargie zu reißen", sagt Raikow, 55. Er steht dem Labor für Hypnose und psychische Prophylaxe vor, und weil ihm Gorbatschows Perestroika zu Kongreßbesuchen im Ausland verhilft, glaubt er an die Umgestaltung der Wirklichkeit.
Sie gestattet ihm eigene Gedanken. Zum Beispiel? "Die Gesellschaft entwickelt sich nur, wenn sich der einzelne entwickeln kann. Je reicher die Innenwelt des Individuums, desto stabiler die Gesellschaft."
Ein Bekenntnis, für das er vor zehn Jahren zwischen den 2400 Kranken der Psychiatrischen Klinik Kaschtschenko versteckt worden wäre, obwohl schon im Kommunistischen Manifest steht, daß die freie Entwicklung aller eben jene des einzelnen zur Bedingung hat.
Kaschtschenko, die größte psychiatrische Anstalt der Sowjetunion, war einmal Moskaus tiefster Bunker zur Endlagerung dissidenter Bürger. Hier wirkt Wladimir Kosyrew, 52, der die Vergangenheit seines in einem 30 Hektar großen Park gebetteten Krankenhauses nicht wahrhaben möchte. Er will lieber vergessen - er ist erst seit drei Jahren Chefarzt.
Seine Krankenstatistik für 1989 weist - ist das etwa kein Fortschritt? - kaum noch Schizophrene auf. Nur noch fünf Prozent der Patienten leiden an schleichender Schizophrenie, dem Dissidentenleiden (1986: 8,6 Prozent).
Kosyrew organisiert den Wahnsinn lieber, als daß er ihn behandelt, am liebsten vom Telefon aus, an seinem Chefschreibtisch, oder über das Anstaltsradio. Er renoviert das Gelände, dann werden die toten Seelen schon von selbst lebendig. Betonmauern ersetzt er durch filigrane Gitter.
Die Kranken springen auf und nehmen Haltung an, wenn er sich ihnen nähert. Kosyrew hat zwölf Jahre im Gesundheitsministerium gearbeitet - und weiß von nichts.
Sein Arbeitsgebiet ist die Gegenwart: Die schlechte Bezahlung seiner Psychiater, 120 Rubel plus 25 Prozent Gefahrenzulage (soviel wie eine Brotverkäuferin), wie soll einer davon leben? "Dem sowjetischen Gesundheitswesen wird das Geld zugeteilt, das übrigbleibt, wenn alle anderen Ministerien befriedigt sind." Die Psychiatrie steht an allerletzter Stelle, sie wird nach dem Restprinzip finanziert.
Das sowjetische Sozialbudget von zehn Milliarden Rubel teilt der psychischen Volksgesundheit nur ein Zehntel des Etats zu, drei Rubel je Sowjetbürger. "Es ist sinnlos", sagt Kosyrew, "moderne medizinische Geräte oder Medikamente zu fordern. Wir kriegen sie nicht. Irrenhäuser bringen eben keine Einkünfte, sie produzieren nämlich keine Waren." *HINWEIS: Ende
* Im Versuchslabor für angewandte Psycho- und Familientherapie von Afanassij Kobsin. * Bei einem öffentlichen Auftritt in Moskau, 1989.
Von Peter Schille

DER SPIEGEL 33/1990
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