09.07.1990

TschechoslowakeiGnädiger Großmeister

Surrealer Sozialismus: Hohe KP-Funktionäre ließen sich auf einer alten Burg zu Rittern schlagen.
Tschechoslowakischen Präsidenten dient die "Burg", der Hradschin über der Prager Altstadt, als Amtssitz, und seit vorigem Herbst residiert ein Schriftsteller dort zusammen mit einem Stab ziviler Berater. Nur was, mögen sich deren Vorgänger, die inzwischen verjagten Kommunisten, gefragt haben, ist eine Burg ohne Ritter?
Die KP-Herren, von Haus aus Kleinbürger, aber angetreten unter dem Motto "Proletarier aller Länder, vereinigt euch", wußten Abhilfe: Klammheimlich, so wird erst jetzt bekannt, ließen sich Funktionäre der Kommunistischen Partei und andere Spitzen aus der ehemaligen Nomenklatura zu Rittern, Freiherren und Ordensjunkern schlagen.
Nicht etwa aus Jux oder in weinseliger Laune. "Bierernst", so berichtet ein Zeuge, sei es bei den feierlichen Zeremonien auf der Burg Krivoklat, 36 Kilometer westlich von Prag, an der alten Heerstraße nach Pilsen gelegen, zugegangen.
Die Idee, verdiente Genossen mit feudalem Ambiente zu erfreuen, entstand in der Abteilung Orbis, der Propagandazentrale der einst allmächtigen Partei. Um die eigenen Apparatschiks aufzumuntern oder internationale KP-Gäste milde zu stimmen, soll Orbis-Chef VladimIr Vipler, Kandidat der Akademie der Wissenschaften, diesen "Ausflug in die Geschichte" ersonnen haben.
Anfang der achtziger Jahre ließ sich Vipler als einer der ersten Parteipromis mit einem Langschwert aus dem 14. Jahrhundert zum "Comtur und Ordensgeneral des Ritterordens von Krivoklat und zu Nezabudic" schlagen. Der studierte Sprachwissenschaftler legte größten Wert darauf, daß in seinem Adelsbrief neben dem selbstentworfenen Wappen auch die vergleichsweise bescheidene kommunistische Auszeichnung als Träger des "Ordens der Arbeit" erschien.
Die höchst zwanglosen, aber streng geheimen Treffen auf der historischen Burg - in Parteiprotokollen als "Begegnungen zur Vertiefung und Ausweitung des sozialistischen Gedankengutes" ausgewiesen - haben die Staatskasse beträchtliche Summen gekostet. Denn weit amüsanter als der feierliche Ritterschlag im Remter waren die anschließenden Festessen und Saufgelage des roten Adels, bei denen, so ein Zeuge, "manch stolzer Ritter unter den Tisch gesoffen wurde".
So soll es, sagt die Legende, auch dem Ritter-Genossen Jaroslav Sobek, 62, ergangen sein, Chef der Abteilung für Internationale Beziehungen und früher Attache an der Botschaft in Bonn.
Für ihre feuchtfröhlichen Tafelrunden hatten sich die Genossen die beste Adresse ausgesucht. Burg Krivoklat, die in der Habsburger Zeit den deutschen Namen Pürglitz trug, wurde um 1100 von den böhmischen Fürsten erbaut und anfänglich als Jagdsitz genutzt.
Das Bergschloß diente zu Anfang des 13. Jahrhunderts dem böhmischen König Premysl Ottokar I. nach seiner Krönung im Prager Veitsdom ebenso als Residenz wie seinen Nachfolgern, darunter seinem Sohn Wenzel.
Die Habsburger nutzten den Adelssitz als Gefängnis für Rivalen, bevor die Burg Ende des 17. Jahrhunderts in den Besitz verschiedener Fürstengeschlechter kam und 1929 an den neugeschaffenen tschechoslowakischen Staat fiel. Staatsgründer Tomas Masaryk, der den Adel und dessen Privilegien abgeschafft hatte, zog als Burgherr auf Krivoklat ein.
Nach dem Weltkrieg erhielten die Kommunisten das inzwischen baufällige Gut. Ob deren entmachtete Führer, etwa der ehemalige Staatspräsident Gustav Husak oder Ex-Parteichef Milos Jakes, auch zur Ordensrunde von Krivoklat gehört haben, wird zur Zeit in Prag noch überprüft.
Ein Chronist des roten Hofes, der sich selbst "Kammerherr und Stallwächter des Gnädigen Großmeisters" nannte, hat über die Adelserhebungen penibel Buch geführt. Er verzeichnete auch den Ritterschlag für den sowjetischen Genossen Lew Tolkunow, zeitweilig Chef der sowjetischen Nachrichtenagentur Nowosti. Sein Wappen ist mit einer Großherzogskrone geschmückt, über der sinnigerweise ein Sowjet-Stern schwebt.
Fest steht, daß die beiden konservativsten Mitglieder im Prager Parteipräsidium, der ehemalige Chefideologe Vasil Bilak und dessen Nachfolger Jan FojtIk, die politische Aufsicht über die Propaganda-Agentur Orbis führten und mit Sicherheit in den Mummenschanz eingeweiht waren.
Seit der Wende steht das fürstliche Haus wieder leer, die wertvollen historischen Möbel sind mit weißen Laken abgedeckt. Noch ist nicht entschieden, was aus der Feudalburg in demokratischen Zeiten werden soll. Ein Sprecher des regierenden Bürgerforums: "Wahrscheinlich machen wir ein Kinderheim daraus." o

DER SPIEGEL 28/1990
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