01.10.1990

Das Gelbe vom Ei

Das erfolgreichste Sportsystem der Welt wird mit der Vereinigung demontiert. Mit Unterstützung aus Bonn treten die westdeutschen Sportführer in der DDR wie Kolonialherren auf und interessieren sich nur für medaillenversprechende Spitzenathleten. Deren Trainer werden vergrault, viele arbeiten bereits im Ausland.
Der Mann im grauen Arbeitskittel schaufelt bedächtig Gartenabfälle in die Schubkarre. Noch Mitte August wurde Horst Freitag bei der Weltmeisterschaft in Moskau als einer der erfolgreichsten Trainer der Welt gefeiert. Jörg Damme, der nebenan Rasen mäht, hatte dort Gold im Trapschießen gewonnen. Zwischen den Rabatten gärtnert das Erfolgsduo nur noch, um die Schießanlage in Hoppegarten in "ordentlichem Zustand" zu übergeben.
Von den Schützenbrüdern aus dem Westen hat Freitag, der von Januar an arbeitslos ist, bisher nur Zynisches gehört. Er dürfe, so das Angebot, im vereinten Deutschland allenfalls Honorartrainer werden: für 4000 Mark - im Jahr.
Wie Freitag ergeht es vielen: Spitzentrainer aus der DDR sind im Westen allenfalls zu Dumpingpreisen gefragt. Je näher die für den 14. Dezember terminierte Sportvereinigung rückt, desto deutlicher wird, daß das von Innenminister Wolfgang Schäuble propagierte "Zusammenwachsen in vernünftiger Weise" tatsächlich ein skrupelloser Anschluß ist.
Zwar gibt es keine offiziellen Vorgaben, doch alle westdeutschen Verbandsfürsten treten nach demselben Muster wie Kolonialherren auf. Sie ließen die 11 000 angestellten DDR-Funktionäre und -Trainer auf die Straße setzen und winken jetzt denjenigen gnädig mit Planstellen, die Wohlverhalten zeigen.
An der Einheit interessiert die Sportführer nur zweierlei: die medaillenversprechenden Spitzenathleten aus den, so das Ost-Berliner Sportecho, "Billigmärkten der DDR" und zusätzliche 120 Millionen Mark Steuergelder aus Bonn. Mit "äußerst großzügiger Hilfe", lobt der Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB), Hans Hansen, ermöglicht der Bundeskanzler den Funktionären die Ausdehnung ihrer Macht auf ehemaliges Feindesland.
Die Finanzspritze soll vor allem die kampferprobten DDR-Athleten bis zu den Olympischen Spielen 1992 in Albertville und Barcelona bei Laune halten. Nur so kann der Gefahr begegnet werden, daß der gesamtdeutsche Sport womöglich weniger Medaillen einheimst als einst die DDR allein.
Schon bald, prophezeien Experten, würden die für den Westen typischen Probleme wie Planlosigkeit, Postenhuberei und Mißwirtschaft auch das erfolgreichste Sportsystem der Welt zerstört haben. Wie kurzfristig in die Zukunft gedacht wird, dokumentiert die Sporthilfe. Bis 1992 sollen mit zusätzlich 40 Millionen Mark vom Staat 2000 ehemalige DDR-Athleten gefördert werden. Unmittelbar nach Olympia wird der Förderkader rigoros reduziert.
Angesichts des zu erwartenden olympischen Edelmetalls bedienen sich auch jene Funktionäre ungeniert "vom Fleisch des Opferlamms", so die Ost-Berliner Junge Welt, die jahrelang über den DDR-Sport "nur die übelsten Spekulationen" (Sport, Zürich) verbreiteten. Bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in Split steuerte etwa West-Präsident Helmut Meyer auf den DDR-Kugelstoßer Ulf Timmermann zu. "Guten Tag, Meyer mein Name", ging er den verdutzten Athleten an, "ich bin demnächst Ihr Präsident und wollte Ihnen auch zur Goldmedaille gratulieren."
In allen gesamtdeutschen Verbänden werden die bundesdeutschen Machthaber im Amt bleiben. Keiner, klagt DDR-Schwimmpräsident Wilfried Windolf, "will seine Position aufgeben". Ihm bot sein West-Kollege Bodo Hollemann im gemeinsamen Verband den Posten des vierten Vizepräsidenten an, ohne Stimmrecht. Statt über Integration diskutiert Selbstdarsteller Hollemann, von den Athleten "Tele-Bodo" genannt, lieber darüber, wer die beiden Volvos des DDR-Verbandes künftig lenkt und wem ein Autotelefon installiert wird.
Auch beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) ist für Kollegen von drüben kein Platz. Schon in Split waren alle wichtigen Aufgaben an die acht DLV-Abgeordneten verteilt. Vizepräsident Werner von Moltke sorgte sich, ob man auch "Käppis mitgenommen" habe, damit die Athleten keinen Sonnenstich bekämen. Die berüchtigten Streicheleinheiten von Vizepräsidentin Ilse Bechthold brauchten die Sportler nur vier Tage zu ertragen. Dann jettete die flotte Ilse zu einem noch attraktiveren Termin: In Nairobi hatte sie einen Vortrag über Frauen und Sport zu halten. Im engen Schulterschluß mit den Funktionären dürfen sich auch die treu ergebenen Bundestrainer sicher auf ihren Posten fühlen. So hat der ehemalige Postbote Horst Bredemeier den Vorzug als gesamtdeutscher Handball-Nationaltrainer vor dem anerkannten Diplomsportlehrer Klaus Langhoff erhalten. Der Westdeutsche, so begründeten die Präsiden ihre Entscheidung, habe einen gültigen Vertrag. Der war allerdings erst elf Wochen zuvor bis 1992 verlängert worden.
Die DDR-Handballer dürfen so lediglich ihre Qualifikation für die Olympischen Spiele in die Einheit einbringen. Bredemeiers Truppe hätte mangels Klasse gar nicht mitspielen dürfen. "Lieber gehe ich stempeln", meinte Staatstrainer Langhoff angesichts dieser Situation verbittert, "als daß ich Ko-Trainer unter Bredemeier werde."
Ähnlich bedenkenlos annektieren auch andere Verbände. Endlich verfügen die an chronischem Nachwuchsmangel leidenden Westsportler über Kanuten, Gewichtheber und Eisschnelläufer, die es gewohnt sind, sich zu schinden. "Wir haben die große Chance, eine Randsportart ins Rampenlicht zu rücken", sieht Kanu-Präsident Ulrich Feldhoff erwartungsfroh Olympia 1992 entgegen.
Die im alten System gehätschelten DDR-Athleten haben die Weststrategie durchschaut. Bei der Volleyball-WM in China trat das Frauen-Team im letzten Spiel gegen Taiwan mit Trauerflor am Oberschenkel an.
Die ohnmächtige Wut der Sportler richtet sich gegen die Zerstörung eines ausgeklügelten Sportsystems, das als letztes sozialistisch geplantes Sportwunder die dreimalige Sprint-Europameisterin Katrin Krabbe hervorgebracht hatte. Leichtathletik-Cheftrainer Bernd Schubert ärgert sich jetzt, daß es solche Karrieren im neuen Deutschland nicht mehr geben wird, weil dort "Amateure die Politik bestimmen".
Denn in westdeutschen Verbänden gilt das Leistungsprinzip längst nicht überall. So sind im Schwimmverband zwei Posten blockiert. Horst Planert steht zwar als Chef-Bundestrainer im Lohn des Innenministeriums, spaziert jedoch vornehmlich durch den Saarbrücker Stadtwald. Zur "Minimierung der Kosten", so ein Insider, wurde Juniorentrainer Jürgen Engau bis vor kurzem auf der Geschäftsstelle in München mit Büroarbeiten beschäftigt. Beide haben Verträge bis zur Rente. Auch die Modernen Fünfkämpfer lassen sich vom Innenministerium mit Herbert Rieden einen teuren Früh-Pensionär bezahlen.
Der Deutsche Ruderverband läßt gleich zwei Bundestrainer "zur Beratung" der Heimtrainer durch die Republik fahren: Richard Wecke und Hans-Peter Schmidt verbringen den Großteil ihrer Arbeitszeit auf der Autobahn, während die Besten der Republik in Dortmund üben. "In der DDR werden alle vor die Tür gesetzt", klagt deshalb Freitag, "aber von einer Kündigung im Westen habe ich noch nichts gehört."
Viele prominente Trainer gehen lieber ins Ausland, als sich von Westlern abkanzeln zu lassen. So wurden Peter Dost, Karl Hellmann und Erich Drechsler, die Betreuer der Leichtathletik-Stars Thomas Schönlebe, Petra Felke und Heike Drechsler, von westdeutschen Kollegen aufgefordert, sich "doch mal zu melden". Hellmann empfand die Offerte als "unverschämt". Denn die Bundestrainer Wolfgang Thiele (Sprint), Siegfried Becker (Speer) und Bernd Veldmann (Weitsprung) ernten wegen chronischer Erfolglosigkeit nur Spott.
Andere Nationen sind hingegen versessen auf die Ost-Spezialisten. Ekkart Arbeit, früherer Cheftrainer der DDR-Leichtathleten, arbeitet in Italien. Hans Eckstein übt mit den Ruderern Österreichs, Jürgen Grobler mit denen aus Großbritannien. Die Turntrainer Heinz Pehlke und Werner Pöhland sind in Brasilien und der Schweiz beschäftigt.
Interesse zeigen die Westdeutschen dagegen an schnell verwertbarem technischen Material. Die Bobfahrer freuen sich auf die weltweit führenden Ost-Schlitten, die Radfahrer erprobten bereits die Karbonräder. Und die 37 243 Sportanlagen der DDR wurden akribisch auf ihre Tauglichkeit untersucht.
Keinen Gedanken aber verschwendete die "Laienspielschar" (Sport-Bild) an den Erhalt der 25 Kinder- und Jugendsportschulen der DDR, in denen systematisch ständig 10 000 Talente gedrillt wurden - obwohl schon viele Bundesdeutsche ihre Kinder in den Medaillenschmieden anmelden wollten.
Und beim Schweriner SC, der erfolgreichsten Boxstaffel Europas, war noch kein Vertreter des Deutschen Amateurbox-Verbandes, der hätte erkunden wollen, was von einem Klub zu retten sei, in dem Medizinern, Betreuern und Trainern in Scharen gekündigt wurde. "Hilfe aus dem Westen", klagt Cheftrainer Otto Ramin, "gibt es keine." Die Sportler wurden stillschweigend einkassiert: Zum 13 Mann starken A-Kader von Gesamtdeutschland zählen 4 Schweriner.
Ähnlich gedankenlos bereiten auch andere Verbände die Übernahme vor. So wartete DDR-Trainer Dieter Hofmann, der die gesamtdeutsche Kunstturn-Riege auf Olympia 1992 vorbereiten soll, "zu meiner Enttäuschung" fünf Monate auf ein Konzept des Deutschen Turner-Bundes (DTB).
Im Osten hat man längst das Gefühl, beim bereits erfolgten Zusammenschluß mit dem DTB "über die Matte gezogen" (Junge Welt) worden zu sein. Von 350 Turntrainern können sich allenfalls 7 Hoffnung auf Weiterbeschäftigung machen, die 9 Verwaltungsangestellten werden entlassen, während in Frankfurt-West weiterhin 55 Personen arbeiten.
"Weil wir immer besser waren", vermutet Schießtrainer Freitag in dieser Vereinnahmungsstrategie "einen Racheakt". Denn der DDR-Sport wird generell als nicht finanzierbar abqualifiziert, über die Effizienz des eigenen Systems aber gar nicht erst nachgedacht. "Die tun alle so", erregt sich der ehemalige DSB-Generalsekretär Karlheinz Gieseler über die Chuzpe seiner westdeutschen Funktionärskollegen, "als ob wir das Gelbe vom Ei hätten." o

DER SPIEGEL 40/1990
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