09.07.1990

SerienZynische Gewißheit

Mit einer Privatdetektei durch die Welt der krummen Geschäfte - die ARD zeigt die Wirtschaftskrimi-Serie „Alles Paletti“.
Ihre Büros haben den Charme von Ortsämtern - Amtsschimmel, wohin man blickt. Lustlos hacken sie ihre Protokolle auf Uralt-Schreibmaschinen herunter . . .
Ob sie nun Derrick, Schimanski oder gar Amtmann Zaluskowski wie in dem Hamburger Freihafen-Krimi "Schwarz Rot Gold" heißen, der deutsche TV-Ermittler ist nur erfolgreich, wenn er aus seinem altertümlichen Bürokäfig ausbricht. Instinkt galt in dieser Fernsehbranche bisher mehr als rationale Büroorganisation, Bizeps mehr als Bits.
Das soll nun anders werden. Mit der achtteiligen Südwestfunkserie "Alles Paletti" (von dieser Woche an jeweils sonntags im Ersten 20.15 Uhr, Ausnahme: Samstag, 4. August, 20.15 Uhr) hält die Ästhetik der Informationsgesellschaft Einzug ins deutsche TV-Krimi-Genre.
Wo nämlich Oskar Leo Stoll, Chef der Detektei "Prokura", und seine Mannen für teures Geld ihre Dienstleistungen erbringen, herrscht die klimatisierte Kühle einer durchgestylten Bürolandschaft, die Telefaxgeräte zirpen im Hintergrund, und am liebsten ruht die Kamera auf den bläulich fahlen Gesichtern der Akteure, wenn sie auf Computerschirme blicken. In solch coolem Ambiente müßte Schimanskis Macho-Charme erfrieren, und der stickige Paternalismus eines "Alten" oder die Basedow-Bullerigkeit eines Derrick würden als das erscheinen, was sie sind: Fossilien aus dem Fernseh-Neandertal.
Doch den Drehbuch-Autoren Fred Breinersdorfer, Norbert Ehry und Friedhelm Werremeier, unterstützt von den Regisseuren Nico Hofmann, Roland Suso Richter und Lienhard Wawrzyn, schwebte mehr vor als nur die äußere Modernisierung des Genres. Ihre Geschichten leben von der zynischen Gewißheit, daß die Herstellung von Gerechtigkeit im Geschäftsleben der Banken und Versicherungen eine Störung des Ablaufs bedeutet.
Hansi, der junge Mann des "Prokura"-Teams, muß diese Erfahrung gleich in der ersten Folge der Serie machen. Er wird grausam vermöbelt, als er einen vermeintlich armen Schuldner schützt, dem eine obskure Inkasso-Organisation zusetzt. Mit Abhörwanzen und anderen Tricks arbeitet der Heißsporn des Teams mit Feuereifer an einer gerichtsverwertbaren Überführung der schrägen Geldeintreiber.
Doch sein Ermittlungseifer stört nur den höherenorts beschlossenen Gang der Dinge: Der verfolgte Pleitier, der doch noch einen dem Konkursrichter verschwiegenen Notgroschen in Luxemburg hat, die Chefs der organisierten Kriminalität, denen die Inkassoleute unterstehen, und der Detektei-Chef Stoll einigen sich auf einen Kompromiß: Das schwarze Geld wird aufgeteilt. Interessenausgleich nennen das die Beteiligten geschäftsmäßig vornehm. Der Staatsanwalt erfährt nichts, und der verprügelte Hansi bekommt ein paar Scheine zugesteckt. War da was? Nein, alles paletti.
Mit der "Novia-Affäre", Titel der zweiten Folge, verhält es sich ähnlich. Da müssen Stoll und seine Leute ein "Rückkaufgeschäft" abwickeln. Bilder im Wert von fünf Millionen Mark sind gestohlen worden, die Hehler melden sich und bieten an, sie für eine Million, den branchenüblichen Satz, wieder herauszurücken. Die Versicherung ist's zufrieden und will zahlen ("Wir sind schließlich rückversichert"), die Polizei auch, weil sie einen Fall weniger hat.
Doch schon wieder sabotiert der "Prokura"-Jüngling den ruhigen Geschäftsgang. Statt den Geldkoffer zu übergeben und die Bilder zu übernehmen, trägt er - die Diebe sind machtlos und völlig verdattert - beides zur Polizei, die nun doch einen Fall bekommt. Rügen steckt Stoll auch bei seinem Auftraggeber, der Versicherung, ein. Man freut sich dort nicht über die Möglichkeit, die Diebe zu fassen und die Million zu sparen, sondern hält sich lieber an die Agreements mit der Unterwelt, die Rückversicherer zahlen das ja schließlich. Dann endlich hat der Teamjunior die Lektion verstanden und legt die Attitüde des drachenkämpferischen Jung-Siegfried ab. Im weiteren Verlauf der Serie, Fällen mit betrügerischen Börsenbrokern, untreuen Einkäufern oder raffinierten Headhuntern, funktioniert der junge Mann, wie man es verlangt. Friedrich-Karl Praetorius spielt das spitznasig und in yuppiehafter Mischung aus kindlicher Wut und stupendem Ehrgeiz. Er gleicht nicht nur äußerlich Boris Becker, dem mal eifrigen und mal hadernden Tennisgott.
Allerdings ganz ohne Menscheleien im Team kommt auch diese Serie nicht aus: Der Chef (Rolf Becker, der Schauspieler mit dem sehnigen Offiziersgesicht und der barschen Sprache, verbindet überzeugend Cleverness mit hölzernem Jungencharme) verliebt sich lächerlicherweise in ein junges Mädchen, auch seine Assistentin Laura (Cathrin Vaessen) hat im Dienst ihre unbotmäßigen Liebesgefühle. Und die "Prokura"-Sekretärin Gabi (Olga Strub) holt die Vergangenheit ein, als herauskommt, daß sie vom Chef einen Sohn hat.
Der schlafäugige Peterich (Wolf-Dietrich Berg) schließlich, Rechts- und, passend, Einbruchexperte des Teams, ist am Ende auch nicht der treue Kumpel, für den ihn zunächst die Zuschauer halten.
Doch das alles, so vermittelt die Serie schlüssig und in voller zynischer Absicht, zählt wenig. Das System der Wirtschaft will nicht gestört sein, der Mensch mit seinen Liebesaffären und Gerechtigkeitsvorstellungen ist nur dessen Umfeld.
Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 28/1990
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