13.08.1990

BiographienÜber alles geliebt

Der gute Mensch von Wimbledon - ein deutscher Sportprofessor durchforschte das Leben des „Tennisbarons“ Gottfried von Cramm.
Die Margraff gehörte jener inzwischen ausgestorbenen Spezies an, deren Mitglieder bis vor nicht allzu langer Zeit in jedem Haushalt der gehobenen Stände als unverzichtbar galten. In ihrer deutschen Erscheinungsform hießen sie "Unser Frollein", während sie in England auf den Namen "Mistress" hörten.
In ihrer Funktion als Gouvernante hatte die Margraffsche als Mistress wie als Frollein erzieherisch gewirkt - an zwei geschichtsträchtigen Subjekten und mit, wie die Historie erweisen sollte, sehr gegensätzlichen Ergebnissen.
Der ihr am englischen Königshof Anbefohlene, ein gewisser Edward, tat in seinem späteren Leben nicht gut und wurde zum Skandalon. Ihr deutscher Zögling hingegen entwickelte sich prächtig und wurde ein Gentleman - ganz entgegen den Erwartungen des Fräulein Margraff, die sich angesichts der von ihm und seinen Brüdern begangenen Missetaten immer wieder zu dem Ausruf genötigt sah: "Alle Crammschen Söhne sind Ochsenknechte!"
Nicht nur, daß der junge Herr Baron gern mit der Luftbüchse durch den Park von Schloß Brüggen streifte, dem nahe Hannover gelegenen Besitz derer von Cramm, und dabei manch gefiederten Sänger erlegte; nicht nur, daß er seine Hauslehrer gewohnheitsmäßig dem törichtesten Schabernack unterzog und statt der Regeldetri, wie man früher die Dreisatzrechnung nannte, lieber das Verhalten von Kutschpferden studierte, nachdem er ihnen eine ordentliche Portion Pfeffer unter den Schweif appliziert hatte - all dies hätte die gute Margraff noch ertragen.
Aber daß er in jeder freien Stunde das Tennisracket schwang, voller Ambition und gar nicht nur so zum Spaß, wie sie es von den Adelssöhnen in England kannte, das machte dem Frollein arg zu schaffen.
Nicht einmal der Umstand, daß der 13jährige ihr seinen Berufswunsch in dem akzentfreien Englisch kundtat, das sie ihm beigebracht hatte, vermochte den Mißmut der Margraff zu mindern: "I want to become World Tennis Champion", versicherte er ihr ein ums andere Mal.
Weltmeister ist Gottfried von Cramm nie geworden. Dafür wurde er zum populärsten Tennisspieler seiner Zeit, zum Inbegriff von Stil und Fair play und, gut geartet und gut gewachsen wie er war, zum Schwarm der Frauen - an denen er, obwohl zweimal verheiratet, allerdings nur bedingt Gefallen fand.
Vielleicht erlaubte er deshalb der Öffentlichkeit niemals auch nur den kleinsten Einblick in sein privates Leben. Selbst als er der sechste Ehemann der stets skandalumwitterten Woolworth-Erbin Barbara Hutton wurde, gelang es ihm, sich gegen die öffentliche Neugier abzuschirmen: Soviel auch über den "Tennisbaron" geschrieben wurde, und es gab in seiner Glanzzeit kaum einen Tag, an dem nichts über ihn in den Zeitungen stand, sowenig war darin über den Menschen Gottfried von Cramm zu erfahren - außer dem allgemeinen Eindruck, daß er von nettem, ja, von überaus nettem Wesen war.
Einblicke, wenn auch nur bruchstückhafte, in das Innenleben des Gottfried von Cramm gibt nunmehr eine Biographie, für die der Münsteraner Sportprofessor Egon Steinkamp zahlreiche Briefe und Aufzeichnungen des Barons zusammengetragen hat*. Aus ihnen geht hervor, daß dessen Wesensart geprägt war von jener stets und gegen alle geübten Gutheit, die häufig aus der Schwäche erwächst, und von jenem tiefen Bedürfnis, hinter dem meist Angst und Unsicherheit stehen: dem _(* Egon Steinkamp: "Gottfried von Cramm - ) _(der Tennisbaron". Herbig Verlag, ) _(München; 224 Seiten; 48 Mark. ) Bedürfnis, von allen über alles geliebt zu werden.
Das Gutsein war Cramm derart zur zweiten Natur geworden, daß er seinen Gegner auf dem Court als Gegenüber betrachtete, das er allenfalls schlagen, niemals aber vernichten durfte - kein Wunder, daß er die wirklich wichtigen Spiele seines Lebens stets knapp verloren hat: Dreimal, 1935, 1936 und 1937, stand er im Endspiel von Wimbledon, wo man ihn bald den "gracious loser", den würdevollen Verlierer, nannte.
Selbst bei spielentscheidenden Bällen korrigierte der "Gentleman of Wimbledon" die Schiedsrichter, wenn sie ihn mit ihrer Entscheidung zu Unrecht begünstigten: Einmal, 1935, klärte von Cramm nach einem über ihn hinweg ins Aus geschlagenen Matchball den Umpire darüber auf, daß er gespürt habe, wie die Fasern des Balles seinen Schläger noch berührt hätten - und verlor das Match.
Ein andermal, es war im Jahr darauf, stellte von Cramm den schon sicheren Sieg in Frage, als er darauf bestand, das Match fortzuführen, obwohl sein Gegner, der gestürzt war, die nach den Regeln erlaubte Verletzungspause erheblich überschritten hatte.
Der mangelnde Wille zum Sieg um jeden Preis war es wohl, der von Cramm zum unbestritten elegantesten und anmutigsten Spieler aller Zeiten machte.
Wie er, auch als es nicht mehr allgemeiner Brauch war, in lange weiße Baumwollhosen gekleidet, scheinbar ohne jede Hast dem Ball zueilte, wie er schwungvoll und doch bar jeglichen sichtbaren Kraftaufwandes den Schläger führte - welch ein Unterschied zu dem Vernichtungs-Tennis von heute, bei dem zwei in Hemdchen von äußerster Geschmacksferne gewandete Bürschchen auf dem Platz herumberserkern, dabei stöhnen wie ein von Koliken geplagtes Stück Vieh, um dann hinterher im obligaten Interview die Redefreiheit (O-Ton Becker: "Da hab isch ihn gebreakt, na hatter misch regebreakt, na habisch Pech gehabt") in ihren unwillkommeneren Spielarten zu kultivieren.
Angesichts dieses Elends geraten die Cracks von gestern ins Schwärmen, wenn sie sich an von Cramm erinnern. "Er spielte schönes, einfach beneidenswert schönes Tennis, das war ihm wichtiger als der Sieg", so der Amerikaner Donald Budge, gegen den von Cramm 1937 in Wimbledon verlor. Hinterher beglückwünschte der damals 28jährige den Gewinner in der ihm eigenen freundlichen Art und mit wohlgesetzten Worten: "Don, dies war das beste Spiel meines Lebens. Ich bin froh, es gegen dich, meinen Freund, verloren zu haben."
Ebenso nett verhielt sich von Cramm gegenüber seiner Frau Lisa, als diese ihn 1937 gegen den Eishockeyspieler Gustav Jaenecke eintauschte, womit sie zumindest dem Sport treu blieb. Der "liebe Petit", wie Lisa ihren Mann nannte, willigte anstandslos in die Scheidung ein, und als im Krieg die Phosphorbomben vom Himmel graupelten, half der liebe Gottfried den beiden bei den Räumungsarbeiten in der zerstörten Wohnung.
Die Klärung der Frage, wie er es mit den Nazis halte, nahmen ihm diese ab, indem sie ihn am 5. März 1938 einsperrten und ihm den Prozeß machten: Er habe, so die Urteilsbegründung, eine homosexuelle Beziehung zu dem Juden Manasse Herbst unterhalten und diesem mittels Geldzuwendung die Flucht aus Deutschland ermöglicht - ein Jahr ohne Bewährung nach Paragraph 175 (nach dem bis weit in demokratische Zeiten hinein in Deutschland Schandurteile gesprochen wurden).
Sieben Monate später wurde von Cramm wegen guter Führung vorzeitig entlassen, vor allem weil Mutter Cramm, eine knorrige Dame aus altem hannöverschem Adel, dem fetten Generalfeldmarschall ganz gehörig eingeheizt hatte: "Vorsprache bei Göring", notierte sie am 13. April in ihrem Tagebuch. "Versprach zum Schluß, für milde Bestrafung zu sorgen und nach verbüßter Strafe sich hinter G. zu stellen."
Warum die Nazis, die von Cramm bis dahin als "Botschafter Deutschlands" hofiert und mit Führerhändedruck geehrt hatten, gerade an dem weltweit bekannten Tennisspieler ein Exempel statuierten, ist unklar. Daß er sie nicht gerade mochte, hatte er ebenso deutlich gemacht _(* Bei den Olympischen Spielen 1936 in ) _(Berlin. ) wie seinen Willen, sich mit ihnen irgendwie zu arrangieren - schließlich wollte er, der sein Leben dem Tennis verschrieben hatte, um alles in der Welt Tennis spielen, und Konflikte haßte er obendrein.
1951 in Wimbledon stand von Cramm, wie zuletzt 14 Jahre zuvor, wieder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit - diesmal allerdings weniger seines Tennisspiels wegen, er war damals immerhin über 40, sondern aufgrund seiner schlagzeilenträchtigen weiblichen Begleitung.
Barbara Hutton verfolgte jedes seiner Spiele von der Tribüne aus. Die beiden seien liiert, munkelte die Weltpresse, doch das Gerücht war weit milder als die Wahrheit: Sie wollte ihn, er wehrte sich - vier Jahre lang, immerhin, dann hatte sie ihn geschafft.
1937 hatte die Millionen-Erbin den Tennisbaron auf der Anlage des Gezirah Sporting Club in Kairo kennengelernt und sich sofort in ihn verliebt. Kurz nach dem Krieg, die chronisch Unglückliche hatte schon drei Ehen und noch mehr Entziehungskuren hinter sich, begab sich Barbara Hutton einer rätselhaften Blutinfektion wegen in ein Schweizer Krankenhaus; von dort aus rief sie ihren geliebten Freiherrn, den sie zehn Jahre lang nicht gesehen hatte, telegraphisch ans Krankenbett.
"Es blieb mir vor zwei Tagen nichts anderes übrig, als vorsichtig anzudeuten, wie ich mir mein künftiges Leben vorstelle. Es hatte einen völligen Zusammenbruch zur Folge", schrieb von Cramm seiner Mutter aus der Schweiz. "Aber keine Krankheit, überhaupt nichts bringt mich davon ab, nach meinem persönlichen Gefühl zu entscheiden. Und das hat unzweideutig entschieden."
Doch die Hutton hatte anders entschieden, und so wurde sie am 8. November 1955 Freifrau von Cramm. Danach sahen sich die beiden kaum noch - Cramm kümmerte sich in Hamburg um seinen vier Jahre zuvor gegründeten Baumwollhandel en gros, seine Frau residierte mal in Venedig, mal in Tanger oder in New York, von wo aus sie ihm 1957 schrieb: "Ich möchte klar aussprechen, daß unsere Ehe zu Ende ist."
Fast 20 Jahre später, Cramm war in Ägypten mit dem Auto verunglückt, kam abermals Post aus Amerika - ein Herz aus Rosen fürs Grab und ein Telegramm für die Nachwelt: "Ich habe ihn über alles geliebt."
Das hat am Grab des anderen berühmten Zöglings der Margraff wohl kaum einer gesagt. Denn mit seiner Frau Wally, deretwegen er als Edward VIII. abdanken und England verlassen mußte, lebte er in lebenslangem Streit. Und seine engsten Angehörigen, die Royal Family, haben ihn erst als Toten wieder nach Hause gelassen. o
* Egon Steinkamp: "Gottfried von Cramm - der Tennisbaron". Herbig Verlag, München; 224 Seiten; 48 Mark. * Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin.

DER SPIEGEL 33/1990
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