30.04.1990

„Genosse, schlagen die uns tot?“

Seit der Beratung mit den Bezirkssekretären am 12. Oktober, auf der Honecker die Nato für die Probleme im Lande verantwortlich gemacht hatte, ist Günter Schabowski und Egon Krenz klar, daß die Krise der DDR nur gegen ihren Generalsekretär bewältigt werden kann. Sie beschließen, ihn in der Sitzung am 17. Oktober zu stürzen.
Honecker will von Schabowski telefonisch wissen, ob er sich bei Bergmann-Borsig den Arbeitern zum Dialog stellen soll. "Erich, das hat keinen Zweck mehr, da kommst du in eine miese Lage." Honecker legt wortlos auf. Er diktiert die Einladung für die nächste Tagung des Zentralkomitees, die seinem Willen nach erst in einem Monat stattfinden soll, mit dem Tagesordnungspunkt: "Thesen zur Gesellschaftsstrategie der SED für die neunziger Jahre."
Krenz und Schabowski wollen das ZK bereits zwei Tage später zusammenholen, um den Generalsekretär zu entmachten. Auf kleine Zettel schreiben sie die Namen der Genossen, auf die sie zählen können, 100 von 163.
Ihren Politbüro-Genossen Harry Tisch haben die beiden beauftragt, in Moskau mit Gorbatschow über den geplanten Sturz zu sprechen. "Ich wünsche euch viel Erfolg", sagt der nur.
Willi Stoph, der von Honecker so oft Gedemütigte, soll im Politbüro den Antrag stellen, den Diktator zu entlassen. Dadurch, so das Kalkül der beiden "Amateurkonspirateure" (Schabowski), sei die Zustimmung der alten Garde sicher. Doch Stoph stellt zur Bedingung, wohl um der Jugend nicht gleich die ganze Macht zu geben, daß Honecker Staatsratsvorsitzender bleiben müsse.
Krenz informiert Schabowski telefonisch über diese unvorhergesehene Komplikation, schon halb resigniert und dreiviertel einverstanden. "Egon, du mußt nicht alle auf dem Senkel haben", brüllt Schabowski zurück, "wenn du den läßt als Staatsratsvorsitzenden, dann wirst du weiter kujoniert."
Schabowski ruft den sowjetischen Botschafter in der DDR, Kotschemassow, an und drängt ihn, auf Stoph Druck auszuüben, "denn wenn Honecker nicht abserviert wird in jeder Funktion, kann sich in der DDR keine Politik auch im Sinne sowjetischer Interessen entwickeln".
Am nächsten Morgen kommt Erich Honecker wie immer als letzter in den Saal des Politbüros. Er geht reihum, begrüßt jeden Genossen, der sich dabei vom Stuhl erhebt, mit Handschlag, nimmt hinter seinem sechs Meter breiten Tisch Platz und will mit dem Monolog beginnen. Stoph meldet sich.
"Ich stelle den Antrag, den Genossen Honecker von seiner Funktion als Generalsekretär zu entbinden", sagt er mit Nußknackermiene, "und auch die Genossen Mittag und Herrmann von ihren Funktionen zu entbinden." Schweigen. Keiner meldet sich. Honecker tut so, als habe er nichts gehört, will zum ersten Punkt der Tagesordnung übergehen. Nein, protestieren Stoph und andere, darüber müsse man jetzt reden. Stoph beginnt.
Alle reden dann, bis auf Honecker, und alle sagen ihm die Wahrheit ins Gesicht, die einen emphatisch, die anderen stotternd. Selbst sein Jagdfreund Mittag und sein Sprachrohr Herrmann senken den Daumen; Honecker sei untragbar, sagt Mittag, und erntet Hohngelächter und Empörung: "Und zu dir sagst du nichts?"
Die artige Klassenatmosphäre bricht auseinander, "das war überhaupt keine Politbüro-Sitzung mehr, da kamen dauernd Zwischenrufe" (Schabowski). Honecker versucht die Form zu wahren, läßt sich das Recht nicht nehmen, den nächsten Redner mit einer kurzen Handbewegung zu ermächtigen, obwohl jeder, den er drannimmt, seine Ohnmacht vergrößert, selbst die, die er anderen vorzieht, damit sie endlich für ihn Partei ergreifen.
Mielkes Urteil kommt als weinerlicher Ausbruch daher, als jammernde Klage, daß er immer darauf hingewiesen habe, "aber du hast ja nie reagiert".
Mielke hat die interne Stasi-Information 0/228 in der Tasche, in der die Stimmung im Land so eingeschätzt wird, daß mit Streiks der Arbeiter gerechnet werden muß, wenn nicht kurzfristig Reformen eingeleitet würden und den Forderungen nach einer Kaderverjüngung nachgegeben werde.
Der Verurteilte findet keinen Satz der Verteidigung, versteinert sitzt er da, unbeteiligt wie eine Lenin-Büste. Im Vorraum lauern vier Abteilungsleiter des ZK, "man weiß ja nie, was bei einem Sturz so alles passiert", aber Honecker läßt sich widerstandslos entmachten. Der Mann, der über 18 Jahre lang die DDR kommandiert hat, geht klanglos. Das Politbüro läuft auseinander, die Genossen verziehen sich in ihre Zimmer.
Schabowski: "Da war keine Euphorie. Alle waren bemüht, es so wie üblich aussehen zu lassen. Das war eine Quälerei, das Ganze. Wir haben das ja als eine Unlauterkeit empfunden. Ich kam mir vor wie ein kaltblütiger Kerl, der skrupellos den Mann, von dem er bis dahin sein Geld kriegt, über den Jordan schickt."
Honecker räumt in seinem Büro die beiden Panzerschränke aus, verstaut wichtige Papiere in Briefumschlägen für "Schwedtner", seinen Büroleiter, und für "Krenz". Obwohl Honecker sonst ein fleißiger Arbeiter ist, hat er seit einer Woche, seit der ersten Krisendiskussion im Politbüro, keinen der vielen Briefe in den 20 Unterschriftenmappen auf seinem Schreibtisch unterzeichnet. Auch an seinem letzten Arbeitstag hat er keine Lust, unterschreibt nur einen Geburtstagsglückwunsch und die Einladung zu seiner Entmachtung: "Werte Genossen", schreibt er, "die 9. Tagung des Zentralkomitees der SED ist auf Beschluß des Politbüros für Mittwoch, den 18. Oktober, im Hause des ZK einberufen. Tagesordnung: Zur politischen Lage."
Um 15.03 Uhr verläßt er grußlos das Büro, was üblich ist, da er mit seiner Sekretärin nur noch schriftlich verkehrt.
Honeckers Erklärung kommt aus Schabowskis Computer. Auf seinem Amiga 2000 tippt er für Krenz den Entwurf der Abdankung, "weil der gar nicht wußte, wie man so was formuliert". Schabowski textet: "Dem Zentralkomitee sollte . . . ein Genosse vorgeschlagen werden, der fähig und entschlossen ist, der Verantwortung und dem Ausmaß der Arbeit so zu entsprechen, wie es die Lage im Lande, die Interessen der Partei und des Volkes . . . erfordern."
Nachdem Krenz mit dem Zettel abgezogen ist, ihn Honecker vorgelegt hat, steht dort plötzlich: "Dem Zentralkomitee sollte Genosse Egon Krenz vorgeschlagen werden, der fähig und entschlossen ist, der . . ."
So kommt es im Zentralkomitee überhaupt gar nicht erst zur Debatte über den Nachfolger, der durch sich selbst oder von Honecker inthronisiert ist. Das ZK hebt einmütig die Hand, nur eine Genossin stimmt gegen Egon und für Erich.
Honecker strebt dem Ausgang zu, vom Beifall und den Worten seines Nachfolgers geleitet, die Partei wolle "auch künftig auf dich bauen".
Der Gestürzte verläßt das ZK-Gebäude, ohne noch einmal sein Büro zu betreten. Seine drei Ausweise, den Staatsrats-Ausweis, den ZK-Ausweis und den des Nationalen Verteidigungsrates, hat er bereits vor der Abstimmung der Sekretärin auf den Tisch gelegt. Honecker läßt sich in den Wald fahren.
Sein Nachfolger Krenz präsentiert dem ZK derweil eine quallige Antrittsrede, und auch nach dem Referat des neuen Generalsekretärs diskutiert das ZK nicht über den Sozialismus nach Honecker. Nur drei Genossen können sprechen, bevor der Ruf ertönt, Egon müsse sich jetzt ans Volk wenden, er müsse doch den Leuten im Lande sagen, warum die SED nun eine andere sei und daß nun alles besser werde.
Aber Egon hat keine Rede an das Volk vorbereitet, er hat nur bis zum Sturz gedacht und keinen Schritt weiter. Der deutsche Revolutionär, so heißt es unter Marxisten, löse erst eine Bahnsteigkarte, bevor er den Bahnhof stürme, doch diesem ostdeutschen Desperado verdanken wir die volle Wahrheit: Der deutsche Revolutionär vergißt das Geld, das er braucht, um den Bahnsteig zu stürmen.
Nach kurzer Ratlosigkeit beschließen die ZK-Genossen, Egon solle doch einfach die Rede, die er eben ihnen gehalten habe, ans Volk richten. Und so sitzt am Abend ein neuer Generalsekretär vor der Fernsehkamera, der im ersten revolutionären Akt und zur Verwunderung der Zuschauer das ganze Volk der DDR kurzerhand zum Zentralkomitee macht.
Mit der lächelnden Unbedarftheit eines Vico Torriani tapst Egon Krenz in den folgenden Wochen durch die deutsche Revolution. Seine Mitstreiter, die geglaubt hatten, er habe insgeheim einen Troß von Beratern und einen Sack voller Konzepte für die Perestroika in der DDR, müssen erkennen, daß er glaubt, er als neuer Generalsekretär sei der Wende genug.
Die "Loyalität nach hinten" (Schabowski), die Rücksichtnahme auf Honeckers Gefährten, die ja immer noch jeden Dienstag um zehn Uhr um ihn herum sitzen und so tun, als könne man die DDR so weiter kommandieren wie in den vier Jahrzehnten vorher, hindert Krenz daran, das Volk und die Opposition wirklich ernst zu nehmen.
"Keine öffentliche Anerkennung des 'Neuen Forums'", schärft er den Ersten Bezirkssekretären ein. Den "demagogischen und antisozialistischen Forderungen" dieser Gruppe müsse der Boden entzogen werden. Wenn trotzdem "Demonstrativhandlungen noch nicht zu verhindern sind", solle wenigstens das Neue Forum nicht als Veranstalter der Demonstrationen akzeptiert werden und "die Verordnung über die Durchführung von Veranstaltungen vom 30.6.1980" zur Anwendung kommen.
Diese groteske Verkennung des Kräfteverhältnisses im Lande ist um so unverständlicher, da Mielkes Dossier-Bote den Politbüro-Genossen von Woche zu Woche üblere Zahlen auf die Schreibtische legt: vom 16. bis 22. Oktober "24 nicht genehmigte Demonstrationen mit insgesamt über 140 000 Personen"; vom 23. bis 29. Oktober 145 Demos mit 540 000 Teilnehmern; vom 30. Oktober bis 5. November 210 Aktionen mit 1,35 Millionen Demonstranten.
Zwar versucht Mielke, seine Stasi mit PR-Aktionen wie der Entsendung von einigen Hundertschaften in den Tagebau aufzupolieren, aber nach wie vor sind seine Spitzelheere mit der Bekämpfung "der antisozialistischen, konterrevolutionären Banden", also des Neuen Forums, der Sozialdemokraten und anderer, vollauf beschäftigt. "Bedeutendste Ausgangsbasis für das Wirken aller antisozialistischen Sammlungsbewegungen bilden nach wie vor die evangelischen Kirchen", schreibt Mielke in seinem Dossier 471/89 an alle Politbüro-Genossen.
Die DDR-Medien, die bald begriffen haben, daß das Politbüro nur noch die halbe Macht besitzt, beginnen, die Götter an den Pranger zu stellen, erst die bereits entmachteten, dann die erst halb ohnmächtigen.
An einem Sonntagabend muß das Politbüro in Wandlitz zusammenkommen, in Trainingsanzügen, weil es einen der Aktiven erwischt hat: Korruptionsvorwürfe gegen Harry Tisch sind ruchbar geworden, und der FDGB-Bundesvorstand will ihn absetzen. "Könnt ihr mir noch helfen?" fragt Harry. Bedauerndes Kopfschütteln.
"Was kann man da noch machen, der belastet uns ja alle. Wir taten alle so, als ob er sich gestern mit Aids infiziert hätte" (Schabowski).
Tisch, Mitglied der Wendefraktion im Politbüro und sogar als neuer Ministerpräsident im Gespräch, ist nur das erste Opfer der Enthüllungen, die die in der SED-Führung verbreitete Jagdleidenschaft und die Vorliebe für westliche Wasserhähne entblößen.
"Wandlitz", die spießige Waldsiedlung, klingt in den Ohren der Arbeiter und Bauern bald wie "Sodom" und wird zum Zielort aller Empörung. Eilig verlassen Krenz und Schabowski den Privilegienpfuhl, um nicht mit ihm unterzugehen. Die Altgenossen, die bleiben müssen, weil so schnell keine angemessenen Wohnungen zu finden sind, spüren düstere Erinnerungen in sich aufsteigen, fühlen sich wie im "Internierungslager" (Kurt Hager). Mielke, der wie immer um sechs Uhr morgens seine Bahnen im lagereigenen Swimming-pool zieht, pflegt nun draußen vorbeigehenden Genossen ein scharfes "Halt! Wer da?" hinterherzubrüllen. Der Stasi-Führer wird später, als Journalistenscharen in die Oase der Staatsoberen vordringen, verängstigt im Politbüro anrufen: "Genosse Schabowski, schlagen die uns jetzt tot?"
Dem neuen Genossen Generalsekretär geht die Wende schon zu weit. "Wenn wir zulassen, daß die Medien in Wort und Bild unsere aufopferungsvoll arbeitenden Parteifunktionäre der Öffentlichkeit sozusagen vorführen", warnt Egon Krenz, "dann brauchen wir uns nicht zu wundern, daß einer nach dem anderen zurücktritt." In der Jugendsendung Elf 99 beispielsweise sei Harry Tisch unverschämt scharf gefragt worden. Man wolle zwar die Politik der Erneuerung, "aber nicht die Politik der Zulassung der Opposition in Presse, Rundfunk und Fernsehen".
Das Politbüro müsse die Medien so anleiten, daß aus dem Aufruf zu mehr Sozialismus nicht eine Abkehr vom Sozialismus werde. "Sonst werden sich schnell alle öffentlich einig sein, daß die Erneuerung ohne unsere Partei viel schneller vorankommen würde."
Das Politbüro tagt nun fast jeden Morgen, um mit den Massen auf der Straße mithalten zu können. "Das einzige, was uns unentwegt in Trab brachte, das waren die Demonstrationen und die Enthüllungen der Medien" (Schabowski). Im Politbüro fordern Siegfried Lorenz und Schabowski, daß die Partei in der Aufklärung von Amtsmißbrauch und Korruption schneller sein müsse als die Medien und die Staatsanwaltschaft. Aber Eberlein, der Altkommunist und frühere Honecker-Dolmetscher, der als oberster Parteikontrolleur die Untersuchungen vorantreiben sollte, "stirbt bei dem Gedanken, hinausgehen zu müssen zu dem Honecker und den fragen zu müssen".
Als Eberlein sich dann doch zu seinem früheren Chef quält, weist der alle Vorhaltungen zurück, privilegiert gelebt zu haben. Eberlein: "Es war ein muffiges Milieu in seinem Arbeitszimmer. Aus seinem Umkreis war nicht zu erkennen, daß es irgendwie luxuriös war. Er sagte zu mir: 'Werner, guck dich doch einmal um, wie ich lebe.' Auch sonst war für mich nirgends etwas zu erkennen, daß hier ein Luxus besteht." Honecker meldet sich gelegentlich telefonisch bei seinem Nachfolger Krenz, schon eine Woche nach seiner Entmachtung das erstemal mit der Beschwerde, daß ja wohl ohne ihn in der DDR alles drunter und drüber gehe, eine Demonstration nach der anderen. Der erste Nach-Honecker-Witz kursiert im ZK: Erich und Margot, von Wandlitz nach Marzahn umgezogen, gehen nach drei Tagen das erstemal einkaufen, in ein kleines Warenhaus. "Nun guck dir das an", sagt Erich empört zu Margot, "was die in drei Tagen aus diesem Land gemacht haben."
Der frühere Agenten-Führer Mischa Wolf, so plant es Krenz, soll neuer Stasi-Chef werden und Honeckers Valuta-Kralle Alexander Schalck-Golodkowski neuer Ministerpräsident; Schabowski hingegen hält den Kontakt zu Modrow. Der Dresdner wartet in der Provinz darauf, daß sich der neue Generalsekretär, den er für Honeckers Marionette hält, selbst erledigt.
"Es gab immer dieses merkwürdige Verhältnis zwischen Krenz und Modrow, und ich bin nicht dahintergekommen, warum die nicht miteinander konnten" (Schabowski).
In Dresden pflegt die SED den Dialog, jene neue Herrschaftsform, mit der die Partei versucht, die Demonstranten von der Straße in die Säle zu bekommen, am intensivsten. SED-Bezirkschef Modrow findet Gefallen an dieser Dompteurarbeit, nachdem die Kirche ihn erst einmal durch eine List vor das Volk zerren mußte: Sie hat zum Dialog mit dem Bezirkschef auf den Theaterplatz geladen und Modrow erst informiert, als die Massen schon strömen.
Zunächst im Freien und dann im Hygiene-Museum schafft der SED-Mann die Grundlage für seine kurze, aber beeindruckende Karriere als Staatsmann: Er argumentiert so überzeugend, wirkt so glaubwürdig, redet so verantwortungsvoll, daß die Leute ihn zum Abriß-Weizsäcker ihrer einstürzenden Republik küren.
Obwohl Modrow erst am 8. Oktober, am Ende der Dresdner Gewaltwoche, seine Häutung vom Stalinisten mit menschlichem Antlitz zum demokratischen Sozialisten erlebt, obwohl er nichts unternahm, um Honecker zu entmachten, und erst drei Wochen nach dessen Sturz Einfluß auf die Partei- und Staatsführung zu nehmen beginnt, obwohl er als Honeckers Statthalter in der Provinz nicht weniger Dreck in der Kaderakte hat als Krenz, wird aus dem einen der gute Mensch und aus dem anderen das böse Schaf.
Dabei gehen inzwischen beide gleichermaßen unehrlich mit sich und ihrer Geschichte um: Der Verlegenheitskonspirateur Krenz schreibt sich zum Friedensengel und Maueröffner empor, der atemlose Modrow, der in dieser Revolution eigentlich nichts weiter als Überstunden gemacht hat, will nun als chronischer Widerstandskämpfer und keuscher Held dastehen.
Schabowski, in den Augen der Leute halb Krenz, halb Modrow, kommt über die Rolle des talentierten Volkstribuns nicht hinaus. "Das hat Spaß gemacht, da runterzugehen, denen in die Pupille zu gucken, und dir gucken sie in die Pupille, und du weißt, gleich mußt du springen."
Diese Wochen des Angriffs und des Gegenangriffs empfindet er als "die freieste Zeit" seines Lebens. Als Agitator ist er gut, aber als Partner seines Ko-Revolutionärs ist er zu schwach, um ihn vorwärts zu treiben. "Das Ding war zu groß für uns. Wir waren Amateure, ohne Zeit zum Üben."
Am 31. Oktober, nachdem das Politbüro zunächst eine kritische Vorlage der FDJ zurückweist, weil Horst Sindermann das Kleingedruckte nicht lesen kann und andere sich über den unehrerbietigen, forschen Ton beschweren (Krenz: "Avantgardismus hat noch nie gutgetan"), ringen sich die Altgenossen im Saal angesichts der Massendemonstrationen überall im Lande - allein in Leipzig eine halbe Million Menschen - durch, "dem Erneuerungsprozeß nicht länger im Weg zu stehen". Axen, Mielke, Hager, Neumann, Mückenberger wollen aus dem Politbüro zurücktreten. Nur Sindermann ziert sich energisch.
"Dieses Politbüro war nicht imstande, politische Entscheidungen zu treffen, es hat sich mit sich selbst beschäftigt. Dieses Politbüro hat eingeredet auf Sindermann: 'Horst, hör endlich auf. Leg deine Funktion nieder!'" (Eberlein).
Schabowski, der den immer größeren Druck seiner Berliner Parteibasis spürt, endlich radikale Reformen einzuleiten, versucht, Krenz voranzuschubsen. Immer wieder drängt er Krenz, mehr "Gags" zu bringen, wie er es nennt, kleine oder große Geschenke an das ungeduldige Volk: "Ein neues Auto versprechen, Schnitzler sofort vom Bildschirm zerren, den Sputnik wieder zulassen, solche Dinger hätten jeden zweiten Tag kommen müssen und Dinger wie das Reisegesetz alle zwei Wochen."
Der erste Entwurf des Reisegesetzes mißrät dem Politbüro, unerfahren in der Verwirklichung von Träumen, so gründlich, daß Mielke Streikgefahr signalisiert. Außerdem schwillt der Flüchtlingsstrom über die CSSR wieder bedrohlich an. Irgend etwas muß passieren.
Als Günter Schabowski diesen und die folgenden Absätze um 18.57 Uhr auf jener Pressekonferenz vorliest, die eigentlich nur die Ergebnisse der 10. ZK-Tagung der SED behandeln soll, ahnt er nicht, was er auslöst.
Keiner der Genossen, die in den letzten Stunden diese Absätze gehört haben, hat begriffen, was da geschrieben steht. Hätten die Sachbearbeiter im Innenministerium statt der bürokratisch-umständlichen 28 Zeilen nur die eine Zeile: "Hiermit öffnen wir die Mauer" aufs Papier gebracht, wäre die Mauer wohl bis heute immer noch nicht offen.
Den 213 Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees, denen ihr Generalsekretär Egon Krenz gegen 17 Uhr die Zeilen vorliest, ist diese Pressemitteilung, die ihnen wie eine Verkehrsdurchsage vorkommt, nicht einmal eine Minute Diskussion wert. Das Papier besagt schließlich nur, daß die DDR-Bürger, die seit Wochen über Ungarn und die CSSR abhauen, nun eben direkt von der DDR in die BRD können. Jedenfalls hat ihr Generalsekretär es ihnen so erklärt.
"Euch ist ja bekannt", sagt Krenz, im Wortprotokoll der ZK-Sitzung nachzulesen, "daß es ein Problem gibt, das uns alle belastet: die Frage der Ausreise. Die tschechoslowakischen Genossen empfinden das allmählich für sich als eine Belastung, wie ja früher auch die ungarischen. Was wir auch machen in dieser Situation - wir machen einen falschen Schritt."
Und dann liest er den ZK-Mitgliedern, unter ihnen der Innenminister, der Verteidigungsminister und der Chef der Grenztruppen, die neue Verordnung vor, ohne daß einer von ihnen begreift, daß damit der antifaschistische Schutzwall zusammenkracht.
Die führenden Kommunisten der DDR sind der Meinung, das Papier regele nur die ständige Ausreise von DDR-Flüchtlingen, nicht aber die Reisefreiheit aller DDR-Bürger, denn schließlich steht ja "Beschluß zur Veränderung der Situation der ständigen Ausreise von DDR-Bürgern nach der BRD über die CSSR" über dem Beschluß.
"Wie wir es machen, machen wir es verkehrt", sagt Krenz noch einmal und nicht etwa: "Wir werden in die Geschichte eingehen als die Mauerstürmer." Und er fügt hinzu: "Das ist die einzige Lösung, die uns Probleme erspart, alles über Drittstaaten zu machen, was dem internationalen Ansehen der DDR nicht förderlich ist."
Schabowski, der während der Bekanntgabe der neuen Flüchtlingsregelung nicht im ZK-Saal war, bekommt die Pressemitteilung von Krenz zugesteckt, kurz bevor er zur Pressekonferenz aufbricht. Ob er die dort mit verkaufen könne, fragt Krenz, was ein merkwürdiger Vorschlag ist, da Punkt 3 der Ausreise-Regelung besagt, daß "die beigefügte Pressemitteilung am 10. November zu veröffentlichen" ist, also erst am nächsten Tag.
Schabowski liest den Zettel weder im ZK noch im Auto, und erst als er während der Pressekonferenz auf die Flüchtlingswelle angesprochen wird, gibt er bekannt, "daß man aus dem Entwurf des Reisegesetzes den Passus herausnimmt und in Kraft treten läßt, der die ständige Ausreise regelt, also das Verlassen der Republik".
Als ein Journalist nachfragt, ob diese Ausreiseregelung auch für die Übergänge nach West-Berlin gelte, merkt Schabowski zum erstenmal, daß mit diesem Zettel, den ihm Krenz in die Hand gedrückt hat, etwas nicht stimmt.
Schabowski schaut auf das Papier. Ja, da steht "Berlin (West)", und ihm schießt durch den Kopf: Hoffentlich wissen die Sowjets davon, dieses Ding berührt ja den Vier-Mächte-Status, verdammt.
Herger, der Mann der Sicherheit im Politbüro, ist nach der ZK-Sitzung nach Hause gefahren, als wäre der 9. November ein Tag wie jeder andere. Um 22.30 Uhr hört er aus seinem Toilettenfenster - er wohnt in der Nähe des Grenzübergangs Bornholmer Straße -, daß sich unten Fahrzeugkolonnen in Richtung Grenze stauen. Ob das vielleicht mit diesem komischen Zettel von heute nachmittag zusammenhängt, denkt er sich.
Er eilt ins ZK und nimmt Verbindung zu den Grenztruppen auf und erfährt, daß die Grenzer in Eigenverantwortung dem Druck der Menschenmassen nachgegeben haben. Herger: "Sonst hätte es ein Blutbad gegeben in dieser Nacht."
Schabowski erfährt zu Hause durch zwei Anrufe von dem merkwürdigen Aufmarsch an der Grenze und eilt in die Stadt. Wandlitz liegt bereits im Dunkeln, nur bei Mielkes brennt noch Licht.
Er fährt die Grenzübergänge ab, starrt aus dem Auto auf die Ströme der DDR-Bürger, die in den Westen schwappen. "Jetzt ist die DDR erledigt", denkt er. Lediglich, daß nahezu jeder, der der DDR den Rücken zukehrt, lachend den blauen Ausweis hochhält, tröstet ihn.
Am nächsten Morgen bedauert Egon Krenz im Zentralkomitee, "daß der Druck, der bis gestern auf die tschechoslowakische Grenze gerichtet war, seit heute Nacht auf unsere Grenze gerichtet ist. Der Druck war nicht zu halten, es hätte nur eine militärische Lösung gegeben".
Von Gorbatschow bekommt Krenz telefonisch einen Rüffel, wie denn das zu dieser Sache in Berlin gekommen sei. Hier seien die Interessen der Sowjetunion verletzt.
Auch in der SED herrschen Empörung und Entsetzen über die Öffnung der Mauer; später wird die Schiedskommission im Ausschlußverfahren gegen Krenz und Schabowski kritisieren, man hätte wenigstens 10 bis 15 Milliarden DM bei Kohl für die Öffnung herausschlagen müssen.
Am Morgen nach der historischen Nacht, in einer Pause der ZK-Tagung, sitzt Krenz im Nebenraum unterm Wilhelm-Pieck-Porträt und murmelt vor sich hin: "Wer hat uns das eingebrockt, wer hat uns das eingebrockt?" Mielke mosert: "Wer hat das Ding mit West-Berlin verbrochen?" Und Schalck-Golodkowski entwickelt Vorschläge, wie in Verhandlungen mit Kohl vielleicht doch noch Kapital geschlagen werden kann aus der historischen Glanztat, die eigentlich ein grandioses Mißverständnis war.
Am 21. November, am Tag nachdem der SPIEGEL Honeckers geheimes Devisen-Imperium enttarnt hat, platzt ein großer Mann in die Politbüro-Sitzung. Er heult. Die erschrockenen Genossen kennen den stets hinter einer Sonnenbrille Versteckten als immer agilen Problemlöser.
Alexander Schalck-Golodkowski spielte bis dahin den Libero in Honeckers Kommando-Truppen, den Ausputzer, der immer mit einer Handvoll D-Mark zur Stelle war, wenn Träume der Politbüro-Familien zu erfüllen waren, und der stets ein paar Milliarden Valuta auftrieb, wenn der DDR mal wieder das Geld ausging. "Jetzt bringen sie mich um", preßt der Staatsschieber heraus. Er fürchtet weitere Enthüllungen, über seinen Waffenhandel, seinen Stasi-Nebenjob, und er fürchtet um das Leben seiner Frau. Krenz verspricht Hilfe und Polizeischutz, und auch Modrow will sich einsetzen: "Wir müssen sehen, wie wir da rauskommen."
Der Ministerpräsident will mit seinem Stellvertreter Lothar de Maizière, seiner wichtigsten Stütze in der Regierung, sprechen. Kurz darauf beauftragt Modrow Schalck-Golodkowski, zusammen mit Kanzleramtsminister Rudolf Seiters das Treffen Kohl/Modrow in Dresden vorzubereiten.
Am Abend des 1. Dezember steht Schalcks Schicksal wieder auf der Tagesordnung des Politbüros. Schalck will auf keinen Fall vor der Volkskammer Auskunft geben über Honeckers Valuta-Reich. In der Nacht darauf reist er zusammen mit seiner Frau nach West-Berlin aus.
In einem Brief an Modrow hat er versichert, "nicht in die BRD, nach West-Berlin oder Nato-Staaten" zu fahren. "Ich verspreche Dir und meinem Staat, daß ich gegenüber niemandem über meine Kenntnisse sprechen werde."
Schalcks Flucht wirkt wie das letzte dumpfe Tuten des untergehenden Politbüros. In den Wochen davor sind die Zeichen des Machtverfalls von Tag zu Tag deutlicher geworden. Das Zentralkomitee hat beschlossen, die Zahlen über die wahre Verschuldung der DDR nicht zu veröffentlichen. Krenz: "Wir schockieren die ganze Republik." Der Süden des Landes ist bereits außer Kontrolle. Schabowski: "Das war schon wie Vietnam '75: Saigon hat noch Regierungsgewalt, aber in Huế, also in Leipzig, da ist schon nichts mehr zu machen."
Aus Moskau hat Gorbatschow aufmunternd-besorgt herübergefunkt: "Weiter darf die Partei nicht zurückweichen!"
Ganze Parteigruppen verlassen die SED, Bezirks- und Kreissekretäre verzweifeln an der halbherzigen Untätigkeit des Politbüros. Als am 3. Dezember die Nachricht von Schalcks Waffenhandel und seiner Flucht die Runde macht, formen sich aufständische Parteigenossen zu einem Sternmarsch auf das Gebäude des Zentralkomitees. Während sie vorn vor dem Haus der tausend Fenster zusammenströmen, verschwinden die ZK-Mitglieder durch den Hinterausgang.
Schabowski tritt vor die Menge und verkündet durchs Megaphon die Abdankung der geflüchteten Götter.
An einem nachrevolutionären Sonnabend, in einer Zeit, als Leipzig schon wiedervereinigt scheint, als "die Bohley" bereits von denen am Reden gehindert wird, für die ihr Neues Forum die Redefreiheit erstritt, als die Revolution längst zur Umwälzung geschrumpft ist, als die SED schon SED-PDS heißt und die Vergangenheit abstoßen will, da sitzen zwei Damen und zwölf Herren im Zentralkomitee vor einer verschlossenen Tür und warten darauf, abgestoßen zu werden.
Sie müssen sich fühlen wie Pfarrer, die kurz vor dem Tod erfahren, daß es keinen Gott gibt.
Einer nach dem anderen wird in den Saal gerufen und befragt, darüber, wie das in Wandlitz war und warum keiner widerstanden hat und wie das mit der Wahlfälschung lief und ob in Leipzig geschossen werden sollte.
Einer nach dem anderen tritt wieder heraus, der eine rot, der andere blaß. Herrmann, Keßler, Schürer, Hager . . . die letzten des Politbüros verlassen die Partei.
Zwei bleiben noch übrig, vor der Tür, nach acht Stunden. "Sag mal, Günter", fragt Krenz unvermittelt in die lange Stille des Wartens hinein, "wie groß ist eigentlich eine Zelle?" f
Von Cordt Schnibben

DER SPIEGEL 18/1990
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