01.10.1990

DoktortitelGroßmeister des Genitivs

In der DDR wimmelt es von Doktoren aller Art. Sie dürfen die geliebten Titel auch nach der Vereinigung behalten.
Die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) trägt nur zur Tarnung Schiebermütze. Besseren Schutz gewährt der Doktorhut: 35 der 66 PDS-Volkskammerabgeordneten sind promoviert - der melancholische Ehrenvorsitzende Hans Modrow, seine schmallippige Ex-Wirtschaftsministerin Christa Luft und ebenso Gregor Gysi, der Rechtsphilosoph auf dem Marsch nach Bonn.
Im Ost-Berliner Parlament drängeln sich mehr Doktoren als weiland 1848 in der Paulskirche. Kein Wunder: Überall im Lande gibt es Doktorenschmieden - in Meißen und Mittweida, in Wismar, Zwickau, Zittau, und in Potsdam gab es sogar gleich drei: Die "Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft der DDR", die "Pädagogische Hochschule Karl Liebknecht" und obendrein eine eigene Hochschule des allmächtigen Ministeriums für Staatssicherheit. Dort war alles streng geheim: das Thema der Doktorarbeit, die Note und sogar der Klar-Name des selbstgeschnitzten Akademikers.
Nur wer sich - wie beispielsweise der Jurist und Noch-Innenminister Peter-Michael Diestel - durch "vorbildliches gesellschaftliches Verhalten und eine bewußte Parteinahme für die sozialistische Entwicklung der DDR" auszeichnete, wurde der Doktorweihe teilhaftig. Der "Aspirant" mußte nachweisen, daß er seine "marxistischleninistischen Kenntnisse erfolgreich vertieft" hatte, ordentlich Russisch sprach und willens war, seine staatstragenden Thesen auch öffentlich zu verteidigen.
Beim Doctor scientiae juris Diestel (Leipzig, 1986) bestand die Wissenschaft vor allem darin, Zitate und Erkenntnisse von Marx, Engels, Lenin und Honecker mit den Neuigkeiten aus dem DDR-Bauern-Echo zusammenzurühren, fertig war das Doktorwerk. Sein Titel: _____" Die rechtliche Gestaltung der Kooperationsbeziehungen " _____" der LPG, VEG und anderer Kooperationspartner unter den " _____" Bedingungen der Zusammenarbeit in einer " _____" Agrar-Industrie-Vereinigung. "
Das Opus (150 Schreibmaschinenseiten) handelt von Diestels Erfahrungen in der sozialistischen Landwirtschaft des sächsischen Kreises Delitzsch. Kostprobe: _____" Diese Organisationsform (der " _____" Agrar-Industrie-Vereinigung " _____" Delitzsch) verkörpert in sich die Erkenntnis, daß in der " _____" gesamten Periode der entwickelten sozialistischen " _____" Gesellschaft das genossenschaftliche Eigentum " _____" bestehenbleibt und weiter verstärkt wird. "
Das Volk nahm davon keine Kenntnis. Konnte es auch nicht, weil Diestels Doktorarbeit sofort als geheim ("Nur für den Dienstgebrauch") klassifiziert wurde.
Hans Modrows Gedanken über _____" Ermittlung, Auswahl und Entwicklung von " _____" Nachwuchskadern in der sozialistischen Industrie "
(Berlin, 1966) waren hingegen nicht geheim, sondern nur nicht "für den Austausch zugelassen". West-Leser sollten nie erfahren dürfen, wie man in der DDR aus Kadern Könner macht. Modrows 149-Tage-Regiment brachte die arrivierten Kader paradoxerweise endgültig um Amt und Würden.
Da half es auch nicht, daß Modrows energische Wirtschaftsministerin Christa Luft viele Jahre ihres Lebens hingegeben hat, um das "Wesen der Verkaufspsychologie im sozialistischen Außenhandel" zu erfassen. Ihr Thema (Berlin, 1968): _____" Zur bewußten Ausnutzung der dialektischen Einheit " _____" ökonomischer und psychologischer Marktfaktoren beim " _____" Export der DDR nach dem sozialistischen Wirtschaftsgebiet " _____" sowie nach kapitalistischen Industrie- und " _____" Entwicklungsländern. "
Als Ökonomin Luft das Ruder der DDR-Wirtschaft in die Hand bekam, setzte sie den Kahn endgültig auf Grund.
Dabei hatte die DDR doch sogar gesetzlich festgelegt, daß alle Dissertationen "Wege für die praktische Anwendung" des Erforschten weisen müssen. Wohin das führte, beweist die gemeinsame Doktorarbeit von Wolfgang Neumann und Helmut Seidensticker. Die beiden Akademiker promovierten 1983 an der Hochschule für Landwirtschaft und Nahrungsgüterwirtschaft in Bernburg (Sachsen-Anhalt). Auf 292 Blatt breiteten sie _____" Erfahrungen und Vorschläge zur Vervollkommnung des " _____" Leitungs- und Arbeitsstils des Stellvertreters des " _____" Vorsitzenden des Rates des Kreises für Landwirtschaft und " _____" Nahrungsgüterwirtschaft und des Leiters der Abteilung " _____" Landwirtschaft und Nahrungsgüterwirtschaft des Rates des " _____" Kreises unter Berücksichtigung " _____" pädagogisch-psychologischer Erkenntnisse "
aus. Vorsichtshalber wurde auch diese Arbeit zweier Großmeister des Genitivs für jeden Austausch gesperrt.
Ohnehin mußten Doktoranden in der DDR nur jeweils sechs Exemplare ihrer Arbeit abliefern (in der Bundesrepublik sind es 150 Exemplare). Die wenigen Stücke wurden in drei Geheimhaltungsstufen sortiert. Manche der jährlich rund 6000 Dissertationen waren so geheim, daß weder Autor noch Titel irgendwo verzeichnet sind. Auch die obligaten biographischen Angaben wurden sicherheitshalber unter Verschluß genommen. Und nun, nach der Wende, geht auch noch der Dissertationsklau um: "Wir haben schon ziemliche Verluste", heißt es in der Ost-Berliner Humboldt-Universität. Offenbar sichern sich die Doktoren handgreiflich ihr geistiges Eigentum.
Für immer soll rätselhaft bleiben, wie beispielsweise die "Macht Mit!"-Bewegung als gesellschaftliche Reserve bei der Lösung der Wohnungsfrage als soziales Problem bis 1990" gewirkt hat; ob die "Reproduktion der Klasse der Genossenschaftsbauern" flott voranging und wie sich der "Einfluß der individuellen Konsumtion auf die Entwicklung der Moral sozialistischer Persönlichkeiten" auswirkte. Mit solchen Themen wurde man Doctor scientiae (sc.) oeconomicae, Doctor sc. agriculturarum und Doctor sc. philosophiae - und man bleibt es auch in Deutschland, einig Vaterland.
Mancher DDR-Akademikus hat zwar eine Weile fürchten müssen, daß sein geliebter Titel womöglich der Wiedervereinigung zum Opfer fallen werde. Doch der Ost-Doktor Günther Krause und der West-Doktor Wolfgang Schäuble haben im Einigungsvertrag festgelegt: "Das Recht auf Führung erworbener, staatlich anerkannter oder verliehener akademischer Berufsbezeichnungen, Grade und Titel bleibt in jedem Fall unberührt."
Vielen DDR-Doktoren fällt ein Stein vom Herzen, vor allem den ganz frischen. Denn die Titel-Produktion geht immer noch munter weiter, mit den altbewährten Themen und Thesen. Da wird über die Zukunft des "Jugendradio DT 64" und über das nächste Jahrzehnt des "Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe" philosophiert, obwohl weder Sender noch Rat eine Zukunft haben. Udo Becker, Gesellschaftswissenschaftler in Jena, beginnt sein frisch eingereichtes Doktorwerk gleich im ersten Satz mit der frohgemuten Schilderung des "revolutionären Geistes, der den Marxismus-Leninismus in Theorie und Praxis auszeichnet". Lohn der Übung: ein Dr. sc. phil.
Nur die Pastoren stehen in der DDR nackt und bloß im scharfen Wind des Wandels. 27 Gottesmänner zählte die Volkskammer, nur einer war ein Doktor. Das wird jetzt endlich anders. Ab sofort dürfen auch die vier evangelischen Pflanzstätten in der Ex-DDR den begehrten Titel verleihen, darunter die Kirchliche Hochschule in Naumburg. Sie hat 63 Studenten. o

DER SPIEGEL 40/1990
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