30.04.1990

„Da wird alles geschluckt“

Der Fall des deutschen Eishockey-Nationalspielers Uwe Krupp, der als Profi in Amerika arbeitet und bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz des Dopings überführt wurde, wirft ein Schlaglicht auf die US-Drogen-Szene: Anabolika-Tests bei Schülern sind Routine, Straftäter erklären ihre Aggressivität als Doping-Folgen.
Xaver Unsinn, am letzten Donnerstag nach sieben Niederlagen des deutschen Eishockey-Teams bei der Weltmeisterschaft vorzeitig entlassen, hatte sich schon vorher von höherer Gewalt verfolgt gefühlt. Erst sei er selber krank gewesen, klagte der Bundestrainer kurz vor seiner Beurlaubung, dann habe die halbe Mannschaft gehustet, "und jetzt auch noch das": Sein Spieler Uwe Krupp wurde des Dopings überführt.
Die deutschen Funktionäre, die den Verteidiger mit dem Kosenamen "King Kong" für den Kampf gegen den Abstieg eigens aus den USA eingeflogen hatten, wiesen jede Mitschuld an der Manipulation weit von sich. Sie hätten, wiegelte Mannschaftsarzt Erwin Hipp ab, dem Spieler "vertraut".
Dabei wußten es alle besser. "Dort drüben", sagt Verteidiger-Kollege Uli Hiemer, werde "alles geschluckt". Die National Hockey League (NHL), in der Krupp bei den Buffalo Sabres als Gastspieler sein Geld verdient, ist in der Tat der letzte Hort des freien Dopings: Der Ex-Kölner wurde zwar vom internationalen Verband für 18 Monate gesperrt - in der NHL darf er dennoch weiterspielen.
Krupp hatte sich vor dem WM-Spiel gegen die Tschechoslowakei aus Gewohnheit mit "Phentamin" aufgeputscht. Die Stimulanzien, wegen ihrer problemlosen Nachweisbarkeit lange aus der Doping-Praxis verschwunden, sind in den USA offenbar wieder in Mode gekommen. Allein in den letzten Wochen wurden gleich drei Leichtathleten, allesamt Weltmeister, erwischt: der Weitspringer Larry Myricks, der Hürdensprinter Greg Foster und der 400-Meter-Läufer Antonio McKay.
Die USA und Kanada gelten als großer Drogensumpf, der sogar den des Ostblocks inzwischen weit übertrifft. Denn die epidemische Fehlentwicklung hat vielerorts auf die US-Gesellschaft übergegriffen. Doping-Kontrollen sind längst an den High Schools ebenso obligatorisch wie bei der Polizei von Houston. In Iowa werden sogar die Windhunde mit Urinproben auf Anabolika getestet. Und sehr oft müssen sich Gerichte mit den kriminellen Begleitumständen des Massendopings beschäftigen.
Der Anabolika-Schwarzmarkt in den USA wird von der Federal Drug Administration, der Arzneimittelkontrolle, auf etwa 100 Millionen Dollar Umsatz geschätzt; der kalifornische Staatsanwalt Richard K. Willard spricht sogar von einem "Milliarden-Dollar-Geschäft". Das interessiert vor allem die Pharmaindustrie.
Als ausgezeichnete Werbung für den Stanozolol-Hersteller Winthrop erwies sich der Doping-Sieg des kanadischen Sprinters Ben Johnson in Seoul. Bei einer Telefonaktion, die das amerikanische Olympische Komitee zusammen mit der Tageszeitung USA Today am Tage nach der Aberkennung seiner Goldmedaille durchführte, wollten viele Anrufer nur eines wissen: wie sie an denselben Stoff kommen können.
Das Geschäft wird inzwischen von Großdealern wie James Bradshaw, der zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt wurde, gemacht. Bei ihm entdeckte das FBI ein Anabolika-Lager im Gesamtwert von über zwei Millionen Dollar. Akribisch führten die Beamten 17 verschiedene Anabolika-Präparate auf, darunter etwa 2344 Tabletten-Fläschchen Dianabol und 3053 Ampullen Deca-Durabolin.
Eine medizinisch-merkantile Spitzenleistung vollbrachte auch der kalifornische Sportarzt John Perzik, 53, in der Kleinstadt Milpitas an der San Francisco Bay. Der emsige Doktor, so stellte das Gericht von San Jose im derzeit laufenden Prozeß fest, hatte allein im Olympiajahr 1984 über 100 000 Packungen diverser Anabolika, die in Kalifornien als "dangerous drugs" gelten, "ohne legitimen medizinischen Grund" abgegeben.
Perzik, der vor der Haftrichterin im modischen Trainingsanzug erschien, wird vorgeworfen, Mitglied des bisher größten bekanntgewordenen Anabolika-Verteilerringes der USA zu sein. Bei der kriminellen Vereinigung zur Steigerung der Muskelleistung stellte das FBI "zwei Lastwagen-Ladungen" mit Doping-Drogen sicher, dazu eine Kartei mit den Namen von mehreren hundert Stammkunden. Das Ehepaar Steven und Caroline Coons, die treibende Kraft bei der "California Five", erzielte in zwei Jahren, so errechnete die Staatsanwaltschaft, einen Reingewinn von 1,6 Millionen Dollar.
Um den Umsatz zu steigern, wurde alles getan. So verbesserte das Quintett den Imagewert seiner Doping-Produkte, indem es systematisch auf die Fläschchen ein Etikett "Made in East Germany" klebte. Vielfach versuchten sie bei den Käufern den Eindruck zu erwecken, der Stoff stamme aus der DDR, jenem Staat, dessen geheimnisvolle Sport-Erfolge nicht nur in den USA mit Anabolika erklärt werden. "Anscheinend umgibt Steroide aus East Germany etwas Mystisches", sagt Staatsanwalt Joseph Burton.
Auch prominente Spitzensportler sind schon im Milieu der Drogen-Dealerei gestrandet. Der frühere 400-Meter-Europameister David Jenkins wurde zusammen mit 33 Helfern durch einen eingeschleusten Polizeispitzel überführt. Der Brite hatte Anabolika von Mexiko nach Südkalifornien eingeschmuggelt. Jenkins wurde zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt und hält heute als reuiger Konvertit ("Ich war dumm und irregeleitet") flammende Vorträge gegen die Doping-Praxis.
In dem Land, in dem einst die Selbstmedikations-Anleitung "The Practical Use of Anabolic Steroids with Athletes" des kalifornischen Doktors Robert Kerr zum Bestseller wurde, hat Doping inzwischen das Image der Leichtathletik ruiniert. Bei den Hallen-Meetings dieses Winters blieben die Ränge zur Hälfte leer. Immer neue Verdächtigungen haben bei Zuschauern und Sponsoren zu einem Unbehagen geführt, zumal auch Topstars in Doping-Affären verwickelt waren: *___Die Siebenkampf- und Weitsprung-Olympiasiegerin Jackie ____Joyner-Kersee erklärte einen positiven Doping-Befund ____nach bewährtem Muster mit der Anwendung eines ____steroidhaltigen Asthma-Medikaments. *___Die Sprinter Carl Lewis und Florence Griffith wurden ____vom US-Läufer Darrell Robinson im Stern des Dopings ____bezichtigt. Lewis klagte "wegen Verleumdung und übler ____Nachrede" auf 182 Millionen Dollar Schadensersatz, ____Griffith schwieg. *___Die Sprinterin Diane Williams gab vor einem Ausschuß ____des US-Kongresses zu Protokoll, von ihrem früheren ____Trainer Chuck DeBus mit Doping-Mitteln vollgepumpt ____worden zu sein - der amerikanische ____Leichathletik-Verband verschleppt die angekündigte ____Untersuchung seit dem letzten Herbst. *___Bob Kersee, Ehemann von Jackie Joyner und früher auch ____Trainer von Florence Griffith, wurde schon häufiger mit ____Doping-Praktiken in Verbindung gebracht. Kersee lernte ____sein Handwerk als Assistent von DeBus an der ____Universität von Los Angeles, wo auch Tom Tellez, der ____Coach von Lewis, einmal tätig war. *___Vor dem Johnson-Ausschuß in Toronto gestand Doping-Arzt ____Kerr unter ____Eid, von 1966 bis 1984 zahlreichen Athleten der USA wie ____des Auslands Anabolika auf Rezept verschrieben zu ____haben. 20 dieser Patienten hätten bei Olympia in Los ____Angeles Medaillen gewonnen. *___Innerhalb von wenigen Wochen wurden nun die Weltmeister ____Myricks, Foster und McKay erwischt - und alle drei ____behaupteten, sie hätten lediglich "ein Grippemittel ____geschluckt".
Im März letzten Jahres trat der medizinische Direktor des Nationalen Olympischen Komitees der USA, Robert Voy, von seinem Posten zurück. Voy klagte ein letztes Mal über den systematischen Zwang der Sportler zum Doping, die versteckte Duldung durch viele Sportverbände und die Tatsache, daß ein Drittel der von ihm betreuten US-Athleten die Anabolika von Ärzten bekomme. Dem Sport traute der aufrechte Doktor keine Selbstkontrolle mehr zu. Er forderte vielmehr ein vom US-Kongreß eingesetztes unabhängiges Aufsichtsgremium: "Wir würden so endlich erfahren, welche Mediziner die Steroide verschreiben."
Ebenso verseucht ist der American Football. Obwohl im letzten Jahr die ersten Kontrollen in der National Football League (NFL) vier Monate vorher angekündigt worden waren, wurden 24 Profis mit positiven Urinproben erwischt. Und erstmals wurden im August letzten Jahres auch Football-Trainer wegen Doping-Dealerei verurteilt. Das Bezirksgericht Columbia verhängte Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren.
Sogar dem Drogenberater der NFL wurden jetzt Unregelmäßigkeiten bei den Kontrollen vorgehalten. Der Arzt Forest Tennant soll positive Testergebnisse schwarzer Spieler zur Veröffentlichung weitergegeben, die von drei weißen Quarterbacks aber vertuscht haben. Der Leiter des Testlabors im kalifornischen West Covina trat sofort zurück.
Über die Leichtathletik und den Football hielt das Doping auch Einzug in den Schulsport. Eine Untersuchung an 46 High Schools ergab, daß 6,6 Prozent aller Schüler der 12. Klasse (16 bis 18 Jahre alt) bereits Anabolika eingenommen hatten. In den Football-begeisterten Südstaaten, so eine weitere Studie, lag der Anteil gar bei elf Prozent. Von den Anabolika-Benutzern hatte fast die Hälfte bereits fünf und mehr Kuren hinter sich, 44 Prozent verabreichten sich sogar mehrere Präparate gleichzeitig.
Inzwischen haben die Behörden drastische Gegenmaßnahmen ergriffen: Quer durch die USA werden Angehörige von High Schools, die in einer Schülermannschaft Sport treiben, nach einer Zufallsauswahl zum wöchentlichen Doping-Test gebeten. In mehreren Grundsatz-Prozessen hatten Gerichte die Klagen von laufenden College-Studenten zurückgewiesen, die mit Hinweis auf die garantierten Bürgerrechte, die vor Nach- und Ausforschungen schützen, die Urinproben verweigern wollten. Die Richter dagegen sahen im Harnlassen vor Zeugen ausdrücklich eine konsequente Fortsetzung der harten gesetzgeberischen Linie, die in den letzten Monaten drastische Strafen für Anabolika-Doping festgelegt hatte.
Die Erkenntnisse über den hohen Durchseuchungsgrad auf den Colleges ging einher mit eindeutigen medizinischen Belegen für die psychischen Veränderungen durch Anabolika. Nebenwirkungen wie Depressionen und Halluzinationen, paranoide Wahnvorstellungen und Aggressivitätsausbrüche waren von den Sportmedizinern bislang verdrängt worden. Doch jetzt wurden Fälle bekannt, die verblüffend an auffällige Handlungen prominenter Sportler erinnerten.
Ein rasender Anaboliker war absichtlich mit dem Auto gegen einen Baum gefahren, hatte sich dabei sogar noch von einem Freund mit einer Videokamera filmen lassen - auf ähnliche Weise setzte Boxweltmeister Mike Tyson seinen 72 000-Dollar-BMW gegen eine Kastanie. Ein anderer anaboler Autofahrer verfolgte einen Mann, der ihn angeblich behindert hatte, und demolierte dessen Wagen - Ben Johnson zog in einem ähnlichen Fall gar eine Start-Pistole.
In der Tat schätzen die Athleten den Aggressivitätsgewinn durch Anabolika oft noch höher ein als den Kraftgewinn und setzen die Mittel vor allem im Football gerade zu diesem Zweck ein. Die Zielsetzung ist dabei nicht anders als im ersten dokumentierten Fall von Hormon-Doping überhaupt - der Verabreichung von Testosteron bei deutschen Sturmtruppen im Zweiten Weltkrieg.
Bei den Psychiatern in den USA ist die "'roid rage", der Steroid-Taumel, und auch die suchtartige Abhängigkeit inzwischen allgemein bekannt und von den Gerichten auch schon offiziell als die Zurechnungs- und Schuldfähigkeit beeinträchtigender Zustand bei Gewaltdelikten anerkannt. So wurde der Marineflugzeug-Mechaniker Michael David Williams, 26, trotz einer zweitägigen Einbruchs- und Brandstiftungstour nicht verurteilt, weil er nach einem Bodybuilding-Wettkampf noch "steroid high" war. Der Kidnapper Glenn Dean Woolstrum erreichte unter Hinweis auf seine Anabolika-Sucht, die in der ersten Verhandlung nicht gewürdigt worden war, in Oregon eine Berufungsverhandlung, der Gattenmörder William Charles Brand hatte in Seattle mit der gleichen Begründung allerdings keinen Erfolg.
Wie vielfältig das Anabolika-Doping und seine unausweichlichen aggressivneurotischen Wirkungen in das amerikanische Leben eingreifen können, wurde der Öffentlichkeit erst kürzlich richtig bewußt.
Im texanischen Houston erschoß im November letzten Jahres der Streifenpolizist Scott Tschirhart, Hobby-Bodybuilder und eifriger Anabolika-Konsument, bei einer Verkehrskontrolle einen Autofahrer. Tschirhart hatte den nicht angegurteten Mann angehalten - und sofort sechsmal abgedrückt. Der todbringende Anaboliker Tschirhart, der zuvor schon im Dienst zwei Schwarze erschossen hatte, wurde entlassen. Der Stadtrat von Houston ordnete im Dezember regelmäßige Anabolika-Tests bei der Polizei an.

DER SPIEGEL 18/1990
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