01.10.1990

SexualitätEin bißchen Schmerz

Die Lust an der Pein scheint keine Grenzen zu kennen. Die Medien haben die masochistische Frau entdeckt.
Lange schien die sexuelle Lage erschlafft, doch jetzt geschieht etwas, das einem den Atem nimmt: Von Fesselungen ist die Rede, von Wildheit und Hingabe - es wimmelt nur so von Räuschen und Ekstasen. Da ist zum Beispiel Jutta. "Tu's", sagt sie. "Was?" fragt der Ehemann. "Fesseln", sagt Jutta. Er fesselt sie. "Fester", bittet sie. "Tut das nicht weh?" fragt er besorgt. "Doch", sagt sie.
Oder Carmen, 39, Ärztin: Bevor ihr Mann sie auspeitscht, muß die Aktion genau besprochen werden. Er: "Womit werde ich dich züchtigen?" Sie: "Mit der Riemenpeitsche." "Wie werde ich dich züchtigen?" "Hart, aber gerecht."
Schließlich Susanne, 42, Hausfrau: "Die Schmerzen durchzogen ihren Leib wie Dolchhiebe. Immer wieder ließ der Hohe Gebieter die Peitsche auf ihr glühendes Hinterteil niedergehen - bis die Erfüllung der angekündigten Sinnesfreuden sie in eine Ekstase der Wollust geraten ließ."
Mit derlei Bekenntnissen in deutschen Zeitschriften und Büchern wird derzeit eine Wende zum weiblichen Masochismus verkündet. Auftakt des Booms war ein Stern-Artikel, in dem die 25jährige Sina-Aline Geißler, hauptberuflich Masochistin und Buchautorin, ihre sexuellen Vorlieben erläutern durfte. Freimütig berichtete sie auch über die Erlebnisse anderer Frauen: Nach ihrer Vergewaltigung schleppt sich "Ulrike heimwärts, zerrissen, blutend, verschmutzt, besudelt - und glücklich".
Frauenzeitschriften wie Cosmopolitan, Viva und Marie Claire haben den Trend aufgegriffen und widmen sich mit Hingabe der weiblichen Unterwerfungslust. "Ein bißchen Angst ist geil", titelte ein Hamburger Stadtmagazin. Das Zeitgeistblatt Wiener entdeckte gar, "daß die Einfamilienhäuser voll sind mit Folterkellern und Lustzentralen". Popstar Madonna will nicht abseits stehen und trägt in ihrem Videoclip "Express yourself" ein Hundehalsband, sich windend wie unter Schlägen. "Ich mag es nicht richtig hart", beichtet sie. "Es muß nur ein bißchen schmerzen, dann ist es gut."
Die Illustrierte Bunte stellte die Frage: "Wird man als Masochistin geboren, oder wird man verführt wie zum Rauchen und Trinken?" Ganze Heerscharen von Frauen, so machen die Medien glauben, bemühen sich derzeit um ein neues Lebensgefühl. Sie sehnen sich nach Schmerzensqual und Unterordnung - Genuß im Stil der neuen Zeit?
Ein Ende der Masowelle ist nicht in Sicht. In dem Film "Nackter Tango", der Anfang Oktober bundesweit anläuft, verfällt die Heldin einem dominanten Tangotänzer: "Na, Sie wissen schon, so 'ne Art sexuelle Hörigkeit", heißt es beim Verleih, "das liegt momentan im Trend."
Die dunklen Seiten der Liebe, von sadomasochistischen Schauspielen bis hin zu einer Orgie, bei der sie fast zu Tode gefoltert wird, lernt auch Lulu kennen, Titelheldin eines gerade erschienenen Romans. Das Buch der 30jährigen Autorin Almudena Grandes wurde in Spanien und Italien ein Bestseller und findet auch in deutscher Übersetzung reißenden Absatz. Und die Verbal-Masochistin schiebt ihrem Erstling "Lust an der Unterwerfung" jetzt die Fortsetzung hinterher. Titel: "Mut zur Demut".
Sina Geißlers Peiniger Wolfgang Bergmann erklärte im Männermagazin Lui, Tausende von Frauen verzehrten sich nach "Hingabe pur". Klar, daß die Masochistin ein besonders gelungenes Exemplar der männlichen Gattung braucht. Bergmann ist stolz, daß Sina begriffen hat, "der Mann solle für sie übermächtig sein, stärker und kräftiger an Körper und Seele und, besonders wichtig, an Intelligenz".
Eine Erklärung, die solchem Überlegenheitswahn höhere Weihen gibt, hat der mediengewandte Münchner Psychologe Jens Corssen parat. Der um sich greifende Masochismus, philosophiert er, sei vielleicht der Versuch, sich wieder mit dem Mann auszusöhnen, nach all den Jahren des Ringens um Emanzipation, Karriere und Unabhängigkeit.
Corssen: "Vom Instinkt her weiß auch die neue Frau, daß ihr Mann der Urmann geblieben ist, der Liebe mit Unterwerfung gleichsetzt." Endlich wagt es einer auszusprechen - man hört förmlich das beifällige Raunen in den Reihen der Männerwelt.
Mit den wahren Verhältnissen an der deutschen Sex-Front haben solche Fiktionen wenig zu tun: Weder in den einschlägigen SM-Klubs noch in den Kleinanzeigen von SM-Kontaktblättern haben sich in jüngerer Zeit die Geschlechter-Proportionen verschoben - nach wie vor sind es fast ausschließlich Männer, die sich nach Peitsche, Bock und Rohrstock sehnen; Frauen mit Lust am Schmerz bleiben rar.
So gibt es nur wenige sogenannte gemischte (also nicht rein homosexuelle) Klubs wie etwa die Berliner SM-Gruppe "Quälgeister", die im Verborgenen wirkt und nur postlagernd zu erreichen ist. Die männlichen Mitglieder sind dort deutlich in der Überzahl: "Wir sind 10 Frauen und 90 Männer", beschreibt Gruppenmitglied Manfred das Mischungsverhältnis, "richtig leidenschaftliche Frauen", bedauert er, "gibt's halt nicht oft".
Ernüchternd ist auch ein Blick in die Stadtzeitungen von München, Frankfurt, Berlin und Hamburg. Auf rund 30 Männer, die gern die Peitsche schwingen würden, kommen in den Annoncen durchschnittlich nur zwei unterwerfungsbereite Masochistinnen.
Hingegen bieten sich jede Menge masochistisch veranlagte Männer an: "Schlanker, hübscher junger Mann wäre gerne, als süßes Mädchen verkleidet, das fügsame Spielzeug einer sehr dominanten älteren Dame."
Nach Meinung des Hamburger Sexualwissenschaftlers Gunter Schmidt spielt sich der aufblühende Sado-Maso-Trend vor allem in den Medien ab, die damit höchst erfolgreich klassische Männerphantasien bedienen: den "Traum von der unterwürfigen Frau und ihrer ständigen Verfügbarkeit" (Schmidt).
Daß Frauen masochistische Phantasien haben, darüber hatte sich bereits im Jahre 1976 die amerikanische Autorin Nancy Friday ausgelassen und damit ausdauernde Diskussionen entfacht. Masochismus aber als neue Frauensehnsucht, gar als Akt der Befreiung zu propagieren scheint ebenso unrealistisch wie zynisch. Die Masochistin als Abwechslung zum Kuschelweibchen kommt offenbar nur der Wunschvorstellung verklemmter Spießer entgegen.
Einem Kreis "echter" Sadomasochisten in Hamburg ist die bedenkenlose Trendsetterei in den Medien denn auch nicht ganz geheuer. Die sechs Männer und zwei Frauen, die zum Gespräch bereit sind, gehören zur SM-"Sündikat"-Gruppe, die rund 30 Mitglieder hat. Weil ihnen die Zeitungsberichte in der Regel "zu flach" sind, geben sie ein eigenes Blatt heraus. Es hat den Namen Schlagzeilen und ist bislang das einzige deutsche Magazin für heterosexuelle Sadomasochisten. Vor zwei Jahren wurden 150 Exemplare der Schlagzeilen verkauft, inzwischen liegt die Auflage bei 1200. Hauptanliegen der Zeitung, so Mitherausgeber Jan Scheu, sei eine Mischung aus "geilen Lesegeschichten und einem guten Serviceteil".
Ähnlich wie Schwule und Lesben wollen auch die SM-Praktikanten nicht länger diffamiert werden. Ihren Kollegen, bedauert die 35jährige Geli, könne sie nichts von ihren Neigungen erzählen. Die Biologin findet "normalen Sex" eher langweilig und liebt auch bei ihrer Art von Liebesspiel die Abwechslung. "Mal möchte ich als viktorianisches Dienstmädchen von meinem Freund mißbraucht werden, mal als lederpeitschende Amazone den Spieß umdrehen und ihm den Stiefel in den Nacken setzen."
Aber ihre Praktiken anderen Frauen als Freiheitsbotschaft zu verkaufen käme ihr nicht in den Sinn. "Warum sollten wir missionieren gehen?"
Statt dessen wollen die Hamburger SM-Freunde bei der "Erotisierung der Kultur", die ihrer Meinung nach dringend ansteht, ordentlich mitmischen. "Wir lassen uns", sagt Geli, "nicht einfach als Trend verwursten."

DER SPIEGEL 40/1990
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