30.04.1990

Kunst

Babylonisches Daumenkino

Die Fotografen Bernd und Hilla Becher auf der Spur von Industriebau-Typen - und auf dem Weg zur Biennale.

Einer ist oben kugelrund und trägt noch eine kokett-martialische Spitze wie eine Pickelhaube. Ein anderer erinnert an einen aufgeblasenen Ballon, den nur ein hohes senkrechtes Gestänge am Boden zu halten scheint. Ein dritter öffnet seine glatte Schirmform zum Himmel, als wollte er Signale aus dem All empfangen.

Wassertürme, Wassertürme, Wassertürme - deutsche, amerikanische, französische, hundertjährige und solche aus jüngster Zeit, Ziegelbauten, Metallbehälter und Betonkonstruktionen. Aberhunderte dieser eigentümlichen, oft so phantastisch wirkenden Nutzbauten hat das Künstlerpaar Bernd und Hilla Becher in drei Jahrzehnten aufgesucht, fotografiert und in einem riesigen Negativarchiv gespeichert. Ein Becher-Bildband entfaltet den Reichtum auf immerhin 223 Tafeln.

Mit noch mehr Fotos, nicht ganz so spezialistisch, aber nach gleichem Prinzip, werden die Bechers vom 27. Mai an ihr Werk im deutschen Pavillon der Biennale von Venedig ausbreiten, unter einem Dach mit dem Objektebauer und Rauminszenator Reinhard Mucha. Neben Wassertürmen, dieser freilich besonders großen und gewichtigen Motivgruppe, sollen da noch andere Industriebauten wie Förder- und Kühltürme, Hochöfen und Gasbehälter im Lichtbild erscheinen. Und immer werden sie, gruppenweise, Merkmale eines Typus zugleich mit individuellen Eigenheiten vor Augen führen. Entsprechend könnte ein Botaniker systematisch die Verwandschaft zwischen Pflanzengattungen darlegen.

Familienähnlichkeit haben die Fotos allemal. Sie zeigen ihren Gegenstand schwarzweiß, zumeist frontal, unter diffusem, fast schattenlosem Licht, entrückt in eine dauernde Monumentalität ohne Tages- und Jahreszeit. Bernd Becher, Jahrgang 1931, und seine drei Jahre jüngere Frau arbeiten so, seit sie zuerst gemeinsam vors Motiv zogen.

Der Fundus wächst ständig an, und die beiden werden wohl unverdrossen ihre schweren Plattenkameras in Stellung bringen, "solange wir sie noch schleppen können" (Hilla Becher). Aber eine Ausstellung wie für Venedig wäre auch vor 10 oder 20 Jahren möglich gewesen. Tatsächlich erinnern die Bechers sich, daß sie schon einmal zur Biennale eingeladen waren. Nur fiel die dann, 1974, dummerweise aus.

Zeit genug also, um auf der Kunstszene solide Fuß zu fassen. Das Publikum hat sich eingesehen und gemerkt, was diese nüchtern-feierlichen Aufnahmen mit der Attitüde der zwanziger Jahre von schierer Technik-Dokumentation unterscheidet. Sammler zahlen um 4000 Mark für ein Foto, und als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie (seit 1976) hat Bernd Becher mittlerweile sogar eine erfolgreiche Generation von Nachwuchskünstlern auf den Weg gebracht. So "neue Aktualität" war für den Münsterschen Museumsdirektor Klaus Bußmann als Biennale-Kommissar ein guter Grund, die beiden Pioniere jetzt einzuladen.

Derzeit sitzen sie, dem beengten Idyll einer ausgebauten rheinländischen Mühle entflohen, in einer leeren Münchner Mietwohnung zwischen Kisten über Kisten voll Fotos. Dort können sie die Hängung für Venedig ausprobieren, dort endlich haben sie Platz genug, um Bildauswahl und -reihenfolge für weitere Buchprojekte festzulegen. Ein "Hochöfen"-Band, direkter Nachfolger der "Wassertürme" vom vorletzten Jahr, soll im Juni herauskommen*, aber noch viele derartige Themen sind gleichzeitig gereift. So kalkuliert denn Verleger Lothar Schirmer auch für die kommenden acht Jahre je einen Becher-Band ein.

Das Buch ist ein Medium, durch das diese Art Kunst angemessen zur Geltung kommt. In den "Wassertürmen" blätternd, kann der Betrachter so etwas wie einen Daumenkino-Effekt erzielen. Benachbarte Architekturformen scheinen sich unversehens eine in die andere und schließlich in ganz entfernte zu verwandeln. Bernd Becher vergleicht das mit Formvarianten zwischen prähistorischen Gefäßen, authentische Überlieferung aus einer schriftlosen Epoche, die in einer Museumsvitrine ausgestellt sind: Diese Intervalle, sagt er, "beginnen zu spielen" - gleichsam die Flötenmelodie eines fernen Zeitgeists.

Aber die Würde des Einzelobjekts, das schlanke Stahlskelett eines Förderturms oder das kaum durchschaubare, ohne ästhetische Absicht gebaute und vielleicht noch mehrfach umgebaute Röhrensystem eines Hochofens, wird doch nur durch das Originalfoto perfekt vermittelt. "Das ist wirklich funktionale Architektur", rühmt Becher, "nicht der rechtwinklige Barock, den Architekten dafür halten." An Ort und Stelle verirrt sich das Auge, aber die Großbildkamera fixiert jedes Detail.

Auf 30 mal 40 Zentimeter reduziert, "findet der Gegenstand noch einmal statt", der Sammler kann ihn nach Hause tragen. Umgekehrt gilt: Was sich fortbewegen läßt, das brauchen Bernd und Hilla Becher nicht zu fotografieren.

Industriebauten auf Negativfilm einzuheimsen hat für die Licht-Bildner allmählich einen Sinn bekommen, den sie zunächst gar nicht ahnten; der Vergleich mit den Keramikfunden der Archäologen kommt nicht von ungefähr. Weniger deswegen, weil man bei Wassertürmen, die über ihre Funktion hinaus auch noch jeweils zeittypischen Dekor zur Schau tragen, statt an Ballon und Pickelhaube gelegentlich an den mythischen Bau von Babel denken kann. Vielmehr sind die Bechers wirklich an eine untergehende, nur gerade noch mit der Kamera konservierbare Zivilisation geraten. * Bernd und Hilla Becher: "Hochöfen". Verlag Schirmer/Mosel, München; ca. 256 Seiten; 128 Mark. "Wassertürme" im gleichen Verlag; 236 Seiten; 128 Mark.

Während der fünfziger Jahre, als Stuttgarter und dann Düsseldorfer Kunststudent, hatte Bernd Becher im heimatlichen Siegerland noch lauter Fördertürme und Hochöfen vor Augen gehabt. Inzwischen sind dort Bergbau und Verhüttung eingestellt, ihre hochragenden Wahrzeichen fast komplett verschwunden.

Becher, dessen Vater bereits vom Untertagebau auf die Dekorationsmalerei umgesattelt hatte und Bücher über so ausgefallene Themen wie die "metaphysische" Architekturmalerei Giorgio de Chiricos besaß, versuchte anfangs, den dinosaurierhaften Siegerland-Bauten mit Zeichenstift und Pinsel gerecht zu werden. Aber schließlich fand er heraus, daß Fotos, die er als Vorlagen gesammelt oder angefertigt hatte, der Sache viel näher kamen.

Seine Partnerin betrat den Schauplatz sozusagen aus entgegengesetzter Richtung. Hilla Wobeser, geboren in Potsdam, war ausgebildete Fotografin, doch entschlossen, an der Kunstakademie noch einmal neu anzufangen, als sie Bernd Becher 1957 beim Jobben in einer Düsseldorfer Werbeagentur begegnete. Daß ihre seitherige Arbeit in einer "Schwebe" zwischen Kunst und Sachfoto balanciert, ist beiden lieb. 1970 erklärten sie ihre Modelle zu "Anonymen Skulpturen", um denn doch "aus dem Buchregal der Ingenieure rauszukommen".

Ein Team, wie man es selten findet: An den Aufnahmen sind keinerlei Einzelhandschriften der Eheleute zu unterscheiden. Nur daß Gatte Bernd, schwindelfrei, sich leichter auf Dächer und wacklige Stege traut - sonst kann jeder stets für den anderen einspringen.

Die Arbeit beginnt mit der Recherche über mögliche Motive und den meist mühsamen Versuchen, die Erlaubnis für Aufnahmen auf Werksgelände einzuholen. Und der Expeditionstag endet oft, so bei monatelangen USA-Reisen, im fensterlosen Bad des Motel-Zimmers mit dem Entwickeln der Tagesausbeute.

Auf einer Amerikafahrt, in den pennsylvanischen Bergen, haben sich die Künstler auch als wahre Entdeckungsreisende fühlen können.

Der Kohlebergbau, den sie dort vermuteten, sei, so hörten sie zunächst, schon der Wirtschaftsdepression der dreißiger Jahre zum Opfer gefallen. Doch nach längerem Suchen stießen die Forscher-Künstler doch noch auf kleine, halblegale Gruben, die mittels hölzerner Fördertürme ausgebeutet wurden - graziler altertümlicher Konstruktionen, Jägerhochsitzen ähnlicher als den zusehends aussterbenden Zechen-Giganten des Ruhrgebiets.

Wie mit der Zeitmaschine fühlten sich die Fotografen zurückkatapultiert: In der Neuen Welt hatten sie eine archaische, daheim längst spurlos verschwundene aufgespürt.


DER SPIEGEL 18/1990
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