05.11.1990

Mitspieler der Zerstörung

Eine ökologische Selbstverpflichtung deutscher Politiker und Wissenschaftler

Prominente aus Politik und Kultur haben vorige Woche öffentlich gelobt, weniger Benzin, Strom und Wasser zu verbrauchen. Zu den rund 40 Erstunterzeichnern der Selbstverpflichtung, initiiert vom SPD-Sprecher der Bonner Enquete-Kommission "Schutz der Erdatmosphäre", Michael Müller, gehören SPD-Vize Wolfgang Thierse, der Energiewissenschaftler Klaus Traube und der Berliner Finanzsenator Norbert Meisner. Auszüge:

Neben der Bewahrung des Friedens ist die schleichende Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen das wichtigste Thema der Gegenwart. Die UnterzeichnerInnen sind besorgt, daß die Lebensfrage der Industriegesellschaften durch die Selbstgefälligkeit des Westens angesichts der Entwicklung im Osten noch mehr als bisher in den Hintergrund gedrängt wird.

Anfang Oktober 1990 hat die Enquete-Kommission "Schutz der Erdatmosphäre" dem Bundestag einen schonungslosen Bericht über den Zustand der Erdökosysteme vorgelegt. Darin werden die wissenschaftlichen Fakten über die Auswirkungen der menschlichen Eingriffe in das Klimasystem detailliert aufgelistet. Als Folgen sind nicht nur die Erderwärmung zu sehen, sondern auch gravierende Veränderungen in Niederschlagsverteilung, Windverhältnissen und Meeresströmungen.

Wenn es nicht schnell zu einem grundlegenden Umbau der Industriegesellschaften kommt, ist eine Klimakatastrophe nicht mehr zu verhindern. Die Klimadaten verändern sich bereits dreimal schneller, als dies selbst für eine noch unbelastete Natur zu verantworten wäre.

Wenn dieser Trend anhält, wird der künstliche Temperaturanstieg in ungefähr 100 Jahren etwa so groß sein wie seit der letzten Eiszeit vor 18 000 Jahren. Die durchaus realistischen Folgen für die nächste Zukunft wären Hungersnöte, Völkerwanderungen (Umweltflüchtlinge), Wetterextreme und internationale Verteilungskonflikte um knapp werdende ökologische Güter.

In Bundestag und Öffentlichkeit ist der Bericht der Enquete-Kommission auf wenig Resonanz gestoßen. Wir fragen uns: Was muß noch bekannt werden, damit endlich gehandelt wird? Bereits heute wissen wir das Hundertfache dessen, was wir wissen müßten, um umzudenken und anders zu handeln. Was uns offenkundig fehlt, ist die Fähigkeit zur wirklichen Einsicht, um so zu lernen und zu verstehen, daß wir uns nicht länger vor den richtigen Schlußfolgerungen drücken können.

Unsere "Ökologische Selbstverpflichtung - Aufruf zum Handeln" richtet sich gegen das folgenlose Geschwätz, das von Politikern, Unternehmern, Gewerkschaftern und Journalisten, auch das alternative Geschwätz oder die Ausflüchte vieler Wissenschaftler, wenn Tacheles geredet werden muß.

Wir alle wissen, spüren zumindest, daß es nicht mehr wie bisher weitergehen kann. Und wir wissen durchaus, in welche Richtung gehandelt werden müßte. Dennoch bleiben praktische Konsequenzen weitgehend aus. Diese Kluft zwischen unserem Wissen und unserem Tun ist unerträglich.

Waldsterben, Ozonabbau oder Klimaveränderungen stehen beispielhaft für eine neue, globale Dimension in der Vernichtung natürlicher Lebensgrundlagen. Ohne schnelle Kurskorrektur steuert die Menschheit auf eine epochale Krise zu, durch die die Kontinuität unserer Zivilisation abzureißen droht und die Natur, nach der kurzen Phase menschlicher Überhebung, wieder die Rolle des Hauptakteurs einnehmen wird.

Betroffenheit reicht offenkundig nicht aus, das Handeln tatsächlich zu ändern. Wirklich betroffen von der Naturzerstörung scheinen wir nur dort zu sein, wo die "gedehnte Katastrophe" schneller voranschreitet als die allgemeine Gewöhnung an die fast schon alltäglichen Katastrophenmeldungen.

Es wäre deshalb zu einfach, nur politische Maßnahmen einzuklagen, aber nicht zu begreifen, daß wir alle Mitspieler bei der alltäglichen Umweltzerstörung sind. Millionen von Menschen sind im Prinzip für den Umweltschutz, doch sie unternehmen dafür praktisch kaum etwas.

Auch in unserem Land ist keines der drängenden Probleme wirklich gelöst. Mit welchem Recht, so fragen wir, wird der Zusammenbruch Osteuropas als ein Erfolg der westlichen Wirtschaften gefeiert? Trotz eines höheren technischen Niveaus und einer effizienteren Wirtschaft sind die westlichen Industrieländer noch immer die Hauptverursacher der globalen Umweltzerstörung. Unter ökologischen Gesichtspunkten sind sie im Grunde bankrott, sie haben, global gesehen, ihre "Verschmutzungsrechte" aufgebraucht.

Der Schlüssel für eine friedliche Zukunft der Weltgesellschaft liegt zuvorderst im sozial-ökologischen Umbau der Industrieländer. Sie können aufgrund ihres Reichtums bei größerer Verteilungsgerechtigkeit auch Verzicht üben. Doch bisher spricht alles dafür, daß sie, daß wir in dieser historischen Situation versagen. Zu einer neuen globalen Friedens- und Sicherheitspolitik fehlt nämlich die Einsicht, daß vor allem in den westlichen Industrieländern das heute auch auf dem Weltmarkt dominierende Modell von Wachstum und Entwicklung reformiert und die Teilung der Welt durch Teilen überwunden werden muß.

Die Frage der deutschen Vereinigung hat das Umweltthema in der Öffentlichkeit weitgehend verdrängt. Die Bundesregierung hat bisher in diesem Prozeß auf ökologische Notwendigkeiten keine Rücksicht genommen. Der östliche Teil Deutschlands wird als Markt behandelt, nicht aber als ein Lebensraum, der ökologischer und sozialer Gestaltung bedarf. Hier sind wichtige Chancen einer umweltverträglichen Neuordnung vertan worden. Darüber hinaus wird diese Entwicklung von manchen als Deckmantel für anhaltendes umweltpolitisches Nichtstun mißbraucht.

Was das letzte Jahrzehnt so einzigartig macht, sind Tempo, Umfang und Komplexität, mit denen sich die Umweltzerstörungen verschärfen. Die Welt wird so zu einer zerbrechlichen Einheit. Die Umweltzerstörung hat eine neue Dimension angenommen, die durch vier wesentliche Merkmale gekennzeichnet ist:
* Beschleunigung: Rund 40 Länder können sich in
absehbarer Zeit nicht mehr selbst ausreichend mit
Wasser versorgen. Nach Untersuchungen der Vereinten
Nationen ist eine Landfläche, die so groß ist wie der
gesamte afrikanische Kontinent, von Wüstenbildung
bedroht. Pro Stunde stirbt im Schnitt eine Art aus.
* Globale Ebene: Die Umweltzerstörung hat die globale
Ebene erreicht. Die Hauptverursacher hierfür sind die
Industrieländer, aber die Hauptbetroffenen werden die
Entwicklungsländer sein. Hierin liegt die Gefahr einer
globalen ökologisch verkleisterten Apartheid zwischen
Industriestaaten und Entwicklungsländern.
* Zeitversetztheit: Große Umweltschäden zeigen sich in
ihrem tatsächlichen Ausmaß erst zeitversetzt,
Klimaverschiebungen beispielsweise 30 bis 40 Jahre
später. Wenn wir die mögliche
Zukunft nicht in der Gegenwart mitbedenken, bleibt
später - wenn überhaupt - nur die diktierte Anpassung
an die Folgen.
* Nichtwissen und Unsicherheit: Die Reaktion belasteter
Ökosysteme kann nicht exakt vorhergesagt werden, ein
plötzliches Umkippen ist möglich. Auch können sich aus
veränderten Wechselbeziehungen zwischen einzelnen
Umweltfaktoren sprunghafte Änderungen im
Gesamtverhalten ergeben. Ein Beispiel für einen
derartigen "Sprungpunkt" ist die starke Zunahme von
Orkanen in den letzten Jahren durch Veränderungen im
Verhältnis Ozean und Troposphäre.

Die reale Gefahr einer weltweiten Klimakatastrophe bündelt diese Bedrohungen wie in einem Brennglas. In den nächsten 40 Jahren ist ein von Menschen verursachter künstlicher Temperaturanstieg auf der Erde um plus 2,5 Grad Celsius zu erwarten, bis zum Ende des nächsten Jahrhunderts sogar um 5 Grad Celsius. Klimaforscher warnen, daß die kritische Grenze bei einem Anstieg um 1,5 Grad Celsius pro Jahrhundert liegt. Dies hätte bereits erhebliche Auswirkungen für Natur und Mensch.

Die Grenzen der Tragfähigkeit der Erdökosysteme sind erreicht. Diese Erkenntnis ist an und für sich bereits dramatisch genug. Sie erfährt jedoch eine weitere Zuspitzung aus der ökonomischen und sozialen "Spaltung der Welt", die sich in den achtziger Jahren weiter vertieft hat:
* Der wirtschaftliche Reichtum ist ungleich und ungerecht
verteilt. Die Industrieländer, ein Viertel der
Menschheit, wirtschaften nicht nur auf Kosten der
Natur, sondern auch auf Kosten der "Dritten Welt". Sie
fragen über 75 Prozent der kommerziellen Energie nach
und sind für rund 80 Prozent der
Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich. Unser Land
liegt in der Energienachfrage pro Kopf 3,5 mal über dem
Weltdurchschnitt und mit 5,3 Prozent an vierter Stelle
der größten Kohlendioxid-Emittenten. Allein in der
früheren Bundesrepublik gibt es viermal mehr Autos als
auf dem gesamten afrikanischen Kontinent.
* Rund drei Viertel der Menschheit stehen erst vor der
industriellen Entwicklung ihrer Wirtschaft, die nicht
zuletzt aus sozialen Gründen notwendig ist. Rund 800
Millionen Menschen zählen zu den Ärmsten der Armen mit
weniger als 200 Dollar pro Kopf und Jahr. Bei einem
Viertel der Weltbevölkerung liegt die
Kindersterblichkeit über zehn Prozent.
* Das Bevölkerungswachstum ist zwar nicht der Grund der
weltweiten Umweltkrise, aber es spitzt sie weiter zu.
Bis zum Jahr 2025 rechnen die Vereinten Nationen mit
einem vor allem armutsbedingten Anstieg der
Weltbevölkerung von heute 5,3 auf rund 8,5 Milliarden
Menschen.

Weitreichende Veränderungen und Eingriffe sind notwendig. Um das Klimasystem zu stabilisieren, müssen nach Auffassung der Weltklimakonferenz von Toronto die energiebedingten Emissionen bis zum Jahr 2050 global um 50 Prozent reduziert werden. Heute produzieren 5,3 Milliarden Menschen fast 21 Milliarden Tonnen Kohlendioxid pro Jahr, im Jahr 2050 dürfen es nur noch rund zehn Milliarden Tonnen sein. Oder, anders ausgedrückt: Da dann mindestens zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben werden, dürfte nach Gleichheitsgrundsätzen im Schnitt nur noch eine Tonne Kohlendioxid pro Jahr und Kopf freigesetzt werden. Unser Land liegt derzeit bei 13,7 Tonnen. Daran allein wird deutlich, wie groß die Herausforderung ist, die wir zu bewältigen haben.

Das in den letzten 100 Jahren durchgesetzte Prinzip der wirtschaftlichen Nützlichkeit hat in die Krise geführt, die nicht "vom Himmel gefallen" ist, sondern durch die Menschheit selbst verursacht wurde. Sie kann nun mit der ganzen Objektivität eines Naturprozesses in die Katastrophe führen.

Auch in der von uns vertretenen politischen Theorie und Praxis wurden lange Zeit die naturzerstörerischen Folgen aus den Wechselbeziehungen zwischen Ökonomie und Ökologie verkannt. Wir bekennen uns zu diesem Fehler. Wir haben uns mitschuldig gemacht, selbst wenn es uns bei der Verfolgung der Wachstumsziele nicht um die Steigerung des wirtschaftlichen Vorteils ging, sondern um die unverändert wichtigen Ziele einer besseren, gerechteren Gesellschaftsordnung.

Um so mehr treten wir für eine reformpolitische Neuorientierung ein: Technisch-ökonomischer Fortschritt darf nicht länger das Maß aller Dinge sein. Statt dessen ist eine Politik erforderlich, die Partei für die Umwelt ergreift und dies mit sozialer Gerechtigkeit verbindet; eine Politik, die Solidarität mit den Mitmenschen und mit der Natur durch den reformerischen Umbau der Gesellschaft verwirklicht und zusammenführt.

Der dauerhafte Fortgang der Zivilisation muß oberstes Ziel für ein neues Denken in Politik und Gesellschaft sein. Damit stehen unsere Art zu leben, die Mechanismen der Wirtschaft, die Verteilung von Reichtum, die Vorstellungen von Freiheit und die soziale und psychische Verfaßtheit der Menschheit zur Debatte. Das Verhältnis zwischen Individuum, Gesellschaft und Natur muß völlig neu geordnet werden. Dies ist eine so große Aufgabe, daß jede Abwendung von ihr zynisch wäre.

Wir sind deshalb nicht bereit, uns an der üblichen Verdrängung der Konsequenzen aus den allgemein bekannten Fakten zu beteiligen. Zwei Drittel des Bruttosozialprodukts gehen durch die Hände der Konsumenten, sind also im Prinzip von uns allen beeinflußbar. Wir können also bei uns selbst, bei unserem Verhalten ansetzen. Dies verstärkt den politischen Willen und erhöht die eigene Glaubwürdigkeit. Wenn den Bürgerinnen und Bürgern aus ökologischen Gründen neues Handeln abgefordert wird, muß mit gutem Beispiel vorangegangen werden. Um einen ersten Schritt zu tun, verpflichten wir uns zu folgenden fünf Maßnahmen (für deren Kontrolle wir einstehen):
* Wir reduzieren die Benutzung des Autos im nächsten Jahr
um mindestens 30 Prozent und halten uns ans Tempolimit.
* Wir wollen in unserem privaten Bereich den
Energieumsatz in den nächsten zehn Jahren halbieren und
den Wasserverbrauch um mindestens 30 Prozent senken.
* Wir verzichten auf jeglichen Gebrauch von
Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW), Halonen und
anderen ozonschädigenden Chemikalien sowie weitgehend
auf Chemie im Haushalt.
* Wir halbieren unseren Fleischkonsum und bemühen uns um
eine weitgehend naturnah belassene Nahrung.
* Wir boykottieren die Nutzung von Tropenholz.


DER SPIEGEL 45/1990
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