18.06.1990

Frankreich

Altes Pferd

Ein dreifaches Jubiläum ihres Gründers versetzt die Fünfte Republik in einen De-Gaulle-Rausch.

Übermut herrschte nicht gerade in der Familie des Panzeroffiziers Charles de Gaulle. "Ich kann mich nicht erinnern, je herumgealbert zu haben - mein Vater tat es auch nicht. Oft sagte er: ,Wir sind nicht dazu da, Spaß zu haben'", seufzte der Sohn des großen Charles, der Admiral und Senator Philippe de Gaulle, 68, als er von seiner Kindheit sprach.

Dafür geht es jetzt hoch her um de Gaulle - Frankreich vom kleinsten Städtchen in der entlegenen Provinz bis zur Metropole Paris feiert ein Dreifach-Jubiläum des Gründers seiner Fünften Republik: 50 Jahre Londoner Aufruf an das von Hitler-Deutschland besetzte Frankreich, den Kampf fortzusetzen (18. Juni), 20. Todestag (9. November) und 100. Geburtstag (22. November).

Ein gigantischer nationaler Rummel um den "Illustresten aller Franzosen", wie der einstige Staatspräsident Rene Coty de Gaulle nannte, verspricht ähnliche Dimensionen anzunehmen wie voriges Jahr die monströsen Dauer-Feiern zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution.

Wie beim Revolutionsspektakel liefern sich die Parteien auch heute Prestigekämpfe hinter den Kulissen. Die oppositionellen Gaullisten des Pariser Bürgermeisters und Ex-Premiers Jacques Chirac möchten mit dem Erbe des Jahrhundert-Helden eine politische Renaissance herbeifeiern. Die regierenden Sozialisten (PS) des Staatspräsidenten Francois Mitterrand möchten den Rechten den großen Mann entreißen, sein Vermächtnis gewissermaßen verstaatlichen.

Die De-Gaulle-Woge kommt Frankreich gerade recht. Denn La France, laut de Gaulle eine "Märchenprinzessin" oder die "Madonna an der Kirchenwand", durchlebt graue Tage.

Enthüllungen zur 50. Wiederkehr der schmählichen Niederlage gegen die Deutschen 1940 über Kollaboration und Antisemitismus drücken auf den Nationalstolz. Nun dominiert in Europa schon wieder ein - wenn auch befreundetes - großes Deutschland.

So hält sich Frankreich an die Vergangenheit, um sich Mut für die Zukunft zu machen. 2000 De-Gaulle-Bücher sind in den letzten Jahren erschienen - über kaum einen Politiker dieses Jahrhunderts wurde mehr geschrieben.

Jetzt kommen mindestens noch einmal 50 Bücher hinzu von "De Gaulle - der Rebell" bis zur Anekdotensammlung "Die kleinen Bosheiten des Generals", von "Gaullismus und Antigaullismus in Aquitanien" bis "Der Ehemann der Madame de Gaulle": Nichts erscheint unwichtig im Leben des großen Mannes, der Frankreich von einem geschlagenen in einen Siegerstaat verwandelte, von seiner Koloniallast befreite und zur Atommacht erhob.

Historiker aus 50 Ländern treffen sich unter Unesco-Regie zu "Internationalen De-Gaulle-Tagen", das Volk bekommt postum einen Helden zum Anfassen. Der Figaro grub aus, daß der Staatsmann alle drei Tage die Rasierklingen wechselte, De-Gaulle-Interviewer Michel Droit, inzwischen Mitglied der Academie francaise, überliefert den Ausruf des Generals, als dieser sich das erstemal in einer TV-Aufzeichnung sah: "Ich sehe aus wie ein altes Pferd."

Erst jetzt erfährt Frankreich, daß die sittenstrenge Madame Yvonne de Gaulle ihrem Gemahl, noch bevor er Präsident wurde, die geliebten Spaziergänge in den Pariser Tuileriengärten wegen einer "gewissen Fauna" einengte - die Seine-Seite des Parks war schon damals ein bekannter Schwulentreffpunkt.

Feiern, Kolloquien, Erinnerungsmärsche, Aufsatz- und Zeichenwettbewerbe für Schulkinder, TV- und Radioserien, Sonderausgaben von Le Monde bis zum Satireblatt Le Canard enchaIne versetzen Frankreich in einen sich bis zum November steigernden De-Gaulle-Taumel.

Im Morgengrauen des 18. Juni fanden die Pariser auf der Place de la Concorde ein im Auftrag des Obergaullisten Jacques Chirac um den Luxor-Obelisken herum gebautes, 35 Meter hohes Modell eines Volksradios vor, aus dem 1940 die Franzosen den Londoner Durchhalte-Aufruf des unbekannten Brigadegenerals de Gaulle hörten - es waren nur wenige.

Der BBC London schien damals der mit einem Taxi vorgefahrene Franzose nicht so wichtig, als daß man seinen "Appell des 18. Juni" aufgezeichnet hätte; der De-Gaulle-Gefährte und spätere Außenminister Maurice Schumann spricht ihn jetzt für das Riesenradio nach.

Jüngere Franzosen werden in dem Aufruf den berühmtesten Widerstandssatz de Gaulles vermissen: "Frankreich hat eine Schlacht verloren, aber nicht den Krieg." Der Resistance-Klassiker wurde erst Ende Juli 1940 für in London gefertigte Plakate kreiert.

Der De-Gaulle-Kult soll Paris, einst als Stadt zum "Compagnon de la liberation" ernannt, bis in den letzten Winkel erfassen. Tausende Plakate mit Motiven aus de Gaulles Leben und Werk werden geklebt, 700 Gedenktafeln für Opfer der deutschen Besatzer an Mauern angebracht, und am westlichen Verkehrsknotenpunkt Porte Maillot wird sich ein De-Gaulle-Denkmal erheben.

Mit den De-Gaulle-Festspielen setzt Bürgermeister Chirac eine Fehde mit der Linksregierung fort, die den Steuerzahler schon Hunderte von Millionen Franc gekostet hat. Voriges Jahr feierte die Stadt Paris mit einem Riesentrara den 100. Geburtstag des ihr gehörenden Eiffelturms - die Linken blieben Zaungäste. Sie rächten sich mit einer Quasi-Monopolisierung der aufwendigen Revolutionsfestlichkeiten, nun sind mit de Gaulle die Rechten wieder am Zug.

Gespannt wartet Frankreich darauf, wie sich Mitterrand der unumgänglichen Staatspflicht entledigt, seinen Vorgänger zu ehren. Zu Lebzeiten des Generals hat der Sozialist ihn unerbittlich bekämpft - er nannte de Gaulles Regime den "permanenten Staatsstreich", so der Titel eines Mitterrand-Pamphlets von 1964.

Seit Jahren erlebt Frankreich beinahe täglich, wie Mitterrand de Gaulle nacheifert - von der Verliebtheit in die nationale Atommacht bis hin zur feierlichen TV-Mimik des Generals. Dennoch behauptet der Nachfolger, er denke "niemals, wirklich niemals" an das Vorbild.

Anders der langjährige enge Mitterrand-Berater und einstige Che-Guevara-Gefährte Regis Debray. Mit einem soeben erschienenen Huldigungsbuch "Morgen de Gaulle" ist er ins Lager des Generals übergelaufen. Debray: De Gaulle sei Frankreichs "erster Präsident des 21. Jahrhunderts" gewesen, Mitterrand hingegen "der letzte des 19. Jahrhunderts". * Mit der Aufforderung "Getreue auf Wacht" zur Teilnahme an der Kundgebung vom 18. Juni; im Hintergrund Radio-Nachbildung.


DER SPIEGEL 25/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 25/1990
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Frankreich:
Altes Pferd