18.06.1990

WaffenLeibhaftiger Alptraum

Einer Frau ist es gelungen, den eisernen Griff der amerikanischen Revolver-Lobby zu lockern.
Sarah Brady lebt noch immer mit den Schatten der Vergangenheit. An der Wand ihres Büros hängen Fotos, die ihren Ehemann James Brady, 49, im Rollstuhl, als Genesenden und an der Seite jenes Mannes zeigen, dem der Mordanschlag am 30. März 1981 gegolten hatte: Ronald Reagan.
Der damalige Präsident der USA erholte sich rasch von einem Lungensteckschuß. Eine andere Kugel aber war in das Gehirn seines Pressesprechers gedrungen. Brady brauchte Jahre, um Komplikationen wie spastische Anfälle und Lähmungen zu überwinden.
Sarah Brady verschrieb sich nach der Katastrophe dem Kampf gegen den Colt-Wahn Amerikas. Nachdem ihr Mann aus dem Krankenhaus entlassen worden war, trat sie einer Vereinigung von Schußwaffengegnern bei und wurde Sprecherin der Handgun Control Inc. in Washington.
Ziel der Waffenopposition ist es, die mächtige Revolver- und Gewehrlobby der National Rifle Association (NRA) zu zügeln und endlich schärfere Gesetze gegen die aberwitzige Volksbewaffnung auf den Weg zu bringen, in der die meisten Amerikaner eine geheiligte Tradition sehen.
Nun, neun Jahre nach dem Attentat des schizophrenen Täters John Hinckley, residiert Brady im Hauptquartier der Handgun Control als deren Präsidentin - zum Schrecken von annähernd drei Millionen NRA-Mitgliedern und ihrer Funktionäre.
"Sarah ist eine sehr tüchtige Lobbyistin", meint James Jay Baker, der bei Abgeordneten in Washington für die NRA antichambriert.
Sarah Brady, 48, hat die Mitgliederzahl der Handgun Control von 100 000 im Jahr 1985 auf 250 000 gesteigert und für die Kasse der Waffengegner mehrere Millionen Spenden-Dollar gesammelt. Vor allem aber ist es ihr gelungen, einen immer größeren Teil jener Politiker wachzurütteln, die dem Waffenboom - 60 Millionen US-Haushalte sind mit rund 200 Millionen Schießwerkzeugen gerüstet - früher schläfrig begegnet waren.
Den jüngsten Erfolg feierte die Handgun Control am 23. Mai: Mit 50 gegen 49 Stimmen verhängte der Senat ein auf drei Jahre begrenztes Herstellungsverbot für eine Reihe von halbautomatischen Schnellfeuerwaffen. Das Parlament im bevölkerungsreichen Bundesstaat New Jersey untersagte den Verkauf solcher Handfeuerwaffen ganz.
Sarah Brady konzentriert ihre Kampagne jetzt auf jene Abgeordnete, die sich vor der Waffenlobby ducken oder gar Wahlkampfspenden der NRA entgegennahmen. "Früher gab es vielleicht Ärger, wenn man gegen die NRA gestimmt hat. Künftig werden jene Ärger haben, die NRA-Interessen unterstützen", prophezeit die Waffengegnerin.
Den Durchbruch im Kampf gegen das wildwuchernde Waffenbusiness und seine Folgen - jede Stunde sterben drei Amerikaner an Verletzungen durch Schußwaffen - soll ein weiteres Gesetz erzwingen, die "Brady Bill".
Dessen Kern ist eine einwöchige Wartefrist, die den Erwerb der populärsten Tötungswerkzeuge - Pistolen und Revolver - erschweren soll. Amerikas Sheriffs können in dieser Zeit den Hintergrund der potentiellen Waffenkäufer ausleuchten und Vorbestrafte oder als labil bekannte Waffenfreunde vom Abzug fernhalten.
1988 hatten nur 24 Stimmen gefehlt, das Brady-Gesetz im Repräsentantenhaus durchzubringen. Und immerhin: Der damalige Präsidentschaftskandidat George Bush, auf Lebenszeit Mitglied der NRA, ließ seine Waffenbrüder im Stich und schwieg. Bushs Zurückhaltung war das Werk von Sarah Brady, die den Präsidentschaftsaspiranten gekonnt unter Druck gesetzt hatte: "Ich sagte seinen Beratern, daß ich nicht länger schweigen würde, falls er sich öffentlich gegen das Gesetz aussprechen sollte."
Sarah Brady war zuvor jahrelang in einer delikaten Lage gewesen, weil ihr Mann bis zum Ende der Ära Ronald Reagans Mitglied im Stab des Präsidenten blieb, Reagan als ehemaliger Film-Revolverheld aber stets mit den organisierten Waffenfans sympathisierte.
Als Reagan in den Ruhestand verabschiedet wurde, konnte auch Brady sein Schweigen brechen. Er griff Reagans auf die Sowjetunion gemünzte Parole vom "Reich des Bösen" auf und brandmarkte mit ihr die NRA, wann immer sich Gelegenheit ergab. James Brady gefällt sich, wie er sagt, in seiner Rolle als "leibhaftiger Alptraum" der Waffenliebhaber im Land.
Sein Auftreten verschaffte der Handgun Control neuen Zulauf. Berufsverbände der Polizei unterstützen die Organisation ebenso wie der kalifornische Gouverneur George Deukmejian. Er unterschrieb ein Gesetz, das für den Westküstenstaat eine Wartefrist von 15 Tagen vorsieht, gültig für alle Waffen.
Die Propagandisten einer unbeschränkten Weiterrüstung schießen sich nun wütend auf die Bradys ein. James Brady werde von seiner Frau "benutzt", behauptet John Snyder, Direktor eines * Ronald und Nancy Reagan am 9. November 1981 in Washington. Bürgerkomitees für das Recht auf Waffeneigentum. Bei einer Anhörung im Kongreß habe sie die Seiten des Redemanuskriptes ihres Mannes umgeblättert.
Snyder erwähnte nicht, daß Brady seit dem Attentat an Muskelversteifung in den Armen leidet.
"James ist ein intelligenter, unabhängiger Mann", sagt Sarah Brady, "ich möchte, daß er mich unterstützt, und er will's auch. Das macht mich glücklich."

DER SPIEGEL 25/1990
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