08.10.1990

Von Heuchelei geprägt

SPIEGEL-Interview mit dem neuen NDR-Intendanten Jobst Plog

SPIEGEL: Herr Plog, Ihr Vorgänger Peter Schiwy, ein CDU-Mann, ist als Intendant des Norddeutschen Rundfunks (NDR) zum 15. Januar gefeuert worden. Was hat er sich zuschulden kommen lassen?

PLOG: Das ist gleich doppelt falsch. Weder ist er gefeuert worden, noch hat er sich etwas zuschulden kommen lassen. Die Initiative zu diesem Wechsel kam von der Führungsmannschaft und den Aufsichtsgremien des NDR.

SPIEGEL: Wollen Sie sagen, daß Schiwys Hinauswurf . . .

PLOG: . . . das wird nicht dadurch richtiger, daß Sie es wiederholen. Der Wechsel wäre überhaupt nicht denkbar, wenn Herr Schiwy nicht selbst gesagt hätte, ich gehe jetzt.

SPIEGEL: Also haben der Abgang von Herrn Schiwy und Ihre Bestellung zu seinem Nachfolger gar nichts mit dem Umstand zu tun, daß in den NDR-Ländern Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen neuerdings überall die SPD regiert, deren Mitglied Sie sind?

PLOG: Sicherlich auch. Aber es war kein Opfer von Herrn Schiwy. Er hatte wohl das Gefühl, daß ein anderer in diesem neuen Umfeld für den NDR wirksamer sein könnte als er.

SPIEGEL: Ihnen ist es doch selbst passiert, daß Sie beim NDR und beim Westdeutschen Rundfunk nicht Intendant werden konnten, weil Ihre Parteifreunde in den Gremien nicht die Mehrheit hatten. Jetzt ist es soweit?

PLOG: Eben. Darum hält sich meine Trauer über den jetzigen Wechsel auch in Grenzen. Parteienschelte gehört zu jedem anständigen Interview über den Rundfunk. Diese Diskussionen sind von tiefer Heuchelei geprägt. Jeder weiß, daß wir in einer Gesellschaft leben, die in hohem Maße auch von Parteien beeinflußt ist.

SPIEGEL: Das Bundesverfassungsgericht hat die Unabhängigkeit des Rundfunks von Staat und Parteien verlangt.

PLOG: Ja, und eben das Bundesverfassungsgericht wird nach Grundsätzen des Parteienproporzes besetzt, was offenbar noch nie jemanden an der Unabhängigkeit der Richter hat zweifeln lassen. Dieselbe Unabhängigkeit nehme ich für mich in Anspruch. Die Gleichung: parteilos gleich unabhängig, parteigebunden gleich feige, widerspricht meiner Lebenserfahrung.

SPIEGEL: Die SPD hat mit der CDU ein Proporzpaket geschnürt: SPD-Mann Plog wird Intendant, dafür darf CDU-Mann Thomas Bernd Stehling vom Funkhaus Hannover Stellvertreter werden. Warum mußte das denn so schnell nach dem Machtwechsel geschehen?

PLOG: Die Gremien wollten dem NDR eine Fortsetzung des politischen Gezerres ersparen. Das war nur durch einen Kompromiß erreichbar. Warum wird das als Mauschelei diskreditiert?

SPIEGEL: Der niedersächsische SPD-Ministerpräsident Gerhard Schröder wollte, wie er gesagt hat, beim NDR "den Einfluß der Parteien zurückdrängen". Wie sollen die Wähler Politikern glauben, wenn die Worte so sichtbar den Taten widersprechen?

PLOG: Die Unterstellung, meine Berufung stärke den Einfluß einer Partei im Programm, weise ich mit Schärfe zurück.

SPIEGEL: Schröder hat wohl die geplante Neuverteilung der Sitze im Rundfunkrat gemeint, wo Bundeswehr- und Vertriebenenfunktionäre durch Greenpeace- und Frauendelegierte abgelöst werden sollen. Die CDU hat Herrn Schröder sowie seinen Kollegen Björn Engholm und Henning Voscherau daher unterstellt, der NDR solle zum "Rotfunk" umgetrimmt werden.

PLOG: Das ist Unfug. Richtig ist, daß es andere Akzente geben wird.

SPIEGEL: Welche?

PLOG: Es werden Akzente sein, die Linke oder Linksliberale von Konservativen trennen.


DER SPIEGEL 41/1990
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