03.12.1990

Extrem viel reingepumpt

Frauen-Doping in der bundesdeutschen Leichtathletik am Beispiel des "Hammer Modells"

Das Gift fraß sich wie zufällig in die Muskeln der Sportlerinnen. Die Bankangestellte Gisela Kinzel, damals 23, brachte eines Tages ein unscheinbares, liniertes Blatt Papier nach Hause, auf dem sie in Schönschrift 19 Daten notiert hatte. Was wie der Plan für eine schwäbische Kehrwoche aussah, war die Anleitung zum Doping. Das Rezept hatte sie von ihrem Cheftrainer.

Die Jurastudentin Helga Arendt, 22, wurde von ihren Trainern zu einer Tasse Kaffee eingeladen. An einem rustikalen Tisch im Vereinsheim von Rote Erde Hamm offerierten die Männer dann auch andere Muntermacher, weiße runde Tabletten: "Die nimmst du jetzt." Von da an schluckte Helga Arendt das Anabolikum Stromba.

Im Trainingslager im portugiesischen Albufeira hatte sich die Slawistikstudentin Silke Knoll, 25, gerade das Müsli schmecken lassen. Auf dem Weg vom Appartement zum Trainingsplatz erklärte ihr der Trainer: "Wenn du gut werden willst, mußt du das auch nehmen." Silke Knoll nickte und futterte Stromba, als sei es das tägliche Brot.

Die Kindergärtnerin Mechthild Kluth, 22, hatte nach jahrelangen Mühen endlich Erfolg, ersprintete sich einen Platz im Nationalteam. Bei der Rückfahrt von den Deutschen Meisterschaften fragte sie der Trainer: "Willst du jetzt nicht mehr?" Euphorisch über die Perspektive, stimmte die 100-Meter-Läuferin zu und ließ sich sogar als Testperson für das amerikanische Anabolikum Anavar mißbrauchen.

Die Bankkauffrau Andrea Hannemann, 23, zeichnete besonderer Ehrgeiz aus. Als ihr Trainer vorsichtig das Terrain sondieren wollte und ganz behutsam das Gespräch auf Möglichkeiten der Leistungssteigerung brachte, antwortete die Weitspringerin lakonisch: "Ich hab'' mir schon gedacht, daß das kommt." Das Mädchen aus wohlbehütetem Haus naschte ungeniert Anabolika wie Gleichaltrige Haschisch.

Dank der Muskelmast machten die Mädchen aus dem westfälischen Provinzstädtchen Hamm Karriere. Sie wurden Deutsche Meisterinnen, stürmten nach Olympia und gewannen internationale Titel. Gisela Kinzel erreichte 1986 Silber bei den Europameisterschaften, Silke Knoll holte sich dieses Jahr EM-Silber. Helga Arendt bescherte der (west-) deutschen Leichtathletik im letzten Jahr eine der raren Sternstunden: Sie wurde Hallenweltmeisterin über 400 Meter.

Die laufbegabten Mädchen waren von einem der prominentesten bundesdeutschen Trainer nach Hamm gelockt worden. In der "familiären Atmosphäre" (Kinzel) wollte Rechtsanwalt und Hobbytrainer Jochen Spilker, der inzwischen zum Bundestrainer aufgestiegen ist, die deutsche Leichtathletik reformieren. In seinem "Hammer Modell" sollten berufliche Ausbildung und Leistungstraining optimal aufeinander abgestimmt werden, finanziert durch ein ausgeklügeltes Sponsorensystem.

Nur das wirkliche Betriebsgeheimnis machte Spilker nie öffentlich: Die auffälligen Erfolge in der Provinz wurden vor allem durch systematisches und jahrelanges Doping erreicht. Das Hammer Modell wurde zum Beispiel dafür, wie in der internationalen Leichtathletik-Leistungsgesellschaft die Manipulation der Athleten scheinbar unverzichtbar ist.

Ausschließlich an Gold und Silber orientierte Sponsoren, profilneurotische Funktionäre, erfolgsabhängige Sportler- und Trainerdotierungen und an Medaillen bemessene Förderung durch den Staat verlangen nach Erfolgen um jeden Preis. In diesem Klima wuchert die Dopingmentalität wie ein Krebsgeschwür, die Droge wird unaufhaltsam bis in die kleinsten Verästelungen eines Vereins gestreut. Arzneimittelgesetze werden mit Chuzpe umgangen, skrupellos wird mit der Gesundheit der Athleten gespielt.

Gisela Kinzel war Spilker 1983 bei den Deutschen Meisterschaften in Bremen aufgefallen. Nach nur zwei Jahren Leistungssport unter Anleitung ihres Mannes Jörg war die Gladbeckerin dort gerade Zweite über 400 Meter Hürden geworden. Um das Talent einzufangen, war dem Juristen nichts zu teuer. Er besorgte der Läuferin einen gutdotierten Arbeitsplatz bei der Hammer Bank, die Freistellung zum Training garantierte. Der SC Eintracht Hamm bot eine "monatliche Förderung" von 500 Mark für die Athletin, und selbst Kinzel-Ehemann Jörg, Student an der Sporthochschule Köln, wurde versorgt. Das "Mitbringsel", so Jörg Kinzel über seine Rolle bei dem Deal, durfte seine Frau und eine Schülergruppe trainieren und bekam dafür 500 Mark.

Der rührige Spilker verschaffte der Vizemeisterin einen kleinen Sponsorenvertrag von Adidas (500 Mark), kümmerte sich um 400 Mark Sporthilfezuschuß. Das Familieneinkommen von 3400 Mark empfanden die Kinzels dankbar als "massiven Aufstieg".

Doch das Ehepaar konnte sich nicht so revanchieren, wie es wollte. Trotz intensiven Trainings wurde Gisela nicht schneller. Die Quittung kam prompt. Der Verein kürzte die Gehälter um jeweils 100 Mark, Adidas zahlte weniger, ebenso die Sporthilfe. Das Familieneinkommen sank um 1000 Mark. Zum erstenmal fühlten sich die Kinzels von der nackten Laufleistung "abhängig". Gisela verpaßte den Start bei den Olympischen Spielen in Los Angeles, wurde bei den Deutschen Meisterschaften 1984 zweimal nur Fünfte. Jörg Kinzel: "Das war unser Schicksalsjahr." Die Kinzels waren reif für Anabolika.

In einem persönlichen Gespräch zeichnete Spilker der verunsicherten Läuferin neue Perspektiven auf. Es mache "doch Spaß zu gewinnen", vertrieb der rhetorisch gewandte Anwalt die letzten Zweifel und diktierte seinem Schützling, nach welchem System von Freitag, dem 30. November 1984, an die Anabolikakuren durchzuführen seien.

Das Ehepaar, das bis dahin nie über Doping gesprochen hatte, "weil uns der Sport ja mehr oder weniger Spaß gemacht hat", entschied sich nach einem Blick aufs Konto für die Manipulation. Jörg Kinzel: "Wir wollten wieder 2000 Mark bar auf die Hand."

Der Trainer, der während des Studiums "immer wieder was von Anabolika gehört hatte", nahm beim Fachmann Spilker, der schon seine Lebensgefährtin Gaby Bußmann in die internationale Spitze geführt hatte, Nachhilfeunterricht. Der Cheftrainer ("Meinst du denn, Gaby läuft mit Wasser?") schilderte den Umgang mit Anabolika, warnte vor erhöhter Verletzungsanfälligkeit und entließ die Kinzels mit den Worten, "zusätzlich noch ein paar Vitamine zu nehmen", um die Wirkung des Muskelpräparats Stromba (täglich bis zu 15 Milligramm) zu fördern.

Schon bald spürten die gefallenen Kinzels das kommende Hoch. Gisela drückte die schweren Hanteln beim Krafttraining "wie nichts". Die psychische Wirkung brachte die Läuferin wieder auf Trab, und euphorisch registrierte Jörg, daß seine Frau trainieren konnte, "ohne daß sie kaputtging".

Die Zeiten waren entsprechend. Bei den Hallenmeisterschaften im Februar 1985 unterbot Kinzel ihre bisherige Bestzeit um 1,3 Sekunden. Und schon im April konnten die Kinzels feststellen, daß Leistung sich lohnt. Die Gehaltssenkungen wurden wieder rückgängig gemacht. Und als Gisela Kinzel in der Freiluftsaison ebenfalls Deutsche Meisterin wurde, kletterte die Adidas-Jahresprämie gar auf 12 000 Mark.

Kleinere Irritationen wurden rasch beseitigt. Weil Kinzel bei den Hallenwettkämpfen 1986 "leistungsmäßig mehr erwartet" hätte, suchte er Rat bei Mentor Spilker. Der beschied ihn: "Versuch es mal mit ein bißchen mehr."

Helga Arendt, die wegen eines Kahnbeinbruchs lange pausiert hatte, wurde in gleicher Weise rangenommen. Die Läuferin müsse ja "jetzt auch zum Erfolg kommen", weil sie zwei Jahre "nichts gebracht" habe, befand der Bundestrainer im Mai 1986. Spilker beraumte den Termin im Vereinsheim an. Helga Arendt war nicht im mindesten überrascht, sie schluckte die Pillen, die Spilker besorgte. Der Trainer führte mitunter die Dopingmittel in der Türablage seines anthrazitfarbenen Scirocco mit.

Weil die Hammer Dopingtruppe bei den Deutschen Meisterschaften 1986 "dick abgesahnt" (Kinzel) hatte und Gisela Kinzel bei den Europameisterschaften Staffel-Silber gewann, fiel der Lohn reichlich aus.

Adidas erhöhte auf 15 000 Mark, honorierte die Silbermedaille zusätzlich mit 15 000 Mark, der Verein zahlte monatlich 800 Mark, mit Startgeldern und Prämien verfügten die Kinzels nun über ein Monatseinkommen "zwischen 5000 und 6000 Mark cash". Kinzel, zum Trainer aller erfolgversprechenden Hammer Läuferinnen aufgestiegen, und seine Frau lebten inzwischen in einem eigenen Reihenhäuschen in der Hammer Künnekestraße, das sie für 185 000 Mark erstanden hatten.

Auch in der deutschen Trainerhierarchie kletterte der einst nur geduldete Kinzel einige Stufen höher. Beim Trainingslager des Nationalkaders in Albufeira im März 1987 zog ihn der Frauen-Cheftrainer Wolfgang Thiele auf der Terrasse am Swimming-pool des Touringclub Acoataeias ins Vertrauen: "Was macht ihr denn in Hamm?" Bei einem doppelten Espresso und portugiesischem Brandy erzählte Kinzel ("Ich fand es toll, den großen Thiele mit Du anreden zu dürfen") bereitwillig, zumal er längst gemerkt hatte, daß unter Kollegen offen über die Dopingpraxis gesprochen wurde.

Thiele gilt schon seit den Olympischen Spielen 1976 in Montreal als einschlägig vorbelastet. Damals bekannte die Sprinterin Annegret Kroninger, die von Thiele trainierte erfolgreiche 4x100-Meter-Staffel sei mit Anabolika gedopt worden.

Sogar vor dem Sportausschuß des Deutschen Bundestages kamen die Anschuldigungen zur Sprache, doch Thiele konnte alle Vorwürfe mit Unterstützung der Verbandsfunktionäre des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) aussitzen. Ganz offen konnte er bei wichtigen Wettkämpfen schon bald wieder nach sauberen Athletinnen fragen: "Ich brauch'' zwei zur Dopingkontrolle, kannst du gehen?"

Und daß die DLV-Gewaltigen immer noch auf der Seite der Doper standen, dessen war sich Kinzel sicher. Seine Frau hatte ihm berichtet, wie die Vizepräsidentin Ilse Bechthold bei einer Weihnachtsfeier im Frankfurter Ramada-Hotel auch künftig Erfolg angemahnt hatte: "Leistungen wollen wir doch alle bringen, und weil wir doch wissen, wie das geht, bitte ich um Verschwiegenheit." Mit dem großen Kollegen war sich der Trainer-Aufsteiger schnell einig, "daß wir das machen müssen, wenn wir nach vorne wollen". Thiele, der kein Hehl daraus machte, auch seine erfolgreichsten Athletinnen Heidi-Elke Gaugel und Ulrike Sarvari mit Anabolika schnell gemacht zu haben, gab dem Jungen aus Hamm einen väterlichen Tip: "Du gibst zuviel."

Kinzel befolgte Thieles Rat und reduzierte die Dosis, stellte bei seinen Läuferinnen aber schon bald "tote Hose" fest. Die Weltmeisterschaften in Rom wurden für seine Athletinnen "zum Fiasko".

Spilker, der um den Erfolg des Hammer Modells fürchtete, schlug Krach: "Du hast Leistung zu bringen, du lebst davon." Er verlangte nach höheren Anabolikagaben, weil sonst "alles, was du reinschiebst", schon beim Training "wieder rauskommt". Zugleich warf er Kinzel vor, überhaupt nicht zu begreifen, wie trickreich Trainer gegeneinander zu kämpfen hätten.

Der Rat, weniger Anabolika zu nehmen, sei ausschließlich darauf ausgerichtet gewesen, der Konkurrenz zu schaden. Spilker machte klar, daß seinem ärgsten Konkurrenten Thiele jedes Mittel recht sei, um zu erfahren, "wie in Hamm gearbeitet" wird. Er deutete an, Thiele habe sogar ein Verhältnis mit Gisela Kinzel begonnen, um das westfälische Betriebsgeheimnis zu ergründen.

Jörg Kinzel mochte das zuerst nicht glauben. Allerdings hatte er schon bemerkt, daß "es immer funktioniert", wenn die Athletinnen "zum Trainer hochschauen, ja daß es sogar dazugehört, wenn sie in den Trainer verliebt sind". Und in den Trainingslagern hatte er mitbekommen, wie die Kollegen Bundestrainer auch eine Form von sexueller Hörigkeit zur Leistungsmotivation nutzten. Da wurde "der Spaß im Bett" schon mal "als Belohnung eingesetzt", um die Sportlerinnen an sich zu binden.

Die Eheleute Kinzel wurden vom Verein sogar schriftlich aufgefordert, "jeglichen Kontakt zu Thiele zu beenden" - die Abmahnung wegen nicht ausreichender Leistungsausprägung unterzeichneten Spilker und der Vereinsvorsitzende Dieter Magersuppe.

So wurde der verunsicherte Kinzel wieder ins Boot geholt. Zur Peitsche gab es Zuckerbrot: Weil er "neue Leistungsbereitschaft" zeigte, wurde sein Gehalt auf 2000 Mark erhöht, und Spilker zog seinen Assistenten weiter ins Vertrauen.

Im jugoslawischen Restaurant "Schwarzes Schaf" im Hammer Ortsteil Westtünnen berichtete der Bundestrainer, daß er während der Weltmeisterschaft in Rom von Wolfgang Meier, dem Trainer der DDR-Vorzeigeathletin Marita Koch, das volle ostdeutsche Dopingprogramm erfahren habe. Und im Frühjahr erzählte Spilker, er habe bei Charlie Francis, dem Trainer des kanadischen Super-Sprinters Ben Johnson, ausgekundschaftet, mit welchem Mittel der Sprintweltmeister schnell gemacht wurde - mit dem nur in Amerika zu erhaltenen Präparat Anavar der US-Firma Searle. Zwei Wochen später nahm Kinzel auf der Terrasse von Spilkers Haus in Hamm das Präparat, das in den USA bei Zwergenwuchs verschrieben wird, in Empfang. Spilker als Drahtzieher zwischen den Dopingwelten Ost und West, da war "Jochen doch wieder der Größte" (Kinzel).

Gemeinsam beschlossen sie zur Hallensaison 1988, "jetzt erst richtig loszulegen", um im Februar einen neuen Hallen-Weltrekord über 4 x 200 Meter aufzustellen. Auch die bisher verschonte Weitspringerin Andrea Hannemann und die eher mittelmäßige Mechthild Kluth sollten von nun an systematisch gedopt werden. Weil Gisela Kinzel und Helga Arendt so "glänzend marschierten", sollten Hannemann und Kluth für das noch unbekannte Mittel Anavar als Testpersonen dienen. Spilker zog einen karierten DIN-A4-Bogen aus der Tasche, auf dem er die geballte Anabolika-Ladung und den Einnahmezyklus ("Vorsicht: 4. - 5. Tag") für "Andrea, Mecki, Helga und Gilla" notiert hatte. Konspirativ mahnte Spilker den Kollegen: "Sei bloß still, das ist unser Potential."

Die Beschaffung der benötigten Mengen war kein Problem. Stromba gab es bei einem Apotheker in einem Hammer Vorort. Dort lieferten die Mädchen die umfangreichen Rezepte ab, die ihnen der Freiburger Sportarzt Professor Armin Klümper ausgestellt hatte. Die Mengen an Vitaminen und Medikamenten waren so groß, daß die Athletinnen leicht auf ein paar Schachteln verzichteten. Im Gegenwert schob der Apotheker das benötigte, aber nicht verschriebene Stromba über den Tisch.

Gleich um die Ecke fand sich zudem ein Arzt, der die notwendigen Rezepte ausstellte. Und wenn beide Nachschubwege ausfielen, wurde auf dem Schwarzmarkt in einem Fitneßstudio eingekauft - dann mußten statt der regulären 21,95 Mark über 40 Mark für 25 Stromba-Pillen bezahlt werden.

Im Olympiajahr 1988 gab das Hammer Modell schließlich alles. Auch Sprint-Hoffnung Silke Knoll wurde in das Programm aufgenommen, und am Dienstag, dem 19. Januar, malte sie erstmals in ihr Trainingsprotokollbuch ein kleines Quadrat - das bedeutete die Einnahme von einer Tablette Stromba. Die penibel geführte blaue Kladde weist aus, daß sie am 20. Juni, dem zweiten Tag des Länderkampfes gegen die DDR, zehn Milligramm Stromba schluckte. Die letzten drei Quadrate sind eingetragen am 29. August - 19 Tage später begannen die Olympischen Spiele in Südkorea.

Auch die Deutsche Juniorenmeisterin Claudia Lepping, die Spilker nach Hamm gelockt hatte ("Da zeigen wir dir auch, warum die DDR-Mädels so schnell sind"), erfuhr, wie die Methode funktionierte. Im Trainingslager in Portugal lag sie mit Silke Knoll zusammen auf einem Zimmer und wunderte sich jeden Nachmittag, warum Silke nach dem Training geradewegs ins Bad ging und sich dort Pillen aus den Gläschen holte. Neugierig geworden, schaute sie in den mit Medikamenten prall gefüllten Kulturbeutel der Kollegin und notierte die Namen aller Präparate. Wieder zu Hause, verglich sie die Namen mit den Arzneien auf der Doping-Verbotsliste und fand dort den Namen Stromba - "das hat mich völlig umgehauen".

Doch die chemische Keule hatte nicht mehr die gewünschte Wirkung. Andrea Hannemann wurde zwar Deutsche Meisterin im Weitsprung, schaffte aber die Olympiaqualifikation nicht; Silke Knoll und Gisela Kinzel versagten bei Olympia, und Helga Arendt steigerte ihre Bestleistung zwar um eine Sekunde, wurde in Seoul aber eben doch nur Siebte.

Um die Scherben seines Modells zu kitten, trat Spilker allein noch einmal an. Obwohl nach dem Dopingfall Ben Johnson in Seoul nahezu die gesamte Weltelite die Anabolikapillen zunächst wegschloß, trieb der Bundestrainer die 400-Meter-Läuferin Helga Arendt nur sechs Monate nach Olympia zu neuen Höchstleistungen. Die kräftige Helga räumte denn auch bei den Hallen-Weltmeisterschaften wie erwünscht die Goldmedaille ab. Aber auch dieser Titel konnte die Risse in Spilkers Imperium nicht kitten.

Ein letztes Mal hielt die Dopingtruppe zusammen, als sie am 14. März 1989 in Spilkers Bungalow am Hammer Pirolweg 1 den 41. Geburtstag ihres Mentors feierte. Mitten in die Party platzte die Nachricht, daß die kanadische Sprinterin Angella Issajenko, auch ein Schützling des Johnson-Trainers Francis, vor dem staatlichen Untersuchungsausschuß in Toronto ausgesagt hatte, daß Spilker ihr gegenüber den Gebrauch von Dopingmitteln erwähnt hatte. Sofort ließ der Hausherr die Gäste sitzen und verschwand in seinem Arbeitszimmer.

Nach stundenlangen Telefonaten stand am nächsten Morgen die Verteidigungsfront. Spilker berief sich auf Übersetzungsfehler. DLV-Leistungssportdirektor Horst Blattgerste gab ihm unermüdlich und offiziell Rückendeckung: "Herr Spilker hat in einer persönlichen Erklärung alles dementiert, dem ist nichts hinzuzufügen."

Damit seine Läuferinnen sich bei Fragen neugieriger Journalisten nicht verplappern konnten, erteilte Spilker ihnen für die nächsten Tage "absolutes Telefonverbot". Und das Gepäck für das wieder einmal anstehende Trainingslager in Portugal wurde geringfügig leichter. Spilker: "Wir müssen jetzt vorsichtig sein. Diesmal nehmen wir keine mit."

Doch das Hammer Modell war nicht mehr zu retten. Seine Bilanz liest sich wie eine Sammelliste von Invaliditätsanträgen. Gaby Bußmann leidet unter Herzrhythmusstörungen, deren Ursache nicht einmal im Hamburger Tropeninstitut diagnostiziert werden konnte. Helga Arendt beklagt eine geschädigte Leber und eine chronische Arthrose im Fuß. Andrea Hannemann, in die "extrem viel reingepumpt" (Kinzel) wurde, um ein exzessives Trainingspensum absolvieren zu können, ruinierte sich ihre Achillessehne. Mechthild Kluth wurde immer langsamer und beendete entnervt ihre Karriere; Silke Knoll wechselte nach Dortmund. Gisela Kinzel, die einst aus Spaß am Laufen begann, hörte frustiert auf und will "vom Sport nichts mehr hören". Die Ehe von Jörg und Gisela Kinzel wurde am 13. September dieses Jahres geschieden.

Nur Spilker ist bislang davongekommen. Der Bundestrainer wirkt jetzt am _(* Die Dopinganweisung von Andrea ) _(Hannemann ist so zu lesen: 18 Tage vor ) _(dem Wettkampf sollte die Einnahme ) _(gestoppt werden. Waagerecht sind die ) _(Zyklen notiert: 15 Tage nehmen, 8 Tage ) _(Pause, 10 Tage nehmen und so weiter. In ) _(den senkrechten Spalten sind unten die ) _(Tage angegeben (10/5), darüber die ) _(Anzahl der einzunehmenden Tabletten. ) _(Später wurde die Dosierung auf 2 ) _(beziehungsweise 1 Tablette korrigiert. ) _(Durch die geringe Dosis verringerte sich ) _(die Pause bis zum Wettkampf auf 14 Tage. ) _(Am 4. und 5. Tag bestand erhöhte ) _(Verletzungsgefahr. "Mecki" Kluth sollte ) _(10 Tage lang eine Stromba-Tablette ) _(nehmen, danach 1 Tag 2 Tabletten, dann 1 ) _(Tag Pause und so weiter. Helga Arendt ) _(und "Gilla" sollten beim Basistraining ) _(vom 15. November bis 13. Dezember (4 ) _(Wochen lang) 2 Tabletten Stromba nehmen, ) _(dann 1 Tag Pause und so weiter. Im ) _(Spezialtraining sollten zunächst 18 bis ) _(20 Tage lang 3 Tabletten genommen ) _(werden. Später wurde dies aufgeteilt: 6 ) _(Tage lang 2 Tabletten, 8 Tage lang 3 ) _(Tabletten, 6 Tage lang 2 Tabletten. ) Leistungszentrum in Dortmund. Er hat vorgesorgt, strapazierfähigeres Material aus dem deutschen Osten geholt.

Und die Tiefkühlkostfirma Eismann finanziert den Aufbau einer goldträchtigen 4x400-Meter-Staffel für die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona mit jährlich 60 000 Mark - ganz die bewährte Spilker-Methode.

* Die Dopinganweisung von Andrea Hannemann ist so zu lesen: 18 Tage vor dem Wettkampf sollte die Einnahme gestoppt werden. Waagerecht sind die Zyklen notiert: 15 Tage nehmen, 8 Tage Pause, 10 Tage nehmen und so weiter. In den senkrechten Spalten sind unten die Tage angegeben (10/5), darüber die Anzahl der einzunehmenden Tabletten. Später wurde die Dosierung auf 2 beziehungsweise 1 Tablette korrigiert. Durch die geringe Dosis verringerte sich die Pause bis zum Wettkampf auf 14 Tage. Am 4. und 5. Tag bestand erhöhte Verletzungsgefahr. "Mecki" Kluth sollte 10 Tage lang eine Stromba-Tablette nehmen, danach 1 Tag 2 Tabletten, dann 1 Tag Pause und so weiter. Helga Arendt und "Gilla" sollten beim Basistraining vom 15. November bis 13. Dezember (4 Wochen lang) 2 Tabletten Stromba nehmen, dann 1 Tag Pause und so weiter. Im Spezialtraining sollten zunächst 18 bis 20 Tage lang 3 Tabletten genommen werden. Später wurde dies aufgeteilt: 6 Tage lang 2 Tabletten, 8 Tage lang 3 Tabletten, 6 Tage lang 2 Tabletten.

DER SPIEGEL 49/1990
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