08.10.1990

Diesmal sterbe ich, Schwester

SPIEGEL-Reporter Cordt Schnibben über den historischen Irrtum, der den Deutschen die Einheit bescherte

Von Schnibben, Cordt

Reila Mittenzwey, wohnhaft in Berlin, Wisbyer Straße, steht am Morgen des 9. November 1989 auf, um ihrem Freund Frühstück zu machen.

Wolfgang Herger, wohnhaft in Berlin, Wisbyer Straße, steht am Morgen des 9. November 1989 auf, um an der Sitzung des Zentralkomitees der SED teilzunehmen.

Günter Schabowski, jetzt wohnhaft in Berlin, An der Kolonnade, steht am Morgen des 9. November 1989 auf, um an der Sitzung des Zentralkomitees der SED teilzunehmen.

Gerhard Lauter, wohnhaft in Berlin, An der Kolonnade, steht am Morgen des 9. November 1989 auf, um in das Innenministerium zu fahren.

Was diese vier DDR-Bürger bis zum nächsten Morgen tun werden, verändert die Lage in Europa wie ein Weltkrieg und macht aus ihnen und 16 Millionen Landsleuten ein Jahr später Bundesbürger.

Reila Mittenzwey legt sich wieder ins Bett, nachdem ihr Freund das Haus verlassen hat. Die 29jährige ist im sechsten Monat schwanger und nutzt jede Chance zur Ruhe. Um 14 Uhr muß sie zur Arbeit.

Auf Gerhard Lauter, den "Hauptabteilungsleiter Paß- und Meldewesen", warten im Innenministerium zwei Obristen der Staatssicherheit. Sie übermitteln dem 40jährigen den Auftrag, noch am selben Tag einen "Beschluß zur Veränderung der Situation der ständigen Ausreise von DDR-Bürgern nach der BRD über die CSSR" auszuarbeiten.

In den letzten 24 Stunden seien mehr als 20 000 Republikflüchtlinge über die Tschechoslowakei entkommen, teilen die Generäle der Staatssicherheit mit; die tschechische Führung beabsichtige, ihre Grenze zur DDR zu schließen, weil "sie ein Überschwappen der Zersetzung auf ihr Land befürchtet".

Durch den Sturz Honeckers, drei Wochen vorher, war auch die unverbrüchliche Freundschaft der Betonköpfe in Prag und Ost-Berlin brüchig geworden, so daß KP-Führer Milos Jakes nicht länger den Müllmann für seinen neuen Kollegen Krenz abgeben will.

Zwei Tage vorher, am 7. November, hatte das Politbüro der SED über die Massenflucht diskutiert und Gegenmaßnahmen erörtert. Den Vorschlag, Zehntausende Republikflüchtlinge ohne Prüfung direkt von der DDR in die Bundesrepublik ausreisen zu lassen, verurteilten die Haudegen unter den 23 Politbüro-Genossen als Aufgabe hart erkämpfter Positionen, gar als Revision der Nachkriegsordnung. Eine zweite Mauer zu bauen, einen antisozialistischen Schutzwall zur CSSR, das wird einmütig abgelehnt; selbst die vorgeschlagene leichtere Stacheldrahtversion schaffe nur neue Probleme: Dann müsse man mit Flüchtlingslagern von Tausenden Familien und mit Massenattacken auf den Zaun rechnen. Andererseits steht die Drohung der Bruderpartei im Raum: "Wenn ihr die Grenze zu uns nicht dichtmacht, machen wir sie zu."

Schließlich wird der Rücktritt des Politbüros erwogen und die Einrichtung eines "Runden Tisches" bei gleichzeitiger Schließung aller Grenzübergänge. Aber auch diese mehrmonatige Quarantäne, das erkennen selbst die Politbürokraten, hat ihre Tücken: Man könne die Ausreise zwar verbieten, aber nur mit Waffengewalt stoppen.

"Die Sitzung endete ohne Beschluß", sagt Politbüromitglied Siegfried Lorenz, einer derjenigen, die zusammen mit Krenz Honecker gestürzt hatten. "Es blieb offen, was genau zu tun ist."

Ministerpräsident Willi Stoph erhält den Auftrag, Vorschläge zur Regelung der ständigen Ausreise auszuarbeiten. "Aber wir wollen doch heute zurücktreten!" wendet Stoph ein. Auch wenn die Regierung zurücktrete, bleibe sie bis zur Wahl der neuen Führung im Amt, wird ihm kurzerhand entgegnet.

Stoph tritt am selben Tag zurück und muß den ungeliebten Auftrag wohl an Mielke weitergegeben haben, der wiederum den Leiter seiner Rechtsstelle und den stellvertretenden Leiter der Hauptabteilung VII am Morgen des 9. November zu Gerhard Lauter ins Innenministerium schickt.

Lauter holt noch Gotthard Hubrich hinzu, den inzwischen verstorbenen Leiter der Hauptabteilung innere Angelegenheiten, und in Lauters Büro arbeiten die Herren, mit einer Landkarte der DDR im Rücken, an der Lösung der Grenzfrage.

"Die beiden Kollegen von der Staatssicherheit waren Fachleute, exzellente Juristen", sagt Lauter. "Das MfS hatte ja immer ersten Zugriff auf die besten Leute." Schnell ist den vieren klar, daß die politische Vorgabe ihres Auftrages Unsinn ist. "Wir sollten eine Regelung finden für denjenigen Bürger, der das Land für immer verlassen will, aber denjenigen, der mal eben seine Tante besuchen will, nicht rauslassen? Das wäre doch schizophren gewesen!"

So kommt es, daß die mutigen vier einen Entwurf mit dem Titel "Unverzügliche Visaerteilung für ständige Ausreisen" beiseite legen und einen Passus über "Privatreisen" formulieren - jene drei Sätze, die später am Abend Zehntausende als Signal mißverstehen, an die Grenze stürmen zu dürfen.

Für Gerhard Lauter bedeuten diese drei dürren Sätze das Ende von einem Jahr bedrückender Arbeit. Der Jurist, vorher zuständig für die Aufklärung von Katastrophen und Großunfällen, war als Leiter der Abteilung Paß- und Meldewesen der Puffer zwischen dem Fernweh der DDR-Bürger und dem Schließzwang der DDR-Führung.

"Hier in diesen Räumen konnte man den Druck spüren, der auf den Grenzen der DDR lastete", sagt Lauter, "und er nahm von Monat zu Monat zu." Von unten, von den Ämtern der Volkspolizei drückten die Antragsteller, und von oben, aus dem Politbüro, bremsten Honecker und Mielke.

Sie griffen immer tiefer in die Trickkiste. Im April 1989 fälschte der Generalsekretär mit schwarzer Tinte die Zahl der DDR-Bürger unterhalb des Rentenalters, die im ersten Quartal ins westliche Ausland gereist waren, von 290 922 auf 390 922 hinauf, um den Rückgang des Reiseverkehrs in eine Zunahme umbiegen zu können.

Als immer mehr Untertanen ihren Urlaub in der Tschechoslowakei und in Ungarn nutzten, um das Weite zu suchen, forderte Honecker einen neuen roten Reisepaß, der den alten blauen ungültig machen sollte. Doch nur 60 Musterpässe wurden gedruckt, dann fegte die Ausreisewelle den Paß und seinen Schöpfer hinfort.

Am 9. November, als Lauter den Satz "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden", in jenen Beschluß "reinschummelt" (Lauter), der eigentlich nur die ständige Ausreise regeln soll, ist ihm klar, daß er und seine drei Genossen damit die Mauer umstoßen - wenn der Entwurf Beschluß wird.

Gegen 13 Uhr erreicht ihr Papier das Politbüro. In der Mittagspause der Sitzung des Zentralkomitees, "beim Kaffeetrinken" (Lorenz), nicken die Genossen dem Beschluß zu. Lorenz: "Keiner hat ihn wirklich begriffen."

Da Willi Stoph am Vortag aus dem Politbüro gewählt worden ist, ruft Wolfgang Herger den Ministerpräsidenten an, um nach dem Beschluß der Mächtigen nun die Zustimmung der Regierenden anzuordnen. Herger ist der Sicherheitsmann im neugewählten Politbüro, also das, was Krenz unter Honecker war. Als einer von Krenz' Abteilungsleitern sägte er vorher unauffällig an Honeckers Stuhl, jetzt ist er die rechte Hand von Krenz. Herger übermittelt Stoph, daß der Ministerrat noch im Laufe des Tages beschließen soll.

Eine Stunde später tritt Reila Mittenzwey ihren Dienst als Krankenschwester in der Charite an. Sie arbeitet auf der gastro-enterologischen Station. Sie muß sich sofort um die Leberzirrhose kümmern, die seit zwei Wochen auf der Station liegt. Der Patient hat starke innere Blutungen. "Diesmal sterbe ich, Schwester Reila."

Sie holt Blutkonserven heran und gibt ihm Sauerstoff. Die eingeschobene Magensonde erbricht der Patient. Dunkles Blut spritzt ins Bett und an die Wand. Im Nebenzimmer stöhnt eine ältere Patientin. Ihre Atmung wird schwächer, aber die Schwester kann sich jetzt nicht auch noch um sie kümmern.

Die Charite liegt direkt an der Mauer. An ruhigeren Tagen sind Reilas Gedanken schon mal hinübergewandert, an der S-Bahn entlang, die direkt am Krankenhaus vorbeiführt, von der Friedrichstraße zum Lehrter Stadtbahnhof. In diesem Fluchtsommer, in dem man sich mit einem sarkastischen "Na, auch noch da" zu begrüßen begann, hatte auch sie des öfteren Kofferpacken gespielt, zunächst zur Flucht über Bulgarien, dann über Ungarn, schließlich über Prag, aber je einfacher das Abhauen, je kürzer der Weg in den Westen wurde, desto stärker wurden ihre Zweifel.

Nachdem dieser merkwürdige Mann eines Tages an ihrer Wohnungstür aufgetaucht war, da war sie allerdings reif für den Systemwechsel. Sie hatte ihn die Treppe hochkommen hören, suchend; er klingelte bei ihr, nur bei ihr, behauptete aber, alle im Haus nach diesem jungen Mann zu fragen - er zeigte ein Foto -, der an der Grenze geschnappt worden sei und diese Adresse angegeben habe.

Der Mann legte ihr allerhand Fotos vor, uralte, abgegriffene, die wohl schon für Hunderte Kontaktgespräche hatten herhalten müssen. Als sie ihn schließlich direkt fragte, was er denn wirklich wolle, antwortete er lächelnd, verlegen: "Sie wissen doch, was die Staatssicherheit will." Reila warf ihn hinaus.

Die Frage der Ausreise belaste uns alle, sagt Egon Krenz am Nachmittag des 9. November gegen 17 Uhr den Genossen des Zentralkomitees. Deshalb müsse er jetzt von der Tagesordnung abweichen und den "Beschluß zur Veränderung der Situation der ständigen Ausreise von DDR-Bürgern nach der BRD über die CSSR" verlesen.

Wie der Wortlaut der Ausführungen von Krenz belegt, begreift der Generalsekretär der SED und Vorsitzende des Staatsrates der DDR in diesem Augenblick nicht, daß die neue Regelung nicht nur den DDR-Flüchtlingen die ständige Ausreise direkt in die Bundesrepublik ermöglicht, sondern auch allen DDR-Bürgern die Reisefreiheit beschert. Er redet so, als enthalte das Papier nur das, was obendrüber steht ("Ständige Ausreise") und nicht auch den Passus, den Lauter eingefügt hat ("Privatreisen"), den Krenz zwar vorgelesen, wohl aber nicht wirklich begriffen hat.

Kaum einer der 213 Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees versteht, was da wie eine Verkehrsdurchsage an ihren Ohren vorbeifliegt. Lorenz: "Mit Sicherheit ist keinem die Tragweite dieses Beschlusses bewußt gewesen." Niemand ergreift das Wort, um den Fall des antifaschistischen Schutzwalles zu bedauern oder zu würdigen.

Günter Schabowski, der Pressesprecher des neuen Politbüros, ist nicht im Saal gewesen, als die neue Flüchtlingsregelung vorgelesen wurde. Auch mittags bei der provisorischen Politbüro-Sitzung hatte er Besseres zu tun, und so weiß er überhaupt nicht genau, was auf diesem Zettel steht, den Krenz ihm um 18 Uhr mit den Worten in die Hand drückt: "Gib das auf deiner Pressekonferenz mit bekannt."

Im Aufenthaltsraum der gastro-enterologischen Station verfolgt nur ein Patient die Pressekonferenz. Schwester Reila hat keine Zeit zu gucken. Sie hat nicht einmal Zeit, die Leiche - den Mann mit der Leberzirrhose - zu versorgen, da die Patientin, die schon um 15 Uhr schwach atmete, nun nach schwesterlicher Pflege verlangt. Verdacht auf Tumor in den Atemwegen. Reila holt den Arzt. Spiegelung.

Die anderen 22 Patienten der Station werden unruhig. Ihr Abendbrot ist überfällig. Im Vorbeihasten hört Reila aus dem Aufenthaltsraum, daß Schabowski von einem Journalisten auf die Fluchtwelle angesprochen wird und beiläufig darüber informiert, daß nun die Ausreisenden direkt von der DDR in die BRD fahren können und nicht mehr über die CSSR müssen. "Na, prima", denkt Reila, "dann hauen noch mehr ab." Sie legt der Leiche die Augenbinde an. Wo ist das Totenhemd?

Schabowski hat weder im Haus des Zentralkomitees noch auf der Fahrt zur Pressekonferenz den Zettel gelesen, den Krenz ihm mitgegeben hat. Er weiß nur, es geht um eine neue Ausreiseregelung. Er weiß nicht, daß auf der zweiten Seite des Papiers der Satz steht: "Über die Regelungen ist die beigefügte Pressemitteilung am 10. November 1989 zu veröffentlichen." Heute ist der 9. November.

"Warum gibt der Krenz mir den Zettel mit, wenn die Regelung erst am 10. November raus sollte", wird Schabowski später fragen. "Kann ich ahnen, daß der Schabowski sich das Ding nicht mal durchliest?" wird Krenz später argumentieren.

Nicht genug: Als Schabowski die Mitteilung verliest, deren Inhalt er nicht genau kennt und zudem noch nicht preisgeben soll, ist sie noch gar nicht beschlossen. Hauptabteilungsleiter Lauter: "Die Beschlußvorlage lief, wie ich später hörte, per Umlauf durch den Ministerrat, mit der Terminierung 19 Uhr. Einer, der Justizminister, hat sogar Einspruch erhoben."

Nicht nur Schabowski, auch Lauter weiß davon am 9. November um 18.50 Uhr nichts. Der Hauptabteilungsleiter hat den ganzen Nachmittag lang auf die Nachricht gewartet, ob sein Entwurf Beschluß geworden sei. Vergebens. Während Schabowski den Beschluß verkündet, der noch Entwurf ist, befindet sich Lauter auf dem Weg ins Theater. "Reineke Fuchs" von Goethe.

Schabowski erklärt den Journalisten und den Fernsehzuschauern, "daß man aus dem Entwurf des Reisegesetzes den Passus in Kraft treten läßt, der die ständige Ausreise regelt, also das Verlassen der Republik". Als einer aus dem Saal nachfragt, ob diese Ausreiseregelung auch für die Übergänge nach West-Berlin gelte, merkt Schabowski zum erstenmal, daß mit diesem Zettel von Krenz etwas nicht stimmt.

Er guckt nach, ja, da steht "Berlin (West)", und ihm jagt durch den Kopf: "Hoffentlich wissen die Sowjets davon, dieses Ding berührt ja den Vier-Mächte-Status - verflucht."

Auf der gastro-enterologischen Station ist längst die Diskussion darüber in Gang, ob das, was der SED-Mann da eben gesagt hat, wirklich nur für die Aussiedler gelte.

Für Reila ist das klar, ihre Kollegin Steffi widerspricht. Der habe doch auch etwas von "Privatreisen" gesagt. In der "Aktuellen Kamera", eine halbe Stunde später, hören die beiden Krankenschwestern, daß "Privatreisen nach dem Ausland ab sofort ohne besondere Anlässe beantragt werden können". Was die vier am Vormittag in den Entwurf hineinformuliert haben, ist nun plötzlich zur Spitzenmeldung geworden.

In der Redaktion der "Aktuellen Kamera" waren die Journalisten um 19.15 Uhr auf die Idee gekommen, daß man doch das, was Schabowski soeben verkündet habe, in die Sendung aufnehmen müsse. Aber ihnen lag keine Pressemitteilung vor. Ein Anruf bei ADN ergab, daß dort zwar eine lag, aber eine, die erst nach vier Uhr morgens veröffentlicht werden durfte.

Die Journalisten schreiben sich ihre Meldung selber, ungewöhnlich in dieser Redaktion, und machen in ihrer Version die Privatreisen wichtiger als die Ausreisen. Die "Tagesschau" bringt es genau umgekehrt.

Leicht verwirrt schiebt Reila Mittenzwey den toten Patienten in den Fahrstuhl. Sie beginnt, Bett und Zimmer von den Blutspritzern zu reinigen. Zwar denkt sie hin und wieder an die neuen Nachrichten, aber sie bezieht sie nicht auf sich.

Das "heute-journal" um 21.45 Uhr beruhigt sie: Die neue Regelung, wird dort kritisiert, gelte nur für die Ausreisewilligen. Es wäre besser, "wenn verkündet worden wäre, daß jeder DDR-Bürger mit seinem Reisepaß über die Grenze gehen kann und auch wieder zurück".

Zu diesem Zeitpunkt stehen Hunderte DDR-Bürger bereits an den Übergängen in Ost-Berlin, um auszuprobieren, was diese neue Regelung wirklich bedeutet. Sie wissen es nicht, die Grenztruppen wissen es nicht, keiner weiß es.

"Privatreisen können beantragt werden", heißt es in dem Papier. Und: "Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt." Beide Sätze können eigentlich keinen Menschen auf den Gedanken bringen, einen DDR-Bürger schon gar nicht, er dürfe einfach zur Grenze gehen und sie stürmen. Und dennoch tun sie es in dieser Nacht, wie von einem mächtigen Sog gezogen.

Als Reila Mittenzwey um 22 Uhr die Charite verläßt, stehen am Übergang Invalidenstraße einige Dutzend Mutige. "Alles Quatsch", hört sie im Vorbeigehen, "gehen Sie nach Hause."

Gerhard Lauter erreicht der aufgeregte Anruf des stellvertretenden Innenministers kurz nach 22 Uhr, als er gerade von "Reineke Fuchs" in die Wohnung zurückkehrt.

Günter Schabowski wird zum selben Zeitpunkt von einem Mitarbeiter der Parteileitung aufgeschreckt: Tausende an den Grenzübergangsstellen!

Wolfgang Herger hört gegen 22.45 Uhr aus seinem Toilettenfenster - er wohnt in der Nähe des Grenzüberganges Bornholmer Straße -, daß sich unten Fahrzeugkolonnen in Richtung Grenze stauen. "Ob das vielleicht mit diesem komischen Zettel von heute nachmittag zusammenhängt", denkt er.

15 Minuten vorher ist seine Nachbarin Reila Mittenzwey mit der Straßenbahn von der Charite zurückgekehrt. Unterwegs keine besonderen Vorkommnisse. Doch als sie nun auf den Balkon tritt, um zu gucken, "ob der Alte kommt" - er hat Herrenabend -, blickt sie auf eine Karawane von Flüchtenden. Mit Koffern und Kinderwagen, hupend und johlend schiebt sich eine Menschenmenge auf die Grenze zu.

Ihre Nachbarin schreit vom Balkon entgeistert hinunter: "Die können doch nicht alle abhauen, was soll aus uns werden?" Drinnen spricht Hanns Joachim Friedrichs - die "Tagesthemen" laufen mit Verspätung, weil Kaiserslautern gegen Köln wichtiger ist als DDR gen Westen - die klärenden Worte des Tages: "Die DDR hat mitgeteilt, daß ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Der Reiseverkehr in Richtung Westen ist frei. Die Tore in der Mauer stehen weit offen."

Hunderte stürzen nach diesen Worten auf die Balkone der Wisbyer Straße, Tausende laufen vor die Tür. Innerhalb von Minuten verwandelt sich die Allee in einen Karnevalskorso, vollgestopft mit Menschen, die jubelnd, zweifelnd, hastig dem Loch am Ende der Straße entgegendrängen.

Herger rast ins ZK, Schabowski eilt ins ZK, Lauter ist schon im Innenministerium, Reila Mittenzwey geht in die Kneipe. Kurz vor der Tür stockt sie, der Herrenabend ist tabu, "aber verdammt, dies hier ist doch Geschichte, du mußt da hinein".

In der Gaststätte ist es ruhig. Kein Radio, kein Fernsehen. Die Männerrunde starrt sie an. "Jungs, die Grenze ist offen." Einer lacht. "Kommt raus, guckt es euch an." Stille. Ratlos offene Münder.

Gerhard Lauter jagt das Fernschreiben, das er am Nachmittag für den Fall der Annahme seines Entwurfs vorbereitet hatte, an die Kreise und Bezirke hinaus. Dringlichkeitsstufe "Flugzeug". Darin steht, wie es eigentlich hätte laufen sollen: "Zur Beantragung der Reise sind vom Bürger zwei Anträge und eine Zählkarte entgegenzunehmen. Die Bearbeitungszeit richtet sich nach den Reisewünschen der Bürger. Die Übergabe der Zählkarte an das Ministerium für Staatssicherheit entfällt."

Kommandeure von Grenzübergangsstellen aus allen Teilen der DDR rufen bei Lauter im Innenministerium an, um zu fragen, was sie mit den Menschen machen sollen, die sich vor den Schlagbäumen stauen. Lauter: "Die hatten keine Information, keine Weisung. Wenn die sich so verhalten hätten, wie sie es gelernt haben, wäre es zum Bürgerkrieg gekommen."

Auch Herger, inzwischen im ZK der Kopf des Krisenstabes, fürchtet ein Blutbad, stellt aber zu seiner Erleichterung fest, daß die Grenztruppen pflichtwidrig dem ungesetzlichen Druck der Menschen nachgegeben haben. Überlegungen im Krisenstab, die Grenze wieder dichtzumachen, werden verworfen. Alexander Schalck-Golodkowski schlägt vor, in Verhandlungen mit der Bundesregierung Kapital aus dem Mißgeschick zu schlagen. Krenz ("Wer hat uns das bloß eingebrockt?") erhält den Rat, aus dem grandiosen Irrtum seine historische Glanztat zu machen, woran er sich bis heute eisern hält.

Schabowski beobachtet in dieser Nacht am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße den breiten Strom der DDR-Bürger in Richtung Westen. "Jetzt läuft die DDR aus", denkt er.

Reila Mittenzwey steht auf einem Mäuerchen am ertrinkenden Übergang Bornholmer Straße, mitten im Freudenmeer. "Jetzt ist sie offen", denkt sie, "heute muß ich nicht rüber." o


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