10.09.1990

„Der Hinweis traf ins Schwarze“

Der jordanische Händler Sadeq Qadoumi erhielt am 9. August dringende Post aus Deutschland. "Ich bin sehr glücklich", schrieb der Kieler Kaufmann Klaus Weihe, "mit Ihnen wieder in Kontakt zu kommen." Eine wichtige Fuhre müsse an "unsere Freunde" geliefert werden.
Der Mann in Amman wußte gleich, es würde keine leichte Fracht werden: 30,5 Tonnen Stahlrohre, eine Drehbank samt Ersatzteilen und "vielleicht ein paar kleine zusätzliche Dinge" sind ein Haufen Zeug, wenn es, was auf der Hand liegt, an den Kontrollen vorbei in den Irak geschafft werden soll. Ganz diskret wollte Weihe das Geschäft (Wert: 653 851,66 Mark) abwickeln: "nur von Fax zu Fax".
Am 12. August gab Qadoumi sein Okay: "Die Zusammenarbeit ist möglich." Einzelheiten sollten auf einem Treffen erörtert werden. Der Jordanier verlangte einen saftigen Risikoaufschlag: fast 100 000 Mark Prämie, Transportkosten natürlich extra.
Doch aus der Lieferung an die NASSR State Enterprise for Mechanical Industries, eine Abteilung des irakischen Kriegsministeriums, wird wohl nichts. Staatsanwälte sind dem Deal durch einen anderen Irak-Fall auf die Spur gekommen.
Gegen Weihe wird seit Mitte August ermittelt, weil er gemeinsam mit seinem Partner Friedrich-Simon Heiner von der Bonner Inwako GmbH Bagdad beim Raketenprojekt 1728 geholfen haben soll. Die Iraker wollen mit dem Programm sowjetische Scud-B-Raketentechnologie durch leistungsfähigere Trägersysteme optimieren.
Der Irak hat dafür im gesamten Westen, vor allem aber in der Bundesrepublik, Teile und Know-how eingekauft. "Mittelständische deutsche Unternehmen", erklärte Bundeswirtschaftsminister Helmut Haussmann vertraulich im Wirtschaftsausschuß, seien hauptsächlich daran beteiligt. Neben der Inwako und dem inzwischen verhafteten Firmenchef Heiner nannte Haussmann die Havert Handelsgesellschaft mbH und die Heinrich Müller Maschinenfabrik GmbH aus Pforzheim.
Die Bestellungen gehen nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste trotz des Embargos immer noch ein. Wenn nicht zufällig der Staatsanwalt kommt, wird über dunkle Kanäle weiter geliefert. Nur der Preis erhöht sich.
In kurzen Abständen alarmieren der Bundesnachrichtendienst (BND), die amerikanische CIA, der englische und der australische Geheimdienst die Bundesregierung wegen krummer deutscher Rüstungsgeschäfte in der Krisenregion Nahost. Nicht weniger als 30mal hat allein der BND seit August 1989 Bonn informiert.
Der republikanische US-Senator Jesse Helms überreichte in der vergangenen Woche Präsident George Bush eine Liste mit deutschen Firmen, die an Rüstungsgeschäften im Irak beteiligt sind. Der Senator stützte sich bei seinen Angaben im wesentlichen auf die im SPIEGEL 33/1990 veröffentlichte Tabelle.
Geschäftspartner ist nicht nur der Irak. Erst vor zwei Wochen warnte der Verband der Chemischen Industrie einige seiner Firmen vor "Mittelsmännern und Zwischenhändlern", die derzeit im Auftrag Libyens Vorprodukte für Nervenkampfstoffe aufkauften.
Es lägen vertrauliche Hinweise vor, heißt es in dem Schreiben vom 24. August, daß Emissäre von Revolutionsführer Muammar el-Gaddafi "besonderes Interesse an der Beschaffung von Thionylchlorid, Phosphortrichlorid, Chlorbenzol, Chloräthanol und Natriumsulfid" hätten.
Auch mit dem Iran kommen deutsche Rüstungsgeschäfte mehr und mehr in Schwung. Die Mullahs wollen ebenfalls neue Giftgasküchen einrichten. Über eine iranische Staatsniederlassung in Düsseldorf orderte Teheran 3400 Tonnen Thionylchlorid, ein Vorprodukt für Senfgas. Und am 15. Januar meldete die US-Botschaft in Bonn, eine Ladung des Giftgasvorprodukts Natriumfluorid sei ebenfalls von einer westdeutschen Firma nach Teheran verkauft worden. Nach einigem diplomatischen Gezerre erklärte sich der Iran bereit, die Ladung zurückzuschicken.
Dafür baut der Iran derzeit an einer Senfgasfabrik. Nach Bonner Erkenntnissen wird die Anlage von einem niederländischen Unternehmen errichtet.
Fahnder hegen sogar den Verdacht, daß ein deutscher Kaufmann dem Iran die Grundausstattung zur Herstellung bakteriologischer Waffen geliefert hat. Aber auch der Irak soll mit der gefährlichsten Waffe aus der Retorte bedient worden sein. Nach BND-Berichten lieferte eine deutsche Firma Brutschränke nach Bagdad, mit denen die B-Waffenherstellung möglich ist; eine andere soll nach Hinweisen des amerikanischen FBI Substanzen beigesteuert haben.
Die deutsche Exportwut macht offenbar vor nichts halt. Was allein zählt, ist der Profit. Geliefert wird nahezu alles, von der Kanonenschmiede bis hin zum Know-how für die Atombombe.
In das nahezu undurchdringliche Gestrüpp verbotener Geschäfte gewähren den Regierenden mitunter nur die Nachrichtendienste Einblick. Der Pullacher BND allerdings ist bei seinen streng geheimen Ausforschungen selbst ins Zwielicht geraten.
Seine Späher, räumte BND-Vizechef Paul Münstermann vorigen Donnerstag in einer Geheimsitzung in Bonn ein, seien in die Aktivitäten von deutschen Giftgashändlern verstrickt. In den Jahren 1987/88 habe es massive Verflechtungen mit Leuten gegeben, die vor drei Wochen wegen ihrer Aktivitäten im Irak verhaftet worden seien.
Nach SPIEGEL-Informationen haben mindestens drei der angeblichen Giftgashändler zeitweilig mit dem BND zusammengearbeitet. Der Manager Peter Leifer von der Hamburger Water Engineering Trading GmbH (W.E.T.) war seit 1986 Irak-Mitarbeiter des BND.
Der Mann, der bis Mitte der achtziger Jahre für den Preussag-Konzern gearbeitet hatte, versorgte bis März 1988 den Pullacher Dienst mit Nachrichtenmaterial über den Irak. Auch der Deutsch-Iraker Al-Kadhi, ebenfalls ein W.E.T.-Manager, soll für den BND aktiv gewesen sein. Der BND bestreitet dagegen eine Agententätigkeit von Al-Kadhi. Ein neuer Skandal, der auch personelle Konsequenzen in Bonn haben könnte, bahnt sich an. Die Firma W.E.T. hat den Irak mit 58 Tonnen Vorprodukten zur Herstellung des Nervengases Tabun beliefert. 1986 wurden auch Anlagen zur Giftgasproduktion ins irakische Falludscha geschafft. Geplanter Tagesausstoß: 17,6 Tonnen.
Die Hamburger Rüstungs- und Nachrichtenhändler waren als Spezialisten in Bagdad hoch angesehen. So wurde Mitte März 1987 eine vierköpfige W.E.T.-Delegation unter Leitung Leifers von 14 irakischen Projektmanagern zu einem viertägigen Treffen empfangen.
Auch als die Darmstädter Staatsanwaltschaft und die "Soko Irak" des Kölner Zollkriminalinstitutes gegen W.E.T. ermittelten, arbeitete zumindest Peter Leifer weiter für den BND.
Pullach habe, erklärte ein hoher BND-Mann dem SPIEGEL, Leifer gebraucht, "um Informationen zu sammeln". Aber der "Dienst identifiziert sich nicht mit dem, was Leute außerhalb dieses Bereichs machen. Ich glaube, es ist dasselbe, als wenn wir in den KGB eindringen. Deshalb billigen wir doch nicht die Politik dieser Organisation."
Der Fall ist ein anschauliches Beispiel für die Verfilzung von Politik und Rüstungslobby. Es wird getäuscht und finassiert. Sobald ein neuer Skandal in Sicht ist, werfen Beteiligte und Betroffene mit Nebelkerzen um sich. Es gilt, nur irgendwie durchzukommen.
"Wenn wir auch nur einen einzigen Anhaltspunkt gehabt hätten", empörte sich der Bonner Wirtschaftsstaatssekretär Erich Riedl (CSU), "daß die und jene Firma sich bereit erklärt hatten, Giftgasanlagen im Irak zu bauen, die hätten nicht die geringste Chance gehabt, überhaupt den Flughafen zu erreichen."
Die Chronologie des Giftgasfalles zeigt ein ganz anderes Bild.
1981 begann die Pilot Plant, eine Schwesterfirma der hessischen Karl Kolb KG, im irakischen Samarra mit dem Bau einer Giftgasanlage. Im Mai 1982 gab ein Techniker des Preussag-Konzerns der deutschen Botschaft in Bagdad den Hinweis, in der Anlage sollte später Giftgas hergestellt werden.
Sein Tip hatte durchschlagenden Erfolg: Als der Preussag-Mann einen Monat später auf Heimaturlaub weilte, bekam er überraschend die Kündigung. "Mein Hinweis", so der Ex-Preussag-Mann, "traf offenbar ins Schwarze." Chef in Bagdad war übrigens der damalige Preussag-Repräsentant Al-Kadhi.
Zwei Jahre später schlug die CIA Alarm, und die New York Times berichtete ausführlich über die Giftgasanlagen der Deutschen. Für den damaligen FDP-Wirtschaftsminister Martin Bangemann war der Fall klar: reiner "Konkurrenzneid" der Amis.
Zwei sogenannte Experten, die von Bonn nach Samarra geschickt wurden, konnten nichts Auffälliges entdecken. Washington überschwemmte den deutschen Wirtschaftsattache mit weiteren Hinweisen. Von 1984 an mischten sogar die W.E.T.-Leute im Geschäft mit.
1986 endlich nahm die Darmstädter Staatsanwaltschaft die Ermittlungen auf. Vor drei Wochen schließlich kamen sieben Manager wegen ihrer irakischen Aktivitäten in Haft.
Nun weiß es auch Riedl, er streitet aber jede Verantwortung ab: "Wenn man aus dem Rathaus kommt, ist man bekanntlich klüger."
Das Ritual der Politiker ist so simpel wie verlogen: Nach der Affäre um die Giftgasfabrik Rabita in Libyen verkündete die Bundesregierung mit starken Worten, sie werde das Kriegswaffenkontrollgesetz rigoros verschärfen.
Als sich die Aufregung gelegt hatte, wurden die scharfen Passagen im Gesetzentwurf wieder abgeschwächt, die Mindeststrafe für den illegalen Umgang mit A-, B- und C-Waffen von zwei Jahren auf ein Jahr gesenkt. Wer sich zudem "leichtfertig" in einen solchen Deal eingelassen hat, kann straffrei ausgehen, wenn er das Geschäft nur "unerheblich gefördert" hat.
Sogar die Vorschriften zur Herstellung chemischer Kampfstoffe wurden aufgeweicht. Bis Juli 1989 war es verboten, ohne Genehmigung Anlagen zu exportieren, die für die Giftgasproduktion "geeignet" sind. Die Vorschriften wurden erweitert, neuerdings müssen die Anlagen "besonders geeignet" sein, um ein Verbot zu erwirken.
Derzeit, unter dem Eindruck der Kriegsgefahr im Nahen Osten, haben in Bonn mal wieder die Scharfredner mit ihrer Forderung nach härteren Gesetzen Konjunktur - bis auf weiteres.
Kein großes Risiko für die Lieferanten heißer Waren. Zwar laufen derzeit bundesweit 37 Ermittlungsverfahren, in die mehr als 170 deutsche Firmen verstrickt sind. Erst am vergangenen Mittwoch begann in Hanau ein Prozeß um illegale Atomgeschäfte mit Pakistan. Aber die Exportkontrollen sind lasch; und hat die Sore erst einmal die deutschen Grenzen passiert, fällt der Nachweis verbotener Geschäfte schwer.
Hinzu kommt, daß sich die Behörden leicht täuschen lassen. Die Export-Kontrollen seien, stellten die Richter im Verfahren gegen vier Ex-Manager der Waffenschmiede Rheinmetall in Düsseldorf fest, "wenn überhaupt, halbherzig und eben für die Wirtschaft erfolgt".
Mit einer ähnlichen Begründung war ein Freiburger Kaufmann trotz der Lieferung von kerntechnischen Anlagen nach Pakistan 1985 nur zu einer milden Bewährungsstrafe von acht Monaten verurteilt worden. Die staatlichen Kontrollbehörden, so die Richter, hätten ihm die Tat sehr leicht gemacht.
Daß die Akteure bei verbotenen Geschäften so glimpflich davonkommen, ist vom Gesetzgeber offenbar beabsichtigt: Die Sanktionen bei Verstößen gegen das Außenwirtschaftsgesetz waren bislang zumeist Bußgelder und wurden aus der Portokasse beglichen.
Es ist wohl auch kein Zufall, daß die juristische Bewältigung der Rüstungsskandale nicht gelingen will. Bei der üblichen Beteiligung mehrerer Firmen an einem Projekt sind oft Staatsanwaltschaften an verschiedenen Orten eingeschaltet, ohne voneinander zu wissen. Jede fängt fast immer bei Null an.
Der Gesellschaft für bedrohte Völker sind die schleppenden Ermittlungen seit langem ein Ärgernis; im Fall MBB hat sie deswegen die Arbeit selbst in die Hand genommen. "Angesichts des offensichtlich zögerlichen Vorgehens der Strafermittlungsbehörden und Staatsanwaltschaften" drangen einige Mitglieder der Menschenrechtsorganisation am vorigen Donnerstag in MBB-Lagerhallen bei München ein. Seit Freitag ermittelt die Staatsanwaltschaft.
Die zum Daimler-Benz-Konzern gehörende Firma hat in den vergangenen Jahren offiziell in den Irak Hubschrauber für Rettungseinsätze und für VIP-Transporte geliefert. Die Helikopter wurden inzwischen zu Kampfhubschraubern umgerüstet. Anfang August sollte die letzte Teillieferung an die irakische Luftwaffe gehen, das Embargo kam dazwischen.
Gerät doch mal einer vor Gericht, muß er nicht den Mut verlieren. Der Lahrer Fabrikant Jürgen Hippenstiel-Imhausen, Lieferant der Giftgasfabrik im libyschen Rabita, kam mit fünf Jahren Haft vergleichsweise milde davon. Den Gewinn aus dem verbotenen Geschäft in Höhe von rund 60,1 Millionen Mark darf er behalten.
Was in Bonn gern als Einzeltat eines kriminellen Unternehmens dargestellt wird, ist in Wirklichkeit das Geschäft von über 40 Firmen (siehe Schaubild Seite 118). Bis auf Hippenstiel gingen bislang alle anderen straffrei aus.
Von den Ereignissen im Irak noch verdeckt, bahnt sich in dem Wüstenstaat schon die nächste Affäre an: Gaddafi hat nach Informationen des BND und des britischen Geheimdienstes mindestens zwei neue Giftgasprojekte in Planung.
Auf den Plänen für eine Anlage in der Wüstenstadt Sabha, berichtete ein aus dem Projekt ausgestiegener deutscher Kaufmann, sei auch von "German suppliers" (deutschen Ausrüstern) die Rede gewesen. Eine Spur führte nach Süddeutschland. Seit März ermitteln Staatsanwälte in Ulm und Stuttgart gegen die Firmen Abacus, Liebert Consult und Rose Import - Export GmbH.
Die drei Unternehmen sollen versucht haben, eine hochsensible Computersteuerungsanlage von Siemens (Teleperm M) zu exportieren. Ein solches "Meß- und Regelgerät zur Automatisierung einer Chemieanlage" war schon vor Jahren nach Rabita geliefert worden. Die Stuttgarter Rose GmbH ist offenbar eine Firma für alle Fälle. Auf einer Messe in Saudi-Arabien präsentierte sie mit der Filiale Decotech S.A. im schweizerischen Fribourg Schutzausrüstungen gegen C-Waffen. Gemeinsam mit der saarländischen Lux Electronic Engineering GmbH soll sie versucht haben, Navigationsgeräte an Libyen zu liefern.
Wegen Sabha ermittelt wurde auch gegen eine Tochtergesellschaft des Thyssen-Konzerns. Laut einem BND-Papier soll sie für die unterirdische Giftgasfabrik Hydraulik-Aufzüge liefern. Thyssen bestreitet jedoch eine Ausfuhr.
Eine weitere Entdeckung gibt noch Rätsel auf. Westliche Agenten meldeten in diesem Sommer, daß Gaddafi in Waddan, zwischen der Küstenstadt Sirt und dem über 500 Kilometer entfernten Sabha gelegen, unter einem alten Fort eine weitere Giftgasfabrik plant.
Deutsche werden wohl auch da mit von der Partie sein. In Sabha existiert bereits eine Napalm-Fabrik, mit Hilfe aus der Bundesrepublik wurde Anfang der achtziger Jahre ein Raketenzentrum eingerichtet, und nun arbeiten die Libyer und ihre Helfershelfer an einem neuen Raketen-Projekt namens "Ittisalt".
Deutsche sollen nach Bonner Informationen Minenfernzünder nach Tripolis, Ersatzteile für die Chemie-Anlage Abu Kammasch und Küstenwachboote mit Zubehör geliefert haben. Laut BND-Bericht verscherbelten manche Firmen sogar, unbeeindruckt vom Fall _(* Am 12. April nach der Beschlagnahme ) _(durch den Zoll im englischen Hafen ) _(Teesside. ) Imhausen, noch Ende 1989 Ersatzteile für die Giftgasfabrik Rabita.
Dank westlicher Rüstungshilfe hat sich der Nahe Osten zu einem Pulverfaß entwickelt. Der Bedarf an Waffen aller Art ist groß. Zwei Jahre nach dem Ende des Golfkrieges suchen die alten Feinde Irak und Iran intensiv nach Waffen. Experten schätzen, daß beide Staaten im Laufe der nächsten vier Jahre 60 Milliarden Dollar für Kriegsgerät ausgeben werden - eine offenbar unwiderstehliche Versuchung für Kapitalisten, allen voran aus Westdeutschland.
Die arabischen Staaten kaufen, was zu haben ist. Hochbegehrt in Syrien und Libyen sind motorisierte Segeldrachen, natürlich made in Germany. Die superleichten Feuervögel werden im Guerilla-Krieg gegen Israel eingesetzt.
Am 30. November 1989 informierten die USA Bonn, daß deutsche Drachen wiederholt nach Damaskus gelangt seien. Letzte Woche hatte einer der Drachenbauer, Norbert Schwarze aus dem Münsterland, die Zollfahndung zu Besuch. Diesmal sollen Ersatzteile für Schwarzes Drachen auf Umwegen in den Nahen Osten verhökert worden sein.
Auf krummen Wegen kamen auch Teile für ein anderes exotisches, aber weit gefährlicheres Gerät an den Golf - die Superkanone Saddam Husseins. An dem Mammutmörser mit einer Reichweite von mehr als 1000 Kilometern werkelt das kriegerische Regime seit Jahren. Aufnahmen amerikanischer Spionage-Satelliten zeigen, daß im vergangenen Jahr ein kleiner Prototyp der Monsterwaffe bereits geschossen hat.
Nach "sichergestellten Unterlagen", teilte im Mai das Bonner Wirtschaftsministerium dem Bundesverband der Deutschen Industrie mit, umfasse das Projekt Nr. 839 mit dem Namen Babylon zwei Geschütze, Kaliber 1000 Millimeter (Rohrlänge 150 Meter) und Kaliber 350 Millimeter (52 Meter Rohrlänge). Es gebe Hinweise, erklärte Haussmann dem Wirtschaftsausschuß, daß "insgesamt sechs deutsche Unternehmen" Teile dafür hergestellt hätten.
Als Auftraggeber tritt zumeist das Technical Corps for Special Projects (Teco) aus Bagdad auf. In offiziellen Anschreiben bestellt das Unternehmen Stahl und Rohre für die Ölindustrie.
Auffällig, daß für die angeblichen Pipelines Stahl in einer ungewöhnlichen Legierung mit hohen Anteilen von Nickel, Chrom und Molybdän geordert wird. Der Härtegrad dieses Stahls liegt bei einem Wert von 140, für Ölrohre wird meist Stahl mit Härtegrad 80 verwendet.
Die Aufträge für die sogenannte Big Gun sind in Italien, der Schweiz, Großbritannien und der Bundesrepublik plaziert worden. Deutsche Fahnder glauben inzwischen, auf einer heißen Spur zu sein: Die Saarstahl AG stellte aus der besonders festen Speziallegierung 40 Tonnen Bleche und 14 Tonnen Ringe her, die dann von der Düsseldorfer Export-Union GmbH in den Irak ausgeführt wurden. Auftraggeber ist auch hier Teco, angeblicher Adressat die Ölindustrie.
Für das Projekt Superkanone sprechen zudem die Dimensionen der Stahlwaren aus Völklingen: Die noch vor dem Embargo nach Bagdad gelieferten Ringe und rundgewalzten Bleche haben einen Durchmesser von über 80 Zentimetern - das Maß für das Riesengeschütz.
Gebaut wird die Big Gun im Militärforschungszentrum Saad 16 bei Mosul. Dort hat Saddam Hussein inzwischen 3000 westliche Geiseln versammelt, um sein Lieblingsprojekt vor einem US-Angriff zu schützen.
Die Deutschen kennen sich in Mosul bestens aus. In dem Rüstungsareal, berichtete Haussmann in Bonn, werden "militärisch verwendbare Raketen oder andere Rüstungsgüter entwickelt". Die Bielefelder Gildemeister-Projecta GmbH sei dafür der Generalunternehmer gewesen. Rund 40 deutsche Firmen haben zugeliefert. "Wichtigster deutscher Unterlieferant" war, so Haussmann, der Raketen- und Hubschrauber-Spezialist MBB.
Haussmanns CSU-Staatssekretär Riedl wird das nicht gern hören. Der Koordinator für die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie gilt als einflußreichster Bonner MBB-Lobbyist.
Lange Zeit hat Riedl jegliche Kenntnis über eine Beteiligung von MBB an Saad 16 bestritten. Noch im September 1988 erklärte er im Bundestag, die Bundesregierung verfüge über "keine diesbezüglichen Informationen". Tatsächlich aber durfte MBB auf Weisung der Bundesregierung von 1987 an nichts mehr für das Projekt Saad 16 liefern.
Riedl und einige andere Bonner Politiker können von Glück sagen, daß sie nicht in Wien residieren. Der ehemalige österreichische Bundeskanzler Fred Sinowatz und sein einstiger Innenminister Karl Blecha sowie Ex-Außenminister Leopold Gratz beriefen sich ebenfalls auf Unwissen: Von illegalen Kanonen-Exporten an den kriegführenden Iran hätten sie keine Kenntnis gehabt.
Doch die Beteuerungen nutzten nichts. Die drei Genossen werden, so gab das Justizministerium inzwischen bekannt, wegen Amtsmißbrauchs angeklagt.
* Am 12. April nach der Beschlagnahme durch den Zoll im englischen Hafen Teesside.

DER SPIEGEL 37/1990
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