08.10.1990

Suche in allen Winkeln

Wenn Manager vor Studenten treten, dann schildern sie ihre Branche und ihre Firma meist als aussichtsreiches Terrain für Karrieremacher. Mit werbenden Worten sollen die Fähigsten unter dem akademischen Nachwuchs ins eigene Unternehmen gelockt werden.
Ulrich Cartellieri, 53, tat, als er im Sommer vor Wirtschaftsstudenten der Bochumer Universität redete, nichts dergleichen. Ganz im Gegenteil, das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank malte die beruflichen Perspektiven in seinem Gewerbe in den düstersten Farben.
Nachdem es in den siebziger Jahren einen "Gründungsboom internationaler Banken ohnegleichen" gegeben habe, finde jetzt ein Ausleseprozeß statt. Das Geldverdienen erweise sich in dieser Branche als immer schwieriger, die Zahl der Institute werde "drastisch zurückgehen", die Zahl der Arbeitsplätze auch. Cartellieri: "Die Banken sind die Stahlindustrie der neunziger Jahre."
In Amerika sieht es schon jetzt so aus. Dort sind es die Sparbanken, die der Reihe nach pleite gehen und die staatliche Einlagenversicherung bis zu einer Billion Dollar kosten werden (siehe Seite 197). Jetzt kommen große Geschäftsbanken ins Gerede. Insgesamt 35 Institute gelten derzeit als zahlungsunfähig, wenn nicht der Staat einspringt.
Gewiß, soweit wird es in Deutschland kaum kommen. Doch die alte Banken-Herrlichkeit der Nachkriegsjahrzehnte dürfte auch hierzulande in den Neunzigern zu Ende gehen. In allen Winkeln der Geldhäuser wird nach Möglichkeiten gesucht, die Kosten zurückzudrehen oder zumindest langsamer wachsen zu lassen. Vor allem soll das Geschäft mit weniger Personal gemacht werden.
Zwar bauen alle Filialbanken derzeit für einige hundert Millionen Mark ihr Netz zwischen Rostock und Dresden auf, zahlen Mitarbeitern Gehaltszuschläge, wenn sie nach Ostdeutschland wechseln. Aber für die frei werdenden Stellen im Westen werden oftmals keine neuen Leute eingestellt.
Oberste Devise, so Commerzbank-Chef Walter Seipp, sei ein "gezieltes Kostenmanagement". Der Commerzbank-Vorstand entschied sich, die Zahl der Planstellen in Ostdeutschland für 1990 auf 600 festzuschreiben. In Westdeutschland allerdings werde es "keine Personalaufstockung" geben. So wird elegant der Umsatz pro Mitarbeiter erhöht.
Die Sparpolitik gilt für die Filialen vor Ort ebenso wie für die Commerzbank-Zentrale in Frankfurt. Dort, so der interne Vorstandsbeschluß, sollen bis 1994 rund 290 Planstellen gestrichen werden. Auf diese Zahlen hat sich der Bank-Vorstand verständigt, nachdem die Arbeitsweise in den einzelnen Abteilungen einmal genauer untersucht worden war.
Derzeit sind Berater von McKinsey eingeschaltet, um die Filialen auf rationellere Arbeit zu trimmen. Dort, wo sich Zweigstellen nicht rechnen, kann es, wie dieser Tage im norddeutschen Glückstadt, zur Schließung kommen. Insgesamt zehn kleine Commerzbank-Filialen könnte es bis Ende des Jahres noch treffen.
Zunehmend schwerer wird es bei schärferem Konkurrenzkampf für kleinere Geldhäuser. Sie dürften auf Dauer nicht in der Lage sein, die Vielzahl der Bankangebote bereitzuhalten.
Fast im Monatsrhythmus hatten die Banken in den letzten Jahren das Publikum mit neuen Ideen für die Geldanlage überrascht. Jetzt geht der Trend wieder in die umgekehrte Richtung, das Angebot soll gestrafft werden, um die Ausgaben zu drücken.
"Das Angebot an Standardprodukten", so referierte Cartellieri vor den Studenten in Bochum, könne wegen der Kosten nur von den großen Banken komplett bereitgehalten werden. Sollte die einzelne Volksbank, Sparkasse oder Regionalbank das gesamte Sortiment bieten wollen, dann habe sie, so der Herr von Deutschlands größter Bank, "etwa dieselbe Chance wie der Tante-Emma-Laden" gegenüber einem Supermarkt.

DER SPIEGEL 41/1990
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