16.07.1990

PferdeMit gespitzten Ohren

Die Kommerzialisierung im Pferdestall hat einen prominenten Zuchtmeister zu Fall gebracht. Paul Schockemöhle wurde wegen Tierquälerei angezeigt.
Die Ränge in der Stuttgarter Schleyer-Halle waren leer. Im Innenraum ritt angestrengt ein hagerer Mann auf dem Rücken eines zwölfjährigen Wallachs seine Runden - Edzard Reuter, Chef des Daimler-Benz-Konzerns, erfüllte sich seinen größten Traum. Der Schimmel, der dem mächtigsten deutschen Industrieführer auf Schenkeldruck gehorchte, war Milton, das beste Springpferd der Welt.
Den Ritt auf Milton, mit dem der Brite John Whitaker Europameister und Weltcupsieger geworden war, hatten hintersinnige Reitsportfunktionäre ermöglicht: Dem passionierten Hobbyreiter Reuter, 62, sollte ein noch größeres Engagement im Springsport schmackhaft gemacht werden. Milton schaffte es. Zu den eineinhalb Millionen Mark, mit denen Mercedes bisher schon pro Jahr die Reiterei unterstützte, werden weitere zwei Millionen Mark kommen.
Doch das "Bild vom bösen Unternehmer" (Daimler-Sprecher Matthias Kleinert), das durch das Sportsponsering korrigiert werden soll, hat die Schwaben in der letzten Woche unvermittelt wieder eingeholt. Ihr wichtigster Geschäftspartner auf dem neuen Terrain, Paul Schockemöhle, einer der erfolgreichsten deutschen Springreiter und zugleich größter Pferdezüchter und -händler Europas, geriet in den Verdacht der Tierquälerei.
In seiner Pferdefabrik im oldenburgischen Mühlen, in der er gerade erst zur Gewinnmaximierung den Embryotransfer auf Leihmütter eingeführt hatte (SPIEGEL 21/1990), wandte er auch bei der Ausbildung der Pferde fragwürdige Methoden an. Videoaufnahmen, von "Stern TV" vorigen Mittwoch ausgestrahlt, zeigen Schockemöhle, wie er seinen Pferden beim Sprung über ein Hindernis mit einer Holzstange gegen die Beine schlägt, um ihnen "geräumige Sprünge" beizubringen, in der Branche "Barren" genannt.
Was in der letzten Woche für Schlagzeilen sorgte, ist für Fachleute wie den Chefredakteur von Reiten St. Georg, Hermann Kothe, lediglich "die Spitze des Eisbergs". Auch der Tierarzt Peter Cronau, langjähriger Betreuer der bundesdeutschen Equipe, weiß, daß rüde Ausbildungstechniken mittlerweile weit verbreitet sind. Als Ursache dafür hat der Veterinär die "totale Kommerzialisierung" des Pferdesports ausgemacht.
Die Pferde sind bei ihren Reitern längst zum reinen Arbeitsgerät geworden. Beim traditionellen "Großen Preis" auf den Turnierplätzen geht es inzwischen um richtiges Geld. Das Weltcup-Finale in Dortmund war mit 500 000 Franken sowie einem Pkw im Wert von 65 000 Mark dotiert, beim einwöchigen CHIO in Aachen stand ein Gewinn von 900 000 Mark auf dem Spiel, und beim Einladungsturnier in Calgary sind allein für den Grand Prix mehr als 800 000 Mark ausgelobt.
Die Spitzenkräfte im Sattel verhalten sich inzwischen ähnlich wie die besten Fahrer im Motorsport: Sie verteilen ihre Pferde zuweilen gleichzeitig auf zwei Turniere und fliegen dann mit dem Jet hin und her, um bei allen lukrativen Prüfungen starten zu können. Mit "Dollar-Zeichen in den Augen" (so der Sport-Informations-Dienst) gieren die Reiter nach jedem zusätzlichen Wettbewerb. Der Bochumer Professor Holger Preuschoft, der die Belastung der Tiere untersuchte, nennt die Vielstarterei "eine Barbarei".
Und auch der Handel, Nebenerwerb fast aller Reiter, boomt. Spitzenpferde wechseln inzwischen nicht unter einer Million Mark den Besitzer; bei Schockemöhles Auktion "Performance Sales International" kurz vor Weihnachten wurden 31 Pferde zum Preis von insgesamt 6 585 000 Mark versteigert.
Industrielle wie der ehemalige Chef der Warsteiner Brauerei, Claus Cramer, der die Springpferde Skarlett und Barneby für 2,5 Millionen Mark erstand, finden es schick, Weltklassereiter in ihren Lohnlisten zu führen - oder selbst in den Sattel zu steigen. Der Schweizer Klaus Jacobs, bis vor wenigen Tagen Herr im Suchard-Konzern, zahlte vor den Spielen in Seoul 400 000 Mark für Rhodomo, um mit ihm ins Olympia-Team der Eidgenossen aufgenommen zu werden.
Die Sorge ums Geschäft diktierte denn auch die Reaktionen auf die Beschuldigungen gegen den Vorreiter der Branche, in der insgesamt - vom Hafer bis zum Hufnagel - im letzten Jahr in der Bundesrepublik 4,3 Milliarden Mark umgesetzt wurden. Schockemöhle, so erklärten nicht nur dessen Angestellte Franke Sloothaak und Otto Becker, sondern unisono auch die internationale Reiterelite, habe korrekt gehandelt. John Whitaker: "Tierquälerei ist Barren nur dort, wo einer keine Ahnung hat."
Empörung kann sich nur leisten, wer nicht in die Geschäfte involviert ist. Der Deutsche Tierschutzbund erstattete gegen Schockemöhle und seine Reiter Strafanzeige wegen "brutaler Tierquälerei".
Doch bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) traten flugs die Abwiegler auf den Plan. Während Verbandspräsident Dieter Graf von Landsberg-Velen in Lourdes wallfahrtete, sah der Geschäftsführer der Abteilung Sport, Reinhard Wendt, "keinen Grund", gegen Schockemöhle vorzugehen. Und FN-Generalsekretär Ernst Burandt mochte nicht an Schmerzen bei den gebarrten Pferden glauben, weil sie "voller Vertrauen, mit gespitzten Ohren und rundem Galopp" auf das Hindernis zugeritten seien.
Nicht ohne Grund sprangen die Funktionäre für den umstrittenen Pferdeunternehmer in die Bresche. Drei Reiter des Mühlener Stalls sollen bei der Weltmeisterschaft nächste Woche in Stockholm für Deutschland antreten, und Schockemöhle selber fungiert längst als heimlicher Bundestrainer. Zudem hat er, in Zusammenarbeit mit dem Tennismanager Ion Tiriac, durch die Vermarktung der Reiterei zum "exklusiven Erlebnis" neue Geldquellen für die bundesdeutsche Reiterei erschlossen.
Die Konzerne stehen mittlerweile Schlange. Mercedes-Benz lobt die neuen Millionen sowohl für einen "Preis der Asse" als auch für einen "Preis der Zukunft" aus, die Fürstenberg-Brauerei steckt pro Jahr beinahe zwei Millionen Mark in die Turniere von Stuttgart, Mannheim, Donaueschingen, Aachen und Hamburg. Das Kreditkartenunternehmen Eurocard läßt sich den Reitsport mehr als eine Million kosten, ebenso BMW, Audi und Volvo.
Die Public Relations sind glänzend. Reiten steht in der Gunst des TV-Sportpublikums an fünfter Stelle. Im neuen Fernsehvertrag garantieren ARD und ZDF nicht nur 2,4 Millionen Mark Jahreshonorar. Sie verpflichteten sich auch, künftig alle Sponsoren-Namen zu nennen.
Nur selten kommen den PR-Strategen Zweifel. Als sich im letzten Jahr der Automobilhersteller Renault beim eher zweitrangigen Frankfurter Turnier engagierte, summierten sich die Kosten auf rund 900 000 Mark. Dabei gelang ihnen mit der Prüfung "Jump and Drive" eine scheinbar perfekte Symbiose. Die Reiter mußten erst mit einem PS springen, dann mit einem Renault einen Autoslalom absolvieren. Dennoch zogen sich die Franzosen schnell zurück, weil sie "den Tanz ums große Geld", so ein Konzernsprecher, "auf dem Rücken der Pferde ausgetragen" sahen. Die freigewordenen Mittel investiert Renault nun in das DDR-Händlernetz.
Wie mit den potenten Geldgebern umzugehen ist, weiß Schockemöhle jetzt auch in der Krise. Noch ehe die Vorwürfe gegen ihn publik wurden, * Auf dem Schimmel Milton in der Stuttgarter Schleyer-Halle. informierte er seine Geschäftspartner und gab ihnen Argumentationshilfen für die zu erwartende Diskussion. Barren im Training, so Schockemöhle, sei in Deutschland nicht verboten, er sei sogar "tierschützerisch tätig geworden".
Entsprechend zurückhaltend reagierten auch die Sponsoren. Daimler-Sprecher Matthias Kleinert wies ebenso wie die Fürstenberg-Brauerei darauf hin, daß man eine Image-Schädigung nicht hinnehmen könne, doch müßten erst einmal Verband und ordentliche Gerichte die Vorwürfe prüfen.
Aber das kann dauern. Denn die Experten streiten sich schon jetzt, ob der Schmerz, den die Pferde beim Barren auszuhalten haben, "erheblich" ist, wie es Paragraph 3 Ziffer 5 des Tierschutzgesetzes zur Erfüllung des Tatbestandes der Tierquälerei verlangt.
Während in Deutschland jetzt womöglich in einem Musterprozeß die schmutzigen Praktiken der Reiter im Training juristisch abgeklärt werden, haben die Funktionäre des internationalen Verbandes FEI schon die Turnierplätze im Visier. Auch dort sind rabiate Machenschaften gang und gäbe.
Um ihre Pferde vor den olympischen Springen "aufmerksam" zu machen, spannten die Amerikaner in der Boxengasse des Stallgebäudes in Seoul Wasserschläuche und ließen die Vierbeiner immer wieder dagegenspringen. Kontrolleure entdeckten auch ein Loch in der Absperrung, durch das andere Reiter ihr Sportgerät vom Gelände brachten, um es im nahe gelegenen Wald zu barren.
Beim diesjährigen Weltcup-Finale über Ostern in Dortmund machten die FEI-Aufseher aus dem Stall in Halle 4 einen Hochsicherheitstrakt. Um Manipulationen an den Tieren zu verhindern, überwachten Videokameras jeden Winkel, und zwölf Veterinäre patrouillierten rund um die Uhr an den Boxen vorbei.
Doch selbst die scheinbar perfekteste technische Überwachung ist der Phantasie der Reiter nicht gewachsen. Beim diesjährigen Weltcup-Springen in Paris ließ John Whitaker sein Wunderpferd Milton zur Verblüffung der Zuschauer beim unbedeutenden Einlaufspringen sechsmal in die für die Klasse seines Pferdes eigentlich lächerlich niedrigen Hindernisse treten. Der so schmerzhaft wachgerüttelte Schimmel gewann später den weitaus anspruchsvolleren Großen Preis ohne Fehler. o

DER SPIEGEL 29/1990
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