03.12.1990

UmweltJedes Feuerle

Dioxin-Weltrekord im badischen Rastatt: Mediziner fordern die sofortige Evakuierung eines verseuchten Viertels.
Bei Schmidts im Schuppen stehen zwei Männer in Schutzanzug und Gasmaske. Sorgfältig säubern sie, mit großen Industriestaubsaugern, Gartenstühle, Grill und Rasenmäher.
Das Grundstück Drosselweg 7 ist das erste des Rastatter Ortsteils "Im Beinle", das in einer großangelegten Putzaktion vom Supergift Dioxin befreit werden muß. Rund 70 Millionen Mark soll es kosten, belastete Böden, verseuchte Pflanzen und vergiftete Stäube aus dem ganzen Viertel wegzuschaffen.
Damit ist den rund 1000 Einwohnern in 60 Häusern und fünf Betrieben aber noch lange nicht geholfen. Anfang November stellte sich heraus, daß auch die Luft hoch belastet ist: Zwei von zehn Proben, gezogen von der Landesanstalt für Umweltschutz, ergaben 5,85 billionstel Gramm (Picogramm) Dioxin pro Kubikmeter - das ist weltweit der höchste bekannte Wert. Der Kehler Dioxin-Experte und Mediziner Roland Knebusch: "Das kann man einem Menschen nicht als normale Atemluft zumuten."
Der bisherige Dioxin-Spitzenwert in normaler Außenluft wurde im Mai im österreichischen Brixlegg (Tirol) gemessen: _(* Im Drosselweg 7. ) 2,56 Picogramm in der Nähe einer Kupferschmelze. Normale deutsche Stadtluft ist schlimmstenfalls, etwa in der Revierstadt Duisburg, mit 0,3 Picogramm Dioxin belastet. Als Verursacher der beispiellosen Luftvergiftung in Rastatt gilt die Metallhütte Carl Fahlbusch, eine Tochterfirma der Norddeutschen Affinerie in Hamburg. Die Hütte hatte jahrelang hochgiftige Abluft durch den Schornstein geblasen.
Doch Fahlbusch ist vor vier Jahren stillgelegt worden. Woher die jetzige Luftbelastung kommt, weiß niemand. Ein Sprecher des Stuttgarter Umweltministeriums wiegelt ab: "Möglicherweise war es ein Meßfehler." Der Tübinger Dioxin-Spezialist Professor Hanspaul Hagenmaier, der die Proben analysiert hat, kontert: "Das ist unwahrscheinlich - es sind die Werte, die wir gemessen haben." Der Dioxin-Untersuchungsausschuß des Landtags, der sich seit über einem Jahr mit Rastatt und sechs weiteren Gift-Schwerpunkten beschäftigt, hat sich mit dem neuen Problem nicht mehr befaßt: Er trifft sich in dieser Woche zur letzten Sitzung, die Beweisaufnahme ist abgeschlossen.
Dabei hatte schon im Sommer letzten Jahres, wie aus dem noch unveröffentlichten Abschlußbericht der Landesregierung hervorgeht, die Rastatter Bürgerinitiativen-Vorsitzende Gudrun Eisenhauer Alarmierendes geschildert: Sie habe plötzlich im Mund wieder den altvertrauten metallischen Geschmack gespürt, als habe die Firma Fahlbusch ihre Schlote erneut in Betrieb gesetzt.
Mediziner Knebusch vermutet, die hohe Luftbelastung entstehe durch "Sekundäremissionen", das Gift in Stäuben und Böden werde "ständig neu verwirbelt". Der Grünen-Landtagsabgeordnete Jürgen Rochlitz dagegen hegt den Verdacht, bisher unbekannte Verursacher seien schuld.
Wolfgang Schwander, Dioxin-Sachbearbeiter beim Regierungspräsidium Karlsruhe, hat nach weiteren Dreckschleudern gesucht, zumal die Firma Fahlbusch "immer behauptet hatte, sie sei''s nicht alleine gewesen". Fündig geworden ist er nicht, da es im Rastatter Industriegebiet vielerlei mögliche Dioxin-Quellen geben kann. Schwander: "Bei jedem Feuerle, das Im Beinle angemacht wird, kann das Zeug entstehen."
Von einem schlichten Feuerle kommt die horrend hohe Luftbelastung wohl kaum - Knebusch: "Ein Alarmwert". Mit anderen Medizinern fordert er, das verseuchte Gebiet müsse "sofort evakuiert werden". Ähnlich spektakuläre Aktionen gab es bisher nur im Ausland: *___Das amerikanische Times Beach (Bundesstaat Missouri) ____ist heute eine Geisterstadt, nachdem die US-Regierung ____1983 die 2400 Bewohner zur Umsiedlung aufgefordert und ____für 35 Millionen Dollar Ersatzhäuser bereitgestellt ____hatte - ein krimineller Müllhändler hatte ____dioxinverseuchtes Altöl als Bindemittel für ____Straßenstaub versprüht. *___In der USA-Ortschaft Niagara Falls (Bundesstaat New ____York), wo ein Stadtteil auf 21 000 Tonnen Giftmüll ____errichtet worden war, wurden bei einer zwölf Jahre ____dauernden Sanierungsaktion Häuser abgerissen, 240 ____Familien evakuiert und Böden entgiftet. *___Im norditalienischen Seveso wurden 1976 von den ____Behörden 736 Menschen evakuiert - der Boden war dort ____mit durchschnittlich 1000 milliardstel Gramm ____(Nanogramm) Dioxin pro Kilogramm Erde verseucht.
Bloße Reinigungsversuche wie in Rastatt haben sich in US-Städten bisher als wenig sinnvoll erwiesen. Im Städtchen Castlewood etwa, das ebenfalls durch eine Altöl-Sprühaktion verseucht war, sank der Dioxin-Gehalt in Innenräumen nach gründlicher Entgiftung lediglich von 36 000 auf 19 000 Nanogramm pro Kilogramm Staub.
Ähnliche Werte wurden vorletzte Woche von einer Rastatter Dachwohnung bekannt, wo sich 28 400 Nanogramm Dioxin im Staub fanden. Der Spitzenwert in einem Dachstuhl betrug 578 444 Nanogramm - Höchstwert in Times Beach: 404 000 Nanogramm.
Selbst im Vergleich zur Öko-Katastrophenlandschaft rund um das ostdeutsche Bitterfeld kann Rastatt locker mithalten: Im Zyklonstaub der Aluminium-Schrottschmelze des Bitterfelder Chemie-Kombinats fanden Analytiker 2224 Nanogramm, in einer Bodenprobe 50 Meter entfernt 3245 Nanogramm Dioxin. Diese Werte, behauptete Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU), seien "für uns unvollstellbar". Doch im Rastatter Dioxin-Viertel wiesen 9 von 172 Bodenproben mehr als 5000 Nanogramm auf, Spitzenwert: 110 000 Nanogramm.
Die christdemokratische Stuttgarter Gesundheitsministerin Barbara Schäfer, 56, sieht gleichwohl "kein besonderes gesundheitliches Risiko" für die Menschen im Rastatter Gift-Viertel. Untersuchungen hätten "keine unmittelbare, konkrete Gefahr für die Bewohner der Häuser" ergeben. Schäfer-Sprecher Michael Jaschick: "Vorschläge zur Evakuierung sind Schwachsinn."
Welche langfristigen Gesundheitsschäden eine Verseuchung mit Dioxin verursachen kann, haben die Wissenschaftler noch nicht zweifelsfrei ergründet; verbindliche Grenzwerte sind nicht festgelegt.
Bei einem Kongreß in Karlsruhe Anfang des Jahres einigten sich die beteiligten Behörden darauf, beim Menschen sei eine maximale tägliche Belastung von einem Picogramm pro Kilogramm Körpergewicht gerade noch zulässig - ein Höchstwert, den Hamburger Ämter und namhafte Wissenschaftler schon vor sechs Jahren empfohlen hatten. Vorsichtige Forscher fordern weniger: "Der einzige ungefährliche Grenzwert für Dioxin-Belastungen ist Null."
Deutliche Hinweise auf gesundheitliche Schäden lieferten weltweit zahlreiche Untersuchungen, unlängst auch eine Studie in dioxinbelasteten Hamburger Kindergärten. Bei 90 Prozent von 419 Kindern, die einen mit bis zu 1,65 Picogramm Dioxin pro Kubikmeter Raumluft verseuchten Kindergarten besucht hatten, ergaben sich Gesundheitsveränderungen im Vergleich zu unbelasteten Kindern. Mandeln und Lymphknoten waren doppelt so häufig geschwollen, Veränderungen zeigten sich in der Immunabwehr, an der Schilddrüse und beim Wachstum.
Das Bundesgesundheitsamt stellte fest, es gebe nach neueren Studien "ernst zu nehmende Hinweise" auf Krebsgefahr durch Dioxin; zahlreiche Wissenschaftler in aller Welt sind längst davon überzeugt, daß Dioxin nicht nur Krebs verursacht, sondern auch Föten im Mutterleib und das Erbgut massiv schädigt.
Luise Schmidt, 71, die seit 1963 im Rastatter Drosselweg 7 wohnt, hat seit zehn Jahren Krebs, ebenso ein Junge im Nachbarhaus. Auch wenn nicht eindeutig erwiesen ist, daß die Krankheit durch Dioxin ausgelöst wurde, meiden Fremde das vergiftete Viertel. Eine Bekannte, berichtet Luise Schmidt, habe sich neulich geweigert, mit der Familie zum Kaffeestündchen zu kommen - aus Sorge um die Gesundheit ihres Kindes. Luise Schmidt: "Mit kleinen Kindern kommt hier niemand mehr her." o
* Im Drosselweg 7.

DER SPIEGEL 49/1990
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