12.11.1990

Drogen

Ecstasy und Cadillac

Mitarbeiter der Chemiefirma Imhausen stehen erneut vor Gericht - als Hersteller von Designerdrogen.

Bei dem Angebot zögerte der promovierte Chemiker Morris Key, 51, nicht eine Minute. Monatlich mindestens 30 000 Dollar, Spesen extra, sicherte ihm sein amerikanischer Landsmann, der Rechtsanwalt Charles Frederik Pofahl, 49, zu, wenn Key ihm bei der Herstellung des synthetischen Rauschgifts Methylendioxymethamphetamin (MDMA) behilflich sei.

Pofahl selbst, so beschlossen die beiden, sollte sich um die Finanzierung und den Vertrieb der heißen Ware kümmern, die in der Rauschgiftszene unter so schillernden Namen wie "Ecstasy" oder "XTC", "Cadillac" oder "Adam" bekannt ist.

Als Produktionsstätte wählte Key die Firma Unipharm im mittelamerikanischen Guatemala. Anfangs besorgten sich die beiden US-Dealer den benötigten Drogengrundstoff Piperonylmethylketon (PMK) bei einer westdeutschen Firma, die in illegalen Giftgeschäften hinreichend Erfahrung hatte - bei der Imhausen-Chemie im badischen Lahr, Lieferantin der Giftgasfabrik im libyschen Rabita.

Seit Juli 1988 stellte Imhausen die Chemo-Droge selbst her. Die Deutschen produzierten schneller, mehr und besser als Unipharm.

In der kommenden Woche stehen Key und Pofahl (Deckname: "Dave") in Offenburg vor Gericht, zusammen mit dem Imhausen-Prokuristen Ingo Graefe und dem Chefchemiker Jean-Marie Grunenwald.

Das Verfahren gegen den fünften Angeklagten, den Imhausen-Geschäftsführer Hans-Joachim Renner, 61, ist inzwischen abgetrennt. Der Vertraute des im Juni als Drahtzieher des Giftgasgeschäftes mit dem libyschen Revolutionsführer Muammar el-Gaddafi zu fünf Jahren Haft verurteilten Firmenchefs Jürgen Hippenstiel-Imhausen unternahm einen Selbstmordversuch. Er schluckte hochgiftigen Orchideen-Dünger.

Nach Auffassung des Offenburger Staatsanwalts Gerhard Vallendor hat die Firma Imhausen "eine neue Dimension der Rauschgift-Produktion" in der Bundesrepublik geschaffen. Vallendor: "Da wurden Drogen fabrikmäßig hergestellt."

MDMA, eine deutsche Erfindung, gilt seit dem 1. August 1986 in der Bundesrepublik wie Heroin oder Kokain als ein "nicht verkehrsfähiges" Betäubungsmittel. Es verbindet die halluzinogenen Eigenschaften des LSD mit den stimulierenden Wirkungen des Kokains. Wer die Droge produziert oder damit Handel treibt, riskiert bis zu 4, in schweren Fällen bis zu 15 Jahren Gefängnis.

Der Deal mit den Tabletten war ein lukratives Geschäft. Insgesamt 950 Kilogramm PMK lieferte Imhausen bis März 1988 an die Unipharm nach Guatemala. Dort wurde die Substanz nach und nach zu MDMA-Pulver umgewandelt und zu mindestens 2 267 160 Tabletten gepreßt.

Zur Tarnung gründete Pofahl, bisweilen selbst MDMA-Konsument, in Guatemala eine zweite Scheinfirma. Die Comercial Internacional Sociedad Anonima vertrieb die MDMA-Pillen unter dem Namen Novatrim als angebliche Appetitzügler. Tatsächlich schmuggelten Profis die Designerdroge in die USA.

Über ein Netz von Zwischenhändlern im Großraum Dallas wurde die Ware auf der Straße und in Bars für mindestens acht bis zehn Dollar je Pille verscherbelt. Pofahl kassierte davon zwischen sechs und acht Dollar.

Weil das Geschäft blühte, wollte die Bande auch in die europäische Drogenszene einsteigen. In der Firma Imhausen-Chemie glaubten die Amerikaner den idealen Partner gefunden zu haben.

Während Pofahls Kundschafter zu Testverkäufen in Italien, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden herumreisten, verhandelte er selbst mit Graefe offiziell über die Produktion von einer Tonne Novatrim I jährlich (Auftragswert für Imhausen: mindestens 200 000 Mark). In Wahrheit ging es um reines MDMA.

Aus einer Tonne MDMA lassen sich, hat Staatsanwalt Vallendor errechnet, "gut sechs Millionen Tabletten pressen". Schon bei durchschnittlich 20 Mark pro Pille konnten die Dealer 120 Millionen Mark Umsatz pro Jahr machen.

Sowohl Grunenwald als auch der für den Produktionsbereich zuständige Geschäftsführer Renner, ebenfalls Chemiker, mußten wissen, daß es sich bei der Ware um ein nach dem Betäubungsmittelgesetz verbotenes Amphetaminderivat handelte.

Doch "Bedenken gegen die Ausführung des Auftrags" haben laut Anklageschrift "nicht bestanden". In einem Probelauf produzierte Imhausen vorab 169,6 Kilogramm Novatrim I zum Preis von 55 103,04 Mark, Mehrwertsteuer inklusive.

Pofahl persönlich transportierte die Ware nach Pfaffen-Schwabenheim. Dort preßte die Firma Astrapin ohne Identitätskontrolle "pflichtwidrig" (Anklage) das MDMA-Pulver zu 1 350 000 Tabletten. Rund 400 000 "Cadillac"-Tabletten landeten auf dem Schwarzmarkt. Der Rest wurde von Fahndern bei einer Razzia in einem als Blumenladen getarnten Drogenumschlagplatz in der niederländischen Hauptstadt Amsterdam beschlagnahmt.

Außerdem fiel den Ermittlern mehr als eine Million Mark in die Hände, die Pofahl über Komplizen auf Konten von Scheinfirmen bei der Sparkasse Lahr-Ettenheim, der Luxemburger Trade Development Bank und anderen Geldinstituten deponiert hatte.

Pofahl und Key beteuerten zunächst, sie hätten nicht gewußt, daß die Produktion von MDMA in der Bundesrepublik verboten ist, legten jedoch später Teilgeständnisse ab.

Prokurist Graefe, dem wie Renner eine Anklage wegen Rabita droht, will ebenfalls nichts geahnt haben. Doch in Graefes Notizkalender fanden die Polizisten unter dem 15. Oktober 1988 das Wort MDMA - zu einem Zeitpunkt, als die Firma Astrapin die Fertigware noch nicht einmal an Pofahl ausgeliefert hatte. Auch aus dem Telexverkehr zwischen Graefe und Astrapin glauben die Fahnder dessen aktive Rolle bei dem Chemopillen-Deal beweisen zu können. _(* Holländische Fahnder mit einem Teil ) _(der im August 1989 in Amsterdam ) _(beschlagnahmten Ecstasy-Pillen. ) Ob noch andere Imhausen-Mitarbeiter in die Drogenaffäre verstrickt sind, konnten die Ermittler nicht klären.

Stutzig machte sie ein Brief Graefes an seine Familie. Er überlege, schrieb der Prokurist, sich bei längerer Verweildauer im Gefängnis "von jemandem von der Firma Imhausen in der Untersuchungshaft ablösen zu lassen".

* Holländische Fahnder mit einem Teil der im August 1989 in Amsterdam beschlagnahmten Ecstasy-Pillen.

DER SPIEGEL 46/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 46/1990
Kein Titelbild vorhanden
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.