08.10.1990

Arzneimittel Schlaflose Nächte

Die schweren Nebenwirkungen des Schlafmittels L-Tryptophan sind womöglich auf Fehler bei der gentechnischen Produktion zurückzuführen.
Als "biologischer Schlafförderer" hielt die Substanz Einzug in die Regale von Apotheken und Drugstores. Sie sollte, wie es in den Werbesprüchen hieß, "dem Sandmännchen die Angst vorm Versagen" nehmen, sollte "angenehme Ruhe" sicherstellen und ein "frisches Erwachen".
Das böse Erwachen folgte nach. Ende letzten Jahres, als zu beiden Seiten des Atlantik schon weit über 100 Millionen L-Tryptophan-Tabletten verkauft worden waren, führten Meldungen über schwere Nebenwirkungen dazu, daß die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA den Schlafspender vom Markt nahm (SPIEGEL 51/1989).
Das Bundesgesundheitsamt (BGA) schloß sich damals halbherzig der Rückruf-Aktion an: Mittel mit geringen Tryptophan-Beimengungen blieben auf dem deutschen Markt zugelassen. Arzneimittel-Kritiker hielten das, angesichts der alarmierenden Berichte aus den USA, für eine Fehlentscheidung.
Letzte Woche holten die BGA-Beamten das Versäumte nach. 15 Arzneimittel, die L-Tryptophan in Niedrigstdosen enthalten, wurden vorläufig vom Markt genommen.
Gleichzeitig kam durch eine Diskussion in amerikanischen Wissenschaftsblättern ans Licht, welches die wahren Ursachen der Arzneimittelkatastrophe waren - Ursachen, die von den amerikanischen Überwachungsbehörden "wegen der möglichen Auswirkungen auf die Gesamtindustrie" (so ein leitender FDA-Beamter) lange Zeit unter der Decke gehalten worden waren: Ein schwerwiegender Fehler bei der - bislang immer für harmlos erklärten - gentechnischen Herstellung des Medikaments machte vermutlich die natürliche Schlafsubstanz zum Auslöser einer schweren, in zahlreichen Fällen tödlichen Krankheit.
Allein in den USA wurden 27 L-Tryptophan-Tote und 1535 Geschädigte gezählt, von denen die meisten lebenslang mit den Folgen der Arzneimittelnebenwirkung laborieren werden.
In der Bundesrepublik wurden bislang, teils vom BGA, teils vom "Netzwerk" des in Berlin erscheinenden arznei-telegramm, mehr als 100 Patienten mit dem Tryptophan-typischen sogenannten EMS-Syndrom registriert; Fachleute rechnen noch mit einem weiteren Anstieg der Krankheitswelle.
Ein Drittel der Erkrankten leidet an chronischer Hautschrumpfung und andauernden schweren Muskelschmerzen. Ärzte können den Betroffenen nicht helfen: Offenbar hat das gentechnisch hergestellte L-Tryptophan die Erbinformation für die Erneuerung des menschlichen Bindegewebes unwiderruflich fehlgesteuert.
Vor allem als Mittel gegen Schlafstörungen und Depressionen, aber auch bei Streß, Menstruationsbeschwerden und sogar gegen Entzugserscheinungen nach Alkohol- und Drogenmißbrauch war L-Tryptophan angepriesen worden.
Der lebensnotwendige ("essentielle") Eiweißbaustein, natürlicher Bestandteil vieler Nahrungsmittel und Vorläufersubstanz des menschlichen Gehirnbotenstoffes Serotonin, galt als besonders harmlos. "Selbst bei extremer Überdosierung", so hieß es in der Werbung, seien "keine negativen Folgen (zu) erwarten". Das führte dazu, daß L-Tryptophan nicht nur als rezeptfreies Schlafmittel gehandelt, sondern auch allen möglichen Stärkungsmitteln und Eiweiß-Diäten beigemischt wurde, mit denen etwa schwerkranke Nierenpatienten versorgt werden.
Drei Frauen im US-Staat New Mexico waren, im Oktober 1989, die ersten Patienten, bei denen die behandelnden Ärzte zusammen mit dem Immunologen Gerald J. Gleich von der Mayo-Klinik in Rochester die Tryptophan-typischen Symptome feststellten: Fieber, Hautausschlag, schwerste Muskelschmerzen, Verhärtung und Entzündungen der Sehnen, Schmerzen und Schwellungen im Gelenkbereich mit dem Risiko, daß diese Veränderungen in panzerartige Verhärtungen der Haut übergehen (Sklerodermie).
Zugleich konstatierten die Mediziner eine Häufung bestimmter Entzündungszellen in Blut und Gewebe (Eosinophilie) und mitunter auch entzündliche Veränderungen in lebenswichtigen Organen wie Herz oder Lunge. Bei vielen Geschädigten haben die Beschwerden Ähnlichkeit mit dem "toxic oil syndrome", jener bis heute unaufgeklärten Erkrankung, die 1981 in Spanien zahlreiche Menschen nach dem Genuß von Speiseöl befiel.
Bereits Anfang dieses Jahres wurde den Rechercheuren des FDA sowie des amerikanischen Seuchenzentrums in Atlanta klar, daß praktisch alle von den Nebenwirkungen betroffenen Patienten Tryptophan eingenommen hatten, das aus einer bestimmten Quelle stammte: von der japanischen Herstellerfirma Showa Denko, die 75 Prozent des amerikanischen Tryptophan-Marktes beliefert, derzeit aber den Export des Mittels gestoppt hat.
Bei einem Kongreß im Juni dieses Jahres wurden die Analyseergebnisse von Tryptophan-Proben bekanntgegeben, die bei den erkrankten Personen und bei der japanischen Herstellerfirma gefunden worden waren: Alle Proben, die bei Showa Denko aus der Zeit zwischen Oktober 1988 und Juni 1989 stammten, wiesen geringfügige Verunreinigungen mit einer Substanz auf, die von den Forschern der University of Minnesota "peak E" genannt wurde.
Einen weiteren Schlüssel zur Aufklärung des Falles entdeckten US-Wissenschaftler, die nach Japan entsandt worden waren: Die inkriminierten Chargen waren in einem Zeitraum produziert worden, dem eine Umstellung des Fabrikationsverfahrens bei Showa Denko vorausging. An diesem Punkt der Recherchen kam die moderne Gentechnik als Hauptverdächtiger ins Spiel.
Zwar könnten Pharmafirmen das L-Tryptophan auch auf chemischem Wege herstellen. Wesentlich schneller und ergiebiger sind jedoch die modernen biotechnischen Produktionsverfahren, bei denen bestimmte Bakterien gentechnisch so manipuliert werden, daß sie - eingeschlossen in große Gärbottiche (Fermenter) - wie Milliarden von Miniatur-Chemiefabriken die gewünschte Substanz absondern.
Als in den späten achtziger Jahren die Nachfrage nach L-Tryptophan auf dem Weltmarkt stieg, hatten es die Japaner mit einem neuen Bakterienstamm ("Strain V") versucht, der eine höhere Ausbeute versprach. Gleichzeitig wurden beim Reinigungsprozeß, der Filterung mit Aktivkohle, Einsparungen vorgenommen.
Amerikanische Wissenschaftler vermuten nun, daß es beim Heranzüchten des neuen Bakteriums, das als eine Art "Tryptophan Powerhouse" dienen sollte, zu einem unbeabsichtigten Nebeneffekt kam: Die Bakterien erzeugten, wie gewünscht, mehr Tryptophan, doch zugleich entstand eine Tryptophan-Abart, bei der zwei Moleküle zusammengekoppelt sind, ein sogenanntes Dimer. Diese Verunreinigung ist möglicherweise Ursache des Desasters.
Mit Erschrecken konstatieren die amerikanischen Mediziner, daß selbst bei einem (in der japanischen Gentechnik-Fabrik offenbar gegebenen) Reinheitsgrad von 99,6 Prozent solche gentechnisch in die Welt gesetzten Supermoleküle bis zum Endverbraucher gelangen und dort womöglich - wie im vorliegenden Fall - die Erbinformation dauerhaft schädigen können: Der gentechnische Herstellungsprozeß macht aus einer harmlosen Aminosäure ein Produkt, das schwerste Gesundheitsstörungen hervorrufen kann.
Die US-Arzneimittelbehörde beschuldigt unterdes die Minnesota-Forschergruppe, voreilig und vorschnell an die Öffentlichkeit gegangen zu sein: Noch sei der Zusammenhang zwischen "peak E" und den EMS-Symptomen nicht eindeutig bewiesen; möglich sei auch, daß die Verunreinigung nicht durch biologische, sondern durch chemische Reaktionen verursacht wurde. "Zu viele lose Enden" bei der Aufklärung des Falles, so FDA-Überwacher Sam Page, harrten noch der Verknüpfung.
Amerikanische Rechtsanwälte haben sich der Sache gleichwohl bereits angenommen. Im Namen der Opfer fordern sie vom Hersteller Schadenersatz in Höhe von einigen Millionen Dollar. Und Amerikas prominentester Gentechnik-Kritiker Jeremy Rifkin nutzte die Gelegenheit, bei der FDA auf einen Sofort-Stopp aller gentechnischen Produktionsverfahren zu drängen. "Die Affäre um das Schlafmittel Triptophan", schrieb die französische Tageszeitung Liberation, "bereitet nun einigen Leuten schlaflose Nächte."
So ist auch der anfangs so zögerliche Sinneswandel beim deutschen Bundesgesundheitsamt nunmehr abgeschlossen: Was in den USA schon im November 1989 klar war, nämlich daß auch Kleinstmengen von bakteriell erzeugtem L-Tryptophan Schäden anrichten können, haben inzwischen Beobachtungen in Frankreich bestätigt - Anlaß für das vollständige Verbot durch das BGA.
So soll nun die tryptophanhaltige Astronautenkost mit dem Markennamen "Vivasorb" vom Markt genommen werden, sowie Infusionslösungen mit L-Tryptophan, mit denen Schwerkranke künstlich ernährt wurden.
Zurück zur wahren, nicht gentechnisch manipulierten Natur, fordern die Berliner Gesundheitshüter. Nierenkranke sollen künftig statt der Pillen "eine ausgewogene eiweißarme Ernährung" erhalten.

DER SPIEGEL 41/1990
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