25.06.1990

„Wir sind die Erben der Samurai“

In einer kleinen Gasse von Hanakuma, einem Bezirk in der Hafenstadt Kobe, tritt jeden Morgen ein junger Mann in kugelsicherer Weste aus einem einfachen, weißgestrichenen Haus und fegt die Straße vor seiner Tür. Eine alte Frau in weißer Schürze, die vor dem Haus gegenüber kehrt, grüßt ihn mit einer Verbeugung. Der Gangster verbeugt sich seinerseits tief.
Japan ist ein eigenartiges Land, und die Gangster, wie alle guten Japaner, sind hier diszipliniert und höflich. Sie legen großen Wert darauf, daß die Nachbarn nur Gutes von ihnen hören.
Mitglieder der Yamaken-gumi werden gebeten, "nicht herumzulungern, nicht laut zu sprechen und keinen Abfall auf die Straße zu werfen", mahnt ein Schild vor dem Haus.
Die Yamaken-gumi ist eine der wichtigsten Gangsterbanden (auf japanisch: gumi) in Kobe. Das bescheidene weiße Haus ist ihr Hauptquartier. Der Name der Bande und das Firmenzeichen ihrer Muttergesellschaft, ein stilisiertes Schriftzeichen für Berg (auf japanisch: yama), stehen rechts von der Tür auf zwei Messingplatten. Die Muttergesellschaft ist Japans größtes Verbrechersyndikat: Yamaguchi-gumi. Es ist zugleich das größte Syndikat der Welt.
Der Postbote, oder wer immer die Gangster aufsucht, hat keinerlei Mühe, sie zu finden. Sie stehen sogar im Telefonbuch. Auf den Gelben Seiten erscheinen Name und Nummer unter der Rubrik "Gesellschaften für gegenseitige Hilfe".
Die Namen der Bandenmitglieder sind auch keineswegs geheim. Im Erdgeschoß der Zentrale stecken auf einer großen Holzplatte an der Wand 183 kleine Täfelchen, auf die jeweils mit schwarzer Tusche ein Name gemalt ist. Streng hierarchisch stehen die Führungskräfte zuoberst, untere Chargen in der zweiten und dritten Reihe.
Im Büro brennen die Neonlampen den ganzen Tag. Denn die Fenster, durch schwere, kugelsichere Schirme geschützt, lassen nicht genügend Tageslicht herein. Nach einem blutigen Bandenkrieg, der 30 Gangster das Leben kostete, wurde der Boß dieser Bande, Yoshinori Watanabe, 48, schließlich im vergangenen Jahr zum alleinigen Chef von Yamaguchi-gumi gewählt. Einige verbissene Rivalen aber haben den Beschluß noch nicht akzeptiert.
Hanakuma ist ein dorfähnlicher Bezirk - wie Tausende andere irgendwo in Japan, mit engen Gassen, kleinen Läden, Verkaufsautomaten an den Wänden und Plastikblumen an den häßlichen Strommasten, die das ganze Land verunstalten. Das Leben in Hanakuma ("Schatten der Blumen") geht trotz der Anwesenheit der Gangster ungestört weiter. Hinter dem Hauptquartier der Yamaken-gumi liegt das örtliche Büro der japanischen kommunistischen Partei, auf der anderen Straßenseite ein buddhistischer Tempel, einige Häuserblocks weiter das Polizeipräsidium von Kobe.
"Die einzige Möglichkeit, sie auszumerzen, wäre, sie finanziell auszutrocknen, doch trotz all unserer Bemühungen haben Gangster in einer Gesellschaft wie der unseren leichten Zugang zum Geld", sagt Itzuo Hokosaki, Leiter der Abteilung zur Bekämpfung der Bandenkriminalität der Polizei von Kobe. Dieser Tage werden Japans Gangster, ähnlich wie Japans Industrielle, immer reicher und immer mächtiger.
Vor über drei Jahrhunderten haben sie als kleine Dorfkriminelle angefangen, die vor allem am Glücksspiel verdienten. "Yakuza" hießen sie deshalb - das Wort bedeutet "8-9-3", die ungünstigste Kombination in einem alten Kartenspiel. Seit einigen Jahren gehören sie zu den gutgeführten, leistungsstarken Wirtschaftsverbänden, die expandieren und florieren wie andere japanische Unternehmen auch.
Längst haben die Yakuza die Grenzen ihrer traditionellen Branchen, Glücksspiel, Prostitution und Drogen, überschritten. Sie haben sich im Immobiliengeschäft, in der Finanzwirtschaft und der Industrieproduktion engagiert. Sie mischen am Kunstmarkt mit und seit zwei Jahren auch an der Börse.
"Die Yakuza sind zu wichtigen Steinchen im Wirtschaftsmosaik des Landes geworden", meint Polizeioffizier Junichi Uchida, Vizechef des Dezernats für organisiertes Verbrechen bei der Nationalen Polizei in Tokio. Nach offiziellen Schätzungen setzen die Yakuza etwa 1,5 Billionen Yen (16 Milliarden Mark) im Jahr um, nach anderen Quellen fünfmal soviel. Das entspräche den Jahreseinnahmen aller Supermärkte Japans.
Angesichts ihres neuen Reichtums halten die Yakuza wie alle anderen japanischen Konzerne nach neuen Anlagemöglichkeiten und neuen Märkten Ausschau, auch außerhalb Japans.
Die Yakuza haben sich bereits in allen Ländern Südostasiens etabliert, dazu in Südkorea und Taiwan. Sie sind auch in Australien und Europa vertreten. "Die Internationalisierung der Yakuza ist ein natürlicher Trend", sagt der FBI-Chef der amerikanischen Botschaft in Tokio. "Wir müssen darauf vorbereitet sein, wenn wir nicht überrascht werden wollen wie vor einem halben Jahrhundert, als die Mafia mit der Expansion über die Grenzen Siziliens hinaus begann."
Einige der japanischen Firmen, die in den letzten Jahren auf Hawaii Hotels und Golfplätze kauften, erwiesen sich als Tarnorganisationen der Yakuza. Das gleiche gilt für japanische Erwerbungen an der Golden Coast von Australien.
"Die Yakuza-Strategie ist sehr einfach", sagt der FBI-Mann. "Zunächst kaufen sie Grundstücke auf, dann übernehmen sie das Tourismusgeschäft, alsbald kontrollieren sie die Prostitution, das Glücksspiel, den Drogenhandel und das Erpressergeschäft, alles, was nun einmal dazugehört."
Die amerikanischen Behörden fürchten, daß die Yakuza versuchen, Hawaii als Sprungbrett zu Operationen in den USA zu benutzen. Schon kommen viele sogenannte Yakuza-Ruheständler als Geschäftsleute in die USA - die Vorhut.
Nicht allein die Amerikaner haben Grund zur Sorge. In Australien wurde bereits vorgeschlagen, ein Gesetz zu verabschieden, das den Yakuza die Einreise versperren soll. Die philippinische Regierung bat Japan um die Listen aller bekannten Yakuza, damit sie festgehalten werden können, sobald sie in Manila gelandet sind.
Bezeichnenderweise lehnt Tokio solche Bitten stets ab. "Das wäre eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte jener Leute", erklärt Polizeichef Uchida.
Deshalb haben die philippinischen Einwanderungsbehörden allen Grenzposten Weisung erteilt, Ausschau nach Yakuza zu halten - was nicht schwierig ist. Es zeugt für das Selbstbewußtsein der Gangster, daß sie sich rituell verstümmeln: Sie lassen sich die Kuppen eines oder zweier Finger bis zum Gelenk amputieren und bunte Bilder von Samurai-Kriegern, Blumen und Drachen auf den Körper tätowieren.
Japan ist ein Land, das im Informationsüberfluß schwelgt: Alles und jedes wird in Computern gespeichert und schließlich in Statistiken, Grafiken und Broschüren dargelegt - dieser Besessenheit unterliegen auch die Yakuza.
Die Polizei kennt fast alles Wissenswerte über die Gangster. Sie weiß, wie viele Yakuza es im Land gibt (Ende 1989 waren es genau 86 553), sie kennt den persönlichen Werdegang jedes der Mitglieder, ihre Anführer, ihre Organisationen, ihre legalen und illegalen Geschäfte.
Im Polizeipräsidium von Kobe stellt eine große Tafel die Yamaguchi-gumi-Struktur grafisch dar, mit aktuellen Fotos aller Bosse und allen Lebensläufen.
Dennoch scheinen die Yakuza, in offiziellen Verlautbarungen als "Pest" und "Feinde" der Gesellschaft gebrandmarkt, die Polizei nicht übermäßig zu beschäftigen. Von rund 1000 Polizisten des nationalen Polizeipräsidiums in Tokio gehören nur 14 dem Dezernat zur Bekämpfung der Yakuza an. Von den 250 000, die landesweit im Einsatz sind, widmen sich nur ein paar hundert hauptamtlich dem Kampf gegen das organisierte Verbrechen.
Das ist erstaunlich. Denn die japanische Polizei tritt an sich flächendeckend auf. Sie arbeitet nicht nur gründlich und effizient - von zehn Verbrechen werden sieben in kurzer Zeit aufgeklärt, die Schuldigen verhaftet, vor Gericht gestellt und in 99,8 Prozent der Fälle überführt.
Sie unterhält vielmehr neben den normalen Polizeirevieren in jedem Stadtteil auch einen kleinen Posten, der vielerlei soziale Dienste leistet - er verleiht Geld an Einwohner, denen es ausgegangen ist, bringt Trunkenbolde nach Hause, mahnt, die Autos gut zu waschen.
Dank dieser Basisorganisation weiß die Polizei letzten Endes genau über jeden Bürger im Revier Bescheid. Doch gegen die Yakuza gelang ihr noch kein bedeutender Erfolg. Keine nennenswerte Gang wurde zerschlagen, keiner der großen Bosse verhaftet oder gar zu schwerer Gefängnisstrafe verurteilt, keine der wichtigsten illegalen Tätigkeiten der Yakuza reduziert.
Zwar ist die Zahl der Yakuza während der letzten 25 Jahre geschrumpft - 1965 gab es mehr Gangster als Soldaten des Heeres: 186 000. Dieser Rückgang ist aber nicht der Polizei, sondern der veränderten wirtschaftlichen Lage zu verdanken: Der Boom hat die Arbeitslosigkeit gemindert, die Gangster selbst haben sich umstrukturiert, Tausende ihrer Anhänger wurden zu Angestellten privater Sicherheitsfirmen umgeschult, die ihrerseits unter Kontrolle der Banden stehen.
Bis Anfang der achtziger Jahre bestanden die Yakuza aus über 4000 Gangs, jeweils mit einem eigenen Territorium und einer losen Mitgliedschaft in einem der großen Syndikate. Inzwischen haben sie sich auf 3197 Banden und drei Syndikate gesundgeschrumpft: Sumiyoshi-rengo und Inagawa-kai mit Sitz in Tokio, Yamaguchi-gumi im Gebiet von Kobe-Osaka.
Am mächtigsten ist Yamaguchi-gumi mit 20 000 Vollzeitgangstern und Repräsentanzen in 37 der 47 Präfekturen Japans. Und sie expandieren weiter.
"Unser Ziel ist die Vereinigung aller Gangs unter einer Führung", sagt ein Vertreter der Führungsspitze von Yamaguchi-gumi in Osaka. "Bei Sturm bieten große Bäume den besten Schutz."
Das Gespräch findet in der Teestube des eleganten Nikko-Hotels im Stadtzentrum von Osaka statt. Zwei Leibwächter stehen am Wagen, als der Boß seinem Rolls-Royce mit Chauffeur entsteigt. Das Hotelpersonal erkennt den Gast sogleich und ehrt ihn mit tiefen Verbeugungen.
"Er ist ein Mann, der jenseits der Wolken lebt und viel über uns berichten könnte", sagt der Chef einer kleineren Yakuza-Bande, der das Treffen gegen eine Gebühr arrangiert hat und jeden Satz des Bosses durch Kopfnicken bestätigt.
Der Boß ist eine gepflegte Erscheinung, in hochelegantem dunklen Anzug, mit makellos gestärktem weißen Hemd und Seidenkrawatte. Seine Armbanduhr ist mit kleinen Diamanten eingefaßt, sein blasses Gesicht ist gespannt, das zurückgekämmte Haar glänzt.
Das Vorstellungsritual läuft perfekt japanisch ab. Der Boß stellt sich mit zwei Visitenkarten vor, auf der einen als Präsident verschiedener Firmen, die seiner Organisation gehören und legale Geschäfte machen, auf der anderen in kunstvollen schwarzen Schriftzeichen als einer der obersten Chefs von Yamaguchi-gumi. Allein seine eigene Gang zählt über 800 Mann.
"Die Gesellschaft nennt uns Gangster, aber wir sind die wahren Erben der Samurai", sagt der Boß, der trotz seiner zwei Visitenkarten namenlos bleiben will. "Im heutigen Japan sind wir die einzigen, die noch Prinzipien haben. Die anderen, die Normalbürger, die ,Sararimen', die Bürokraten und Politiker, denken nur an das Geld, aber wir, wir leben noch nach den alten Idealen der Krieger." Absurd? Nicht ganz. Die Yakuza leben tatsächlich anders als die anderen Japaner.
Sie haben ihre Traditionen und Gewohnheiten und pflegen sie. Monatelang nehmen sie quälenden Schmerz in Kauf, um ihre Körper tätowieren zu lassen - oft von der Schulter bis zu den Enkeln, vorn und hinten.
Ihren Bossen sind sie immer noch in traditioneller Loyalität (giri) ergeben und erhalten dafür deren Wohlwollen (ninjo). Auf Befehl ihrer Bosse hacken sie immer noch die Kuppe eines Fingers ab. Manchmal töten sie auch für sie und gehen dafür klaglos jahrelang ins Gefängnis. Sogar dort verhalten sich die Yakuza diszipliniert. Sie folgen allen Regeln und unternehmen niemals einen Ausbruchsversuch.
Der Chef einer Yakuza-Gang ist so etwas wie ein General früherer Zeiten. Der Boß der Bosse aber, Yoshinori Watanabe, gleicht einem Shogun, dem obersten Herrscher des alten Japan.
So lebt er auch. Im Gebiet Rokko in den Bergen von Kobe mit Blick über das Meer liegt die Residenz von Watanabe, dem erst kürzlich auf den Thron gehobenen Chef von Yamaguchi-gumi. Eine hohe Steinmauer aus mächtigen Felsblöcken umgibt die gepflegten Gärten, den Pool und das makellos weiße Haus.
Das Haupttor ist aus weißem Holz gezimmert, die Stufen bestehen aus Granit. Nachts erleuchten zwei große Scheinwerfer das riesige Grundstück. Die Augen dreier Fernsehkameras erfassen jeden, der sich dem Anwesen nähert. Die Nachbarn blicken voll Ehrfurcht auf "das Schloß".
Für die Masse der erschöpften, gestreßten Japaner, die ihr freudloses Leben damit verbringen, daß sie zwischen elenden Büros und elenden Häusern hin- und herpendeln, ständig gefangen in einem Spinnennetz verpflichtender gesellschaftlicher Rituale, ist der elegant gekleidete, offenbar freiere und wohlhabendere Yakuza nicht ein Schurke, sondern eine Art Held.
Filme über Yakuza waren in Japan stets Renner, Bücher über ihr Leben Bestseller. "Seltsamerweise sind die einfachen Leute von diesen Menschen fasziniert und hören gern Geschichten von Yakuza", sagt Joji Abe, der nach 28 Jahren Mitgliedschaft in einer Gang jetzt erfolgreicher Autor von Yakuza-Romanen ist.
Die Yakuza betrachten sich als die letzten Romantiker, die auf verlorenem Posten gegen den Materialismus und die Modernität kämpfen. Tatsächlich sind sie ein weiteres Beispiel für die gewaltigen Widersprüche einer Gesellschaft, die nie eine soziale Revolution mitgemacht hat und deshalb innerlich feudalistisch geblieben ist, obwohl sie äußerlich alle Merkmale von Modernität und Fortschritt zeigt.
Die offizielle Erklärung für die andauernde Macht der Gangster lautet: Die auferlegte Demokratisierung der Nachkriegszeit hat die repressiven Mittel des Staates so sehr begrenzt, daß den Yakuza viel Spielraum bleibt.
Das ist wahr. Anders als in anderen Ländern kann die Polizei in Japan keine geheimen Operationen durchführen, sie darf keine Vermögenswerte ausfindig machen, keine Aussagen erzwingen, keine Telefone abhören oder sonstige elektronische Überwachung durchführen.
Noch wahrer ist aber, daß die Yakuza zur japanischen Gesellschaft gehören wie die Polizei, die "Sararimen" oder die Fabrikarbeiter. "Sie sind keine Krankheit. Sie sind Teil des Körpers", sagt Yukio Yamanuchi, Anwalt der Yamaguchigumi in Osaka und Autor eines Yakuza-Bestsellerromans mit dem Titel "Der einsame Killer". Und: "Man würde doch das Gedärm eines Menschen nicht nur deshalb entfernen, weil es eine schmutzige Funktion hat!"
In einer Gesellschaft wie der japanischen, in der es üblich ist, das eine zu sagen, aber etwas anderes zu meinen, wo es normal ist, zu behaupten, der Schein sei das Sein, selbst wenn jeder weiß, daß dem nicht so ist, gibt es viele schmutzige Funktionen, die erledigt werden müssen. Es sind Funktionen, von denen jeder weiß, von denen aber jeder behaupten kann, er wisse nichts davon. Eine ist die Prostitution.
Laut Gesetz steht die Prostitution in Japan unter Strafe. Doch Massagesalons und rosa Boudoirs, in denen nur spärlich bekleidete Mädchen ihren Kunden Sex im Schnellservice bieten, florieren oft nur wenige Meter neben den allgegenwärtigen Polizeiposten.
Die Yakuza organisieren seit langer Zeit dieses Geschäft. Vor dem Krieg pflegten sie über Land zu reisen, um Töchter verarmter Bauern für die berühmten Yoshiwara-Bordelle in Tokio zu kaufen. Da der heutige Wirtschaftsboom nur noch wenige japanische Mädchen in die Prostitution treibt, gehen die Yakuza auf der Suche nach Zufuhr ins Ausland.
Wenn "eine japanische Universität" in Bangkoker Zeitungen Thai-Studenten "Stipendien" bietet, weiß nur der Kenner, daß die Yakuza die Anzeigen aufgegeben haben. Bei der Vorstellung werden dann die Jungen nach Hause geschickt, nur die hübschesten Mädchen kommen in den Genuß des "Stipendiums". In Manila sind die Anzeigen deutlicher: Japanische "Impresarios" suchen "Schauspielerinnen, Tänzerinnen und Sängerinnen".
Wenn die Mädchen in Japan eintreffen, nimmt man ihnen "sicherheitshalber" ihre Pässe ab, das versprochene Gehalt ist nach Abzug der Kosten für Reise, Unterkunft und Verpflegung ein winziges Taschengeld, sie selbst sind die Geiseln der Gangster. Ungefähr 60 000 ausländische Mädchen, einige aus Europa, arbeiten derzeit für die Yakuza.
Das Glücksspiel ist in Japan gleichfalls illegal, aber wiederum nur der Theorie nach. Überall in Japan rasseln und klingeln die Pachinko-Automaten, Spielmaschinen der stumpfsinnigsten Art. Hunderttausende hocken vor den Geräten, verbringen dort mehr Stunden als bei irgendeiner anderen Freizeitbeschäftigung und lassen dort mehr Geld als in Kinos oder Restaurants. Die 14 000 Pachinko-Spielhallen des Landes unterstehen den Yakuza.
Seit Kriegsende haben die Yakuza auch das Drogenmonopol - und das kam so: 1940 ließ die Regierung "shabu" genanntes Amphetamin herstellen, das Luftwaffenpiloten während ihrer langen Flüge oder Kamikaze-Flieger vor ihrem letzten Einsatz und sogar Arbeiter in den Munitionsfabriken zwecks besseren Durchhaltens nehmen sollten.
Nach Ende des Krieges fand sich noch viel Shabu in den Lagern der Armee, den Yakuza gelang es, sich die Vorräte zu beschaffen. Seither sind Studenten, Nachtschichtarbeiter, Entertainer, Taxi- und Lkw-Fahrer, überhaupt alle, die lange wach bleiben müssen, Kunden des Drogenhandels der Yakuza.
Da der Verkauf von Chemikalien für die Arzneimittelherstellung streng kontrolliert wird und dadurch die Shabu-Produktion in Japan ummöglich gemacht ist, lassen die Yakuza das Betäubungsmittel im Ausland herstellen, 80 Prozent in Taiwan, 15 Prozent in Südkorea und 5 Prozent in Thailand - ein phantastisches Geschäft: Das Kilo Shabu kostet beim Produzenten etwa 800 000 Yen, in Tokio erlöst man 40 Millionen dafür.
Der Schmuggel kommt nur manchmal ins Stocken. Kürzlich fand die japanische Polizei 66 Kilo Shabu in gefrorenem Thunfisch aus Taipeh. Im wesentlichen ist es immer noch die gleiche Droge, die vor einem halben Jahrhundert munter machen sollte, nur der Name hat sich geändert: Die Yakuza nennen den Stoff jetzt "Kukoken" (Flugticket).
"Ein Schuß kostet soviel wie ein Flugticket Tokio-Osaka", sagt ein junger Gangster, der die Droge in Shibuya verkauft - zusammen mit Eintrittskarten für die Baseballspiele am Sonntag: 3000 Yen das Ticket, 14 000 Yen der Schuß.
Gewiß haben die Yakuza das Verdienst, daß Japan bislang von der weltweiten Heimsuchung harter Drogen wie Heroin und Kokain verschont blieb. In den letzten beiden Jahren versuchte das kolumbianische Kartell mehrmals, auf den japanischen Markt vorzudringen, doch vergebens.
Als auffällig viele kolumbianische Mädchen als Touristinnen in Japan eintrafen und als Prostituierte arbeiten wollten, wurden sie von den Yakuza-Organisationen nicht übernommen. Als im Februar dieses Jahres ein Kolumbianer in Shinjuku, im Zentrum von Tokio, Heroin verkaufen wollte, wurde er sofort von der Polizei festgenommen. Die Yakuza hatten ihn angezeigt.
Die Yakuza wissen, daß die Einfuhr harter Drogen ihren Amphetaminmarkt zerstören und die japanischen Banden von ausländischen Lieferanten abhängig machen würde. Aber sie handeln wohl nicht nur gemäß ihrem Profitinteresse. Sie wollen vielmehr Japan vor "dieser westlichen Krankheit" schützen, so der Yakuza-Boß mit den zwei Visitenkarten. Drogenkampf mithin als Bestandteil der Aufgaben der Yakuza in dem ungeschriebenen Gesellschaftsvertrag, den die Gangster mit dem japanischen Volk und den japanischen Behörden geschlossen haben.
Als Gegenleistung für ihre Zusammenarbeit bei der Aufrechterhaltung der Ordnung, jenes höchsten gesellschaftlichen Wertes, den alle Japaner als heilig betrachten, dürfen die Yakuza gewisse Grauzonen der Gesellschaft kontrollieren. In diesem Sinne teilen sich die Gangster und die Polizei die Verantwortung.
In jeder japanischen Stadt florieren in bestimmten Vierteln nachts Pornoshows, Prostitution und Glücksspiel. Während der Geschäftszeiten geht dort niemals ein Polizist Streife - die Polizeifunktion nehmen die Yakuza wahr. Wenn etwa zwei Betrunkene Streit anfangen, kommt einer der kessen jungen Männer, die an der Straßenecke Posten stehen, spricht ein paar energische Worte, die beiden verbeugen sich respektvoll vor ihm, entschuldigen sich und verschwinden.
Wenn Japan die geringste Kriminalitätsrate aller Industriestaaten hat, so auch dank der Yakuza: Dadurch daß sie das Verbrechensmonopol besitzen, gewährleisten sie, daß kein Unbefugter in ihren Markt eindringt.
Unabhängige Kriminelle haben in Japan keine Chance. Ein Taschendieb, der auf eigene Rechnung in einem Vergnügungsbezirk arbeitet, würde Kunden verschrecken - die Yakuza fassen ihn deshalb sofort und legen ihm das Handwerk. Ein bewaffneter Raub würde die Öffentlichkeit aufbringen und die gesellschaftliche "Harmonie" stören. Die Yakuza treffen daher Vorsorge, daß ein solcher Raub nicht geschieht.
Eine Ausnahme bestätigte vor fast vier Jahren die Regel: Gangster überfielen eine Bank im Tokioter Innenstadtbezirk Yurakucho und erbeuteten 333 Millionen Yen - es waren Franzosen.
Feuerwaffen sind in Japan strikt verboten. Keine Privatperson darf, aus welchem Grund immer, eine Pistole besitzen. Die 520 000 Jagdwaffen im Lande müssen ordnungsgemäß registriert sein und werden regelmäßig überprüft. Für die Yakuza jedoch ist der Besitz einer Waffe so etwas wie das Kennzeichen ihres Berufes und das Symbol ihrer Macht.
In früheren Zeiten durften nur die Samurais ein Schwert tragen, war die Ausübung von Gewalt ein Privileg, das nur ihrer Klasse zustand. Da sich die Yakuza in dieser Tradition sehen, fühlen sie sich auch befugt, Waffen zu tragen. Irgendwie gelang es den 86 000 Gangstern, sich "mindestens pro Kopf eine Pistole" zu beschaffen, wie die Polizei zugibt.
Seit Jahren kaufen die Yakuza ihr Schießzeug auf den Philippinen, wo Waffenkünstler jede Art von Pistole oder Gewehr nachbauen. Um das Schmuggelrisiko zu umgehen, haben die Yakuza die Waffenschmiede selbst nach Japan eingeschifft.
Im April dieses Jahres standen vier Männer von der Philippinen-Insel Cebu in Kyoto wegen Herstellung von Waffen für eine Yakuza-Gang vor Gericht.
Seit ihrer Ankunft hatten die vier 160 Revolver und 1000 Schuß Munition in Handarbeit hergestellt. Sie erhielten dafür je fünf Jahre Gefängnis, aber der Chef, der sie für die Waffenanfertigung nach Japan gebracht hatte, ist immer noch in Freiheit.
Trotz ihres eindrucksvollen Waffenarsenals setzen die Gangster ihre Feuerkraft nur sporadisch ein - hauptsächlich in ihren eigenen Reihen. Selbst während ihrer Bandenkriege tun sie offenbar ihr möglichstes, um die Öffentlichkeit aus ihren Schießereien herauszuhalten.
Japan ist eine Gesellschaft, in der nicht gilt, was die Menschen sind, sondern welche Rolle sie spielen. Um so wichtiger, daß die Rolle eines jeden klar erkennbar ist. Deshalb war den Menschen in früheren Zeiten ihr Beruf auf den Rücken der Kleidung geschrieben. Heute tragen die meisten Japaner irgendeine Art Berufskleidung, vom Müllmann bis zum Intellektuellen. Die Infanterie der japanischen Industrie, die "Sararimen", stecken im dreiteiligen grauen Anzug mit weißem Hemd und dunkler Krawatte. Da man sie voneinander nicht unterscheiden kann, trägt jeder von ihnen das Abzeichen seiner Firma am Rockaufschlag.
Die Gangster machen da keinen Unterschied. Ein Yakuza, der in seinem Job erfolgreich sein will, muß als Yakuza zu erkennen sein und trägt deshalb eine Art Uniform: schwarze Sonnenbrille, bunte Kleidung, krauses Haar und dazu manchmal das Bandenzeichen am Revers.
Die Tätowierung ist besonders für das Fußvolk wichtiger Bestandteil des Gewerbes. "Man muß aus der Reihe tanzen, um ohne zuviel Arbeit leben zu können", sagt ein Yakuza in Tokio. "Wenn ich mich vorstelle, knöpfe ich nur mein Hemd auf. Die Tätowierung beeindruckt die Leute. Sie jagt ihnen Angst ein."
Gangster unterhalten deutlich gekennzeichnete Hauptquartiere, setzen Pressekonferenzen an - kürzlich entschuldigten sie sich dabei vor der Öffentlichkeit wegen der "Unannehmlichkeiten", die durch ihre Bandenkriege entstanden waren -, sie klagen vor Gericht in ihrem eigenen Namen und geben eigene Zeitschriften heraus, etwa Asahi Geino. Das Wochenblatt berichtet exklusiv über Ereignisse und Klatsch in der Unterwelt.
Bei öffentlichen Anlässen wie der Beerdigung eines Bandenchefs treten sie in Massen auf, da sie als wichtige Kraft im Japan von heute angesehen und beachtet werden wollen.
Ende März war der große Yamaguchigumi-Boß Watanabe nach Okinawa zum Golfspiel geflogen. Aber die Gangster auf der Insel - es gibt keinen Landesteil Japans, in dem sie nicht präsent wären - unterstehen noch nicht dem Osaka-Syndikat. Die Polizei befürchtete deshalb eine Konfrontation. Also verhinderte sie, daß Watanabe das Flugzeug verließ, und schickte ihn zurück.
Innerhalb weniger Minuten war in Osaka die Parole ausgegeben, Yamaguchi-gumi-Mitglieder sollten dem Boß ihre Anhänglichkeit beweisen und der Polizei den Watanabe zugefügten "Gesichtsverlust" heimzahlen.
Über 200 Mercedes-Limousinen, Cadillacs und Rolls-Royce rollten in Richtung Flughafen Osaka. Sie parkten mitten auf der Zufahrtsstraße, den Luxuskarossen entstieg die Creme der Gangster: alle in gediegenen Zweireihern, mit goldenen Uhren, in der Hand drahtlose Telefone oder Walkie-talkies - ein selbstsicherer, herausfordernder Auftritt.
Die gesamte Ankunftszone wurde von ihnen besetzt, nicht ein einziger Polizist ließ sich blicken.
Anderthalb Stunden lang war es, als sei der internationale Flughafen Osaka von einer fremden Macht übernommen. Eine verdutzte Menschenmenge schaute stumm zu, wie die Yakuza-Elite "Osh, Osh" (Heil, Heil) brüllte und sich tief verbeugte, als Watanabes schwarzer Stretch-Mercedes 1000 SEL davonbrauste.
Minuten später, als alles vorüber war, erschienen vier Polizisten. "Was ist passiert? Wer war jener Mann?" wurde einer der Beamten gefragt. "Welcher Mann?" fragte der Ordnungshüter zurück und antwortete bündig: "Nichts ist passiert." *HINWEIS: Im nächsten Heft Der Handel mit illegalen Einwanderern - Yakuza-Gangs im Einsatz gegen Streikbrecher - Die Verfilzung von Yakuza und Regierungspartei
Von Tiziano Terzani

DER SPIEGEL 26/1990
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